praegnanz.de büro für intervernetzte medien

Gerrit, 22.07.2009

Wahlprogramm-Design-CheckUp 2009

Eine schöne Tradition wird fortgesetzt, und das natürlich passend 9 Wochen vor der Bundestagswahl: Gerrit untersucht die Wahlprogramme der großen Parteien auf typografische (und sonstige) Gestaltungsmerkmale, lässt sich dabei nicht von Inhalten ablenken, und zieht am Ende sein persönliches Fazit, welches jedoch garantiert nicht mit einer Wahlempfehlung gleichzusetzen ist. Wir legen gleich los!


CDU/CSU

CDU/CSU Wahlprogramm 2009

Gestaltungsverweigerung, ick’ hör dir trapsen! Da hat man sich so viel Mühe gegeben, die Kampagnenwebsite hübsch modernboxig und socialmäßig zu gestalten, und kein Funken dieser neuen Trendyness ist für die Gestaltung des Wahlprogramms übrig geblieben. Ich sehe ein 64-seitiges Word-Standard-Layout in DIN A4, ordentlich mit Formatvorlagen umgesetzt, und das war’s auch fast schon. Die schöne CDU-Hausschrift Kievit trifft man ausschließlich auf dem (überraschend nüchternen) Deckblatt an, sowie kurioserweise in der Seitennummerierung oben. Die regulären Seiten sind in Times New Roman, gesetzt und versprühen bestenfalls Manuskript-Flair. Naja. Durch die Antihaltung ist jedoch auch etwas Positives übriggeblieben: Man kann das Dokument ohne Probleme selber ausdrucken, gut lesbar ist es allemal, wenn auch die Zeilenlänge eigentlich etwas zu lang und der Zeilenabstand etwas zu gering geraten ist.

Leider gibt’s keine weiteren Anhaltspunkte, um zu Lästern oder zu Loben – die CDU/CSU entscheidet sich für den unauffälligst möglichen Weg, ein Regierungsprogramm (nicht) zu gestalten. Schade eigentlich!

Note: 4


SPD

SPD Wahlprogramm 2009

Ähnlich einfach auffindbar wie bei der CDU, aber ein ganz anderes Kaliber, was die Gestaltung angeht. Hier saß nicht eine Schreibkraft, sondern ein Setzer am Werk, der sichtlich Probleme gehabt haben muss, den ellenlangen Sozentext in weniger als 100 Seiten im DIN-A5-Format unterzubekommen. Ja, das ist nicht leicht! Zunächst leiden natürlich immer die vertikalen Abstände: Die Gestaltung ist sehr gedrungen und eng, der Grauwert des Fließtextes sehr dunkel, wozu auch die TheSans als Hausschrift beiträgt. Gibt es hier nicht einen Light-Schnitt, den man zum Aufhellen der Textblöcke besser hätte verwenden können? (Immerhin hält man sich dieses Jahr mit den richtig fetten Schnitten etwas mehr zurück als vor vier Jahren.)

Aber es ist ein genereller Trend: Das SPD-Corporate-Design trägt seit einigen Jahren immer dicker auf, was wohl einerseits Selbstbewusstsein und Volksnähe symbolisieren soll, aber in meinen Augen etwas zu prollig und zu wenig elegant wirkt. Das Wahlprogramm ist da keine Ausnahme: Alles ein bisschen zu fett, zu eng, zu 3D-Würfelig. Es bleibt zwar irgendwo im vertretbaren Rahmen, aber man bekommt trotzdem ein leichtes Völlegefühl vom Hingucken …

Eine optimierte Version zum Selberausdrucken wird im übrigen nicht geboten, was schade ist, denn das Layout-Konzept eignet sich dafür prinzipiell prima. Aber vielleicht war die Arbeit mit QuarkXpress 7 (WTF, das gibt’s immer noch?) auch so anstrengend, dass es dafür nicht mehr gereicht hat, ebensowenig wie für PDF-Kapitel-Tags, obwohl das Inhaltsverzeichnis lobenswerterweise mit internen Verlinkungen angereichert ist.

Note: 3


Bündnis 90 / Die Grünen

Grüne Wahlprogramm 2009

Die Grünen sprengen mit dem Parteiprogramm den Rahmen – sowohl in Bezug auf Länge (224 Seiten!), als auch im Format: Die PDF-Seiten sind im seltsamen Zwischenformat von 250×190mm angelegt und enthalten je eine Doppelseite – und zwar ohne Trennungslinie in der Mitte. Für den Selberausdrucker etwas befremdlich (und auch nicht umweltschonend, weil eine Menge Platz verschwendet wird.) Der Vorteil: Dank Quasi-Querformat ist das Werk am Bildschirm nicht übel lesbar, wenn auch (mal wieder) der Zeilenabstand zu gering ausfällt, aber das kennen wir ja schon. Die verwendete Hausschrift Syntax ist über jeden Zweifel erhaben, und auch die sonstige Satzqualität kann sich sehen lassen – man spart nicht mit Kolumnentiteln, Kapitelmarken und anderen, übersichtssteigernden Tricks. Vielleicht sogar ein bisschen zuviel des Guten?

Das Titelbild ist einer besonderen Erwähnung wert – hier wird versucht, der inzwischen hochgradig etablierten Partei einen Hauch von Rebellion zu verleihen, indem man auf Sprühschablonen-Optik setzt, ganz nah dran an moderner Streetart. Naja, kann man wohl irgendwie machen, denke ich.

Technisch ist das PDF übrigens gut ausgestattet, es gibt Verlinkungen im Inhaltsverzeichnis und eine ordentliche Kapitelstruktur in den Metadaten. Aber das macht das eingesetzte InDesign CS3 ja auch automatisch, wenn man es richtig bedient.

Note: 2


FDP

FDP Wahlprogramm 2009

Die FDP gibt sich gewohnt spartanisch, verzichtet diesmal sogar auf ein gestaltetes Titelbild, und auch sonst ist man nicht gewillt, die endlose Textwüste auch nur ein kleines bisschen zu bewässern. Also wieder Gestaltungsverweigerung, die nur bei der Wahl der Schrift eine kleine Ausnahme macht: Es wird die Corporate S verwendet – das ist ja bereits mal eine Aussage! Ansonsten ist ähnlich wie bei CDU/CSU keine weitere Gestaltung erkennbar, sieht man vom konsequenten Einfetten der Floskeln Kernaussagen einmal ab.

Für ein Stichwortregister am Ende hat es zwar gereicht, aber eine Verlinkung findet nicht statt – weder im Index, noch im Inhaltsverzeichnis, und schon gar nicht aus dem (mageren) Inhaltsverzeichnis heraus.

Und wieder fällt das Meckern schwer, weil es keine lustigen Angriffspunkte gibt! Eine ordentliche Arbeit der Geschäftsstellensekretärin (übrigens mit Word für Mac erstellt), aber kein werbewirksames, professionelles Druckerzeugnis.

Note: 4+


Die Linke

LINKE Wahlprogramm 2009

Das offiziell Wahlprogramm der Linken war derart schwer auffindbar, dass ich jetzt schon wieder vergessen habe, wo genau ich das PDF herbekommen habe. Wahrscheinlich über eine Google-Suche. Aber egal, das soll hier keine Rolle spielen. Die Linke ist für ihr modernes und professionelles Auftreten bekannt – mir hat die Partei rein visuell immer gut gefallen.

Diesem Ruf wird das diesjährige Wahlprogramm nur teilweise gerecht. Was sofort auffällt ist der zweispaltige Satz, und das auch noch in einem DIN-A5-Format. Das Ergebnis: Extrem schmale Spalten, die mir persönlich etwas zu magazinig wirken. Und natürlich ist der Zeilenabstand zu gering, wie bei allen anderen Programm auch. Der Knaller jedoch ist die Schriftwahl: Genau wie die FDP verlässt sich die Linke auf Corporate S, eine Schrift, die ursprünglich für den Daimler-Konzern entwickelt wurde. Wenn das eine subversive Art ist, es »denen da oben« zu zeigen, dann ist ja gut :-)

Insgesamt stellt sich die Linke designtechnisch zwar professionell auf, ragt jedoch in keinster Weise besonders positiv hervor. Fehlende Verlinkungen und PDF-Kapiteltags überraschen da schon gar nicht mehr. Erschütternd hingegen, dass man aus dem PDF keine Inhalte per Copy&Paste kopieren kann. Das ist doch Kindergarten!

Note: 3


Piratenpartei

Piraten Wahlprogramm 2009

Tja, an dieser Stelle bin ich natürlich befangen, da ich mich selber (als Nicht-Pirat) für eine Neugestaltung des Piratenprogramms eingesetzt habe. Möge jeder selber entscheiden, wie er das im Vergleich findet. Zurzeit gibt es nur die DIN-A4-Version zum Selberausdrucken, doch sollte es ein Budget für eine Offset-Auflage geben, würde ich auch zeitnah eine DIN-A5-Doppelseiten-Adaption daraus basteln können.


Fazit

Insgesamt ist es schade, dass im inhaltlichen Herzstück des Wahlkampfes so wenig Potenzial erkannt wird! Eigentlich wäre es für die etablierten Parteien das mindeste, ihren Programmtext in zwei Varianten anzubieten: Eine DIN-A4-Variante zum Selberausdrucken (mit PDF-Verlinkungen und -Tags), sowie die PDF-Druckversion mit anständigen Doppelseiten und vielleicht etwas mehr Farbe. Es kostet letztlich nicht viel Zeit und Aufwand. Für das Piratenprogramm habe ich insgesamt etwa 4–5 Stunden gebraucht, mit noch mehr Sorgfalt bei den Umbrüchen und Trennungen könnte man vielleicht nochmal 2 oder 3 Stunden draufschlagen. Aber es lohnt sich, denke ich.

23 Kommentare

  1. Christian S. am 22. Juli 2009 #

    Die Bewertung und die Kommentare finde ich ziemlich seltsam bis willkürlich, das Ergebnis ist für mich nicht nachvollziehbar. Aber die Idee ist lustig. :)

    PS: Ich bin SPD-Mitglied.

  2. Medienfuzzi am 22. Juli 2009 #

    Komm‹ mal wieder auf den Boden, klar gibt es Quark noch (auch Version 7). Und es lässt sich auch sehr vernünftig damit arbeiten, gerade bei solchen Produkten!

    Beim Piratenprogramm fällt mir gleich auf Seite neun etwas auf, dass ich ändern würde! Überschrift + zwei Zeilen Text (welche noch nicht einmal voll sind) und der Rest auf der nächsten Seite. Geht gar nicht!!

    PS: Ich bin ebenfalls Sozialdemokrat!

  3. Tom am 22. Juli 2009 #

    Schöner Beitrag.
    Durch so etwas erhoff ich mir, dass die Parteien aufmerksam werden, und Profis ans Werk lassen (Stichwort Word).

    Der Grüne-Link ist scheinbar verschoben.

    PS: Ich bin kein SPD-Genosse.

  4. Kaio am 22. Juli 2009 #

    @Medienfuzzi: Entspann dich! :)

  5. charly am 22. Juli 2009 #

    übrigens, auch mit quark geht die automatische verlinkung in pdfs (wenn man weiß wie’s geht).

    liebe grüße aus dem gerade wahlkampffreien niederösterreich!

  6. Gerhard am 22. Juli 2009 #

    Wer liest sich schon diese seltsamen Heftchen durch? Die machen nach der Wahl doch ohnehin was sie wollen.

  7. Daniel am 22. Juli 2009 #

    Wärst Du so nett und würdest die InDesign-Datei vom Wahlprogramm online stelllen oder mir mal schicken? Arbeite mich momentan in InDesign ein und wüsste gerne wie Du das umgesetzt hast.

  8. _Sven am 22. Juli 2009 #

    Es ist auch eher informativ anstatt kommunikativ gedacht, solch Parteiprogramme, oder?

    Wo kämen wir hin wenn wir die wählbaren Parteien am gestalteten Programm oder Webseite aussuchen. Schon der personalisierte Wahlkampf deckt sich doch nicht mit dem Wahlsystem und der Parlamentsstruktur.

    In diesem Designblog lebt und schreibt es sich subjektiv. Das ist auch okay und muss auch nicht unter jedem Artikel stehen.

  9. Markus S. am 22. Juli 2009 #

    Allein vom Umfang her ist das Programm der Piraten das angenehmste :) … die Grünen überraschen mich ein wenig, warum so ein Manifest? Hätte ich ja eher der SPD zugetraut. Dass die FDP sich dermaßen gegenüber ein wenig Farbe verschließt wundert mich, haben die vlt. ihr eckelhaftes Gelb satt? ;)

    Da du es selbst ja nicht bewerten willst (Selbstlob stinkt ja auch), das Programm der Piraten ist von den vorgestellten mein Favorit. Liest sich sehr angenehm (bei 150% Vergrößerung passt es genau auf 1280 Pixel breite, was super angenehm zum lesen ist). Bei 100% wird es etwas anstrengend. Die Farbe gefällt mir außerdem :) Also sehr gute Arbeit, wie ich finde. Die Schrift ist nicht zufällig kostenfrei verwendbar?

  10. Bob am 22. Juli 2009 #

    @9: Die bei den Piraten verwendete Schrift heißt »Aller«.
    http://www.fontsquirrel.com/fonts/Aller

    Ist echt schön, die Schrift, sowie das Programm.

  11. Gregor am 22. Juli 2009 #

    Schöner Artikel! Bei der Verlinkung der Schriftart der Grünen ist die letzte Klammer nichtmehr im Link, deswegen funktioniert der nicht.

    Das Piratenprogramm finde ich gestalterisch am besten, allerdings ist mir der Fließtext zu weit eingerückt. Da hätte es weniger meiner Meinung nach auch getan. Ist so nicht ganz so angenehm zu lesen und es wird Platz verschwendet. Technisch natürlich einwandfrei.

  12. benem am 22. Juli 2009 #

    Ohne mir jetzt die Programme im Detail angesehen zu haben, frage ich mich: wer liest sowas? Heutzutage hat doch niemand mehr die Zeit, sich hunderte Seiten Wahlprogramm durchzulesen.
    Oder gibt’s davon auch ne Zusammenfassung? ;)

  13. Daniel am 22. Juli 2009 #

    Sehr interessanter Artikel und optisch finde ich das Piratenprogramm auch am ansprechendsten. Man sieht, dass da jemand mit Layout-Kenntnis am Werk war.

    Nur einen Kritikpunkt habe ich: Die Schrift finde ich nicht gut. Die Spaces sind meiner Meinung nach zu schmal (oder liegt es an den dünnen Zeichen?). Irgendwie sehen sind die Wortgrenzen schlecht zu erkennen, macht das Lesen sehr anstrengend.

    Schreib doch mal was dazu, wie Du das „Projekt“ angegangen bist. So ein Grundlagenartikel „Wie gehe ich beim Design eines Dokuments dieser Art vor“. Was kommt zuerst, Layout oder Fontauswahl, wann wurde festgelegt, wie die Überschriften gestaltet sind usw.

  14. Dan Arkway am 22. Juli 2009 #

    Wie Gerrit schon schrieb, beim Piratenprogramm fallen vor allem die Umbrüchen und Trennungen sehr unschön auf, dies macht die Wirkung des ja eigentlich sehr gut lesbaren Flattersatzes kaputt und verstärkt Vorurteile gegen diese großartige Form der Ausrichtung.

    Ansonsten musste ich mich erst an die vielen Schriften und Größen gewöhnen. Müsste mal sehen wie eine Seite ausgedruckt aussieht… Nette Idee insgesamt.

  15. Robert Hartl am 23. Juli 2009 #

    Klar, gute Schriften sind begrenzt, aber dass sich hier CDU und SPD so wenig unterscheiden, ist doch ziemlich mut- und konturlos.
    Vielleicht ist das aber auch bewusst. Angenehm daher, wenn das Schriftbild mal etwas davon abweicht. Denn selbst ein 1.000er pro Schnitt sollte keine größere Partei wirklich abschrecken.

  16. Hendrik am 23. Juli 2009 #

    Warum ist das neugestaltete Programm der Piraten denn noch nicht auf der Homepage verlinkt?

  17. Gerrit am 23. Juli 2009 #

    @Hendrik: wird wohl sehr bald passieren, die offizielle Abnahme (mit ein paar kleinen Korrekturen) fand heute morgen statt.

  18. Klaus am 23. Juli 2009 #

    http://www.piratenpartei.de/navigation/politik/wahlprogramm ;-)

  19. jon am 23. Juli 2009 #

    Ach, hättest du dir nur mal auch 4-5 h Zeit genommen die Piratenhomepage neu zu gestalten…

  20. Schoschie am 23. Juli 2009 #

    Ist sehr aufschlussreich, dass bei einigen Parteien so wenig Designengagement in den Parteiprogrammen steckt. Daraus könnte man eine gewisse Verachtung lesen: was wir politisch erreichen wollen, ist eh nicht so wichtig, Hauptsache ist, das blöde Wahlvolk wählt uns wieder.

    Man vergleiche mit Geschäftsberichten von großen Firmen… nicht ganz das gleiche, aber…

    Die Benotung kann ich auch nicht nachvollziehen. Den bestbenotenen Grünen-Text würde ich mir am wenigsten gern von allen durchlesen. Bei dem Blocksatz kriege ich ja schon von Weitem Augenschmerzen.

    Ansonsten aber eine sehr schöne Idee!

  21. Gregor am 1. August 2009 #

    Jetzt fehlt beim Link zum Font der Grünen das h von http ;)

  22. Tom am 5. August 2009 #

    Zwar etwas off-topic, aber das Logo vom MdB Johannes Singhammer (CSU) ist auch ganz große Klasse ;-) singhammer.net

  23. Alexander Carls am 16. August 2009 #

    Halo Gerrit, danke für deinen Beitrag. Tolles Engagement und interessanter Aspekt wie ich finde.

Kommentar schreiben

Nutzt Textile zum Strukturieren eures Textes.
SEO-Beiträge werden gelöscht, auch bei thematisch passendem Spam.