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Die Stereoanlage und ihre Erben

Gerrit, 25.05.2016

Lebt man einige Jahre im Eigenheim, stellt sich irgendwann die Frage nach der optimalen Beschallung desselben. Als Amateur-Cellist, Pop-Produzent und Layer-3-Kommandozeilennerd ist mir das Thema möglicherweise sogar noch ein bisschen wichtiger als anderen. Ein paar Gedanken dazu schaden also nicht.

Früher war, wie immer, alles einfacher. Wer in den Achtziger und Neunziger Jahren aufgewachsen ist, kennt den Stellenwert, den die erste eigene Stereoanlage hatte. Es war die zweite größere Anschaffung (nach dem Fahrrad), die von Eltern, Großeltern und Sparschwein kofinanziert wurde, und welche je nach Budget in einer kompakt-integrierten All-In-One-Lösung resultierte bzw. einen aus Einzelkomponenten bestehenden Hi-Fi-Turm bildete. Die finanzielle und auditive Bandbreite mag hier zwar vielfältig gewesen sein, doch das Grundprinzip basierte auf einfachen Industriestandards: Schallplatte, Kompaktkassette, Compact-Disc, UKW, Klinken- und Cinch-Stecker, Lautsprecherkabel mit offenen Kontakten usw. Alles konnte mit allem kombiniert werden, sogar herstellerübergreifend! Kein DRM, kein Codec-Wirrwarr, sondern solide, analoge Audiotechnik.

Stereoanlage

Diese Art von Technik kann man heute immer noch kaufen, es ist aber für die meisten Menschen nicht mehr zeitgemäß. Das hat finanzielle, technologische und kulturelle Gründe. Der Akt des Musikhören ist heute keine aufmerksamkeitsfüllende Tätigkeit mehr. Das ständig verfügbare Medienangebot aus dem Netz ist derart groß und vielfältig, dass uns die scheinbar geringe Informationsdichte eines Musikstückes schnell langweilt – immerhin ist die neueste Netflix-Serie immer nur einen Griff zum Tablet entfernt. Und für die vollständige Immersion in eine andere Welt nutzen wir nach wie vor gerne auch das Buch. Die notwendigen 60 Minuten, um ein gesamtes Album eines Künstlers in allen seinen Facetten zu erfassen, nimmt man sich heute kaum noch. Doch genau dafür wurde die hochwertige Anlage einst gekauft.

Hier bitte eine kulturpessimistische Anklage über die schwindende Qualität der heutigen Popmusik einfügen.

Die typische Mittelklasse-Stereoanlage von Onkyo oder Denon hat ihre besten Zeiten also hinter sich. Es gibt jedoch eine Reihe von Nachfolge-Institutionen, die einen stärker differenzierten Audiomarkt beackern. Mir sind dabei drei Grundströmungen aufgefallen:

1. Hochwertige Stereotechnik & High-End

Wer sich heute bewusst für eine scheinbar altertümliche Stereoanlage entscheidet, meint es Ernst mit dem Streben nach dem perfektem Klang. Man muss dabei nicht zwangsläufig in die Kristallstein- und Goldkabel-Fraktion abgleiten. Auch ohne Esoterik kann man jedoch sehr viel Geld in die letzten Prozentpunkte Klangqualität investieren. Zwei klug im Raum platzierte Standboxen mit einem hervorragenden Verstärker sind erstmal die Basis. Eine komplett analoge Klangkette vom Mikrofon des Sängers über die Vinylrillen bis hin zu den heimischen Lautsprechern dürfte der feuchte Traum für viele Audiophile sein. Und wenn es dann doch mal digital sein muss, kommt nur ein CD-Spieler mit einem hochwertigen DA-Wandler zum Einsatz – und ab dann ausschließlich fingerdicke Analogkabel bis zu den Tief- und Hochtönern.

Burmester
(Foto: Burmester)

Hier hat sich seit 30 Jahren nicht viel verändert, nur dass das Misstrauen in digitale Klangverarbeitung und insbesondere Datenkompression immer stärker geworden ist. Klar, wir kennen alle schludrig komprimierte 96kbps-MP3s aus den späten Neunzigern, dagegen muss man sich als Musikliebhaber tatsächlich wehren! Und ganz ehrlich? Wer mich in einem Blindversuch davon überzeugt, dass er den Unterschied zwischen CD und 256kbps-AAC hören kann, der darf sich dann auch überteuerte High-End-Büchsen ins Wohnzimmer stellen.

Immerhin sind Audiophile präzise Hinhörer, und nicht selten ausgewiesene Musikliebhaber, die den Wert von Musik als Kulturgut schätzen und in seiner ganzen Bandbreite würdigen. Das mag ich, und deshalb hat der Stereo-Musikkonsum immer einen Platz in meinem Herzen, auch wenn ich selber leider oft zu wenig Muße habe, ihm selber zu frönen.

2. Streaming & Multiroom

Ganz anders ausgerichtet sind die Klangsysteme aus der Post-Tonträger-Epoche. Sie stehen für eine andere Art des Musikkonsums, bei der die Lautsprecherboxen nicht nur als finale Schallwellenerzeuger fungieren, sondern alle anderen Komponenten einer herkömmlichen Anlage obsolet machen. Ein Sonos-Lautsprecher mag wie eine kleine Hi-Fi-Box aussehen, in Wirklichkeit beinhaltet er zusätzlich einen Verstärker, einen Weltempfänger ohne Empfangsrauschen, einen CD-Player und eine Musiksammlung mit 10 Millionen Titeln – wenn man es mit den Maßstäben der Achtziger Jahre vergleichen möchte.


(Foto: JBL)

Ob sie nun per Bluetooth oder AirPlay gespeist werden oder sich die Musik selber aus dem Netz holen – Streamingboxen gibt es in allen möglichen Qualitätsstufen. Mal kosten sie 60 Euro und ersetzen lediglich das quäkende Küchenradio. Sie können aber auch in gehobenen Hi-Fi-Gefilden wildern, wie beispielsweise Raumfeld beweist. Dann allerdings kommt man auch wieder recht flott in die Preisklasse von 2.000 bis 3.000 Euro.

Typisch dürfte allerdings eher die Nutzung als gefälliger Raumbeschaller sein. Ein Stereoeffekt ist nicht notwendig – man möchte den Lautsprecher irgendwo im Raum platzieren, und der Klang soll sich möglichst breit bis in jeden Winkel ausbreiten. Das gleiche Bequemlichkeitsprinzip ist denn auch für Multiroom-Systeme verantwortlich, bei denen man in jedem Zimmer einen passenden Lautsprecher platziert und die Musik so herumschickt, wie es einem passt. Sie wird damit zum angenehmen Begleiter bei den häuslichen Aktivitäten, während Hi-Fi-Freaks stets die Sklaven ihrer Stereoanlage bleiben.

Rein klanglich darf man wohl keine Wunder erwarten, auch wenn die meisten modernen Streamingboxen durch geschicktes Engineering und digitale Tricks voluminöser klingen als man erwarten würde. Wenn man es mit den Neunziger Jahren vergleicht, bekommt man heute für deutlich weniger Geld einen respektablen Klang in die Stube, und spart auch noch gehörig Stellplatz. Die Kultur des bewussten Musikgenusses im Zentrum des Stereofeldes sowie das Streben nach dem perfekten Klang bleiben dabei aber meist auf der Strecke. Schade, aber eben auch pragmatisch.

Surround-Klang & Heimkino

Wenn es gar nicht mehr primär um Musik geht, sondern um Film- und kinoähnlichen Fernsehgenuss, sind wieder ganz eigene Parameter im Spiel. Ein wirklich fetter Bass aus einem separaten Subwoofer ist für amtliche Hollywood-Explosionen unerlässlich. Und egal, ob der geneigte Cineast zwei oder vier Satellitenboxen, eine Soundbar oder einen Centerspeaker verwendet – letztlich geht es bei Surround-Systemen um eine Weiterentwicklung der Stereoanlage in eine ganz andere Richtung als bei den den anderen angesprochenen Nutzungsszenarien.


(Foto: Teufel)

Im Grunde eignen sich 2.1- oder 5.1-Systeme nicht besonders gut für ernsthaften Musikgenuss. Es ist zwar genügend Watt und Wumms vorhanden, doch dieser ist ungleichmäßig verteilt und betont die ganz tiefen Bässe sowie hellen Höhen zu stark. Das ließe sich natürlich mit einem Equalizer eindämmen, doch wer macht das schon? Es ist, als ob man eine Sahnetorte auf dem Tisch stehen hat, sich aber bewusst für die trockenen Kekse entscheidet, weil man hier den Nussgeschmack besser rausschmeckt. Niemand macht das! Wenn es Sahnetorte gibt, isst man auch Sahnetorte! (Die Sahnetorte sind fetten Bässe, die Kekse ist das ausgewogene Klangbild, was für eine Wahnsinns-Analogie)

Wer sowohl audiophil als auch cineastisch veranlagt ist, muss sich beinahe zwangsläufig zwei Lautsprecher-Setups zulegen – oder ganz geschickt kombinieren, um die beiden verschiedenen Nutzungsszenarien abzudecken.

Mein eigenes Setup

Nach langem Ringen habe ich mich in meinem Haus nun für ein Kompromiss-Setup entschieden, welches mich aber bisher recht glücklich macht.

Im Wohnzimmer hängt ein Stereopaar aus zwei PLAY:3 von Sonos und ermöglicht mir, im mittleren Lautstärkebereich gezielt der Musik zu lauschen, und bei geringem Volumen den gesamten Raum mit plätschernder Muzak zu fluten. Die beiden Geräte habe ich neu für zusammen knapp 600 Euro erworben, ein Apple-Music-Abo für 10 Euro im Monat muss man aber wohl auch noch dazu rechnen.

In der Küche sorgt ein Bose SoundLink-Mini II für Podcast- und weniger anspruchvolle Musikbeschallung beim Kochen. Auch zum schnellen Mitnehmen auf die Terrasse ist das sehr praktisch, weil die Batterie wirklich lang durchhält. Das Gerät kostet heute ungefähr 170 Euro.

Im Partykeller mit Beamer und Leinwand ist ein Einsteiger-2.1-System von Teufel am Werk, wenn ich mir Filme ansehe. Ein BluRay-Player ist im Verstärker eingebaut – Subwoofer und Satellitenboxen sind damit passiv über ein billiges Baumarkt-Analogkabel verbunden. Die Geräte gab es damals im Bundle für einen Sonderpreis von 400 Euro.

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Progressive JPGs damals und heute

Gerrit, 11.05.2016

Zurück vom jährlichen Betriebsausflug nach Düsseldorf wollte ich noch zwei Erkenntnisse verbloggen. Zum einen, dass wir alle unsere JPGs im Progressive Mode abspeichern sollten, und dass insbesondere Websites mit dem neuen Protokoll-Standard HTTP/2 davon profitieren. Der Seitenaufbau wirkt deutlich schneller und befriedigender!

Alles Wissenswerte dazu hat Tobias Baldauf in seinem tollen Vortrag zu berichten:

Anders als Tobias es erzählt, gibt es Progressive JPGs jedoch schon sehr lange, und einige Browser der Neunziger Jahre konnten auch durchaus davon profitieren, wenn man mit 56K durchs Netz streifte und großformatige Bilder anguckte. Namentlich Netscape 4.x und der Internet Explorer 5.x für den Mac sorgten für frühzeitig erscheinende, aber anfangs unscharfe Fotos bei den damals üblichen Schnarchverbindungen ins WWW.

Irgendwie ging diese Fähigkeit in den Nullerjahren verloren, denn modernere Engines wie Gecko, Webkit und Trident zeigten JPGs erst nach vollständigem Laden an. Erst seit Anfang der Nullerjahre ist die Fähigkeit zum Darstellen der progressiven JPGs wieder in die Browser zurückgekehrt und kann heute bedenkenlos vorausgesetzt werden.

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Designer-Artikel über Design-Artikel

Gerrit, 23.01.2016

Jedesmal muss ich gleichzeitig schmunzeln und mich ärgern, wenn ich so eine Werbung sehe:

„Design“- oder (noch besser) „Designer“-Gegenstand X oder Y – jetzt bei Netto/Lidl/Aldi/Penny für nur 39,99 Euro. Warum ist das so lustig? Weil es eine Masche ist, die einige seltsame Vorstellungen auf Seiten der Zielgruppe ausnutzt, wie Produkte entstehen und was ein Designer ist.

Da wäre zum einen die Idee, dass es zwei Arten von Produkten gibt: solche, die ein Ingenieur oder ein Handwerker entworfen hat (oder die einfach so ohne weitere Gestaltung aus der Maschine gepurzelt sind), und solche, die von einem wahrscheinlich schwarz gekleideten Designer entworfen wurden. Und dass letztere natürlich irgendwie extravagant, eckig und unorganisch auszusehen haben und unbequem zu sein haben – insbesondere im Falle von Sitzmöbeln. Und nur diese Produkte haben das begehrte Privileg, das Wörtchen „Design“ im Namen zu tragen.

Und hier die unromantische Entzauberung für diese Vorstellung: Jedes, absolut jedes Produkt auf dieser Welt wurde irgendwann einmal von einem Menschen bewusst gestaltet bzw. designed. Man nennt das auch Produkt-Design, und der Vorgang der Gestaltung ist relativ unabhängig davon, welche Berufsausbildung der Durchführende genossen bzw. welche Farbe sein T-Shirt hat. Jemand ist die Designerin dieses Produktes, auch wenn es rundlich, praktisch, billig hergestellt und nicht als „Design“-Produkt ausgewiesen ist.

Die andere Vorstellung, die eventuell vorherrscht: Es gibt Produkte für normale Menschen und besondere, andersartige Produkte für Designer. Man kennt das aus Fernsehserien und Filmen – dort auftauchende Designer haben stets superreduzierte Wohnungen mit abstrakten Einrichtungsgegenständen. Alles irgendwie eckig, unpraktisch, ungemütlich und man kann vom Boden essen. Diese Leute sind klug und kultiviert, und manch eine Zuschauerin wäre vielleicht ganz gerne so. Also soll auch sie sich entsprechende Einrichtungsgegenstände leisten können; dafür sorgen dann Aldi/Lidl/Norma/Penny mit günstigen Produkten, die eigentlich für Designerinnen gedacht sind, aber nun auch für den Pöbel angeboten werden.

Und auch hier verrate ich kein allzu großes Geheimnis, dass nicht alle Designer gleich sind, und die Geschmäcker in Sachen Einrichtung unterschiedlicher nicht sein können. Von „Neu ist immer besser“ zu „Altbau mit Flohmarkt-Möbeln“, von „kahle Wände mit spärlichsten Sitzgelegenheiten“ bis hin zu „Ich bin nicht fähig, Dinge wegzuschmeißen“ ist alles vertreten.

Es gibt ihn nicht, den Designer-Look. Alles wird auf eine bestimmte Weise designed – ob reduziert oder opulent, ob kitschig oder funktional, ob rund oder eckig. Eine Grenze zwischen Designern und Nicht-Designern ist willkürlicher Quatsch, und entsprechende Produktbezeichnungen lediglich Marketing, welches aus Neid und mangelndem Selbstbewusstsein leider zu oft funktioniert.

Kauft doch einfach, was euch gefällt – ob Designer oder nicht :-)

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2015er Vortrag über Responsive Layout

Gerrit, 11.12.2015

Den folgenden Vortrag habe ich in ähnlicher Form bereits zu einer Handvoll Gelegenheiten gehalten – mit wechselnder Zielgruppe und Länge. Da ich jedes einzelne Mal die Aufnahme versemmelt habe, hier ein nachproduziertes Stück Video mit astreiner Tonqualität:

Responsives Layout from Gerrit van Aaken on Vimeo.

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Endlich da: Die Brille

Gerrit, 10.12.2015

Was lange währt, wird endlich released: Unsere freundlichen Mitbewohner in der P8 Bürogemeinschaft bringen heute ihr erstes gecrowdfundetes Spiel namens Die Brille heraus, wobei „Interaktives Wimmelbuch“ die Sache wohl besser trifft. Gemeinsam mit dem Würzburger Illustrator Martin Armbruster (der einen sehr eigenwilligen und unmainstreamigen Stil besitzt) haben die beiden Games-Spezialisten der Gentle Troll Entertainment GmbH, also eben der Michel und der Schuh, in den letzten Monaten jede Menge Schweiß und Herzblut vergossen, um dieses kleine Projekt endlich zum Fliegen zu bringen!

Warum hat es so lange gedauert (von der Idee Ende 2012, über die Crowdfunding-Kampagne im Sommer 2013 zum finalen Release Ende 2015)? Das hat diverse Gründe. Ein gewichtiger ist sicherlich der mehrfache Wechsel der Produktionsplattform. Von Flash über Phaser über Unity2D und Unity3D wurde offenbar alles einmal ausprobiert, was in der Lage gewesen war, den Shit crossplatform rauszurendern, um in die diversen nativen App Stores dieser Welt zu kommen.

Für alle Teilnehmer der Crowdfunding-Kampagne ist die Brille natürlich gratis, doch die 2,99 € für die iPad-App lohnen sich absolut für alle Leute mit Kindern oder anderen kleinen Verwandten zwischen 3 und 6 Jahren – denn die tausend kleinen Animationen, Gags und Sounds machen tatsächlich Riesenlaune!

Ich gratuliere meinen Kollegen aufs Herzlichste und hoffe auf viele knallende Sektkorken im Büro – alle 1.000 verkaufte Einheiten mindestens einen ;-)

Jetzt im App Store kaufen, Mann!

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