Doppelkompression mit Bluetooth-Audio

Viel ist geschrieben und gesprochen worden über die fehlende Klinkenbuchse des iPhone 7, die Qualität des 9-Euro-Adapters von Apple (der tatsächlich einen eigenen DAC mitbringt), und über die Bereitschaft von Kopfhörer-Herstellern, Lightning-Modelle auf den Markt zu bringen. Alles im Grunde egal, denn die Zukunft scheint freilich Bluetooth zu sein für jede Art von modernen Kopfhörern (und für viele Raumbeschaller ebenfalls).

Ich hab da als alter Mann ein kleines Problem mit. Und damit höre ich mich sehr audio-esoterisch an, ist mir bewusst. Mir gefällt die Vorstellung ganz und gar nicht, dass beim Einsatz eines Musikstreaming-Dienstes über iPhone und Bluetooth-Kopfhörer die ursprünglich gemasterten Musikdaten zweimal über ein verlustbehaftetes Format umkodiert werden, bevor sie zu analog gewandelt an mein Ohr dringen.

Zum einen gibt es außer Tidal und Pono (haha!) kaum legale Möglichkeiten, online an verlustfreie Musik zu kommen. Zum anderen sieht der Bluetooth-Standard derzeit keine verlustfreie Audio-Übertragung in CD-Qualität vor. Je mehr Daten, desto schlechtere Verbindungsqualität und Reichweite und höherer Stromverbrauch. 345kbit/s sind das Maximum – und das reicht nicht ganz für FLAC!

Mit dem Beispiel Apple Music sieht es also derzeit so aus:

  • Die Musik wird nach dem Mastered for iTunes-Prinzip an Apple geliefert, also mit mindestens 44,1kHz / 16Bit (unkomprimierte CD-Qualität)
  • Beim Ausliefern an den Hörer wird üblicherweise eine 256kbit/s-AAC Datei genommen (erster Qualitätsverlust, den normale Menschen aber aller Erfahrung nach nicht hören können.)
  • Bei der Übertragung an Bluetooth-Kopfhörer wird die Musik ein weiteres Mal komprimiert, und zwar abhängig von den Fähigkeiten der beiden beteiligten Geräte. Macs und hochwertige Android-Smartphones bieten aptX an, was ebenso hochwertige Kopfhörer auch verarbeiten können. Ansonsten einigt man sich auf einen anderen A2DP-Codec wie AAC, MP3 oder SBC.

Auch wenn das iPhone für Bluetooth den AAC-Codec einzusetzen versucht – man darf nicht davon ausgehen, dass hier ein simpler Pass-Through der bereits vorhandenen AAC-Daten stattfindet, wie im ATP erläutert wird. Statt dessen wird tatsächlich doppelt kodiert.

Ich bin noch unschlüssig, ob nicht an dieser Stelle eine Akzeptanzschwelle bei mir überschritten wird. Ich konnte immer gut damit umgehen, dass eine vollständig analoge Recording- und Produktionskette bis hin zur Vinylscheibe die überlegene Klangqualität darstellt, wenn man Kratzer und Rauschen als Teil der Experience begreift. Ich habe aber gleichzeitig bisher nie Probleme mit digitalen CDs und hochwertig komprimierten MP3s oder AACs gehabt, das klang immer sehr gut für mich, sobald man die 192kbit/s überschritten hatte.

Aber eine zusätzliche Komprimierung der bereits auf ein Fünftel eingedampften digitalen Daten? Ich weiß nicht. Natürlich hört man keine schlimmen MPEG-Artefakte, soviel ist klar. Aber sind es bei anständigen Bitraten nicht vielmehr die fehlende Räumlichkeit und das stumpfe, matte Klangbild, welche das feine Ohr stören? Aktuelle Chartmusik (und auch viele sogenannte Remasterings) eignen sich ja nur begrenzt für diesen direkten Hörvergleich, weil hier zu Datenkompression auch noch eine irrwitzige Dynamikkompression hinzu kommt, die alle Nuancen von vornherein kaputt macht.

Es hilft nichts, ich werde wohl einmal einen direkten Hörtest machen müssen! Der technische Versuchsaufbau ist grob umrissen, es könnte interessant werden:

  • WAV/FLAC (über Kabelkopfhörer)
  • FLAC zu aptX (TIDAL auf dem Mac, Bluetooth)
  • FLAC zu AAC (TIDAL auf dem iPhone, Bluetooth)
  • WAV zu AAC zu aptX (Apple Music auf dem Mac, Bluetooth)
  • WAV zu AAC zu AAC (Apple Music auf dem iPhone, Bluetooth)

Zumindest kann ich abschließend sagen, dass ich froh bin, dass mein neuer Beoplay H7 auch ein optionales Klinkenkabel hat, und dass dieser Kopfhörer über Klinke auch exzellenten Klang bietet, sogar ohne störende Bluetooth-Kritzelkratzelgeräusche, die aber auch ein Softwareproblem sein können.

3 Kommentare

Gero

Den Gedanken hatte ich auch schon – sogar vor geraumer Zeit. In meinem Home-Office-Arbeitszimmer hatte ich seinerzeit mal einen Belkin-Bluetooth-Empfänger an der dortigen Klanguntermalungs-Stereoanlage verkabelt, um auf diesem Wege vom Mac aus für Hintergrundmusik sorgen zu können. Wenige Tage später, mit blutenden Ohren, habe ich dem Klanglieferanten dann ein weiteres USB-Audio-Dongle und fünf Meter Klinken/Cinch-Kabel verpasst. – Öl ins Feuer: Die aktuelle c’t beschreibt, wie man einen Raspberry Pi (es darf sogar ein alter 1er aus der Alt-Hardware-Schublade sein) zusammen mit je einer kompatiblen USB-Soundkarte und einem Bluetooth-Stick zum Audio-Empfänger für Handy & Co. umfunktioniert – offensichtlich mit derselben, von Dir beschriebenen Problematik.

Christian

wenn Raspberry, dann kann man ihn als AirPlay-Client nutzen. Das funktioniert verlustfrei. https://github.com/juhovh/shairplay

martzell

Mit der unnötigen doppelten Kompression bin ich auch nicht zufrieden, seit Bluetooth Enhanced Data Rate (EDR) für 256 kbit/s ausreichend Bandbreite hat. Es wäre schön wenn AAC unverändert wiedergegeben würde.

Dank deines Artikels habe ich erfahren dass iOS und Mac OS mittlerweile SBC, aptX und AAC über Bluetooth ausgeben können. Wenn das Betriebssystem aber stumpf nach AAC umwandelt obwohl bereits im AAC-Format angeliefert, ist das nicht optimal.

Mal schauen ob wegen der Airpods das Apple dann optimal überträgt.

Ich bin gespannt auf die Hörtests.

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