Webkongress Barrierefreiheit in Erlangen

Zum Handwerkszeug eines waschechten Webdesigners gehört inzwischen auch Kompetenz in Sachen Barrierefreiheit. Da ich nicht der einzige bin, der dieser Meinung ist, und weil das Thema generell immer wichtiger wird – wenn auch streng genommen bisher nur unter der Oberfläche – fand gestern und heute an der Uni Erlangen der erste Webkongress Barrierefreiheit statt.

Ich war natürlich mit dabei, denn Prägnanz und Pragmatik verträgt sich gut mit Barrierefreiheit, finde ich. Außerdem durfte ich mich zusammen mit unserem Azubi auf Kosten der Firma weiterbilden, was natürlich zusätzlich sehr nett ist.

Es gab immer zwei Vorträge parallel zu besuchen, so dass man sich ein wenig entscheiden musste, ob man jetzt den eher technischen Teil (T) mitnehmen, oder lieber den Management-relevanten (M) Themen lauschen möchte. Da ich für beide Dinge offen bin, habe ich stets lustig hin- und hergewechselt, so dass ich nun folgene 12 Vorträge kurz zusammenfassen und bewerten möchte:

Donnerstag

(M) Mythos Barrierefreiheit

Rainer Schlegel führte souverän und zackig durch die Grundlagen in Sachen Barrierefreiheit in Deutschland. Gut vorbereitet, kurzweilig und auf den Punkt gebracht, stellte er die wichtigsten Mythen der Barrierefreiheit vor, entlarvte sie konsequent, und bereitete alle Anwesenden optimal auf die kommenden Vorträge vor.

(T) Typo3 im Einklang mit der BITV – Ein Erlebnisbericht

Obwohl eloquent und charmant von Volker Buzek vorgetragen, leider eine kleine Themaverfehlung! Besprochen wurde im Wesentlichen, mit welchen Fallstricken man bei der Einrichtung von Typo3 zu rechnen hat, und wie man das Backend halbwegs auf ein erträgliches Maß runterdampft, dass Redakteure damit auch umgehen können. Buzek ging nur am Rande darauf ein, was denn jetzt speziell für die Sicherung der Barrierefreiheit getan wurde. Dass die gebärdensprachlichen RealMedia-Videos von einer externen Solaris-Maschine gestreamt werden und per Dateibenamung (!) den passenden Artikelseiten zugeordnet werden, ist zwar nice to know, aber in Bezug auf das eigentliche Thema irrelevant. Ich behaupte, da wäre mehr Potenzial drin gewesen! Und Typo3 bleibt bei mir auch erstmal im Giftschrank stehen, es saugt immer noch gewaltig.

(T) Vergleich der Alltagstauglichkeit von Open-Source-CMS für barrierefreihe Websites

Inhaltlich verwandt mit dem vorangegangenen Vortrag, dennoch anders aufgebaut. Leider hat sich Referent Jan Schwate meines Erachtens nicht wirklich gut auf seinen Vergleich vorbereitet, hat die fünf CMS (Drupal, Joomla, Typo3, Wordpress und Papoo) nur rudimentär angetestet und konnte auch keine wirklich interessanten Facts liefern. So wurde mir zuviel auf die Barrierefreiheit im Auslieferungszustand (Backend und Default-Frontend) eingegangen, statt auf die Möglichkeiten, die man da mit Plugins hat. Natürlich kostet so ein umfassender Vergleich eine Menge Arbeit und Zeitaufwand – und genau da hat mir Jan Schwate ein bisschen zuviel geblufft.

(M) Barrieren im Internet – Erfahrungen und Vorführung

Endlich wird’s mal richtig konkret: Nach einer leider etwas langatmigen Grundeinführung in die diversen technischen Hilfsmittel, derer sich behinderte Internet-User bedienen, durften die Zuschauer beobachten, wie die vollblinde Anna Courtpozanis sich mit ihrem Screenreader durch einige ausgewählte Websites kämpft, darunter Negativbeispiele wie bayern.de, bei denen es einige Lacher gab, aber natürlich auch Positivbeispiele wie erlangen.de, die bei den anwesenden Webworkern angeregte Diskussionen über Struktur, Semantik, Reihenfolge und Sprunglinks entstehen ließen. Spannend zu hören, dass man trotz aller Widrigkeiten selbst mittels eines Screenreaders bei eBay Dinge ersteigern kann – zwar nicht ohne Flüche, aber es scheint letztlich möglich zu sein. Nochmal ein Lob an Frau Courtpozanis für ihre präzisen Anmerkungen und Informationen, nicht nur während ihres eigenen Vortrages!

(M) Barrieren im Internet – auch für gehörlose Menschen

Oft vernachlässigt, dennoch ein sehr interessantes Thema. Ralph Raule, selber stark hörgeschädigt, erläuterte dem Publikum, dass Gehörlose zwar ganz normal sehen können, jedoch mit dem geschriebenen Wort oftmals trotzdem Probleme haben. Schriftdeutsch ist für sie eine Fremdsprache und mühsam zu erlernen. Neben der grammatikalischen Vereinfachung von Texten empfiehlt es sich daher, Videos mit Gebärdensprache einzubinden, die die Website ergänzen, indem sie die wichtigsten Inhalte in dieser alternativen Form anbieten. Hier habe ich viel Neues erfahren und wurde wieder einmal darin bestärkt, dass Flash die barriereärmste Methode ist, Videos im Netz anzubieten, weil sie am homogensten integriert und am schmerzfreisten abzuspielen sind.

(T) Tricks und Tipps der BIENE-Gewinner

Jan Eric Hellbusch ist wohl einer der angesehensten Köpfe in der deutschen Barrierefreiheit-Szene, hat er doch schon zwei Bücher zum Thema verfasst und fiel auch während des gesamten Kongresses stets durch scharfsinnige Kommentare positiv auf. Sein Vortrag zeigte anhand von drei Gewinner-Beispielen, wie man beim BIENE-Award möglicherweise erfolgreich sein kann. Gut zu wissen: Bei der BIENE werden nicht stur irgendwelche Listen abgehakt, sondern das Gesamtkonzept muss überzeugen. Die besprochenen Beispiele waren Lebenshilfe angesagt, landtag.nrw.de und rrze.uni-erlangen.de. Informativ, wenn auch nicht mit brutal vielen neuen Fakten.

Freitag

(M) Barrierefreiheit für Entscheider

Ein etwas redundanter Vortrag von BIK-Online-Mitglied Detlef Birke, der jedoch immerhin klar machte, was die BIK eigentlich ist und wozu sie gut ist. Thematisch ging es wieder einmal ein bisschen um die Wissensgrundlagen, die aber schon mehrfach von den anderen Referenten abgeklappert wurden. Dann ging es ein wenig darum, wie man überhaupt erkennen kann, ob eine Agentur die Sache mit der Barrierefreiheit drauf hat. Da gab es dann auch recht interessante Diskussionen. Immerhin: Auf der BIK-Website gibt es eine Liste von Agenturen, die schon einmal eine als barriererei geprüfte Website online gebracht haben – und sei es die eigene Agentursite. (Nehmen die auch Blogger auf?) Insgesamt ein wohl wichtiger Vortrag – der Vollständigkeit halber. Ein bisschen gegähnt habe ich trotzdem.

(T) Barrierefreiheit 2.0

Tomas Caspers, geschätzter Bloggerkollege drüben bei einfach-fuer-alle.de wollte ein bisschen unterhalten, provozieren und Zöpfe abschneiden. Hat er auch geschafft, seine Einführung in Social Software und die neue Webdenke unter Zugänglichkeitsgesichtspunkten war kurzweilig und eindrucksvoll. An einigen Ecken hat Tomas sich zu ein paar relativ radikalen Aussagen hinreißen lassen, bei denen meines Erachtens ein wenig Vorsicht geboten ist – ob die Inhalte von Flash-Dokumente inzwischen gar kein Problem mehr für Suchmaschinen darstellen, wage ich zu bezweifeln – vor allem das Argument, man finde ja millionenfach »skip intro« bei Google – überzeugt nicht wirklich, denn gerade die Skiplinks sind ja üblicherweise in HTML gesetzt. Also: Einige Aussagen waren diskussionswürdig, insgesamt hat Tomas das Publikum aber unterhaltsam und kompetent mitgerissen!

(T) Barrierefreiheit auf der Überholspur – die neuen Web Accessibility Guidelines 2.0

Ein Vortrag, zu dem man relativ wenig sagen kann – Dr. Gottfried Zimmermann stellte routiniert, aber nicht besonders spritzig die WCAG 2.0 vor. Auf eine Diskussion über gut oder schlecht ließ er sich gar nicht erst ein – es war ein rein informativer Vortrag über den derzeitigen Ist-Zustand, etwas trocken vorgetragen und von daher nicht der wahre Brüller des Abends.

(M) Der Vorlagenkatalog der FAU – Universal Design in der Praxis

Nicht gerade bahnbrechend, was Wolfgang Wiese da dem Publikum zu erzählen hatte. Es ging, grob gesprochen, um die Websites der Uni Erlangen, die – o Wunder – auf einheitlichen HTML-Templates besteht. Jeder Fachbereich kann sich aber aus mehreren verschiedenen CSS-Dateien einen Style raussuchen, der ihm gefällt. Ja, darum ging’s eigentlich. Der CSS Zen Garden wurde noch ein wenig gepriesen und deutlich gemacht, wie wichtig die Trennung von Inhalt und Layout ist. Gähhhhn. Das wäre vor 3 Jahren ein echter Brüller gewesen, aber im Herbst 2006 muss da schon mehr passieren.

(T) Barrierefrei texten für behinderte und nichtbehinderte Zielgruppen

Diesen Vortrag hätte ich lieber nicht besucht, denn es ging bei Petra Schaller und Evelyn Bräunlein im Wesentlichen um Wiederholungen aus dem Deutschunterricht der 9. Klasse. Aktiv ist besser als Passiv, keine verschachtelten Sätze, Fremdwörter meiden. Ich fühlte mich wie bei Wolf Schneider für die Mittelstufe. Da hätte mehr kommen müssen bei diesem spannenden Thema, nicht nur eine Aneinanderreihung von Binsenweisheiten. Schade!

(T) Barrierefreie PDFs

Das beste zum Schluss, könnte man meinen, so war es auch fast – zumindest habe ich aus diesem Vortrag von Tiffany Wyatt am meisten neue Fakten mit nach Hause genommen. PDFs können nämlich tatsächlich eine übergestülpte semantische Struktur aufweisen, die entweder nachträglich mit Adobe Acrobat ergänzt wird, oder bereits beim Verfassen in Word oder InDesign angelegt. Darüber hinaus zeigte sie den verblüfften Zuschauern, dass man im Adobe Reader PDFs mit fließenden Umbrüchen anzeigen lassen kann, und erklärte sehr nachvollziehbar die technischen Probleme, die beim barrierefreien Aufbereiten von PDFs auftreten können. Kompetent vorgetragen und endlich mit vielen neuen Fakten für die meisten Anwesenden. Danke!

Und sonst so?

Gut! Die Organisation klappte wie am Schnürchen, das Essen war gut, und vor allem die Abendveranstaltung kann als gelungen gewertet werden. Wir hatten die Gelegenheit, Tomas Caspers kennenzulernen, der uns bereitwillig vom Krieg erzählte (= Webdesign um 1995), und uns von den Jungs von webfactory zu einem kühlen Bier im Irish Pub einladen zu lassen. So kann man’s aushalten.

Für den nöchsten Webkongress wünschte ich mir eigentlich nur eine etwas besser aufeinander abgestimmte Vortrags-Reihenfolge, in der Redundanzen möglichst vermieden werden (Nach dem 9. Vortrag weiß man dann doch über die grundlegende Definition von Barrierefreiheit bescheid). Doch insgesamt bin ich hochzufrieden, gerade was die vertraute Hochschulatmosphäre und die netten Teilnehmer angeht.

9 Kommentare

xwolf

Danke für den Bericht.

Zu meinen Vortrag: Klar ist das für Experten einen (oder mehr) Gähner wert. Aber der Vortrag war ja auch nicht für Techniker und Experten, sondern für die (leider viel zu große) Masse an Entscheidern, die sich von Agenturen noch immer properitäre Lösungen machen lassen.
Für diese Leute sollte es ein Augenöffner sein, derart: Hey, es gibt keinen Grund, warum die Agentur alles neu macht und dafür auch noch viel Geld kriegt. Man soll sich bei nutzbaren und bewährten Dingen bedienen. Wenn eine Agentur dann noch abzocken will, dann muss diese schon ziemlich dreist und der Auftraggeber ziemlich dumm sein.

Jan Schwate

Eine lesenswerte Ãœbersicht der Vorträge. Zum Vortrag »Vergleich der Alltagstauglichkeit von Open-Source-CMS für barrierefreie Websites« ist vielleicht der Verweis auf den als Audiodatei und PDF verfügbaren Vortrag (mit Dank an Loudblog ) für Interessierte eine gute Ergänzung, um sich einen eigenen Eindruck zu verschaffen. Ich hoffe, es war wenigstens gut geblufft :-)

Rainer Schlegel

Gute Zusammenfassung, die meinen Eindruck im Wesentlichen bestätigt. Ich hatte natürlich als Erster den Vorteil, alles zuerst sagen zu können :o) Insofern ließen sich Doppelungen bei den anderen Vorträgen sicher nicht vermeiden. Zumal man ja erst später erfuhr, wann man im Vortragsplan dran war. Sicher wäre es trotzdem möglich gewesen, den einen oder anderen Vortrag zu straffen und nicht immer bei Adam und Eva anzufangen. Aber wie Wolfgang Wiese schon meinte: die Mehrheit waren Entscheider, denen man manche Dinge nicht oft genug erzählen kann, bevor es klick macht.

Heiko

Na das klingt ja nach einer guten Investition deines Arbeitgebers. Ein pägnanteres Feedback des Webkongresses kann man sich kaum vorstellen ;o) Danke

Michael Schwarz

«...bei den anwesenden Webworkern angeregte Diskussionen über Struktur, Semantik, Reihenfolge und Sprunglinks entstehen ließen« – Gibt es denn irgendwie einen Common Sense zum Thema Sprunglinks im Dokument? Findet Anna Courtpozanis die z.B. hilfreich, oder stören die nur? Ich frage, weil ich selber ganz gespalten bin, ob eine sinnvolle Strukur des Dokumentes alleine nicht besser – im Sinne von klarer und unkomplizierter – ist als zusätzliche Sprungmarken?

xwolf

@MIchael Schwarz: »Common Sense zum Thema Sprunglinks«
Ja, im wesentlichen tendiert es hin dazu, Sprunglinks für Inhalt, Inhaltenavi, technische Navi und optional zur Suche oder zu Zusatzinfos zu machen.

Wo es Streitounkte gibt, ist die Positionierung und Reihenfolge der Links untereinander und im Dokument.

Wurde auch schon oft bei der WAIde-Liste durchgeackert …

/T

Danke für das »unterhalten, provozieren und Zöpfe abschneiden« – das war das Ziel (wenn auch in umgedrehter Reihenfolge :-)

Zum Thema Flash und Suchmaschinen: eine Google-Suche nach »Skip Intro« mit der Einshränkung auf den Dateityp .swf offenbart, dass es sehr wohl geht.

Rainer Schlegel

@M. Schwarz: Skiplinks (sl) nützen nur den Screenreadern und Tastaturbedienern, sofern die sl beim antabben sichtbar werden. Allgemein wünschen sich die Benutzer, dass sl so weit vorne wie möglich erscheinen. Beim Besuch mehrerer Seiten einer Site ist das hilfreich, da man sich den ganzen Sermon am Anfang so ersparen kann (Logo, Navi, ...) Blinde haben konsequent durchgezogene Strukturen nämlich schnell im Kopf. Wichtig ist, nicht zu viele sl anzulegen, sonst gibts anfangs immer ein großes und lästiges »Vorgespräch« auf jeder Seite und der Sinn der sl wird ins Gegenteil verkehrt. Generell werden sie von Blinden und Tabbern als sinnvoll angesehen. Aber eben eingeschränkt auf zum Beispiel:

* direkt zum Inhalt

* (optional) direkt zur Suche
Eigentlich genügt das in der Regel schon.

Volker

Auch von mir ein Danke für den Bericht.

Mir war in meinem Vortrag sehr wichtig, darauf einzugehen, wie der Typo3-Auftritt für das GIB nachhaltig barrierearm gehalten werden kann. Dazu gehört eben auch, das System so anzupassen, daß die Autoren einerseits zum Publizieren von Inhalten motiviert sind/bleiben, andererseits nicht »befürchten« müßten, durch neue oder geänderte Inhalte die technische Barrierearmut zu gefährden.

D.h. Frontend-Ausgabe, (X)HTML und CSS sind nur ein Schritt auf dem Weg zu diesem Ziel  – der andere die Konfiguration von Typo3, die zugegeben nicht sehr spannend, sondern eher technisch-trocken ist.

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