Titillium

Titillium

Wenn man hören würde, dass in einem Typografiekurs an einer Kunsthochschule eine neue Schriftfamilie entsteht, die locker mit einigen modernen kommerziellen Familien mithalten kann, würde man normalerweise denken, dass diese Kunsthochschule in Holland stehen würde. Tut sie aber nicht! Es handelt sich um einen Kurs an der CampiVisivi, einer Kunsthochschule in Urbino, einem Örtchen unweit von Florenz. Als Kursleiter zeichnete Luciano Perondi verantwortlich, der unter anderem auch als Autor auf dem Schriftportal Typotheque untwerwegs ist.

Das Ziel des Kurses war die Erstellung und die Veröffentlichung einer Schrift unter der OpenFont-Lizenz, und um es gleich vorweg zu nehmen: Die Studenten haben ganze Arbeit geleistet! Auf der Website zur Schrift gibt es leider nur wenig Text (Und den dann auch noch auf Italienisch), dafür jedoch ein paar nette Skizzen und Fotos vom Entstehungsprozess der Schrift. Erschienen sind die ersten Schnitte Ende 2008, jedoch betrachten die Macher das ganze als großes Mitmachprojekt – Jeder Designer ist herzlich eingeladen, die Quelldateien herunterzuladen, den Font zu erweitern oder zu verbessern und auch auf der Plattform wieder hinaufzuladen, wie sich das für ein Open-Source-Projekt gehört.

Charakteristik

Die Titillium ist eine sehr moderne serifenlose Schrift, die einen gewissen konstruierten Charme besitzt, ohne freilich wirklich konstruiert zu sein. Die Formen erinnern zum einen an die abgerundeten Ecken einer Eurostile, aber zum anderen findet man auch gewisse Ähnlichkeiten zur FF Typestar, natürlich ohne den Schreibmaschinen-Look. Insgesamt eine sehr schicke und zeitgemäße Formensprache mit konsequenter, aber unaufdringlicher Ausprägung.

Titillium 2

Bei den Buchstabenformen sticht keine so richtig aus dem Rahmen, wenn ich auch sagen muss, dass ich ein großer Fan des kleinen g bin. Obwohl das zugegebenermaßen bei sehr vielen Schriften der Fall ist …

Insgesamt macht das Schriftbild einen guten und halbwegs ruhigen Eindruck. Die Großbuchstaben stechen eventuell ein wenig zu deutlich hervor, aber insgesamt ist das alles extrem sauber und gut gemacht. Die Lesbarkeit und allgemeine Lesegeschwindigkeit ist naturbedingt nicht ganz so gut wie bei komplexer gestrickten (Serifen-)Schriften – es fehlen die kleinen visuellen Haken, die die Typen unterscheidbarer machen und somit prägnantere Wortbilder entstehen lassen.

Titillium 3

Umfang/Ausbau

Nachdem bereits der Entwurf der Schrift kaum zu bemängeln ist, freut sich der Schriftanwender auch über die verschiedenen Fetten, die die Titillium mitbringt: Die vier Schnitte werden 1wt, 400wt, 800wt und 999wt genannt, aber eigentlich kann man das locker mit light, regular, medium und bold übersetzen. Die eigentliche Gestaltung der Buchstaben geschah jedoch (allem Anschein nach) in der light-Variante, und alle anderen Schnitte wurden aus dieser heraus abgeleitet. Man erkennt das beispielsweise daran, dass alle Schnitte die exakt gleiche Laufweite besitzen – hier wurde eindeutig extrapoliert (entweder technisch über Multiple-Master-ähnliche Verfahren oder manuell). Leider wurde dabei ein bisschen geschludert: Das $-Zeichen ist nämlich in allen vier Schnitten identisch, und zwar das der light-Variante.

Ebenfalls etwas schlampig ist die Belegung der 536 Glyphen: Die Guillemets sind vertauscht und teilweise einzeln statt doppelt, und auch das obere Anführungszeichen ist identisch mit dem Zollzeichen. Da müsste noch einmal dringend nachgearbeitet werden! Schade, denn diese minimalen handwerklichen Fehler wären nun wirklich nicht nötig gewesen. Vielleicht schreibe ich den Machern diesbezüglich noch einen kleinen Strombrief. Oder ein FontLab-geschulter praegnanz.de-Leser nimmt das selber in die Hand und macht einen Fork des Projektes?

Schnitte

Eine Italic-Variante ist im übrigen derzeit nicht in Sicht, was man jedoch verstehen kann, da dies jede Menge Fleißarbeit bedeutete, bei der man vielleicht nicht gar soviel lernen kann wie auf den anderen Baustellen, die so ein Schriftentwurf mit sich bringt.

Die Titillium in der Praxis

Ohne genau zu wissen, welches Wortspiel sich in der Bezeichnung “Titillium” versteckt, so klingt der Name auf jeden Fall wie ein begehrter Rohstoff aus einer Science-Fiction-Welt (C&C, anyone?), und da haben wir auch schon eine ganz passende Assoziation: Diese Schrift schafft tatsächlich den Spagat zwischen Protonenstrahlern und Printing Press – sie ist also weltraumtauglich und trotzdem gut lesbar in Fließtexten auf Papieren des 21. Jahrhundert. Vielleicht würde man kein ganzes Buch darin drucken wollen, aber sagen wir es mal so: Es hat schon Techno- und Computerspielmagazine gegeben, die schlechter lesbare Space-Schriften für den regulären Text verwendet haben.

Auf jeden Fall sehe ich Titillium in Headlines und Teaser-Texten, per @font-face auf Websites, die Technik- und Zukunftsfeeling ausstrahlen wollen, und generell in allem, was modern, clean und sauber daherkommen soll. Die fehlende Kursive schmerzt dabei ein wenig, aber ich habe mir sagen lassen, dass man Hervorhebungen auch durch Farbe oder Sperrung erreichen kann.

Rechtliches

Durch die Veröffentlichung unter der OpenFont-Lizenz sind die Einsatzmöglichkeiten der Titillium fast grenzenlos. Was die Veränderung und Weiterveröffentlichung angeht, müsste man die Konditionen nochmal genauer untersuchen, aber das Verwenden im unkommerziellen oder kommerziellen Rahmen ist sicher völlig gefahrlos!

Downloads

22 Kommentare

Maria Schmidt

Elegant, elegant!

charly

sehr fein, erinnert mich ziemlich an die klavika, trotzdem eigenständig (und anständig!)
:))

Gerrit

@charly: Stimmt: Die Klavika ist sehr ähnlich. Hatte ich gar nicht auf dem Radar, aber jetzt wo ich es sehe …

christian

ß ist auch überall gleich (light).

Simon Wehr

Ob Serifenschriften nun besser zu lesen sind, oder nicht, darüber streiten die Experten ja bis heute. Aber in einem Punkt muss ich Dir nun doch widersprechen, Gerrit.

Die einzige mögliche und erlaubte Schrift für Raumschiffe und dergleichen ist und bleibt die Eurostile!!

Gerrit

@Simon: Die neuesten Erkenntnisse zeigen, dass es völlig egal ist, ob Serifen oder nicht, es kommt auch die Vertrautheit der Schrift an!

Julien

Ich setzte die Titillium schon länger ein und mir ist aufgefallen, dass es einen Unterschied macht, welche Version man downloaded. Ich bin mir nicht ganz sicher welche von beide die bessere ist, aber es macht einen Unterschied ob man die Schnitte einzeln oder das Gesamtpaket runterläd. In einem von beiden sind die angesprochenen Probleme zumindest größtenteils behoben.

Simon Wehr

@ Gerrit unter anderem darauf bezog ich mich.
Erwähnt wird dieser Umstand aber auch in dem sehr interessanten und locker zu lesenden Buch Wie man’s liest von Gerard Unger, dass ich Dir übrigens sehr empfehlen möchte. (Kann ich Dir auch leihen.)

Christian

Hast Du auch das Hinting unter Windows getestet? Das stellt sich ja immer mehr als das große Problem bei der Einbettung heraus.

Martin Wilhelm Leidig

Ich wüßte ja gern, wieso alle Welt die Titillium über den grünen Klee lobt. Das müssen wohl jene Leute sein, die orangene und grüne Plastikstapelstühle mit Chrombeinen aus dem Möbelmitnahmemarkt ganz toll finden — den gleichen «Charme» strahlt die Schrift nämlich aus. Ich finde die ziemlich unausgeglichen (besonders den irgendwie krakelig wirkenden mageren Schnitt), unruhig und stellenweise (K und k!) einfach nur häßlich.

Florian Hardwig

Gerrit schrieb: die locker mit einigen modernen kommerziellen Familien mithalten kann

Da bin ich anderer Meinung.
Das Projekt mag Potenzial haben, in der aktuellen Form ist die Schriftfamilie zu wenig ausgereift, um als professionelles Werkzeug zu dienen.

Jojo

Hallo,

ist eigentlich bekannt, welche Version derzeit die am besten ausgebaute ist? Ich hab von verschiedenen Orten allein drei verschiedene Fassungen bezogen, von »TitilliumText« über »TitilliumText14L« bis zu »TitilliumText22L«. Die Projektwebseite scheint auch nicht up to date zu sein, denn mittlerweile soll es sogar sechs verschiedene Strichstärken geben … kann jemand helfen?

Gerrit

@Joho, Tja, offenbar wird das Projekt an der Hochschule nicht wirklich betreut. Ist leider so. Kann auch nicht sagen, mit welcher Version du am sinnvollsten arbeiten solltest…

Thomas Ziaja

Zum Namen: Das Wortspiel beruht auf wohl dem spätlateinischen Wort titillus, was der Kitzel bedeutet. Das Wort könnte einigen bekannt sein aus den Harry Potter Romanen. Das Motto unter dem Wappen von Hogwarts lautet: »Draco dormiens nunquam titillandus« – übersetzt: »Niemals einen schlafenden Drachen kitzeln.«

DerSiedler

Schade. Der Link funktioniert nicht mehr.

Gerrit

Ich habe auf Fontsquirrel verwiesen!

erlehmann

Ich nutze die Titillium für Präsentationen. Ein großes Problem ist allerdings, dass der „U+002F SOLIDUS“ nicht wie ein Slash („/“), sondern eher wie ein Guillemet („»“) aussieht. Für URLs müsste da also noch nachgebessert werden.

Wolfgang Stief

Der Download-Link scheint repariert zu sein.

Simon Klima

Habe die aktuelle Version über die Projektseite heruntergeladen und kann mich nach einem kleinen Test der Meinung des Autors nur anschließen: Für ein Open Source Projekt doch recht weit fortgeschritten. Sicher kommt es – wie bei jeder Schrift – auf die Art der Anwendung an; in einer eher technischen Umgebung wird sie sich besser machen als anderenorts. Das lässt jedoch einen eher breiten Anwendungsraum vermuten. Danke, dass Sie mich neugierig gemacht haben, Herr Aaken. Bin gespannt, was sich damit gestalten lässt.

JF Gestaltung

Schön! Jetzt auch in kursiv.

Doris

Mir gefällt die Titillium sehr gut und ich würde sie gerne als Schrift für dem Mengensatz verwenden, auch wenn hier im Forum davon abgeraten wird. Ich finde sie gut lesbar: Eine Frage an die Typografie-Fachleute: Bislang hatte unser Firmenlogo die Bodoni und die passt nunnicht mehr dazu. Habt ihr einen Tipp für eine Serifenschrift, mit der man die Titillium kombinieren kann? Oder geht das nicht? Für den Firmchriftzug empfinde ich sie al szu ungeeignet und der Leser sollte das Logo auch wiedererkennen.

Falk

Die Homepage dieses Projektes ist http://www.campivisivi.net/titillium/

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