„Sans Francisco“: Zwei Schriften, sie alle zu knechten (update)

Es hat sich herumgesprochen, dass Apple nach einem kurzen Ausflug ins Helveticaland nun alles auf eine Karte setzt, was die Systemtypografie angeht: Die bei der Apple Watch eingeführte Schrift San Francisco soll es nun auch unter iOS und OS X richten und das Helvetica-Disaster wieder gut machen.

Gute Idee! Doch so ganz einheitlich ist die Lage derzeit nicht: Unter iOS 9 und OS X El Capitan kommt nämlich (zumindest in den Beta-Varianten) eine modifizierte Version der Uhren-Frisco zum Einsatz, die etwas bauchiger und gänzlich ohne linear-vertikale Linienführung im o und e auskommt. Es ist die Lilo & Stitch-Version der San Francisco (gell, Timo?), und fällt darüber hinaus einen Hauch größer aus – bei gleichem nominellen Schriftgrad:

Sans Francisco im vergleich

Grundsätzlich ist es um die Einzigartigkeit und Charakterstärke der Sans Francisco eher so mau bestellt – vergleichbare Schriften sind absolut nichts Neues, und insbesondere Google hat bereits seit den beginnenden Zehnerjahren mit der Roboto eine verdammt ähnlichen Schriftfamilie am Start, die kontinuierlich weiterentwickelt und ebenfalls auf allen erdenklichen Anwendungen und Systemen zum Einsatz kommt.

Ähnlich wie die Roboto vermischt auch die San Francisco Elemente des modernen Klassikers Univers (1957, Adrian Frutiger) mit Elementen der DIN-Schrift (1926, Ludwig Goller), die insbesondere als FF DIN (1995, Jan-Albert Pool) und etwas später als DIN Next (2009, Akira Kobayashi) in typografischen Kreisen Furore machte.

Im Grunde nichts Neues also: bewährte neutralstmögliche Grotesk-Kost, die jedoch mit Liebe zum Detail für moderne Screens optimiert wird. Wie gut die „Sans Francisco“ unter iOS und OS X tatsächlich funktionieren wird, muss man über einen längeren Zeitraum ausprobieren; Apple ist sicher motiviert, hier weitere Verbesserungen anzubringen. Auf den ersten Blick wirkt mir das auf dem iPhone jedoch alles ein wenig zu rund und lieblich – die unmodifizierte Watchversion wäre wohl einen Hauch prägnanter gewesen. Wir werden sehen, ob sich das bis zum Release im Herbst noch ändert!

Update am 13. Juni:

Apple zeigte auf der WWDC in Form eines exzellenten Vortrags des hauseigenen Schriftentwerfer Antonio Cavedoni (hier die Videoaufzeichnung) dass meine obige Analyse grob zutrifft, und was grundsätzlich technisch und gestalterisch hinter der SF steht. Extrem sehenswert, auch für nicht-eingefleischte Typografen!

Darüber hinaus lassen sich die beiden Schriftfamilien nun auch offiziell herunterladen. Vom ungezügelten Einsatz der Fonts im Rahmen von kommerziellen Projekten rate ich aus rechtlichen Gründen derzeit jedoch noch ab!

5 Kommentare

Peter

ich seh da keinen unterscheit. gruss peter

Dave

Äh, Peter…?

Tobsen

Ich persönlich werde ja nicht mit dem kleinen i nicht so warm, insbesondere auf der Tastatur. Es ist mir einfach zu hoch.

Max

“… und das Helvetica-Disaster wieder gut machen.”

Es wäre interessant zu erfahren, was für Disaster wird gemeint?

Gerd

Zugegeben, hier geht es um Spezialwissen. Und wer sich mit Typografie nicht schon Jahre beschäftigt hat, wird sich schwertun. Und wer sich keine Mühe gibt, Desaster oder Unterschied korrekt zu schreiben, dem ist es wahrscheinlich auch egal. Tatsache: Apple versucht wieder alles besser zu machen. Das Thema System-Font war überfällig. Dass Apple sich für eine wenig charaktervolle Schrift entschieden hat, hat gute Gründe. Beispielsweise die Flat-Design-Maxime. Man hätte allerdings noch einen Tick mehr Lesbarkeit einbauen können und hätte dadurch auch mehr Charakter geerntet.

@ MAX: Ohne das Eingreifen eines deutschen Typografen, wäre es tatsächlich zu einem Desaster gekommen, da mit dem sehr leichten (dünnen) Helvetica-Schnitt die Lesbarkeit auf iOS-Geräten stark eingeschränkt gewesen wäre.

Die Neue Helvetica überlebt nun kurz noch bis Herbst als OS -X-10.10-Systemfont.

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