RIA-MMT XXV

Am Wochenende war ich zum dritten Mal beim Multimediatreff in Köln, der sympatischen kleinen Konferenz rund um Themen digitaler Medientechnologie. Schwerpunkt beim 25. Jubiläums-MMT waren Rich Internet Applications und im Grunde ging es um zwei Technologien: Adobe Flash/Flex und Microsoft Silverlight.

Das mag zunächst nicht nach Themen klingen, die mich in besonderem Maße tangieren, doch auf der anderen Seite habe ich auf den ganzen bisherigen Barcamps gelernt, dass es unendlich viel sinnvoller ist, mal die Nase in unbekanntere Materie zu stecken, statt ständig im eigenen Saft zu schmoren und sich den hundertsten Mikroformate-Einsteiger-Vortrag anzuhören.

Somit bot mir der MMT endlich mal die Gelegenheit, mich in Sachen Flex und Silverlight auf den neusten Stand zu bringen, ohne mich in Detailfragestellungen zu verlieren. Folgende Dinge habe ich für mich mitgenommen:

  • Flash als Animations-Software wird zunehmend langweilig und hat sich seit meiner aktiven Zeit (Flash 5) nicht wesentlich verändert. Da nützen auch Detailverbesserungen in CS4 nichts.
  • Eine neue Funktion des Flash Player 10 ist spannend, nämlich die verbesserte Text-Engine, die nun RichText und HTML-ähnliche Strukturierung beherrscht. Hier wünsche ich mir mal einen gut funktionierenden und performanten WYSIWYG-Editor für das CMS meines Vertrauens.
  • Das neue Flash Catalyst wird als Innovation angepriesen. In Wirklichkeit macht es nur Dinge, von denen ich seit 5 Jahren gedacht hätte, dass sie bereits gang und gäbe wären. Toll: Man kann jetzt die Standard-UI-Komponenten sehr leicht individuell anpassen. Das sollte doch eigentlich unter »Bugfixing« laufen.
  • Silverlight vereint viele Ideen und Techniken von Flash/Flex in einem neuen und offenbar noch leistungsfähigeren Gesamtpaket. Erstaunlich dabei: Die Technologie ist offen und plattformunabhängig. Jedermann dürfte eine Authoring-Software für den Mac oder für Linux schreiben, denn das Silverlight-Endformat sind gezippte XML- und DLL-Dateien.
  • Expression Blend ist quasi eine Mischung aus Flash, Flash Catalyst und Flexbuilder. Wer jedoch als echter Kerl Silverlight-Zeugs entwickelt, sollte trotzdem zusätzlich das Visual Studio verwenden. Warum auch immer. Blend ist auf jeden Fall tödlich komplex und Microsoft-artig, was die Paletten und Buttons angeht.
  • Wenn man das Silverlight-Plugin installiert hat, laufen Silverlight-Anwendungen nicht nur im Browser, sondern auch als Desktop-Programme. Quasi wie ein eingebautes AIR. Und zwar auch unter Mac und Linux, angeblich.

Fassen wir zusammen: Die Timeline ist in der professionellen RIA-Welt mehr oder minder mausetot. Als Designerspielkram mag Flash CS4 noch eine kleine Rolle spielen, aber dank JavaScript-Frameworks und Canvas wird das immer weniger. Ich persönlich sehe die Zukunft von RIA in hochspezialisierten Anwendungen, die als Web-/Desktop-Hybrid unter verschiedenen Plattformen laufen und mit dem Server Daten austauschen. Das hat dann mit Webdesign nichts zu tun, sondern mit Anwendungsentwicklung und Softwarearchitektur, von daher ist es nicht meine Baustelle. Das derzeitige Ziel der RIA-Welt sind meines Erachtens nicht etwa öffentliche Webplattformen wie Webshops oder Social Networks, sondern eher Intranet/Enterprise/Business-Solutions-Kram. Dort aber kann man inzwischen tolle, nutzerfreundliche Dinge anstellen und professionell entwickeln.

Im Umkehrschluss kann man behaupten: HTML bleibt bis auf weiteres der König, wenn es um Information und Interaktion im offenen WWW geht. Beruhigend. Und Flash/Flex bzw. Silverlight könnten zum neuen, besseren und schlankeren Java werden. Wer weiß?