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Gerrit, 29.08.2008

No Pitches, please!

Heute morgen kam zum ersten Mal in meiner Freiberufler-Karriere eine offizielle Pitch-Einladung ins Haus. Volumen des Auftrages: Gigantische 1.500 Euro! Man ist jedoch bereit, jedem der fünf(!) eingeladenen Parteien 150 Euro als Vergütung zu zahlen. Und für Arbeiten, die über den geplanten Umfang des Projektes hinausgehen, zahlt man fette 25 Euro Stundenlohn.

Da fällt es wirklich nicht schwer, eine Absage zu erteilen, denn Pitches sind evil. Doch noch böser sind Anfragen, die nicht als Pitches deklariert werden, de facto jedoch welche sind. Auch schon passiert. Aber ich sehe mit Genugtuung, dass der Gewinner, welcher mich damals mit einem besseren Preis ausstechen konnte, die Seite immer noch nicht fertig gestellt hat. Stümper!

Nein, ich kenne und nenne keine Namen.

14 Kommentare

  1. Nicolas am 29. August 2008 #

    Her mit den Namen, auf das solche Typen gebrandmarkt werden! ;-) Eine offizielle Einladung zu einem Pitch hatte ich noch nicht – dafür umso mehr inoffizielle. Jedes Mal extrem ärgerlich und am liebsten würde ich denen … na ja.

  2. Albert Bloch am 29. August 2008 #

    Ganz recht – Pitches sind wirklich letztklassig. Komisch eigentlich, dass diejenigen, die sie ausschreiben, nicht kapieren, dass sie sich damit auch selber schaden (wie es Erik Spiekermann in deinem Linktipp erklärt). Naja, die einzige Reaktion, die ich auf solche Anfragen gebe: eine freundliche Absage.

  3. muhli am 29. August 2008 #

    Na, bei dem Volumen kann es ja auch nur etwas ziemlich kleines gewesen sein, und dafür gleich einen Pitch! Hatte etwas ähnliches bisher vor kurzem auch mal und werde es in Zukunft versuchen zu meiden :&

    Pitches finde ich nur bei einem großem Volumen und entsprechender Teilnahmevergütung sinnvoll, bzw. wenn Ausschreibungen Pflicht sind (kommunale Projekte, Öffentlicher Dienst etc.).

  4. Chris Kojak am 29. August 2008 #

    Das ist ja schön, dass es nicht nur uns so geht. Kleine Geschichte: Wir waren zu einer Vorbesprechung eingeladen, um eine Website zu relaunchen. Alles verlief sehr informativ und positiv. Man tauscht sich aus und wir erklärten, wie man was machen könnte und was weniger passt (der Kunde war schon in »kreative Eigenleistung« gegangen). Auch wurde besprochen, wie lange das Projekt dauern könnte und welches Budget man dafür bräuchte. Eben alle Informationen, die ein Auftraggeber braucht, um ein Projekt auf den Weg zu schicken.
    Bei der Verabschiedung stellte sich dann heraus, dass noch mehr Agenturen an diesem Tag eine Audienz erhielten. (Naja, nicht die feine englische.)
    Als sich der potenzielle Auftraggeber zum vereinbarten Termin nicht meldete, rief man natürlich nach und erkundigte sich nach dem Stand der Dinge.
    Daraufhin kam die Antwort: »Wir sind der Meinung, dass Sie besserwisserisch und arrogant auftraten. Daher bleiben wir bei unserer bisherigen Agentur.«
    Ich würde jetzt gerne den Namen nennen, aber ich weiß ihn nicht mehr ;-). Es war eine Unternehmensberatung mit Sitz in München (Karlstraße 19), die sich auf Prozessoptimierung für Ersatzteillogistik spezialisiert hat.

  5. Dirk am 29. August 2008 #

    Ich habe diese Mail heute morgen auch erhalten. Die Unverschämtheit geht soweit, dass verlangt wird, »alleiniger Inhaber aller geistigen Rechte, Urheberrechte, Muster etc. der grafischen und/oder technischen Werke« werde der Auftraggeber (was übrigens Quatsch ist, da Urheberrechte im Gegensatz zu Nutzungsrechten nicht übertragbar sind). Unter »Vergütung« ist vermerkt: »keine«. Naja, dafür wird großzügigerweise gestattet, die Zahl der Gratisentwürfe nach »eigenem Ermessen« auf einen bis drei festzulegen. Die wollten mit ihrem Pitch wohl einfach mal dicker Auftraggeber spielen – kommen aber über Verdana im Logo nicht hinaus.

  6. Gerrit am 29. August 2008 #

    Man muss sich das überlegen – allein der personelle Aufwand, diesen Pitch zu betreuen und durchzuziehen übersteigt ja schon fast das Auftragsvolumen!

    Meine Empfehlung: Einfach einen Aushang am schwarzen Brett einer beliebigen Hochschule ankleben – das ist günstiger und führt zum gleichen Ergebnis.

  7. HD Schellnack am 29. August 2008 #

    Wir hatten sowas mal für die neue RathausGallerie in Essen (ehedem City Center). Wir haben nicht daran teilgenommen, weil es als Wettbewerb einfach nicht ernst genug angegangen wurde. Entsprechend dem Pitch-Ansatz sieht auch das Ergebnis aus.

    Pitches sind die Pest, aber werden zur Norm. Sie sind für kleine Büros eine enorme Belastung – wie soll man vier bis sechs aufwendige und auch kostspielige Wettbewerbe im Jahr stemmen, immer mit dem Risiko, sie zu verlieren. Gut sind Pitches einzig und allein für große, finanzstarke Agenturen, die a) ihre Praktikanten hier beschäftigen können :-D b) den Overhead haben, um mal eben drei Wochen ein Team aus den echten Jobs abzuziehen und auf volle Spekulation arbeiten zu lassen. Neben der generellen Tendenz von auch eher mittelständischen Unternehmen und Kulturanbietern, zu großen Werbeagenturen zu gehen (wo sie komplett falsch aufgehoben sind) und der Tatsache, dass die Agenturen alle knappsen und wie wild nach Etats jagen, die sie früher nie angepackt hätten – und sei es sogar völlig umsonst, um ein paar Awards zu gewinnen, die man mit den geldbringenden Kunden eben niemals gewinnen würde.

    Dazu kommt, dass ein Pitch immer B-Ergebnisse bringt. Immer, ausnahmslos. Ob in Architektur oder Design – kein gutes Team kann wirklich brennen, wenn es im Dunkeln arbeitet und auf gut Glück. Man gibt sich redlich Mühe, man tut sein bestes, aber man hat zu wenig Dialog. Das kann sogar Spaß machen, einfach mal rumtoben, später sehen, was realisierbar ist – aber im Grunde ist gutes Design das Ergebnis von Zusammenarbeit und in der Architektur ist es genauso. Da gewinnen in Pitches dann Entwürfe, die oberflächlich knallen (und die meist nicht fachkräftige Jury beeindrucken), die aber keine Kohärenz haben und nicht durchdacht sind.

    Und last not least: Ein Theater in der Nähe hat uns zu einem Pitch eingeladen, wo bereits ACHT Agenturen Ideen vorgestellt hatten. Nichts gefiel. Mein erster Kommentar: Sicher gefällt euch da nichts von. Wenn ich acht verschiedene Parfums probieren müsste, wüsste ich auch nicht mehr, welches ich kaufen soll. Je mehr Auswahl, desto SCHWERER wird die Entscheidung. Pitches bringen also für den KUNDEN selbst ein mieses Ergebnis und zwar systemisch, unweigerlich, any fucking time. Egal wie gut oder schlecht – es wäre mit einem anderen Weg IMMER besser geworden :-D.

    Ich frage mich, warum ich sowas nicht mit Elektrikern mache – hier, verleg mal ein paar Kabel testweise, mal sehen, wie ich das so mag. Oder mit Photographen, die ein komplettes Shooting vorfinanzieren müssen, damit sie vielleicht bei uns einen Job kriegen?

    Ich mag Pitches als Möglichkeit, fiktiv und spielerisch, aber zugleich konkret und realistisch über ein Problem nachzudenken und eine Idee zu entwickeln. Ist der Pitch bezahlt – oder lohnt sich der Kunde – ist das kein Problem und wenn man gewinnt, kann man mit der echten Arbeit gemeinsam beginnen. Aber en masse sind sie ein Fehler, der großen, kapitalstarken Agenturen in den Sattel hilft, kleine gute Büros schwächt und den Kunden eher mittelmäßige Ergebnisse beschert – zumal ein Pitch nie eine Herausforderung ist, wo du dem Kunden ein KONTROVERSES Angebot machst, ihn herausforderst, sondern wo qua der Konkurrenzsituation alle im Arschkriecher-Modus, Hut in der Hand, eintreten und die Wünsche des Kunden vorwegnehmen wollen – nie eine gute Grundlage für brauchbare Lösungen, die langfristig wirken. Das Ergebnis ist «bauherrenfreundliche» Architektur oder «zielgruppenaffines» Design, kurzum gequirlter Mist.

    Mehr als das in Vorgesprächen immer wieder betonen – ich mach das sogar im Pitch selbst deutlich – mehr als immer mal wieder bewusst einen Wettbewerb mit den richtigen Ansätzen glorios verlieren, kann man da wohl nicht tun.

    Man kann nur hoffen dass es immer noch Kunden gibt, die es richtig machen – die sich informieren, sich deine Arbeiten ansehen (und die einiger anderer guter Leute), sich auf dieser Basis entscheiden und die sich dann im Gespräch, im Dialog eine gute Lösung maßschneidern lassen anstatt bei KIK zu kaufen.

  8. Christine am 29. August 2008 #

    Ich habe die Mail ebenfalls erhalten, und kann mich immerhin der Genugtuung der guten Gesellschaft erfreuen (oder es waren doch mehr als fünf…).

    Ergänzend hierzu: Nachmittags rief mich dann ein nebenberufl. Holzbildhauer an, der eine kleine Website zur Präsentation seiner Werke haben möchte. Wir haben alles nett besprochen und ich sagte ihm, das ich ihm am Montag einen Kostenvoranschlag schicke. Auf seine rührende Frage, wieviel ihn dieser KVA kostet, sagte ich ihm, das ich das kostenlos mache und es einfach Teil des Services bzw. Berufsrisikos ist. Ich musste ihn regelrecht davon überzeugen, mir den KVA nicht zu vergüten! Das hat mich schwer ins Grübeln gebracht, wie weit die Moralvorstellungen der »Business People« (sagen wir, zum Beispiel, Unternehmensberatern :-)) von denen des ganz normalen »kleinen Mannes« abweichen…

  9. Lukas am 30. August 2008 #

    Was ist grundsätzlich gegen Pitches zu sagen? Voraussetzung ist allerdings, dass diese als solche erkennbar sind. Als Auftraggeber habe ichg allerdings selbst noch keine Pitches veranstaltet, da Aufwand und Nutzen in der Regel in einem schlechten Verhältnis stehen. Oftmals sind Referenzen der Agenturen völlig ausreichend.

  10. Spamschlucker am 31. August 2008 #

    Pitches sind neoliberal. Was nicht unbedingt nur negativ sein muss.

    Grüße
    stephan@spamschlucker.org

  11. Jan Theofel am 31. August 2008 #

    Ich denke es ist auch besser, dass du den Name nicht nennst. Denn oftmals kommen die Kunden ja nicht mit den Inhalten rüber, was du selbst sicher gut kennst. Das ist dann ja nicht die Schuld des Pitchgewinners.

    Generell halte ich Pitches für ein schwieriges Thema. Wie die anderen denke ich, dass man meistens auf anderen Wegen besser fährt. Wir vergeben ja viele kleine Projekte, so dass wir nach und nach wissen welcher Dienstleister die Erwartungen erfüllt.

    Ein ganz ähnliches Problem hast du übrigens auch als ERP-Anbieter. Du musst das Projekt an Land ziehen ohne einen genauen Preis nennen zu können. Der entsteht erst nach Workshops, die teils Angebotsfindung, teils Beratung, teils Planung sind. Auch da ist es – vor allem bei kleineren Projekten schwer – das zur Zufriedenheit beider Seiten abzurechnen.

  12. Da Stefan am 1. September 2008 #

    Für solche Dinge sind halt auch Verbände da: um die Kollegen vor solchen »Wettbewerben« zu warnen. Was die AGD ja zum Beispiel auch tut. Schade, dass der Kollege vom Fontblog trotzdem keinen Nutzen in Designerverbänden sieht…

  13. Simon Wehr am 1. September 2008 #

    HD: Ich nehme an, Du kennst diesen Artikel?
    Der ist ja wirklich schon uralt, aber immer wieder schön.

  14. Puh am 2. September 2008 #

    Genau, soviel Großkotzigkeit ist unbezahlbar!

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