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Gerrit, 02.03.2006

Neues zum Streit zwischen Linotype und Microsoft (update)

Ingo Preuss vom geschätzten typeFORUM hat neue Informationen, die ein bisschen deutlicher machen, worum es eigentlich beim Streit um die neue Windows-Vista-Systemschrift Segoe UI geht. Ich fasse das bisher Geschehene kurz und chronologisch zusammen:

  • Update(2.3.2006): (via Fontblog) Irgendwann zwischen 2002 und 2004 fragt Microsoft bei Linotype an, ob sie die Frutiger als Windows-Systemschrift lizensieren könnte. Linotype verlangt einen Cent pro verkaufter WindowsVersion. Microsoft lehnt das Angebot ab. (Mehr Info)
  • Am 14. Januar 2004 lässt sich Microsoft in Alicante/Spanien ein sogenanntes Geschmacksmuster einer Schrift eintragen. Das ist der Ort, wo man in Europa sowas machen lässt.
  • Im April/Mai 2004 sickern die ersten Information über die neue Hauptsystemschrift von Windows Vista durch (damals noch unter dem Codenamen Longhorn). Ein unscharfer Screenshot der sogenannten Segoe verbreitet sich durch die Foren und Blogs und erinnert stark an die legendäre Frutiger von 1976. Linotype besitzt die Rechte an der Frutiger und auch an deren 2001 erschienen Neuauflage, der Frutiger NEXT.
  • Nachdem sich die Verdachtsmomente erhärten, legt Linotype am 21.12.2004 in Alicante Klage Einspruch gegen die Eintragung ein, um zu erreichen, dass sich Microsoft nicht eine Schriftform sichert, die sie von der Frutiger NEXT übernommen haben.
  • Am 6. Februar 2006 bekommt Linotype Recht mit dem Einspruch. Das Gericht erklärt die beiden Schriften für identisch und spricht Microsoft das Recht ab, sich die Form als Geschmacksmuster eintragen zu lassen.

Wichtig ist dabei: Linotype hat sich mitnichten die Frutiger patentieren lassen, das ist nämlich immer noch nicht möglich. Aber sie haben verhindert, dass »Microsoft mit dem Antrag einen höheren Schutz für das Derivat erwirken wollte, als es das Original jemals besessen hatte.« Im typeFORUM gibt’s noch ein paar mehr Informationen, auch über die Verwirrung, die in der ganzen Geschichte geherrscht hatte. Hier erfährt man auch, wer laut Linotype wirklich an den Formen der Frutiger NEXT geschnitzt hat und vieles mehr. Danke für die Aufklärungsarbeit, Ingo. Auch wenn ich jetzt in einigen anderen Punkten deutlich verwirrter bin als vorher …

update: Bitte auch die Kommentare beachten!

11 Kommentare

  1. Lars am 24. Februar 2006 #

    Klasse :) Bin sehr gespannt, wie das ausgeht. Soll ja bald kommen, dieses Vista.

  2. Andreas am 25. Februar 2006 #

    Naja, Worte wie »Prozeß« oder »Klage« sind etwas zu hoch gegriffen. Linotype hat einfach Einspruch beim europäischen Patentamt eingelegt und das interne Verfahren des Patentamts hat Linotype recht gegeben. Nun hat Microsoft zwei Monate Zeit darauf zu reagieren. Falls dies unterbleibt ist der Patentantrag entgültig abgelehnt. Es ist also theoretisch immer noch nicht vom Tisch, denn MS kann das Verfahren weiter in die Länge ziehen.

  3. Stefan am 26. Februar 2006 #

    Meiner Ansicht nach ist das ein schönes Beispiel dafür, dass die Kreativität von Microsoft vor allem im juristischen Bereich liegt. Es geht um die Kunst, neue oder veränderte Rechtsitel zu nutzen, um die Schöpfungen anderer in den eigenen Privatbesitz zu überführen.

    Der Bereich des sog. »geistigen Eigentums« ist dafür ein ideales Feld. Denn dort entstehen ständig neue Rechtstitel, und der Geltungsbereich bestehender Rechtsitel wird auf immer neue Bereiche ausgedehnt. Der Geltungsbreich wird größer, die Strafen werden schärfer. Aber die Anforderungen, um so einen Rechtstitel zu erhalten, werden anscheinend immer geringer.

    Plagiate der Frutiger gibt es viele, aber niemand anderes besitzt die Dreistigkeit, sich so ein Plagiat auch noch als Geschmacksmuster eintragen zu lassen, genauer als “European Community Design”, einen Rechtsitel, den es zu Zeiten der Frutiger noch gar nicht gab (noch nicht einmal als die Frutiger Next veröffentlicht wurde).

    Aber wen wundert’s? Schließlich ist Microsoft in den 1970ern dadurch groß geworden, dass es Software aus der Public Domain genommen, auf neue Hardware angepasst und dann mit sehr restriktiven Lizenzen für Geld verkauft hat.

  4. Ingo Preuss am 27. Februar 2006 #

    Ich schrieb im Artikel im typeFORUM:
    Bruno Steinert bekräftigte auf unser Nachfragen hin, daß der Einspruch Linotypes sich nicht auf Plagiatsvorwürfe der Frutiger bezog (die Schutzfrist für das Design der Frutiger ist abgelaufen), sondern alleine darauf basierte, daß Microsoft mit dem Antrag einen höheren Schutz für das Derivat erwirken wollte, als es das Original jemals besessen hatte.
    Dies war jedoch leider nicht korrekt von mir wiedergegeben und Herr Steinert bemängelte dieses auch zu Recht. Er schrieb in einer neuerlichen Mail:
    Ich schrieb:
    Microsoft hat nun versucht, für das Plagiat einen neuen und somit höheren Schutz zu erwirken als wir ihn für das Original besitzen. Dagegen haben wir mit Erfolg Einspruch erhoben – das ist alles. Das Ganze ist im Rahmen des normales Verfahrens verlaufen, von einem Rechtsstreit kann keine Rede sein.
    Sie machten daraus:
    Bruno Steinert bekräftigte auf unser Nachfragen hin nochmals, daß der Einspruch Linotypes sich nicht auf Plagiatsvorwürfe der Frutiger bezog (die Schutzfrist für das Design der Frutiger ist abgelaufen), sondern alleine darauf basierte, daß Microsoft mit dem Antrag einen höheren Schutz für das Derivat der Schrift erwirken wollte, als es das Original jemals besessen hatte.
    Das ist leider erneut falsch und irreführend zitiert.
    Ich habe nicht geschrieben, daß die Segoe ein Derivat der Frutiger sei (gegen ein Derivat aus den Daten könnten wir juristisch vorgehen). Wir (und das Patentamt) haben festgestellt, daß die Segoe ein Plagiat der Frutiger ist.
    Die Original-Frutiger hat zu Ihrer Zeit einmal Geschmacksmusterschutz besessen. Es ist daher falsch zu schreiben »daß Microsoft mit dem Antrag einen höheren Schutz für das Derivat der Schrift erwirken wollte, als es das Original jemals besessen hatte.«
    Übrigens handelte es sich um ein Geschmacksmuster, nicht um ein Gebrauchsmuster.
    Die Tücke liegt im Detail ….

    Ich bitte die mir unterlaufenen Fehler zu entschuldigen.

  5. Dirk am 3. März 2006 #

    Hm, 1 Cent pro verkaufter Windows-Version. Kein Wunder, dass Microsoft darauf nicht eingegangen ist. Bei der Anzahl der Lizenzen ist das viel, viel Geld. 0,1 Cent hätten es auch getan, das wäre immer noch viel, viel Geld gewesen. Und vielleicht wäre MS darauf eingegangen. Trotzdem natürlich kein Grund, eine Schrift abzukupfern.

  6. Gerrit am 3. März 2006 #

    Bei 50 Millionen verkauften Versionen sind das lachhafte 500.000 Dollar. Sind doch Peanuts, bei Microsoft-Dimensionen!

  7. Gernot am 6. März 2006 #

    Die könnten mit 1ct/Version 100 sehr gute Fonts lizensieren und werden nur 1 Dollar teurer. Also viel Geld ist das nicht.

  8. typneun am 9. März 2006 #

    meiner meinung nach war das angebot von linotype mehr als fair. allerdings habe ich natürlich auch keine ahnung, was sonst in solchen lizensierungsverfahren gezahlt wird. trotzdem: eine systemschrift bestimmt das äußere erscheinungsbild eines betriebssystems WESENTLICH. und da ist 1 cent pro version eigentlich wirklich »erdnüsse«.

    (abgesehen davon, dass bill gates diese kosten mit der geldbörse seiner kinder bezahlen könnte ;))

  9. lemming am 9. März 2006 #

    Mal was anderes. Der Herr Faulstich ist doch jetzt gar nicht der alleinige Createur de Frutiger Next, oder?
    In seinem Buch und in dern Interviews kommt das aber anders rüber.

  10. Bruno Steinert am 23. März 2006 #

    Die 1 cent-Geschichte ist frei erfunden (von wem eigentlich?) und entbehrt jeglicher Grundlage. Linotype hat auch keine Klage erhoben sondern lediglich einen Einspruch im Rahmen des Registrierungsverfahrens erhoben. Es ist bedenklich, wie solche Erfindungen und Halbwahrheiten ohne weiteres Hinterfragen mit Begeisterung im Web weiter verbreitet und dabei auch noch weiter verfälscht werden.

    Bruno Steinert
    Geschäftsführer
    Linotype GmbH

  11. Gerrit am 23. März 2006 #

    Ich habe den Artikel entsprechend abgeändert. Die Sache mit den 1 cent habe ich von »Le Times« übernommen, und auch im Artikel verlinkt: Before commissioning Segoe, Microsoft did, Le Times has heard from Linotype, try to license Frutiger, but baulked at Linotype’s price: one penny per OS sold. Auch wenn dieser Artikel locker geschrieben ist, so wirkte dikese Behauptung nicht wie ein frei erfundenes Märchen.

    Sorry!

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