Gebrochene Schriften sind hip

In den Neunziger Jahren wäre das wohl nicht möglich gewesen: Allerortens sieht man gebrochene Schriften im Einsatz. Sogar in Deutschland, dem vermeintlich vorbelasteten Raum, wo viele der fälschlichen Meinung sind, die Nazis hätten des Typografens Freude an dieser Schriftgattung für immer verdorben. (Zur Erinnerung: Nachdem die Nazis zunächst voll auf Fraktur setzen, wurde diese später sogar teilweise als »Judenletter« verboten)

Egal, nun hat sich die gebrochene Schrift wohl endgültig von Bierflaschen und Weinstuben emanzipiert und feiert ein fröhlich-verspieltes Comeback in der Headline- und Logo-Typografie! Die geniale Sarah-Kuttner-Show (Der einzige Grund, MTV zu gucken) schmückt sich mit etwas vereinfachten, kubischen Formen, Die Popstar-Schriftdesigner von Underware präsentieren mit der Fakir eine Fraktur-Remix-Schrift mit zackigen Kanten und Judith Schalansky bringt mit »Fraktur Mon Amour« ein spektakuläres, junges und eben hippes Buch auf den Markt, dass sich ausschließlich mit der Liebe zu gebrochenen Buchstaben beschäftigt. Von den vielen Eminem- und 50-Cents-Plattencovern will ich gar nicht anfangen, aber das ist eben auch Amerika, da hat man diesen negativen historischen Beigeschmack niemals so stark empfunden wie in Deutschland.

Ist dies nun ein weiterer Trend, der bald wieder abebben wird? Ich glaube, es könnte anders kommen. Ich denke eher, dass wir Designer nun endlich einen Teil des Repertoire wieder benutzen dürfen, der lange Zeit aus diversen Gründen tabu war, obwohl er so viel Spaß bringen kann. Es ist eher eine Wiederkehr eines Stilmittels, das früher selbstverständlich dazu gehörte und dass wir nun wieder einzusetzen lernen. Es wird wieder reichhaltiger – also Mut zur Fraktur!

Wie komme ich jetzt darauf? Nun, Ralf Herrmann hat bei Flickr eine Group gestartet, die sich Blackletter Today nennt. Eine sehr hübsche Idee!

13 Kommentare

Sebastian

Ich hab mal ein Logo erstellt, eher ein modernes Wappen mit Eichenlaub in sehr reduzierter Form. Dazu ein Spruch in OldEnglish – sieht unverschähmt gut aus. Diese Mischung aus oliver Feldjacke, Weiß und Pink. Buttons an der Tasche – Rock´n´Roll!!

Nee im Ernst – tolle Schriftgruppe.

Chris

Off-topic.
Ehm, Sarah Kuttner ist genial? Na ja, reine Geschmacksache. Ich finde sie ist nur ein kitschiger Ersatz für Charlotte Roche.

Jann

@Chris

Dem kann ich nur zustimmen.

Ralf Herrmann

Danke für den Link. Ich wollte die Gruppe ja erst ankündigen, wenn etwas mehr als 2 Bilder drin sind, aber nun gut. ;-)
Mal sehen, ob sie sich nun schneller füllt …

Gruß,
Ralf

hukl

Also ich bin ja auch Freund der Schwabacher oder der Fraktur. In Berlin Köpenick wo ich aufgewachsen bin gibt es ja einen illustren Mix aus beiden. Ich finde die Formen toll in denen zum Teil viel Liebe zum Detail steckt. Diesen Mischungen aus »Zeitgeist« und gebrochenen Schriften kann ich allerdings kaum etwas abgewinnen. Diese sehen meist einfach furzhässlich aus. Keine Liebe, einfach nur Kanten reingeschnoddert. Auch die Kuttner Schriften in (deiner?) Kollage bringen mich eher zum Davonlaufen. Ich fände es nicht schlimm einfach die traditionellen gebrochenen Schriften wiederzubeleben. Vielleicht hier und da eine Glättung mehr, keinesfalls jedoch die Strichstärke reduzieren wie bei der Fakir. Eigentlich sollten die Buchstaben-Affinen sowieso der breiten Masse da draussen verklickern das gebrochene Schriften auch nicht mit den Nazis zu assoziieren sind. Die Aufklärung der gebrochenen Schrift oder so ;) Ich wollte da eh schon mal Plakat / Flyer gestalten – natürlich mit gebrochenen Schriften – die das Verbot der Nazis von gebrochenen Schriften prägnant ins Bewusstsein ruft. Mich nervt das nämlich das alle möglichen Leute immer wieder die falschen Assoziationen haben. Vielleicht reicht auch schon das Zitat: »Gebrochene Schriften sind undeutsch, Nach Martin Bormann 1941« prominent aufs Format gedruckt in einer fetten Fraktur …

Eigentlich wollte ich da sowieso mal drüber bloggen – ich glaub ich nutze mal die letzten Stunden vor dem Anpfiff ;)

Viele Grüße, John

hukl

Da :) http://hukl.smyck.org/2006/06/09/gebrochene-schriften-eine-geschichte-voller-missverstndnisse/

benjamin

gähn.
der gerrit wohnt hinder dem mond und morgen blogt er über western types. ja, ja  …

Gerrit

Ich hege keinen Anspruch auf Tagesaktualität, was in der Typografie auch eher schwachsinnig wäre.

JoeBlack

»Fraktur Mon Amour« ein spektakuläres, junges und eben hippes Buch«

Ähm, ehrlich gesagt finde ich das Buch nicht so toll. Die Gestaltung ist mal wieder typische Mädchengrafik! Und aus den Fonts Muster zu erzeugen um Seiten zu füllen ist weder spektakulär noch hipp – naja vielleicht gehts am Prenzelberg noch als hipp durch. Das sind doch typografische Ãœbungen die man im 1. Semester so macht oder …?

at

Die im Rahmen der Fußball-WM allgegenwärtigen geometrischen Schriften bringen mich mitunter selbst zum brechen.

tobber

... die geometrische Schrift auf den Trikos der Spieler war die »ITC Bauhaus«, also eine der echten Innovationen deutscher Schriftgestaltung (Herbert Bayer) —selbst wenn der ITC-Schnitt nicht der Gelungenste sein mag —und daher sehr passend zur WM in Deutschland. Hätten die Spieler etwa mit Fraktur-Nummern über das Feld laufen sollen? :) Wohl kaum, und das sage ich als ausgesprochener Verehrer der Gebrochenen!

Den »echten« Bayer-Bauhausschnitt (auch die Versalien passen gut; Bayer hatte damals als Bauhäusler und damit Freund der Kleinschreibung nur die Minuskeln geschnitten) finden Interessierte übrigens wieder in den TeX-Archiven von CTAN: um sich mal einen Eindruck über die freien TeX-Schriften (die sich natürlich auch auf andere Systeme installieren lassen) zu verschaffen: www.tug.dk/FontCatalogue —da findet Ihr auch die »Bauhaus« (leider bislang nicht T1-codiert).

flx

zu den moorstation-schriften zum download:
die sind sowas von stümperhaft digitalisiert, die kann man eigentlich gleich vom download in den papierkorb weiterschieben … sind übrigens dieselben, die bei fraktur mon amour dabei sind.

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