praegnanz.de büro für intervernetzte medien

Gerrit, 19.04.2009

Fünf Argumente gegen die Webzensur

Leider merke ich selbst in einigen Gesprächen, dass bei den »Netz-Laien« ein überwiegend falsches Bild vorherrscht, was Kinderpornographie im Internet angeht. Ich zweifele nicht daran, dass ein Großteil der Bevölkerung die neuen Sperren gutheißt, denn »irgendetwas gegen Kinderpornographie« zu machen, muss ja gut und richtig sein. (Und wer gegen die Sperren ist, macht sich automatisch unbeliebt.) Bei Netzpolitik findet sich heute eine sehr gute Argumentationshilfe. Und dies sind die zusammengefassten Essenzen, die ich allen auf den Weg geben möchte:

1. Kinderpornos finden nicht im öffentlichen Web statt

Man kann nicht »eben mal« danach googlen oder »zufällig« über solche Inhalte stolpern. Bei Kinderpornos sind sich sowohl Täter/Verbreiter als auch Konsumenten darüber klar, dass sie illegal handeln. Der Tausch des Materials geschieht unter der Hand über Mailinglisten, Usenet, DVD-Versand oder über geschützte Bereiche im Web. Sonst würde man es den Ermittlern ja auch sehr leicht machen.

2. Es gibt keinen Kinderporno-Massenmarkt

Es gibt leider oft Verwechslungen mit legaler Erwachsenen-Pornographie, die hier überhaupt nicht zur Diskussion steht (und die natürlich ein milliardenschwerer Massenmarkt ist). Kinderpornos werden in geschlossenen Kreisen getauscht, wobei nicht sonderlich viel Geld fließt, da dies nicht die Hauptmotivation der Täter/Verbeiter ist.

3. Das Internet ist auch jetzt schon kein rechtsfreier Raum

Natürlich ist es schon jetzt möglich, in Zusammenarbeit mit den Hosting-Providern verbotene Inhalte aus dem Web zu tilgen und die Verbreiter zu bestrafen. Das ist auch gut so! Wenn die Server im Ausland stehen, muss man eben den bürokratischen Aufwand betreiben, mit diesen Ländern zu kommunizieren. Ganz normale internationale Polizeiarbeit, die getan werden muss und die in keinerlei Zusammenhang mit den DNS-Sperren für Laien steht. Aber sie kostet natürlich Geld.

4. Die Sperre ist de facto wirkungslos

Wer gezielt nach Kinderpornos sucht, hat auch genügend Erfahrung im Internet, um seinen DNS-Server auszutauschen, dafür muss man bekanntermaßen kein Profi sein. »Zufallsbegegnungen« mit Kinderpornographie halte ich für sehr, sehr unwahrscheinlich. Außerdem ist die Sperre nur im WWW effektiv – Usenet, E-Mail und FTP sind davon unberührt und können weiterhin für illegale Inhalte genutzt werden.

5. Infrastruktur für Sperren begünstigt »echte« Zensur

Man sieht es beispielsweise bei der LKW-Maut und der Vorratsdatenspeicherung: Sobald eine Datenkontrolle oder speicherung für einen bestimmten Bereich eingerichtet ist, weckt dies Begehrlichkeiten bei anderen Interessensvertretern, und es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Musik- und Filmindustrie die Web-Zensurliste mitgestalten möchte. Und natürlich auch der Zugang zu unbequemen politischen Inhalten ließe sich erschweren (wenn auch nicht verhindern, siehe 4).

Fazit

Es ist das alte Lied: Statt die vorhandenen Gesetze und Infrastrukturen effektiv zu nutzen und hier mehr Geld und Personal reinzustecken, werden neue Absprachen und Gesetze beschlossen (teils aus Unwissenheit, teils aus Aktionismus), die wenig kosten und den Wahlsieg sichern sollen, auch wenn sie keinerlei Effekt haben. Wenn etwas eindeutig verboten ist, kann es »richtig« strafrechtlich verfolgt werden, auch im Internet!

20 Kommentare

  1. Tobias am 19. April 2009 #

    Da stimm ich dir 100% zu!

  2. Medienfuzzi am 19. April 2009 #

    Stimme dir zu und halte diese ganze Aktion für Augenwischerei und hohlen Aktionismus. Da steckt bestimmt der paranoide Rollminister dahinter, der mal wieder gegen jeden und alles vorgehen will. Aber Hauptsache wir können der geistigen Unterschicht weiß machen, dass man so Kinderpornografie verhindern kann.

  3. Peter am 19. April 2009 #

    Da nicht zuzustimmen würde an Realitätsverweigerung grenzen. Aber ob unsere Parlamentsinsassen es wirklich nicht besser wissen? Wenn man sich mal in die Lage der Zensursula und des Durchschäublers versetzt, ist diese Aktion doch ein politischer Volltreffer:

    1) Super-Wahlkampfaktion
    2) Preisgünstig in der Umsetzung
    4) Man kriegt seine Zensurinfrastrukur gebaut
    3) Wegen Wirkungslosigkeit der Aktion kann man das Thema bei Bedarf jederzeit wieder aufwärmen

    Was wir hier sehen ist nicht die Stümperei von Internetausdruckern, sondern genau das, was Wolli und Ursula haben wollten.

  4. Jens am 19. April 2009 #

    Also ich kann eigentlich auch nur zustimmen, leider dominiert der Wahlkampf gerade zu sehr diverse Entscheidungen.

    Die selben Symtome sieht man gerade wieder mal im CSU-Land, wo ein Minister Herrmann sich schon nicht mehr aus dem Fenster lehnt, was die Killerspieldebatte angeht, sondern eher schon springt…

    Hoffentlich wachen unsere Politiker endlich mal auf und befragen Leute die Ahnung haben bevor sie Gesetze verabschieden…

  5. Mo am 19. April 2009 #

    Interessant ist auch zu wissen, was mittlerweile alles unter Kinderpornographie gefasst wird: Es ist ja seit November 2008 so, dass sogar die Darstellung von Personen die den Anschein erwecken unter 18 zu sein (Scheinjugendliche) oder auch Literatur und Bildmaterial die eben dieses tun (z.B. einige Mangas) unter den Begriff »Kinderpornographie« fallen.

  6. elexpress am 19. April 2009 #

    Habe auch einen ähnliche Argumente gefunden:
    http://www.elexpress.de/archives/2009/04/18/akzeptiert-die-zensur-und-schaut-weg/
    Beim ersten Punkt muss ich jedoch wiedersprechen, selbst Heise hat schon mal auf eine Webseite verlinkt wo eine Zensurliste angeboten wurde… Wo ist dies nicht öffentlich?

  7. rw am 19. April 2009 #

    Im Familienministerium glaubt doch niemand ernsthaft an die Wirksamkeit dieser Sperre, nicht mal Frau Leyen selbst.

    Das ist einzig und allein Populismus. Es kotzt mich an, dass uns die Politiker für dumm verkaufen. Bei der »Umweltprämie« hat’s ja auch schon geklappt.
    Wann führt dieses Affentheater endlich mal zu Massenprotesten?

  8. KiL am 20. April 2009 #

    »Scheinjugendliche«, wow darunter fallen wohl auch alle Japaner in den westlichen Augen… Das ist wohl echt ein Willkürparagraph. Denn der Schein hängt vollkommen vom Auge des Betrachters ab. Krankes Deutschland.

  9. David am 20. April 2009 #

    Gut, dass der Artikel hier so sachlich bleibt.
    Zensur hin oder her, den Opfern hilft es kein Stück. Und bei dem Gedanken daran, dass dies auch den Initiatoren bewusst sein könnte, es aber dennoch umgesetzt wird, kann einem schon schlecht werden. Selbst betroffene wehren sich gegen die Sperren: Missbrauchsopfer kämpfen gegen Netzsperren

  10. Christian am 21. April 2009 #

    Hallo Zusammen

    Gerade die Journalistische Freiheit und die Kreativität leiden am meisten unter der Zensur!
    Siehe: http://bonz.ch/blog/?p=402

    Liebe Grüsse

    Christian

  11. proPP am 21. April 2009 #

    Danke, wie gewohnt knapp und informatik.

  12. chris am 22. April 2009 #

    wenn dieses Gesetzt greift und funktioniert, dann werden in Zukunft noch weitere Seiten gespeert werden.

    Zum Punkt 2.: Sicher ist das kein Massenmarkt, jedoch bin ich in diesem Fall dafür und das auch die Betreiber strafrechtlich verfolgt werden sofern rechtlich möglich.

  13. Hans Georg Scholz am 22. April 2009 #

    »Das ist auch gut so«.

    Gar nichts ist gut so. Immer wenn diese Lügner und Betrüger, die sich Politiker nennen, die Kinderlein schützen wollen, verbergen sie ihre wahren Ziele.

    Kastriere die Dummheit und die Menschheit stirbt aus….

  14. Dan am 22. April 2009 #

    Schlimm ist Mischung aus: Informations-Tabu, Gutmenschentum und Totschlagargumenten, bei gleichzeitiger (technischer) Wirkungslosigkeit der Maßnahme.

    Die jetzigen Versuche machen das Internet als demokratisches Medium kaputt und optimieren Techniken, die wieder weitere Kontrolleingriffe nötig machen.

    Wer mal richtig bitter lachen will, sollte mal die FAZ/FAS lesen. Dort schreibt nicht nur Susanne Gaschke sehr komisches Zeugs (»Die Netzanbeter«) sondern auch Jasper von Altenbockum (»Pfuhl Internet«). Themen in etwa: Internet und Provider sind böse und müssen zensiert werden, damit das Urheberrecht den Pöbel heilen kann, der gerade meint er könne durch »Goolgle-Wiki-Wissen« und »Raubkultur« seinen Stand wettmachen und bei den Eliten mitreden. Oder so. Am besten man guckt selber, wenn man Interesse an sowas hat und sich gerne gruselt. Ich dachte so was wäre vorbei.

  15. Andreas am 26. April 2009 #

    @Dan: Nein, leider ist es nicht vorbei. Mir scheint, dass es gerade erst wieder anfängt. Wenn es in die Richtung geht, welche ich vermute, nämlich die absolute Zensur, dann gute Nacht Marie.

    So blöd können auch Politiker nicht sein, dass sie nicht kapieren, dass man das Problem an der Wurzel packen muß und nicht irgendwelche Ausläufer mit völlig unwirksamen Mitteln bekämpfen kann.

    @Gerrit: Danke für diesen klasse Artikel.

  16. FreeJack am 4. Mai 2009 #

    Jetzt gibt es auch eine öffentliche Petition dagegen.

  17. Alexander Gehrer am 25. Juni 2009 #

    Ich glaube sogar das die websperren kontraproduktiv sein können:
    Die geplanten Stoppschilder wird man auch automatisiert finden und sammeln können. Oder Pädophile tauschen sich darüber aus – Als Demokratieverfechter und Zensurgegner getarnt.
    Ich hab mal eine Seite ins Netz gestellt die solche Stoppschilderinfos sammeln könnte: http://stoppschilder.de. Wäre so eine Seite illegal? Gibt dort ja nichts mehr zu sehen – ist ja vom BKA gesperrt.

  18. David am 31. August 2009 #

    Es gibt immer wieder auch Möglichkeiten von »öffentlichen« Seiten auf solche Seiten zu kommen. Jedoch denke ich auch, dass man auf solche Seiten nicht »zufällig« kommt.
    Zum zweiten denke ich, dass durch die Zensur unter umständen noch stärker versucht wird hier selbst solche Seiten zu finden. Was verboten ist reizt viele Menschen noch stärker dem Verbot entgegenzuwirken.

Kommentar schreiben

Nutzt Textile zum Strukturieren eures Textes.
SEO-Beiträge werden gelöscht, auch bei thematisch passendem Spam.