Echtes Geld und Web2.0

Nennt mich naiv oder fantasielos, aber ich verstehe diese ganze Geld-Geschichte rund um Web2.0 überhaupt nicht! Ständig ist die Rede von Venture Capital und Börsengang. Kaum erklärt man jemandem, was bestimmte Social-Software-Services so machen und können, schon ist die erste Frage: »Und wo ist da das Geschäftsmodell?«. Und dann geht es fast immer darum, gekauft zu werden, und die Übernahme von Communities und dieser ganze Dreck.

Was soll das eigentlich?

Wenn überhaupt: Geht es nicht dann doch irgendwann darum, auch reales Geld zu verdienen? Kaum jemand redet von direktem, ehrlichem, richtigem Geld! Alle sind nur am Value generaten und Community builden. Ich glaube, es fehlt da ein wenig die Fähigkeit, zwischen solchen Firmen zu unterscheiden, bei denen Geld berechtigterweise ein Thema ist, also Firmen, die reale Umsätze mit echten Kunden machen, und solchen »Firmen«, die sich lieber das Baggersee-Modell auf die Fahnen schreiben sollten.

Stichwort Amazon und eBay. Hier fließt reales Geld, hier kann man investieren, hier ergibt auch ein Börsengang einen Sinn. Aber bitteschön: Services wie Digg (und seine 1.500 Klone ) oder s†udiZV sind nicht zum Investieren geschaffen! Hier fließt kein Geld, es gibt keine Kunden, nur flüchtige User, die genauso schnell weder weg sind, wenn ihnen die Plattform nicht mehr gefällt.

Nur von einer schwammigen Masse an mehr oder minder motivierten Usern kann keine Firma rechtfertigen, Millionen und Millarden an VC zu bekommen. Da kann man ein bisschen Anzeigen schalten, wunderbar. Aber ob sich das auf Dauer rechnet, wage ich zu Bezweifeln. Und wenn das Ganze kostenpflichtig wird, kann man sich selber ausrechnen, was passiert.

Warum geben wir uns nicht mit einem Nachmittag am Baggersee zufrieden? Lasst die first mover ein bisschen Kohle einsacken, aber schielt nicht schon zu Beginn nach einem Porsche auf dem Büroparkplatz! Nur wer mit etwas wirklich Neuem an den »Markt« geht (Warum eigentlich Markt?), kann eventuell mit realem Geld auch realen Gewinn machen, siehe Flickr. Flickr ist überlegen in der Qualität und bietet echten Mehrwert, den viele bereit sind, auch zu zahlen! Das ist echtes Geld, hier muss man gucken.

(Ich weiß, ich kenne mich nicht in der Wirtschaft aus. Aber ich habe ein eindeutiges Bauchgefühl, und das sagt mir: Wenn etwas keinen echten Mehrwert hat, dann sollte nicht so viel Geld den Besitzer wechseln. Da stimmt dann etwas nicht.)

P.S.: Ja, dies ist eine lahmere Reformulierung von Mario Sixtus Thesen aus dem Mai. Aber es wird immer schlimmer zurzeit und die Thesen bleiben absolut richtig, meiner Meinung nach. Deswegen sei es mir erlaubt, die Botschaft nochmal neu zu seeden. Danke.

19 Kommentare

Retrax

Du sprichst mir aus dem Herzen, Gerrit.

Thomas

Na ja, im Grunde schon richtig, aber du übersiehst ein paar Dinge. Google verdient sich mit seinen GoogleAds dumm und dämlich, und was glaubst du was demnächst bei YouTube auftauchen wird. Die deutschen Konkurrenzvideoportale schalten bereits Werbung. Social Networks wie OpenBC/XING machen nur dann Sinn, wenn man die 6 Euro monatlich abdrückt, alles andere taugt nichts. StudiVZ schaltet zwar keine Werbung oder bietet – noch – keine kostenpflichtige Premiummitgliedschaft, aber es sammelt reichlich perfekt verwertbare Konsumentendaten. Mit den Platzhirschen des Web 2.0 kann durchaus Geld verdient werden, richtiges Geld. Im Grunde wird es wahrscheinlich so wo beim letzten Mal sein, die Blase wird platzen, aber ein paar Anbieter wie Ebay, Amazon oder Google haben ja auch damals überlebt.

Simon

@Thomas: »StudiVZ (...) sammelt reichlich perfekt verwertbare Konsumentendaten.«
Für wen verwertbar? Was soll mit den Daten geschehen? Datenschutzrechtlich ist eine Weitergabe der Daten nicht so einfach möglich – eine Einwilligung zur Weitergabe steht auch nicht in den AGB, soweit ich weiß... Ich vermisse gerade bei StudiVZ wirklich – wie auch Gerrit – das Geschäftskonzept und vermute, dass die Hoffnung der Betreiber ist, gekauft zu werden.

Dante

@Simon: Zur Zeit ist StudiVZ nur »berechtigt, Dritte mit der Erbringung von Teilen oder des ganzen Leistungsspektrums zu beauftragen.« (§ 9 AGB) und diesen Dritten natürlich auch die Daten zukommen zu lassen. Was aber ist später, wenn die Datenbank voll genug ist und StudiVZ von der Holtzbrinck Ventures in den Holzbrinck-Konzern zurückgeholt wird. Dann verfügt der Holzbrinck-Konzern über die Profile der Nutzer und deren E-Mail-Adressen. Dann wird das Portfolio mal eben geändert — geht ja aufgrund der AGB. Für die kostenlose Nutzung muss dann man Werbe-Mails in kauf nehmen. Premiumkunden mit monatlichem Beitrag werden davon verschont.
Aller wahrscheinlichkeit werden die Nutzer aber freiwillig ein Profil anlegen, um sich wöchentlich mit den »superneuesten, exklusiven, nur für sie zusammengestellten, wichtigsten, rabrab blablubb …« Links (Werbung) zumüllen zu lassen.
Das ist schon ein Geschäftsmodell, dass sich an Investoren mit Venture Capital verkaufen lässt. Denen wird dann erzählt, das Werbung auf Webseiten nicht so gut läuft und zielgerichtete Werbung effektiver ist. Ja, alles schon bei Web 1.0 beta dagewesen. Aber neben dummen Nutzern gibt es auch dumme Analysten und dumme Investoren.
Einfach eine Tüte Chips holen, ein Bier aufmachen und zuschauen. Zappen erwünscht. :-)

timm

ja, der markt will sich halt alles aneignen, jeder hype wird ausgequetscht wie eine zitrone. es wird jedenfalls versucht.

ich mag das internet, weil da alles umsonst ist.

musste mir sogar mal anhören, ich sei asozial, weil ich mit adblocker unterwegs bin. wenn das alle machen würden!

Kossatsch

Besonders spaßig ist das, wenn der Web-2.0-Entrepreneur versucht, sein fragwürdiges Produkt in die Wikipedia zu drücken, und extremst jammert und zickt, wenn es wieder rausfliegt. Zu beobachten am Beispiel Social bookmarks (Versionen beachten) und hier.

michael alexander wilcke

Das, was hier steht, kapieren die Redakteure der FAZ oder der Financial Times noch ebensowenig wie die Banker und Investoren. Wenn ein Hype hochgejazzt wird, wird das Hirn ausgeschaltet wie bei überstandigen Puffbesuchern. Ich halte auch OpenBC für einen Börsenflop, was kommt denn da an die Börse, ein paar Zerquetschte Gewinn und ein paar Tausend Karteileichen. Steht auch so in meinem Blog, worauf sich der Turi und SinnerSchrader eine Nacht lang gleichzeitig geärgert haben, sorry. Ich glaub, den Baggersee hat der Mario Sixtus erfunden (?). Statt der verkrampften Scheisse doch mal immer wieder zum Baggersee rausfahren  … oder?

paul

Recht hat der Mann.

michael alexander wilcke

@ paul – wer bitte? wer hat recht? der gerrit oder ich? in dem punkt würde ich sagen: beide. muss jetzt praegnanz.de in meine blogroll aufnehmen. kannte das bisher nicht, bin über diese top-100-liste hiehrher reingerauscht. schaut auch mal beim wilcke rein. gerrit: das war spam!

Joern

Man schaue sich nur OpenBC an. Welches erfolgreiche Produkt haben die noch gleich? Und trotzdem gehen sie an die Börse.

Tom

Flickr schreibt auch rote Zahlen, die Traffickosten sind hoch (aber nicht so hoch wie bei Youtube ;-) ) und durch die 2$/Monat, die auch nur eine kleine Minderheit zahlt, wird der Braten auch nicht fett. Die Gründer haben mal gesagt, dass sie sich mehr von den physischen Verkäufen (Bilder, Poster, etc.) erhofft hatten, die Zahl der Bestellungen pro Monat aber im zweistelligen Bereich liege.
Youtube verliert Millionen durch die extremen Bandbreiten und wurde nur durch Venture Capital am leben gehalten. Flickr ging an Yahoo, Google hat sich Youtube ergattert. Sinn? Es ist »in« ein Social Network zu haben, und ein paar Mrd haben sie schließlich immer in der Hosentasche, nur so für den Fall ;-)
Und jetzt erzählt mir nicht, das würden sie durch Werbung wieder reinholen! Selbst wenn sie die Seiten mit Bannerads zukleistern würden (wodurch sie natürlich auch wieder Kundschaft verlieren würden), kämen sie vielleicht zu schwarzen Zahlen, aber das würde noch keine 1,6 Mrd rechtfertigen.
Friendster will 100$ pro Mitglied haben. Naja, vielleicht ist das sogar in Ordnung, wenn die Mitglieder loyal sind und sagen wir mal 20 Monate lang 20 Pageviews pro Tag und Person haben, wären das 12.000 Pageviews oder 0.83 Cents pro View. Gut, wahrscheinlich sind viele Mitglieder nur selten online oder wandern nach ein paar Wochen wieder ab, aber zumindest scheint es nicht mehr völlig aus der Luft gegriffen. Oder?

Sebastian Freund

Ich glaube das 1.6-Mrd-$-Märchen nicht. Ich glaube, dass das ein gut inszeniertes Marketingstück eines schon mit Google-Geld aufgebauten Me-2-Dienstes war. (Der Haupt-Venture-Kapitalgeber war der gleiche.)
Wäre Youtube in der tagesschau erwähnt worden, wenn Google angemessene $160.000 dafür bezahlt hätte?
Günstigere Werbezeit hätte Google kaum bekommen können.
Womit wir wieder beim »realen Geld« wären.

Daniel Reckling

Die Lukrativität der genannten Dienste unterscheidet sich meiner Meinung nach stark. Bei Flickr und anderen verstehe ich auch nicht, wie damit Geld gesammelt werden kann.

StudiVZ ist dagegen in meinen Augen ein Erfolgsprodukt, was auch wirtschaftlich auswertbar ist. Geld ist hier nicht bei den Nutzern, aber bei Werbetreibenden zu holen. Gerade bei Studenten – einer jungen und gegenwärtig/in fünf Jahren höchstwahrscheinlich solventen Zielgruppe – lassen sich hier ganz neue Kampagnen fahren, da sich ein neuer Kanal eröffnet, diese Gruppe zu erschließen.

Die Ankündigung des ZEIT-Probeabo fand ich dabei nicht so klasse, wie die Promotion zum Start des neuen Albums von Juli. Die Idee ein Gewinnspiel an eine Gruppen-Mitgliedschaft zu knüpfen ist in sofern spannend, da meine Teilnahme an dem Gewinnspiel sofort für alle Besucher meiner Profilseite sichtbar wird. Meine Bekannten stoßen unter Umständen also durch mich auf das Gewinnspiel und der viel beschworene virale Effekt setzt voll ein.

Gleichzeitig wäre es für werbende möglich, auch nur bestimmte Mitglieder des StudiVZ anzusprechen, um Streuverluste zu vermeiden. Ob ich den Filter jetzt geografisch, studienfachspezifisch, nach politischer Ausrichtung, Beziehungsstatus etc. oder sogar einer Kombination wähle – es gibt viele Möglichkeiten für ganz neue Werbeformen in solchen Netzwerken und das könnte sich m.E. am Ende lukrativer als die starren 6 Euro / Monat wie bei openBC gestalten.

Tom

Bubble 2.0 läßt grüßen. Ist doch schön bei 1.0 dabeigewesen zu sein und den selben Lemmingstrom nochmal zu sehen. investiert solange die Aktien anziehen weil wir wissen ja was in 1-2 jahren passieren wird ;-) einige werden sich dumm und dämlich verdient haben und einige alles verloren ….

lemming

Mit Werbung lässt sich wirklich unheimlich viel Geld verdienen. Hast du ja selber gesehen, Gerrit. Nur ein zwei Zeilen über die Tokio Hotel-Fans und schon rennen dir die Mädels die Bude ein.
Das hat jetzt nichts mit Web 2.0 zu tun, aber wo Menschen sind, da ist ein Werbemarkt.
Ich verdiene pro Tag $US 1,- an einen Blogeintrag den ich mal über »Die Welle« geschrieben habe. Da schlagen täglich 30 Kids auf und wollen einen Aufsatz. Besonders an dem Wochenende, bevor in einem Bundesland die Ferien vorbei sind.
Und jetzt spezialisier dich mal auf das Thema und du hast schon ein profitables Geschäft – allein durch Werbung, denn der Traffic reißts nicht raus.
Seth Nickel hat mal auf der GUADEC 6 einen Vortrag gehalten, in der er die Entwickler des GNOME-Desktops dazu aufstachelte GNOME sexy zu machen – etwas zu programmieren was die Leute wollen.
Napster war sexy, weil man damit MP3s saugen konnte.
Google ist sexy, weil die superschnell sind und das Internet in einer 1:1-Kopie in ihrer Datenbank haben.
Youtube ist sexy, weil man wirklich jedes kranke Video dort finden kann.
Seth hat das alles an einem Kondom veranschaulicht. Etwas das auch jeder will, weil man es braucht um etwas zu bekommen, was man haben will.

Wenn man es gut brauchen kann und der erste ist (sieh die Liste oben), dann kann wirklich viel Geld ins Spiel kommen. Selbst mit Werbung, siehe AdSense, Textlink, etc.

lemming

Ach ja mein endgültiges Fazit:
Ja, mit Werbung kann man Geld amchen. Siehe:
http://www.desdegdl.com/blog/media/small_cheque_2.jpg

Sandra

Interessante Artikel zum Thema »Web2.0 Geschäftsmodelle« unter http://tourismus-weblog.fh-heilbronn.de/web2.0/archives/web_20_geschaeftskonzepte/index.html

Christian

Interessante Diskussion.
Bei einigen Punkten muss ich zustimmen, dass sich die Gründer nicht über ein Geschäftsmodell Gedanken gemacht haben.
Das Beispiel facebook (US-Vorreiter von StudiVZ) zeigt aber, dass sich sehr wohl mit web2.0 Unternehmen Geld verdienen lässt.
Auch stelle man sich vor, dass youtube 10 Sekunden Werbung vor die Videos schaltet (zB unter Teilung des Gewinns mit den Urhebern). Bei 100 Mio abgerufenen Videos pro Tag macht das selbst bei 1 Cent pro Video die schöne Summe von 1 Mio Umsatz pro Tag! Bei höheren Beträgen entsprechend multipliziert.
Daher Zustimmung, dass nicht alle web2.0-Modelle funktionieren werden. Die Vorreiter und Marktführer können aber durchaus sehr gutes Geld verdienen.

Anna Vorkudanz

hm, Leute macht Euch mal ein Bier auf. Das Problem ist, daß selbst unsere Nachfahren mit den modernsten Computern es nicht schaffen werden, den Mediamüll auszuwerten. Daher kann auch niemand, sich den Mediamüll komplett ansehen. Die Werbebudgets werden ja nicht größer, sie verteilen sich nur. Unendlich können sie sich nicht verteilen, da sie begrenzt sind. Es wird also auf ein web. 3.0 rauslaufen. Kapitlagesellschaften werden also wervolle Inhalte zusammen mit der Community auf den Markt werfen um ihren Marktwert zu steigern. Alles im Sine der User. Freut Euch! StudiVZ ist Nachfolger von Uni.de, einstmalig für 60 Mio Dmark verkauft, jetzt pleite. StudiVZ ist ein geniales Produkt, die gesamte Bildungselite mit all ihren sexuellen Problemen gläsern! Kenn ihr Euch noch an die Disckussion erinnern, wo man befürchtetet Cokkies könnte einen Auspionieren? Lol Lol Lol

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