DIE ZEIT auf dem iPad

… ist eine seltsame Chimäre. Und hat einen bescheuerten Namen: ZEIT ONLINE plus App. Man kann mit dieser kostenlosen Applikation nämlich sowohl die wöchentlich erscheinenden Printausgaben von DIE ZEIT (nebst ZEIT MAGAZIN) erwerben und konsumieren, als auch auf die aktuellen Inhalte der Website zugreifen. Beide Modi sind voneinander getrennt und funktionieren auch ein wenig unterschiedlich.

Zunächst mal zu den Inhalten des Printmagazins. Im linken Drittel des Bildschirms befindet sich dauerhaft die Inhaltsangabe (oder »Navigation«, wenn man möchte), während auf der rechten Seite die einzelnen Artikel dargestellt werden (Der Hochkantmodus macht aus der linken Spalte ein PopOver, wie man das beim iPad gewohnt ist). Wählt man einen Artikel aus der Navigation aus, landet man zunächst üblicherwesie auf einer reduzierten Nur-Text-Version ohne besondere Gestaltung. Es ärgert ein wenig, dass man es nicht für nötig gehalten hat, irgendeinen Modus zu finden, um diesem nackten Text automatisch (oder halb-automatisch) um Bilder und Illustrationen zu bereichern. Die Devise lautet »Entweder oder«: Wem der nackte Text nicht schmeckt, wechselt per Knopfdruck zum jeweiligen Original-Printlayout. Dieses ist wiederum nicht sonderlich komfortabel, da die ZEIT bekanntermaßen ein riesiges Format besitzt und man sich den Wolf zoomen und scrollen muss, um die Texte halbwegs lesen zu können. Und dann die schreckliche Darstellung der Schrift! Offenbar handelt es sich um Pixelgrafiken, die hier gezoomt werden, nicht etwa um ordentliche PDF-Daten,bei denen sich ja nach ein paar Sekundenbruchteilen immer eine gewisse Schriftschärfe einstellt, wie man beim Betrachten von PDFs im GoodReader oder über iBooks beobachten kann. Umso blöder ist die Tatsache, dass es für das beigelegte ZEIT MAGAZIN gar keine Nur-Text-Version gibt. Das Herumeiern mit den Layout-Seiten ist so grauenvoll, dass man das schnell wieder sein lässt und dankbar für die Textwüsten der »großen« Hauptzeitung ist.

Die Darstellung und Handhabung der Website-Inhalte (»ZEIT ONLINE«) hingegen ist besser gelungen! Hier haben die einzelnen Artikel sogar Bilder und Bildunterschriften, sowie Kommentare und Links zu verwandten Artikeln. Das Layout ist übersichtlich und animiert zum Stöbern. Sichtbar sind jeweils bis zu fünf Artikel aus jedem der Ressorts – zusätzlich Bildergalerien und diverse Videoclips. Übrigens: ZEIT ONLINE auf dem iPad ist werbefrei und verzichtet angenehmerweise auch auf den ganzen kleinteiligen Icon-Schrott der öffentlichen Website. Diese könnte sich von der eleganten Schlichtheit der App auch noch einige Scheiben abschneiden…

Insgesamt wirkt die ZEIT-App durchaus komfortabel und aus lesetypografischer Sicht gut gestaltet. Doch bei der Umsetzung der Print-Artikel muss noch einmal nachgearbeitet werden: Die krasse schwarz/weiß-Entscheidung zwischen totaler Textwüste und hübschem, aber unlesbaren Originallayout muss einem Kompromiss weichen. Entweder man erstellt ein eigenes, adaptiertes Layout für jeden einzelnen Artikel der iPad-Ausgabe (wie es WIRED macht), oder man erfindet einen Algorithmus, mit dem man zumindest die Fotos und Illustrationen aus dem Print-Layout irgendwie sinnvoll automatisch platzieren und nutzbar machen kann. Das wäre den hochwertigen Inhalten, die die ZEIT eigentlich immer noch zu bieten hat, durchaus angemessen. Und der direkte Hamburger Konkurrent DER SPIEGEL schafft das ja auch.

Als Hintergrund vielleicht nicht uninteressant: Chefredaktuer Giovanni di Lorenzo redet im Interview mit Horizont über Geschäftsmodelle, Internet und den ganzen Kram. Naja.

5 Kommentare

Nils Hörrmann

Insgesamt wirkt die ZEIT-App durchaus komfortabel und aus lesetypografischer Sicht gut gestaltet

Vor einigen Wochen habe ich mir die erste Version der Zeit-App genauer angesehen. Mit dem ersten Update hat sich ja schon einiges verbessert, aber findest Du wirklich, dass die App »lesetypografisch« durchdacht ist? Der Text sitzt meines Erachtens furchtbar eng, was gerade bei den entstehenden Textwüsten das Lesen sehr erschwert.

Ich habe zwei Fragen:

- Hältst Du die funktionale Unterscheidung zwischen eingebundener Webseite und der Zeitschrift für sinnvoll?

- Welche Chancen räumst Du einer App ein, die letztlich nur die Webseite und das E-Paper anzeigt?

Es ist ja nicht so, das die Verlage nicht Jahre Zeit hatten sich auf den digitalen Markt vorzubereiten. Mich wundert wie unkreativ, teilweise uninspiriert nun ihr Umgang mit dem iPad ist. Sowohl gestalterisch als auch konzeptionell.

Mich würde interessieren, was Du von der App der Frankfurter Rundschau hältst, die – als Tageszeitung – das Layout des Time-Magazins adaptiert.

Benjamin

Ich kann nur jedem einen Blick auf die iPad-App der »Frankfurter Rundschau« empfehlen.
Zoombare Nur-Text-Version im Hochkantmodus, für das iPad optimiertes Spalten-Layout im Quermodus.
Das ganze kommt angereichert mit sinnvollen multimedialen Inhalten.

Gerrit

@Nils: Ich komme mit der Lesbarkeit und Ãœbersichtlichkeit gut klar. Ja, man kann vielleicht über den Zeilenabstand reden, aber Schriftgrad, Zeilenlänge, Weißraum drumherum usw. passen meines Erachtens gut.

Was den Umgang der beiden Welten »DIE ZEIT« und »ZEIT ONLINE« angeht, erlaube ich mir kein echtes Urteil. Es ist eine verdammt komplexe Fragestellung, ob man sowas eher trennt oder eher zusammenfasst. Prinzipiell ist es schon sinnvoll, wenn man die losen tagesaktuellen Berichte deutlich vom wöchentlich erscheinenden, aufeinander abgestimmten Themenmix abgrenzen kann, andererseits wäre natürlich eine Verknüpfung/Vertiefung sinnvoll – also eine Sprungmöglichkeit in beide Richtungen. Dies wiederum muss unaufdringlich und klug gestaltet sein, um nicht zuviel abzulenken.

iPad-Apps, die quasi nur als aufgemotzter PDF-Reader fungieren, werden nur dann eine Chance haben, wenn das Format und Layout der Originalzeitung so schlicht ist, dass es auch auf dem iPad ohne allzuviel Rumgezoome konsumierbar ist. Bei der brand eins geht’s gerade noch – aber bei den allermeisten anderen Magazinen ist das kritisch und wird auf Dauer keinen Bestand haben.

Größere Hoffnungen mache ich mir da schon in Bezug auf automatisiertes, mediengerechtes Layout. Flipboard macht vor, wie das brauchbar funktionieren kann.

@ Ben: Dann kommt das als nächstes :-)

Christopher

Ich bin mit der App als ZEIT-Leser auch sehr zufrieden. Sehr angenehm zu benutzen und zu lesen und es spart das Surfen mit dem Safari, der dann doch gerne mal über die Seite springt oder nach dem Laden der Inhalte die Größe verändert.
Was mich als zahlender Abonnent jedoch massiv stört, ist die Preisgestaltung. Ich habe mich dazu hier mal subjektiv und konstruktiv ausgelassen, worauf ich von ZEIT Online auch eine Rückantwort bekommen habe (sehr positives Signal!).

Markus

Schließe mich Benjamin an: Die beste Umsetzung auf dem iPad von deutschen Zeitungen kommt bisher von der Frankfurter Rundschau. Keine 1:1-Umsetzung sondern optimale formale Anpassung der Inhalte an das Medium.

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