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Gerrit, 01.06.2010

Die WIRED auf dem iPad

Wenn man sich die WIRED-App für das iPad herunterlädt, ist man zunächst ein wenig fassungslos: 500 MB ist das gute Stück schwer. Auf einem 16GB-Gerät, wie ich eines mein Eigen nenne, werde ich also realistischerweise nie mehr als eine oder zwei Ausgaben lagern können, es sei den, ich verzichte auf alle anderen Inhalte. Grund für diesen großen Ballast: Integrierte Vieosequenzen und die Tatsache, dass sämtliche Seitenlayouts komplett als Bilder existieren und nicht auf dem Gerät gerendert werden. Das hat natürlich Vor- und Nachteile, zeigt aber auch gleich das Selbstverständnis, mit dem hier an die Sache rangegangen wird: Wir sind göttliche Designer, nutzen die göttlichen Adobe-Werkzeuge zum Gestalten und lassen uns nicht von irgendwelchen Usern in die Suppe spucken, die das Layout an ihre Bedürfnisse anpassen wollen. Oh nein!

WIRED app

Die Wired besteht aus einzelnen Vollbildseiten, die es jeweils in zwei Versionen gibt: Hochkant- und Querformat. Beide Versionen sind individuell und manuell gestaltet – hier wird nichts automatisch berechnet, und das ist ja prinzipiell auch löblich. Weniger toll: Man kann nicht zoomen, und eine abgespeckte Textversion ist auch nicht vorgesehen. Überhaupt ist das Layout komplett versiegelt und wirkt wie gedruckt – man kann nichts damit anstellen, außer weiterblättern und ein bisschen darin rumtippen, wenn es ein »interaktives Element« zu entdecken gilt.

Diese »interaktiven Elemente« wirken genauso dröge und veraltet wie sie klingen: Man klickt sich durch die eine oder andere Bildergalerie und hört sich ein Soundschnipselchen an. Videos gibt es auch, werden aber nicht inline dargestellt, sondern ausschließlich im Vollbildmodus. Das ganze wurde von vielen Kritikern als moderner Aufguß der Multimedia-CD-ROMs der frühen Neunziger bezeichnet, und genau das ist es auch. Die Interaktion ist auf exakt vorberechnete Bahnen beschränkt. Das digitale Medium schrumpft zum Abklatsch der Printvariante, nicht zu einer mediengerechten Aufbereitung der Inhalte.

Natürlich ist das Heft toll anzusehen! Die Schrift ist okay lesbar und alles sieht super-stylisch, durchgestaltet und modern aus (natürlich im Bubblegum-US-Look, aber das ist ja eine kulturelle Sache). Auch die Performance stimmt: Die Seiten lassen sich pfeilschnell und superflüssig durchblättern, das flutscht alles wie am Schnürchen. Kein Wunder: Wenn alle Seiten schon vorberechnet sind, hat das iPad nur noch stumpf ein paar Pixel durch die Gegend zu schieben.

Zugegeben: Der normale Leser interessiert sich nicht für die Technik dahinter. Aber auf dem iPad wird man andererseits laufend so konditionert, dass man Texte und Bildausschnitte vergrößern kann. Man versucht das auch bei WIRED ständig, und es klappt nicht. Das Magazin müsste sich also deutlich mediengerechter und flexibler verhalten, wenn ich es wirklich ernst nehmen soll.

Außerdem störend: Wahnsinnig viel Werbung! Die ist zwar auch mit viel Handarbeit komplett doppelt gestaltet worden (hoch und quer), aber es nervt bei einem 4-Euro-Magazin ohne Druckkosten schon enorm. Anders als die meisten anderen Magazine bringt WIRED für jede monatlich erscheinende Ausgabe eine eigene Applikation heraus. Das kann man gut oder schlecht finden, aber wahrscheinlich ist es sogar praxisnah, denn mehr als 3 oder 4 Ausgaben will man aus Platzgründen eh nicht behalten.

Die WIRED ist ein netter Versuch von Adobe, auch die klassischen Printdesigner mit auf den digitalen Zug zu nehmen. Sie können weiterhin mit InDesign arbeiten und haben pixelgenaue Kontrolle über die gesamte Visualität. Das macht auf den ersten Blick Eindruck. Auf den zweiten Blick ärgert man sich jedoch, wie sehr damit die Möglichkeiten eines digitalen Mediums ignoriert werden. Da ginge viel mehr, wenn man denn mal die Kontrolle aufgeben wollen würde.

17 Kommentare

  1. Thomas am 1. Juni 2010 #

    Wir sind göttliche Designer, nutzen die göttlichen Adobe-Werkzeuge zum Gestalten und lassen uns nicht von irgendwelchen Usern in die Suppe spucken, die das Layout an ihre Bedürfnisse anpassen wollen.

    Tschuldigung, aber das ist unterste Schublade. Was hat denn die Größe der App (bzw. deren Inhalte und Qualität) damit zu tun, mit welchen Werkzeugen diese erstellt wurde?
    Das klingt ein bisschen nach Adobe-Bashing, weils der Guru vorgemacht hat..

  2. Gerrit am 1. Juni 2010 #

    Ich habe schon über Adobe gelästert, als Steve Jobs noch bei NeXT gearbeitet hat, nur soviel dazu.

    Warum ich in diesem Zusammenhang auf Adobe eingehe? Weil die WIRED-App eine explizite Kooperation von WIRED und Adobe ist, und als Prestige-Projekt angepriesen wird.

    Und ja, die Größe und Qualität einer App hat sehr oft etwas damit zu tun, mit welcher Technologie sie erstellt wird. Da gibt es so einen komischen Zusammenhang zwischen »Ursache« und »Wirkung«.

  3. hans am 1. Juni 2010 #

    trotzdem ist der seitenhieb auf adobe irgendwie unprofessionell, genauso wie dein flash-gebashe. du versuchst immer sachlich zu erscheinen, aber im prinzip bist du ein grenzenlos verstrahlter fanboy. und gerade als deutscher über amerikanisches webdesign lästern ist auch etwas seltsam, aber über USA lästern is ja auch grad modern.

  4. Gerrit am 1. Juni 2010 #

    Ich versuche sachlich zu erscheinen? Das ist mir neu! Ich pflege hier einen äußerst subjektiven Umgang mit allem, sonst würde mir das alles keinen Spaß machen. Und Fanboy bin ich gerne mit Leib und Seele, und habe auch daraus nie einen Hehl gemacht.

    Willst Du sachliche Informationen kaufen, musst Du halt eine c’t Dir kaufen.

  5. Arno Nym am 1. Juni 2010 #

    »Israelische Websites sind total mieß gestaltet. Und die von BP ist auch doof.«

    Bin ich jetzt modern?

    tss, komischer hans..

    Back To Topic:
    Interessanter Einblick, freue mich auf den nächsten Test.

  6. Frager am 2. Juni 2010 #

    Nur Bilder? Also nichts mit Suche? Oder ist die wenigstens irgendwo drangeflanscht?

  7. Der Aysberg am 2. Juni 2010 #

    Das Bashing, das ich als keines erachte, stört mich weniger als der iPad-Hype in den Medien – auf einer Stufe mit Lena ;-)

    Um aber bei Deinem Artikel zu bleiben: Was Wired hier veranstaltet entspricht dem, was viele Webdesigner Grafiker Ende der 90er taten: Webseiten in Grafiken zu gießen und als Bild ins HTML zu packen – mit all den bekannten Nachteilen.

    Dass Wired eigentlich was vom Thema verstehen sollte, wir nicht mehr Ende der 90er sind und so etwas auf dem amazing fascinating great incredible unbelievable iPad passiert, wäre eines viel größeren Bashes würdig – oder man sollte sowas komplett ignorieren.

  8. Christian am 2. Juni 2010 #

    Was meint eigentlich VoiceOver zu den PNGs? Liegt da noch eine alternative Textversion dahinter oder bleiben diejenigen außen vor, die VO brauchen?

  9. Stromkopf am 2. Juni 2010 #

    hm, das ist ja nun wirklich wieder so ein typischer fall bei dem ein paar ohne frage kreative und talentierte köpfe am medium vorbei gestalten. deshalb kann ich deinen vorwurf zum scheinbar megalomanischen ego der kreatoren bedenkenlos unterschreiben. ich dachte die zeit in welcher versucht wird printmedien auf elektronischen anzeigegeräten zu imitieren wäre langsam mal vorbei…

  10. Simon Wehr am 2. Juni 2010 #

    Ich selbst bin göttlicher Designer, nutze die göttlichen Adobe-Werkzeuge zum Gestalten und lasse mir nicht [gerne] von irgendwelchen Usern in die Suppe spucken, die das Layout an ihre Bedürfnisse anpassen wollen. Beleidigt fühle ich mich hier nicht.

    Ein Design kann perfekt gestaltet und trotzdem flexibel sein – das ist längst erwiesen! Wenn alles festgelegt sein soll, mache ich eben Fernsehen oder Print.

    Und 500MB finde ich doch sehr happig. Gerade in Zeiten von UMTS etc. sollte Dateigröße (wieder) eine Rolle spielen.

  11. Dirk am 2. Juni 2010 #

    Ich halte dem Spiegel als auch WIRED für den Moment zugute, dass Sie den Schritt auf den iPad so früh gewagt haben und damit zu den ersten gehören, die sich mit dem neuen Sofacomputer auseinandersetzen.

    Die Diskussionen darüber, ob der iPad die Verlage rettet oder nicht, ist hinfällig zu diesem Zeitpunkt. Jetzt ist eher Sturm und Drang angesagt und noch es werden wohl noch einige Experimente folgen. Sowohl der Spiegel (der durch Abwesenheit von Layout glänzt) als auch WIRED (die dem Design alles andere unterordnen) sind Extreme, die wohl mittel- und langfristig in dieser Form nicht überlebensfähig sind. Aber sie sind verfügbar und die Kritik der Anwender zeigt die Richtung, in der die Entwicklung weitergehen muss. Ich finde »branded browser« Apps wie die Focus- oder n24-App viel nerviger, denn die bieten NULL Mehrwert gegenüber der auf dem iPad hervorragend lesbaren Webseite.

  12. Heiner am 2. Juni 2010 #

    Besorg dir mal einen Flattr-Button. Den möchte ich jetzt nämlich drücken. Guter Beitrag.

  13. Heiner am 2. Juni 2010 #

    Oh, hatte ich nur übersehen. Aber umso besser. Gedrückt!

  14. Martin (Grafiker) am 2. Juni 2010 #

    Es fehlt einfach noch an den geeigneten Werkzeugen, um so ein iPad-Magazin zu erstellen. Interface Builder kann – so nett er für Software-Entwickler ist – das nicht leisten. Da gibt es noch nicht einmal die Möglichkeit den Durchschuss frei zu wählen. Auch in HTML{5} und CSS{3} zu layouten, dürfte ohne die entsprechenden Werkzeuge für ein periodisches Magazin noch zu umständlich oder zu einschränkend sein. Es braucht ein Programm wie Interface Builder mit allen notwendigen Layout-Optionen und typografischen Feinheiten eines InDesign. Möglich das Apple mit Gianduia einen brauchbaren Prototyp für diese Lücke bringt.

  15. Gerrit am 2. Juni 2010 #

    Es ist wahr: Keine Suche und kein VoiceOver bei der WIRED. Es handelt sich wirklich um doofe PNG-Dateien, die ohne Text im Hintergrund auf den Bildschirm gemalt werden.

    Fairerweise muss man sagen, dass das Lesen schon generell Spass macht – wenn man auf die kurzen und etwas oberflächlichen Artikelchen der WIRED steht. Die Frage ist, wann es anfängt, sich abzunutzen.

  16. Gerrit am 3. Juni 2010 #

    @Martin: Stichwort Werkzeuge: Wäre das nicht eine St0ßrichtung für Adobe? Statt InDesign sollte man lieber Dreamweaver mit einer Magazin-Funktion ausstatten, ein ordentliches HTML/JS-Framework für Touchgesten draufsatteln, und dann schicke HTML-basierte Magazine rendern lassen, die vielleicht sogar semantisch und barrierearm sein können?

    Möglich ist das.

  17. Martin (Grafiker) am 4. Juni 2010 #

    @Gerrit: Das sehe ich ganz ähnlich. Allerdings denke ich nicht das Dreamwever in seiner aktuellen Form die richtige Basis wäre. Wünschen würde ich mir eher eine Art InDesign-Spin-off.

    Gute Beispiele dafür was so ein HTML5-Layout-Programm alle leisten könnte und müsste, finden sich ganz aktuell auf www.apple.com/html5/

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