Die Frankfurter Rundschau auf dem iPad

Bisweilen kommen bemerkenswerte Produkte von überraschenden Anbietern! Als Leute wie ich angefangen haben, über Magazine auf dem iPad nachzudenken, kamen zunächst in erster Linie Wochen- und Monatsmagazine in Frage. Man sah die Vorab-Versionen von WIRED und Popular Science+ und schwankte zwischen Bewunderung und Spott, aber war sich immer bewusst, dass ein solch individueller Aufwand für jeden einzelnen Heftbeitrag nur ein von großen Medienkonzernen subventionierter Gag sein konnte, der sich niemals refinanzieren lassen wird. Zu individuell ist die Ausgestaltung der einzelnen Artikel, zuviel Gimmicks, Magie und Handarbeit sind involviert.

Nun kommt die kleine deutsche FR daher und hat offenbar den Anspruch, täglich(!) eine Art Mini-WIRED herauszugeben. Nicht inhaltlich natürlich, sondern von der Art der Produktion. In der FR-App ist jeder Artikel (in der Queransicht) individuell gestaltet, und manche Stücke protzen mit interaktiven Funktionen wie aufklappbaren Infografiken, Bildergalerien, einzeln scrollbaren Kommentarspalten, Inline-Tab-Navigationen und anderem Schnickschnack, den wir so oder so ähnlich schon von WIRED kennen.

Bei der FR ist das Verhältnis zwischen Spielerei und Information jedoch angenehmer und mediengerechter gewählt. Die interaktiven Funktionen animieren zum Weiterlesen, ohne zu sehr abzulenken. Sagen wir es so: Die Printausgabe des Focus zu lesen ist deutlich non-linearer und stressiger.

Grob betrachtet ist die FR ein fast schon klassischer Zweidimensionalscroller mit fix layouteten Einzelseiten: In der Horizontalen kann man zwischen den einzelnen Artikeln swipen; Läuft ein Stück über mehrere Seiten, sind diese vertikal untereinander angeordnet. Das Blättern geht flüssig von der Hand und verhält sich so, wie man es erwartet. Selbstverständlich fehlen nicht diverse Inhaltsverzeichnisse und Übersichten für das schnelle Springen zu bestimmten Inhalten innerhalb eines Heftes.

Dreht man das iPad in der Artikelansicht um 90 Grad, erscheint eine automatisch layoutete Hochkantansicht, die – grob gesprochen – nur aus Headline, Artikelbild und einspaltigem Fließtext besteht. In diesem prosaischem und automatisch generierten Layout lässt sich dann aber der Schriftgrad anpassen. Und im Gegensatz zur brand eins merkt sich die App auch den eingestellten Schriftgrad für zukünftige Artikel.

Neben all den positiven Eigenschaften, zu denen auch der geringe In-App-Purchase-Preis von 79 Cent pro Ausgabe zählt, gibt es jedoch auch Kritikpunkte. Am augenfälligsten ist hierbei die Screentypografie: Während der normale Serifen-Fließtext noch halbwegs klar geht, entsteht beim recht häufig eingesetzten Grotesk-Counterpart ein sehr unregelmäßiges Schriftbild, was an der schroffen Pixelglättung sowie der nicht einheitlichen Zerknautschung von Buchstabenformen liegt. Die Punze des kleinen e ist beispielsweise mal zwei, mal drei Pixel breit; Das kann ja eigentlich nicht gut gehen. Was immer hier für das Rendering zuständig ist – die eingebaute PDF-Funktionalität von iOS ist es nicht! Siehe 1:1-Screenshot:

Des weiteren gibt es für meinen Geschmack zu häufig kleine Textkästen von vielleicht 400×400 Pixeln, in denen mehr Text steht als eigentlich hineinpasst, und in dem man dann swipenderweise herumfingern muss. Dieses kleinteilige Herumgescrolle ist schon ziemlich lange out und sollte meiner Meinung nach keine Rennaissance auf dem iPad erleben dürfen.

Ansonsten gibt es nicht allzuviel zu meckern! Bleibt die Frage, ob es sich die FR auf Dauer leisten kann, jeden Tag aufs Neue ein Team von geschätzten 5 bis 7 Experten mit der Aufbereitung der iPad-App zu beschäftigen. Höchsten Respekt von mir an dieser Stelle – ich bin gespannt, ob und wie sich das auf Dauer auszahlt!

8 Kommentare

Gerrit

Was das Fontrendering angeht: Ich vermute die Photoshop-»Scharf«-Glättung dahinter. Es könnte sich also um Pixelgrafiken handeln, die hier als Text eingesetzt werden. Uncool.

Eric

Ich finde die FR auf dem iPad auch sehr gut. Was man noch erwähnen könnte: die Ausgaben sind immer noch recht groß (ca. 80 MB – also ohne WLAN kein Download) und archivieren kann man sie leider auch nicht. Was mich noch nervt ist, dass die Ansicht bei langen Artikeln beim Wechsel von hoch zu quer und zurück immer an den Anfang des Artikels zurück springt und man seine aktuelle Lesestelle verliert. Aber der positive Eindruck überwiegt deutlich und ich lese wieder häufiger morgens »Zeitung«. Ob das jetzt Text als Pixelgrafiken sind oder nicht ist mir eigentlich egal.

Gerrit

@Anselm: Gäähn.

Marcel

Genau so umgesetzt wie die FR ist übrigens auch der kleine Kölner Stadt Anzeiger, welcher ebenfalls vom DuMont Verlag herausgegeben wird. Vielleicht werden die iPad Ausgaben zentral gefertigt, evtl. sogar mit analogen interaktiven Inhalten? In diesem Hinblick kostentechnisch machbar.

Martin Thiemann

Hi Gerrit,
die Frankfurter Rundschau wird mit Woodwings Content Station (in Verbindung mit Indesign) realisiert. D.h. die InDesign-Layouts werden werden als »Dossier« verpackt (2x für vertikal und horizontal) und in der Content Station mit anderen Dokumenten zu einem Paket geschnürrt. Dabei werden die Layouts fürs jeweilige Gerät (iPad) in nativer Auflösung vom Woodwing-Tool gerendert. Im Prinzip ist die App eine Pixelbild-Slideshow (Dateigröße!)
In der New Yorker-App (mit Adobe Digital Publishing Suite erstellt) sieht man den Vergleich von nativer iOS-Schriftglättung und Adobe Content Builder-Rendering (vergleichbar zu Woodwing Content Station) sehr gut. Komischerweise wurden einige Layouts mit Indesign, andere mit HTML (Text markierbar) in der App umgesetzt.
Das native Rendering ist insgesamt besser, Nachteile wie fehlende Silbentrennung gibt’s aber auch …
Danke für deinen Review und viele Grüße,
Martin

Michael

> ca. 80 MB – also ohne WLAN kein Download

Verstehe ich jetzt nicht. Das iPad hat doch UMTS, oder? Zumindest gibt es eine UMTS-Version, so viel ich weiß…

Willi

@Michael: Man kann im App Store über 3G nur maximal 20MB runterladen. Alles darüber hinaus muss über eine Wifi-Verbindung oder einen Computer heruntergeladen werden. Ist also nicht technisch bedingt, sondern eine Software-Sperre von Apple. Vermutlich um den Mobilfunk-Providern zu gefallen (unnötige Netzauslastung).

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