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Gerrit, 23.01.2016

Designer-Artikel über Design-Artikel

Jedesmal muss ich gleichzeitig schmunzeln und mich ärgern, wenn ich so eine Werbung sehe:

„Design“- oder (noch besser) „Designer“-Gegenstand X oder Y – jetzt bei Netto/Lidl/Aldi/Penny für nur 39,99 Euro. Warum ist das so lustig? Weil es eine Masche ist, die einige seltsame Vorstellungen auf Seiten der Zielgruppe ausnutzt, wie Produkte entstehen und was ein Designer ist.

Da wäre zum einen die Idee, dass es zwei Arten von Produkten gibt: solche, die ein Ingenieur oder ein Handwerker entworfen hat (oder die einfach so ohne weitere Gestaltung aus der Maschine gepurzelt sind), und solche, die von einem wahrscheinlich schwarz gekleideten Designer entworfen wurden. Und dass letztere natürlich irgendwie extravagant, eckig und unorganisch auszusehen haben und unbequem zu sein haben – insbesondere im Falle von Sitzmöbeln. Und nur diese Produkte haben das begehrte Privileg, das Wörtchen „Design“ im Namen zu tragen.

Und hier die unromantische Entzauberung für diese Vorstellung: Jedes, absolut jedes Produkt auf dieser Welt wurde irgendwann einmal von einem Menschen bewusst gestaltet bzw. designed. Man nennt das auch Produkt-Design, und der Vorgang der Gestaltung ist relativ unabhängig davon, welche Berufsausbildung der Durchführende genossen bzw. welche Farbe sein T-Shirt hat. Jemand ist die Designerin dieses Produktes, auch wenn es rundlich, praktisch, billig hergestellt und nicht als „Design“-Produkt ausgewiesen ist.

Die andere Vorstellung, die eventuell vorherrscht: Es gibt Produkte für normale Menschen und besondere, andersartige Produkte für Designer. Man kennt das aus Fernsehserien und Filmen – dort auftauchende Designer haben stets superreduzierte Wohnungen mit abstrakten Einrichtungsgegenständen. Alles irgendwie eckig, unpraktisch, ungemütlich und man kann vom Boden essen. Diese Leute sind klug und kultiviert, und manch eine Zuschauerin wäre vielleicht ganz gerne so. Also soll auch sie sich entsprechende Einrichtungsgegenstände leisten können; dafür sorgen dann Aldi/Lidl/Norma/Penny mit günstigen Produkten, die eigentlich für Designerinnen gedacht sind, aber nun auch für den Pöbel angeboten werden.

Und auch hier verrate ich kein allzu großes Geheimnis, dass nicht alle Designer gleich sind, und die Geschmäcker in Sachen Einrichtung unterschiedlicher nicht sein können. Von „Neu ist immer besser“ zu „Altbau mit Flohmarkt-Möbeln“, von „kahle Wände mit spärlichsten Sitzgelegenheiten“ bis hin zu „Ich bin nicht fähig, Dinge wegzuschmeißen“ ist alles vertreten.

Es gibt ihn nicht, den Designer-Look. Alles wird auf eine bestimmte Weise designed – ob reduziert oder opulent, ob kitschig oder funktional, ob rund oder eckig. Eine Grenze zwischen Designern und Nicht-Designern ist willkürlicher Quatsch, und entsprechende Produktbezeichnungen lediglich Marketing, welches aus Neid und mangelndem Selbstbewusstsein leider zu oft funktioniert.

Kauft doch einfach, was euch gefällt – ob Designer oder nicht :-)

7 Kommentare

  1. Torsten am 23. Januar 2016 #

    Und mit Architektenhäusern ist das ganz genau so. Naja, fast.

  2. Pascal am 23. Januar 2016 #

    Sehr gut! Genau das sage ich auch immer :)

  3. sascha am 24. Januar 2016 #

    Ähnlich ist es mit dem Begriff Qualität. Vereinfacht ist der Begriff als “Erfüllung von Anforderungen” definiert.

    Was ist dann “Spitzenqualität”? Welches Unternehmen übererfüllt Anforderungen? Das macht keinen Sinn. Denn wenn das permanent der Fall ist, dann sind es ja wiederum nur die Erfüllung von Anforderungen, also normal.

    Auch spannend: Qualität zum niedrigen Preis. Da ist der niedrige Preis implizit die Anforderung.

  4. BarisDogan am 25. Januar 2016 #

    Qualität zum niedrigen Preis ist ein Widerspruch!

  5. Pflatsch am 25. Januar 2016 #

    Ach, es ist doch die ganze Werbe-Sprache verhunzt: Deppenleerzeichen, Anglizismen usw.

  6. Simon Wehr am 27. Januar 2016 #

    Erstmal vorweg: Nein, die tragen wirklich schwarze Rollis! Echt, ich hab’s gesehen!

    Ich habe mal im Zeitungs-Shop eine »Designerbrille« für 1€ gesehen, besser geht’s nicht.

    Wie wäre es mit folgender Idee. Der Soundtrack zu StarWars ist von John Williams geschrieben? HA! Ein Musiker-Soundtrack! Die Filmmusik zur Pfalz-Doku im SWR ist von, äh … Ergo: KEIN Musiker-Soundtrack.
    Lasst uns Musiker-Alben bewerben und sagen wir Arzt-Operationen oder Programmierer-Software.

  7. Achim am 9. Februar 2016 #

    Das Wort „Design“ ist schon seit Langem ein insbesondere in der Werbung überaus strapazierter Begriff. Wenn selbst Discounter eine damit verbundene Wertigkeit Produkten andichten wollen, heißt es mehr denn je: genau hingeschaut, was man fürs Geld bekommt. Denn natürlich ist das eine Masche, wie Du schreibst Gerrit, eine oftmals hohle Phrase. Oftmals entlarven sich die als „Designprodukt“ beworbenen Artikel bereits anhand ihrer umständlichen, unansehnlichen und zudem wenig ökologischen Verpackung, die jegliches Bewusstsein für Design vermissen lässt. Insofern gut beobachtet von Dir.

    Noch eine Randbemerkung: Korrekt dekliniert heißt es übrigens „designt“, nicht „designed“. BMW* und andere Unternehmen tragen in ihrer Werbung nicht eben zu einem besseren Verständnis von Design bei.

    * http://www.designtagebuch.de/designed-fuer/

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