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Gerrit, 17.07.2006

Braucht man ComBOTS?

Was machen wir jetzt? Klar, mal einen Artikel über ComBOTS schreiben. Worum geht’s? ComBOTS ist eine Aktiengesellschaft, die aus der allgemein bekannten Firma web.de hervorgegangen ist. Wir erinnern uns: Internet-Verzeichnis, Free E-Mails, Kopf- an-Kopf-Rennen mit GMX, dann ein Flop mit der seltamen Telefonielösung Com.Win.

Bereits im Dezember letzten Jahres veröffentlichte ComBOTS eine mysteriöse Screenpräsentation, in der sie die Weltherrschaft die weltweite Marktführerschaft im Bereich der digitalen Kommunikation ankündigten. Jawoll. Kleine Brötchen backen war gestern.

Letzten Donnerstag, am 13. Juli, starteten die aufstrebenden Visionäre einen großen Event in Karlsruhe, der Eindruck schinden sollte, ohne jedoch wirklich substanzielle Informationen zu bieten. Die Netzhure hat einen Erfahrungsbericht und der Werbeblogger fasst zusammen, Hintergründe über die ComBOTS AG gibt’s bei finanztreff

ComBOTS ist also, nach dreijähriger Entwicklungszeit, nun kurz vor der Beta-Phase angekommen. Und was ist’s geworden? Ein gepimptes ICQ mit proprietärem Protokoll. Das Interface soll sich im Idealfalle auf kitschige Avatar-Figürchen beschränken und man soll nicht nur chatten können, sondern auch Dateien verschicken, Telefonieren, SMSen usw. Also ein Universal Messenger für DSL-User, der einfach zu bedienen ist, keine Spyware enthält und auch sonst ganz toll.

ComBOTS

Das Problem: Das Produkt wurde nur rudimentär angeteasert, nicht wirklich in Aktion gezeigt. Es gibt keine öffentliche Testversion und auch sonst gibt man sich weiterhin sehr bedeckt, was technische und konzeptionelle Details angeht. Ein Zeichen von Angst oder eher das Zurückhalten eines großen Asses im Ärmel? Bisher sind alle enttäuscht, Investoren, Blogger und Journalisten gleichermaßen, denn wer braucht schon einen weiteren IM-Dienst neben ICQ, AIM, Skype, Yahoo, MSN, Jabber und den anderen? Warum sollte man jetzt auf komische Avatar-Männchen umsteigen, wo jeder vernünftige Mensch solche Helferlein reflexartig wegklickt, Stichwort »Büroklammer«.

Außerdem haben selbst die »FriendlyWare«-Beteuerer von ComBOTS ganz schlechtes Karma auf sich geladen, indem sie mehrfach kritische Zeilen des ComBOTS-Wikipedia-Artikels zu löschen versuchten. Finger weg, Jungs: So wird das nichts mit dem Wir-haben-alle-lieb-Image!

Wenn es nach ComBOTS geht, sind sie das neue Google der Online-Kommunikation und streben ein weltweites Marktvolumen von 500 Mrd. Dollar an. Wenn ich das so bisher beurteilen kann, geht man da viel, viel, viel zu speziell in die Chatter- und SMSer-Welt hinein. Nicht jeder steht auf universale Lösungen, es gibt eine ganz große Anzahl von Leuten, die einzelne Tools für einzelne Aufgaben benutzen möchten. Der iPod kann nur Musik spielen, die meisten Handykameras werden kaum benutzt und außerdem: Wer will schon seine gesamte Online-Kommunikation in die Hände eines einzelnen Anbieters legen, der einen auf Weltherrschaft macht und Wikipedia manipuliert?

Da muss noch was kommen, sonst hat das keine große Zukunft. Wahrscheinlich werden wir in den nächsten Monaten mit Werbung für ComBOTS zugeknallt werden. Aber wirklich gute Konzepte benötigen keine Werbung – sie funktionieren, weil sie gut sind. Google hat so angefangen, bei ComBOTS sehe ich das nicht.

In diesem Sinne: Verfolgen wir das mal weiter!

update 4.9.2006: Bei neuerdings gibt’s einen Bericht von der IFA-Präsentation von ComBOTS bezüglich des offiziellen Launches.

17 Kommentare

  1. Polynaut am 18. Juli 2006 #

    Man darf hier eine Zielgruppe nicht vergessen. Die Kids. Genau die nämlich, die schon für Handyklingeltöne und lustige Handyanimationen ihre Geldbeutel geöffnet haben. Konnte das je ein »Erwachsener« nachvollziehen? Ob das nun gut oder sinnvoll ist, steht auf einem ganz anderen Blatt. Frei nach dem Motto »Pimp my Avatar« werden die wohl solange ihr Taschengeld verbraten, bis man der Sache, ähnlich wie bei Jamba, einen latenten Riegel vorschiebt. Die zweite Zielgruppe für solch »süsse, knuddelige« kleine Viecher, sind die ganzen »Diddl-Freunde«, die damit zumindest solange ihren Büroalltag versüssen könnten, bis dies wiederum vom jeweiligen Arbeitgeber untersagt wird.

    Die Revolution der Online Kommunikation wirds sicher nicht werden und gutes Karma gibts woanders, aber es gibt viele potentielle Nutzer für ComBots da draussen … ganz bestimmt sogar. Man wird sehen …

  2. Gerrit am 18. Juli 2006 #

    Aber gleich Weltmarktführer? Nur mit Kids und Diddl-Freunden?

  3. Nathanael am 18. Juli 2006 #

    »FriendlyWare« ist die Bezeichnung von comBOTS dafür, dass die Software nach kurzer Testzeit kosten soll. Ich glaube kaum, dass sich ein kostenpflichtiger Messenger durchsetzen kann – zumal, wenn die ganzen Freunde sowieso nur Jabber oder ICQ haben.

  4. Claudius Coenen am 18. Juli 2006 #

    Wer nutzt denn Jabber?

    Ich würde mich ja riesig freuen, wenn mehr Jabber nutzen würden, und ich ICQ dicht machen könnte … Habe mich vor langer Zeit dort angemeldet und immer wieder Leute aufgefordert sich dort anzumelden – aber irgendwie ist meine Jabber Liste leer. Die ICQ-Liste aber brechend voll.

    ComBOTS kommen mir sicherlich erstmal keine auf den Rechner … die müssten schon was ganz spezielles toll und super viel besser machen als IM-Systeme das im Moment tun.

  5. Thomas Wanhoff am 18. Juli 2006 #

    Ich chatte nur noch per Googlemail (oder ICQ). Aber eigentlich können einem die Web.de-Combots-Jungs leid tun. Die haben technisch durchaus gute Ideen (diese Telefonkonsole bei Web.de war schon gut), aber aus irgendeinem Grund mag das keiner. Das Ganze erinnert mich weniger an eine Revolution als um das Bemühen um eine Gesundheitsreform.

  6. Beate am 18. Juli 2006 #

    »Das Problem: Das Produkt wurde nur rudimentär angeteasert, nicht wirklich in Aktion gezeigt.« Das stimmt so nicht ganz, ich war ja bei der Präsentation vor Ort, und sie haben die Software schon recht ausgiebig gezeigt. Testen konnte man sie hinterher nicht, sondern sie wurde von Hostessen nochmals vorgeführt.

    Ansonsten gibt es noch viele unbeantwortete Fragen rund um ComBOTS, wie z.B. Was mache ich, wenn ich > 10 Kontakte habe? Einen größeren Monitor kaufen? Julian hat übrigens auch noch weiteres drüber zu berichten.

  7. Der Herr Lehmann am 18. Juli 2006 #

    Ein Blick in meine Jamba-Abo-Glaskugel sagt mir, dass ComBOTS versuchen wird, lustige Avatare, Klingeltöne und andere Schweinereien für, naja, sagen wir mal 9,99 Euro/Monat oder pro Stück zu verticken. Und zwar an die arme MySpace-Generation, die sowieso schon mit einem beinahe-epi-Anfall vor der Kiste sitzt. Und wenn noch mehr blinkt und fiept, merken sie kaum noch, wie das Taschengeld draufgeht.

  8. tolki am 19. Juli 2006 #

    so blöd sind doch nichtmal teenies!!

    1. den kostenlosen icq-service aufzugeben, um für ein tierchen richtig geld zu bezahlen.
    2. wenn comBOTS diesen größenanspruch verwirklicht, wird icq (wer macht icq eigentlich?) reagieren und auch tierchen einsetzen  … die sind schließlich nicht so groß geworden weil das werbe-legastheniker sind!
    3. die »alte« icq-gemeinde in den wind schießen.
    4. nicht alle haben dsl. JAWOLL, ich hab´s gesagt: denn gerade kinder, die ihre eltern gerade zum internet-zugang überreden konnten fangen nicht gleich mit breitem band an.
    5. comBOTS hat was am kopf. spätestens seit 2000 (börsencrash .. man erinnert sich) weiß man doch wohl, dass von größenwahnsinnigen it-firmen nach sensible investitionen die finger zu lassen sind. comBOTS ist NOCH liquide  … nur eine frage der zeit!

  9. Martin am 19. Juli 2006 #

    Wer übrigens noch einen guten Tag zum Wechsel zu Jabber bzw. der Abschaltung der anderen Messenger sucht: Ich empfehle den 15. Dezember 2006 ;)

  10. Jens am 19. Juli 2006 #

    Das ganze ist als Tiger gestartet und wird als Bettvorleger landen!
    Mir geht es jetzt schon auf den Keks, dass meine Freunde und Bekannte sich über die verschiedensten Messenger verstreuen (trotz Trillian …).
    Und mit den Kids und Plüschis dieser Welt lässt sich selbige sicher nicht beherrschen, zumal comBOTS nicht über eine entsprechende Marktmacht verfügt, um einen neuen Quasi-Standard zu etablieren.
    Aber vielleicht wollen die ja auch gerne an Google oder Yahoo! verkauft werden ;)

  11. yetzt am 19. Juli 2006 #

    ich hab meinen icq-account seit dem letzten 15. abgedreht. jabber allein reicht mir, zumal die interoperabilitaet mit anderen xmpp-basierten netzen ja moeglich ist (zb. google talk).

    jabber ist schon die revolution, alles andere ist nur der versuch, damit geld zu machen ;)

  12. Funbug am 19. Juli 2006 #

    Ich nutze was, das nennt sich »E-Mail«. Alles andere hält mich nur zu lange von wichtigeren Dingen ab.

    Und ich ziehe schon allein aus der Grafik in diesem Beitrag die Erkentniss, dass ComBOTS ganz offensichtlich nichts sein wird was für mich von Interesse wäre.

  13. big_flinx am 21. Juli 2006 #

    pffff ….
    ihr solltet’s erstmal testen, bevor ihr euch das maul zerreisst …....
    es ist auf jeden fall zu was zu gebrauchen, wenn ich mit kunden in anderen staedten abnahmen machen kann, indem ich bilder und filme einfach auf deren bot ziehe, dann ist das auf jeden fall eine wesentliche erleichterung gegenueber anderen loesungen ….

    es geht hier nicht nur um chat und email ….sondern auch um peer2peer sharing …......zusaetzlich zu dem andren zeug dass es kann, wird es schon scoren koennen …

    also …immer schoen den ball flach halten und fakten sprechen lassen vor der eigenen grosskotzerei ….

    my2cent

  14. Andreas am 21. Juli 2006 #

    @ big_flinx, großer Profi-User

    Wenn du Eichhörnchen-Paul, Qietscheentchen-Mandy, Heidi-Heidi oder sexy Lisa ein paar Bildchen von dir schicken willst – gerne! Solltest du allerdings in der Tat »mit Kunden in anderen Städten Abnahmen machen«, hoffe ich, dass der Werbeleiter dort nicht Zwerg Schnarchnase und der Boss nicht Rumpelstilzchen ist. Und solltest du deine abgenommenen Werke anschließend an die Druckvorstufe weiterschicken wollen, denke daran, dass da immer noch viele Macianer sitzen und ein Mac Client vermutlich erst am Sankt-Nimmerleinstag kommen wird.

    Wie sagtest du so schön: pfffffff …

    Das Geräusch, wenn bei ComBOTS die heiße Luft entweicht …

  15. Gerrit am 21. Juli 2006 #

    @Andreas: Ich hab’s mich nicht getraut, es so deutlich zu sagen, aber ich habe das Gleiche gedacht!

  16. Martin am 21. Juli 2006 #

    Bei meinen Jabber-Clients kann man auch einfach Dateien verschicken, indem man sie auf den Kontakt zieht … oder über das Kontextmenü der Datei … Also nichts wirklich neues :P

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