Beyond 1280

Bei all dem Affentanz, der in den letzten fünf Jahren um das Mobile-First-Konzept betrieben wurde, blieb leider ein scheinbar exotisches Nutzungszenario auf der Strecke: Der gute alte große Bildschirm. Ein paar Ideen, wie man diesen sinnvoll bespielen könnte, möchte ich euch selbstverständlich nicht vorenthalten.

Wer Websites ganz oder teilweise im Browser entwirft und entwickelt, hat sich üblicherweise ein individuelles Bildschirm-Setup zurechtgelegt: Browser rechts – Texteditor links, Browser am Laptop – IDE auf dem großen stationären Monitor, oder etwas ganz anderes. Und auch außerhalb der Webdev-Szene kenne ich kaum jemanden, der seinen Browser auf eine Breite von mehr als 1440 (logischen) Pixeln zieht. Es gibt in aller Regel ja nicht viel Spannendes zu sehen an den Rändern links und rechts, wie beispielsweise Spiegel Online beweist:

Wäre es nicht sinnvoller, das Missverhältnis von Layoutbreite und Bildschirmbreite ein bisschen besser zu kaschieren, indem man zumindest erstere zentriert darstellt? Das machen die meisten anderen Kandidaten. Mal etwas lustlos, wie die BUNTE, welche zusätzlich den dunklen Headerbalken einfach über die komplette Breite zieht:

Oder etwas inspirierter, wie bei The Verge oder A List Apart, wo man mit interessanten Mustern oder typografischen Elementen versucht, den Weißraum außerhalb der Textspalte spannender zu inszenieren:

Man kann natürlich auch krass drauf sein, und das gesamte Layout mitsamt aller Schriftgrade gnadenlos proportional skalieren, bis man sich beim Augenoptiker wähnt. Aber wer macht sowas schon?

Fakt ist, dass niemand bei klarem Verstand auf die Idee kommt, die tatsächlichen Textspalten breiter als ca. 100 Anschläge zu gestalten, denn dann wäre die Lesbarkeit dahin. Insbesondere bei Publikationen, die sehr textlastig sind und bei denen Lesbarkeit an vorderster Stelle … Ach komm, wem mache ich hier was vor?

Wer hingegen ausschließlich Inhalte in Bildform zu bieten hat, kann gerne einmal mit der vollen Breite experimentieren, wie beispielsweise Fotografen:

Bei User Generated Content (ist dieses Wort arg 2004?) kommt es darauf an, ob man es den Minipublizisten selber überlassen möchte, wie Ihre Inhalte dargestellt werden sollten. Das aufgrund seiner guten Typografie weltbekannte Medium Medium macht das so. Normalerweise spielt der breite Bildschirm hier keine wichtige Rolle:

Aber gnade uns Gott, wenn ein Autor ein redaktionelles Bild im Text mit voller Breite einstellt:

Ihr seht – es gibt verschiedene Techniken, um mit dem Problem umzugehen, dass Kunden und Nutzer eben nicht nur kleinere Bildschirme einsetzen als wir bei der Entwicklung von Websites, sondern eben auch immer größere Exemplare. Letztere werden natürlich – wie alle Gadgets dieser Welt – immer billiger und immer größer, aber die unbedarften Gelegenheitsnutzer verändern ihr gelerntes Verhalten nicht analog dazu. Kaum ein Windows-Anwender nutzt die Möglichkeit, das Browserfenster auf eine vernünftige Dimension zu konfigurieren. Wie alle anderen Programme läuft der Browser selbstverständlich immer im Vollbild, weil das zu 1280px-Zeiten so üblich war und auch gerade noch knapp Sinn ergeben hat. Im Laufe der Jahrzehnte, angefangen von 640×480 über 800×600 und 1024×768 bis hin zu den 13-Zoll-Laptop-Größen wie 1280px und 1440px hat niemals jemand „Stopp“ gerufen und den irrationalen Vollbildwahn verhindert!

Da wir Webdesigner uns aber immer an der tatsächlich Realität orientieren müssen, ist es geboten, auch diese unerfahrenen Falschbenutzer (jaja, ich weiß!) mitzunehmen und ihnen ein Angebot zu machen, welches sie zumindest im Ansatz zufrieden stellt. Denkt euch etwas nettes für den Hintergrund aus, fügt noch eine Schriftgrad-Stufe mehr ein, experimentiert eventuell ein wenig mit Textspalten (Vorsicht – nicht in die diversen Scrolling-Fallen tappen!)

Habt ein Herz für unsere Breitschirmfreunde – auch wir müssten da bei dem einen oder anderen Kundenprojekt nochmal kritischer ran, das ist sicher.

10 Kommentare

Das grüne Twinni

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Bin ein gnadenloser Falschbenutzer, find’s aber ganz geil, bei jeder Site ein paar mal Strg+ zu drücken. Erst dann kann ich gemütlich ohne große Ermüdung längere Zeit am Bildschirm lesen. Vielleicht bin ich durch meine Hackn an einem Warte-ähnlichen Arbeitsplatz mit 6 Bildschirmen auch ein bisschen vorgeschädigt …

Christoph

Hi Gerrit,

deine Texte sind nicht nur informativ, sondern auch unterhaltsam zu lesen. Macht Spaß.

Kai

@Gerrit, @Klaus:

gerade für diese Beispiele (wp, meyerweb) möchte ich mal eine Lanze brechen — das finde ich deutlich angenehmer als diesen Zentrier-Wahn. Denn bei den genannten Seiten kann ich als Anwender mit Strg+/- und Anpassung der Browser-Fenstergröße das Ganze auf meinem Desktop wunderbarst flexibel arrangieren und selber die angenehme Spaltenbreite festlegen.

Und ich würde mal sagen, ab 1920x1200 arbeitet kaum jemand mehr mit Vollbild, zumindest sehe ich das im Büro außer bei Tabellenkalkulation mit Dokumenten die eigentlich lieber eine Datenbank wären und 2D bzw. 3D Bearbeitung nicht oft.

Gregor

Ich habe standardmäßig alles auf 120% vergrößert und zoome häufig noch zusätzlich.

Vollbild mache ich vor allem, um alles andere auszublenden, also Desktophintergrund, andere Programme, etc. Dann konzentriere ich mich voll auf die Website. Insofern freut mich, wenn Designer meine Aufmerksamkeit belohnen und sich Mühe geben, die volle Breite zu bespielen.

Christian

Ich kämpfe gerade selbst mit diesem Designproblem. Zusätzlich zur Platznutzung muss man aber auch sagen, dass es gar nicht so einfach ist, herauszufinden, wie viel Platz man je nach Gerät zur Verfügung hat. „Beyond 1280“ finde ich als Begriff problematisch, weil er streng genommen auch auf jedes bessere Smartphone zutrifft. Ich versuche mich damit durchzumogeln, alles in rem zu messen, immer in der Hoffnung, dass jedes Gerät eine sinnvolle Standardschriftgröße eingestellt hat. Das ist leider nicht immer der Fall. Obendrein „lügen“ einige Geräte. Die Lösung „okay, dann machen wir halt nur eine Spalte und verschwenden den restlichen Platz, wenn er da ist“ erscheint nur allzu attraktiv.

Chris

Ich arbeite im Normalfall mit mehreren Bildschirmen und kann Browser im Vollbild trotzdem nicht ausstehen, obwohl man prinzipiell den Platz zur Verfügung hat.

Allerdings gibt es da eine relativ neue Usergruppe mit Curved Monitoren - hier wird man schon fast zur Vollbildansicht gezwungen, da alles andere sehr gewöhnungsbedürftig ist.

Pierre

Lieber Gerrit,

ich geb dir sonst gerne Recht aber ich glaube, die These hast du nur halb zuende gedacht. Gerade der Browser ist ein Programm, was ich auf jeden Fall im Vollbildmodus benutzen will und dafür gibt es gute Gründe! Der Browser nicht nur ein Anzeigegerät für Webseiten sondern eine Laufzeitumgebung für Anwendungen aller Art. Mein Browser ist manchmal wochenlang mit 20, 30 oder 40 Tabs geöffnet, allein für die Tableiste brauche ich die komplette Fensterbreite. Und es sind nicht nur Webseiten geöffnet, sondern auch so Sachen wie Google Maps oder mein Webmailer oder andere aufwändige Webanwendungen, Mediatheken etc. die selbstredend die komplette Fensterbreite belegen. Wieso sollte ich hier immer ziwschen Fenstermodus und maximiertem Fenster hin und her wechseln? Da nehme ich beim Lesen von Texten doch lieber Weißraum in Kauf, zumal der auch ablenkungsreduzierend wirkt. Es muss nicht immer alles vollgestopft sein!

Grüße
Pierre

javascript obfuscator

es gibt verschiedene Techniken, um mit dem Problem umzugehen, dass Kunden und Nutzer eben nicht nur kleinere Bildschirme einsetzen als wir bei der Entwicklung von Websites

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