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Gerrit, 06.11.2007

Berlin-Tagebuch, Teil 4+5

Was haben sie sich nur dabei gedacht, die Organisatoren der Web 2.0 Expo in Berlin? Bisher war ich der Meinung, klassische Konferenzen wären entweder lustlos oder unprofessionell organisiert. Die W2E war beides!

Wobei »Konferenz« ja viel zu kurz greift: Die W2E war die unübersichtlichste Veranstaltung, die ich je erlebt habe. Es gab sogenannte Workshops (= dreistündige Vorträge auf seichtem Niveau), Conference Breakout Sessions (= einstündige Vorträge auf seichtem Niveau), Ignites (= fünfminütige Vorträge mit hohem Selbstbeweihräucherungsfaktor), Keynotes (= pseudovisionäre Vorträge auf dem Stand von 2005), eine Ausstellung und auch eine integrierte, barcampähnliche Unkonferenz in drei Messe-Containern, die jemand mitten auf dem Ausstellungsgelände abgestellt hatte.

Tim O’Reilly

Doch die unübersichtliche Struktur des Ablaufs und der Räumlichkeiten wäre ja zu verschmerzen gewesen, wenn es wenigstens gute Inhalte gegeben hätte. Doch leider war das Hauptmotto nicht etwa »Bringing the european web community together«, sondern »Showing the european web community some concepts that were revolutionary in the US two years ago«. Ich weiß nicht, für wie unerfahren und hinterwäldlerisch man uns einschätzt, aber auf einer Developer-Session im November 2007 muss man nicht mehr erklären, was Ajax ist und was man damit machen kann.

Simon Willison

Nun, man sagt ja immer, dass auf Konferenzen nicht die Vorträge das Spannende sind, sondern vielmehr die Begegnungen mit den Leuten. Oder dann zumindest das leckere Essen. Tja – ach hier gibt es Enttäuschendes zu berichten! Durch das Barcamp am Wochenende hatte man alle interessanten Leute schon gesehen. Und was das leibliche Wohl angeht – nun ja. Von einer Konferenz mit einem regulären Eintrittspreis von über 1000 Euro kann man doch wohl eine warme Mahlzeit für alle Teilnehmer verlangen und unbegrenzt Erfrischungsgetränke! Statt dessen gab es lediglich Kaffee und zur Mittagszeit ein Lunchpaket mit einem Sandwich, einem Apfel, einem Mars-Riegel und einem Tetrapak mit stillem Wasser: Schullandheim 2.0! Selbst auf dem Weltjugendtag in Köln ging’s deutlich reichhaltiger zu – für einige Millionen Teilnehmer. Und wer sich nach gemütlichen Sitzecken zum Lunch-Verzehr und Smalltalk umschaute, wurde ebenfalls enttäuscht: keine Stühle und keine Tische außerhalb der Vortragsräume! Wenn schon Schullandheim, dann richtig: Auf dem Boden sitzend kann man schließlich auch Spaß haben.

Ich weiß ja nicht, ob das alle so geplant war, aber in meinen Augen ist das alles eine Frechheit. Aufgewärmte Themen, unübersichtliche Struktur, katastrophale Versorgung und ein Tim O’Reilly, der in seiner Keynote eine aus Datenschutz-Sicht höchst bedenkliche Vision für die Zukunft zeichnete.

Ich habe mich heute, Dienstag, nach dem Mittagessen abgeseilt, hier gibt es nichts mehr zu sehen. Zurück zum Tagesgeschäft. Immerhin: Ich konnte auf der Ausstellung vier T-Shirts von verschiedenen Firmen abstauben. Ein untrügliches Zeichen, dass die Blase wieder da ist. Ich habe seit dem Jahr 2000 auf keiner einzigen Messe ein T-Shirt mehr abstauben können.

Und weil ich es versprochen habe, möchte ich hiermit aber noch die Damen von der Garderobe lobend erwähnen – die haben ihren Job wirklich sehr zuvorkommend und gut gelaunt durchgeführt. Danke dafür!

Klar, einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul. Aber man hat sich von den ganzen Bloggernasen und Barcampern (die allesamt nicht bezahlt hatten) wohl ein bisschen Authentizität und Edgyness erhofft, die auf die ganze Konferenz ausstrahlen sollte. Aber gelangweilte und hungrige Bloggernasen neigen eben zum Maulen und Meckern. So auch ich, sorry.

Technorati-Tags: web2expoberlin, berlin, web 2.0 expo berlin

10 Kommentare

  1. Stefan Nitzsche am 7. November 2007 #

    Da kann ich nur beipflichten. Die Toiletten sind auf Riesen-Niveau beschriftet (2,40 m), die Konferenz fast nicht zu finden, Parkplätze nicht ausgeschildert, abends wird man auf dem Messe-Gelände eingesperrt und muss sich mit dem Taxi zum Parkplatz fahren lassen, das Catering ist auf Tankstellen-Niveau (ein Sandwich pro Nase …), die Sessions oberflächlich, wenig revolutionär, vermitteln kein Wissen und sind größtenteils schlichtweg schlecht. Wie kann man dafür Geld verlangen?

  2. Webstandard-Team am 7. November 2007 #

    Vielen Dank für diese ehrlichen Worte, da kann man wirklich froh sein, es aus Zeitgründen nicht zur Veranstaltung geschafft zu haben.

  3. Markus Sowada am 7. November 2007 #

    Offenbar hatte ich Glück im Unglück, denn auch ich hatte schlicht keine Zeit für die Web 2.0 Expo.

    Dein Berlin-Tagebuch bestätigt, was man ebenfalls auch anderswo über den bisherigen Verlauf der Veranstaltung lesen kann: Die Gottväter des Web 2.0 verhalten sich im Umgang mit uns Europäern nicht anders als es ihre Artgenossen mit weniger 2.0 Seele tun. Oberstes Motto: »There is the US and the rest of the world«. Immer wieder kann man beobachten, daß Amerikaner glauben, daß die Menschen außerhalb der USA sich noch via Liane von Baum zu Baum schwingen. Natürlich sind nicht alle Amerikaner so. Allerdings müssen sich Tim O’Reilly, Kathy Sierra und Co. ins Stammbuch schreiben lassen, daß sie so manches nicht verstanden haben, was »good old Europe« ausmacht. Darüber hinaus möchte man sie an eine Grundregel für Leute erinnern, die Vorträge vor einem Publikum halten müssen: Der Vortragende sollte immer einen Wissensvorsprung haben vor seinem Publikum.

    Es ist jedenfalls sehr schade, daß die erste Web 2.0 Expo auf deutschem Boden inhaltlich und gefühlt offenbar eher negative Impressionen zurücklassen wird. Hilfreich ist es sicher auch nicht, daß man weder bei der Auswahl der Location noch in Bezug auf andere wichtige Kleinigkeiten (Essen, Trinken, Möglichkeiten zum Socializen) besonders sensibel vorgegangen ist. Naja, wie heißt es so schön im Sport: nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Vielleicht werden zukünftige Veranstaltungen von den zahlreichen »Anmerkungen der Szene« profitieren ;-).

  4. Gero am 7. November 2007 #

    Das Video gibt die Unzufriedenheit mit der Gesamtsituation recht gut wieder. – Wäre nicht wieder Audio und Video zum Ende hin asynchron.
    Sag, womit editierst / renderst Du eigentlich Deine Videos, dass scheinbar mehrere Videoplattformen Probleme damit haben?

  5. Erik am 7. November 2007 #

    Musste da angekommen sofort an Gregor Samsa und Axl Rose denken. »November Rain 2.0«

  6. Jan am 7. November 2007 #

    Selbst die Typografie Session heute Morgen war durch das Barcamp ganz gut abgedeckt. Danke nochmal dafür!

    Spitze: Fotos mit Simon Willison!

  7. xwolf am 7. November 2007 #

    In allen geb ich dir recht.

    Aber darin:
    »Bisher war ich der Meinung, klassische Konferenzen wären entweder lustlos oder unprofessionell organisiert.«
    Grummel
    Also war es bei uns lustlos ..? :(

    Scherz beiseite: Nächstes Jahr werden die sich jedenfalls mehr anstrengen müssen, da wir mit dem Webkongress auch stark auf das Thema der modernen Webentwicklung losziehen werden (hoffentlich krieg ich es bei unserer Redaktion durch, daß die nirgends in Versuchung kommen »Web 2 ohoh« zu schreiben).
    Zudem wird es dann auch zeitlich nahe die BOA-Konferenz wieder geben.

    Mein Fazit bei diesem »Kongress«: Das Motto des Kongress war auch nur Show. Mir scheint es ginge doch mehr nur um reines Geldverdienen.
    Man rechne halt nur mal nach, wieviel Einnahmen da reingekommen sein müssen und wie wenig Ausgaben die hatten (der »Lunch« wurde angeblich von Nokia gesponsort).
    Ein weiterer Fazit: Nichts neues für uns: Dieselben Probleme mit denselben Lösungen. Wir sind um kein Stück schlechter als die Amis.
    Eher sind wir weiter -z.b: auf dem Gebiet der Privacy.

  8. Tim am 7. November 2007 #

    Autsch! Das hört sich ja bitter an.

  9. Manuel Maisch am 7. November 2007 #

    hey gerrit, du erinnerst mich an den typ mit dem elchpullover aus bridget jones :D hehe spass am rande. lg

  10. Sascha am 8. November 2007 #

    Ich weiß nicht, für wie unerfahren und hinterwäldlerisch man uns einschätzt
    Eine Austauschschülerin entdeckte kurz nach Ihrer Ankunft am Flughafen zuerst Treppen, Sie fragte dann gleich, ob wir denn in Deutschland auch die kennen, die sich bewegen.. Auch benutze man in den Staaten so Kabinen, in denen man senkrecht von Stockwerk zu Stockwerk fahren könne. Diese nenne man elevator. Sagt wohl alles …

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