Auszüge aus so einer typischen Projekt-Anfrage!

Hallo.

= Wir haben diese Mail an mindestens zwei Dutzend andere Designer geschickt, sind aber zu faul, ein Serienbrief-Funktion einzusetzen. Wir vertuschen das notdürftig, indem wir eine lockere Ansprache wählen.

Das Internet hat uns zu Ihnen geführt. Auf der Suche nach Profis für das Design unserer iPhone- / iPad-App haben wir Sie gefunden.

= Als weitere Kompensation für fehlende persönliche Ansprache schleimen wir ein bisschen in der Gegend rum.

Wir sind uns durchaus bewusst, dass der zu gestaltende Raum bei einer App eher bescheiden ausfällt im Vergleich zu einer Website mit gleicher Funktionalität. Aber gerade in diesem bescheidenen Raum zwischen den Apple-typischen Toolbars, Buttonbars und Systemfunktionen möchten wir durch ein individuelles, tolles Design unserer App auffallen.

= Wasch mich, aber mach mich nicht nass!

Unsere Zielgruppe, aus dem Bereich Wassersport, ist anspruchsvoll und liebt Benutzerfreundlichkeit und klares Design.

= Die Wintersportler und Leichtathleten kann man ruhig mit unübersichtlichem Schrottdesign abspeisen, aber die Wassersportler! Gerade die Wassersportler sind eine ganz eigene Spezies!

Die Gestaltung unserer iPhone- / iPad-App umfasst einen Start-Bildschirm mit Login und Registrierung, eine Seite mit den verschiedenen Programm-Optionen (Menue), Seite mit Google-Map, Seite mit tabellarischer Texteingabe, Bildupload und User-Profilseite.

= Unsere geplante App ist unfassbar geheim und innovativ, so dass wir nicht konkret verraten können, was sie eigentlich tun soll!

Also, liebe Freunde. Wenn Ihr unbedingt eine breitgestreute Suche nach Gestaltern anleiern müsst und einen so engen Zeitrahmen habt, dann geht doch am besten über ein einschlägiges Auftrags-Portal und versendet per Mail einfach nur den Link zur Ausschreibung.

Wer nur eine handverlesene kleine Schar an potenziellen Dienstleistern ausgeguckt hat, kann sich die Zeit nehmen, diese Leute anzurufen, da erklärt es sich deutlich einfacher.

10 Kommentare

Marcel Koch

Hallo Gerrit,

man kann kaum an Deinem spürbaren Frust vorbei lesen.
Es gibt doch auch bestimmt Anfragen wie aus dem Bilderbuch, oder?

Hast Du denn Auftrag nun gewonnen? ;)

Gruß
Marcel

Marcel Koch

Ãœbrigens sorgt das anfängliche, kurze »Hallo.« dafür, dass die Guillemets links davon unten abgeschnitten werden. Bist Du Dir darüber bewusst? Das würde mich eher wundern… :)

Gruß
Marcel

Philipp

Eigentlich fehlt noch der Verweis auf das »kleine aber feine Budget« und den monetären Ersatz einer »super Referenz«.

Paul

Mannomann, ist da aber einer freundlich.

Warum schreibst du denn dann nicht gleich auf deine Kontakt-Seite, dass du mit „Banausen“ nichts zu tun haben willst?

florian

Ich kann die »Unlust« sehr gut verstehen.

@Paul: nach meinem Verständnis ist das Problem nicht, dass es hier um »Banausen« geht. Vielmehr würde ich solche Leute als Heuschrecken bezeichnen.

Das ist so, als wenn Leute ganz groß in die Innenstadt gehen, um jede Menge Hosen anzuprobieren und sich v.a. ausführlichst beraten zu lassen, obwohl sie sich schon von vornherein darüber im Klaren sind, die Hose für einen Zehner weniger im Netz zu bestellen.
Das kann man nicht Betrug nennen, weil ja nur durchs Stöbern niemand eine verbindliche Absicht signalisiert.

Aber Hand aufs Herz: die Chance, dass aus so einem Auftrag tatsächlich was wird, ist gering. Auf der anderen Seite ist die Chance sehr hoch, dass man als Anbieter die Zeit für die kostenlose Erstberatung verschenkt.

Das ist schlicht unfair. Hinzu kommt, dass man solche Konstellationen erst mit ein bisschen Berufserfahrung erkennt. Und zugegeben wirds ja nicht.
Und der arschlochige Unterschied zum »Innenstadt-Beispiel«: hier macht sich der Suchende nichtmal die Mühe, in die Innenstadt zu gehen, sondern lässt die Ladenbesitzer zu sich nach Hause kommen.

Resümmiert: bei solchen Anfragen geht es darum, durch geringen Aufwand viele Meinungen, Empfehlungen und Beratung zu bekommen und im Nachhinein einfach den günstigsten Anbieter zu wählen.
Wenn das Projekt überhaupt realisiert wird.

Und um hier mal die Verhältnisse klarzurücken:
Mit so einer Anfrage »ins Blaue« kann man als Anbieter getrost einen Tag verbummeln.
Chance, diesen Auftrag zu bekommen:
1 / [Anzahl der Befragten] / [Eigenes Preisniveau]

In irgendeinem skandinavischen Land gibt es ein Gesetz, das es Unternehmen unter Geldstrafe verbietet, »verdeckte Pitches« auszurufen.

Das ist ein Vorurteil. Auch Gerrits Anmerkungen sind parodistisch überzeichnet. Zugegeben.
Aber um diesen Anfangsverdacht gar nicht erst aufkommen zu lassen genügt ein persönlicher Anruf.

Für einen Einzelkämpfer sieht die Rechnung so aus:
einen halben Tag für eine ausführliche Stellungnahme verjubeln, wobei da eh nix draus wird (oder es klappt doch und das Projekt verläuft kostenorientiert/unangenehm), oder lieber nach Hause gehen.

Und wenn man da als Anbieter unsicher ist: einfach mal selbst anrufen. Entweder stellt sich heraus, dass da jemand seine E-Mail echt dämlich formuliert hat oder die Anfrage hat sich erledigt … ODER (selbst schon erlebt!) man verhandelt für die Erstberatung ein Honorar!

Gerrit

@Paul: »Banausen« sind überhaupt kein Problem! Was ich nicht mag, sind Schlitzohren, die Dinge vortäuschen. Ehrliche, authentische Kommunikation ist mir sehr wichtig.

Wenn das Projekt geheim ist: Sagt es einfach und macht eine NDA, die ich liebend gerne unterschreibe.

Wenn mehrere Leute angesprochen werden: Sagt es mir, und nennt die ungefähre Anzahl!

Wenn ihr euch mit mir und meinen Arbeiten beschäftigt habt, dann zeigt es mir und sprecht mich persönlich an!

Es ist vor allem das Gieskannenprinzip, das mich sauer macht. Die anderen kleinen Lustigkeiten aus der Mail habe ich nur aus dramaturgischen Gründen zitiert…

Simon Wehr

Bei uns hat sich mal ein freier Mitarbeiter beworben. Anrede »Hallo« und im Adressfeld hat er gleich alle anderen 18 Büros mit reingeschrieben, bei denen er sich mit »Hallo« beworben hat. Das war schon so effizient, das es fast wieder gut war: 18 Bewerbungen mit einer einzigen Mail.

Ist aber auch eine Art von Transparenz, oder?

florian

@Simon Wehr: Also wie gesagt: ich sehe sowas eher als Vorurteil, das auch widerlegt werden kann und darf.

Bei sowas ist für mich neben der Transparenz auch interessant: war’s beabsichtigt?
Falls ja: Pluspunkt für Originalität. Falls nicht: großes Fragezeichen beim technischen Know-How.

Hayungs

Hab die Mail auch bekommen.
Muss ja ein riesen Projekt sein, wenn die so viele Leute suchen…

Andreas

Die Anfrage hat viel Ähnlichkeit mit den Job-Angeboten, die man bei Xing immer bekommt. Da darf inzwischen auch jeder Depp Headhunter »spielen«.
Erst mal ein bisschen schleimen »… ihre umfassenden Kenntnisse…«
Danach eine »ausführliche« Beschreibung des Jobs »… Sie wären genau der Richtige …«
Und noch ein bisschen »… habe gelesen, dass Sie einen Job suchen..«
Da merkt man auch immer genau, dass die Ihre Serienbriefe einfach nur raushauen ohne sich das Profil überhaupt nur an zu schauen.
Meistens bekommen die noch eine Antwort, dass die wohl nicht mein Profil meinen können, da ich gar keinen Job suche, aber künftig werde ich mir wohl das Antworten sparen.

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