praegnanz.de büro für intervernetzte medien

Gerrit, 17.09.2006

Abstraktion und Virtuelle Haptik im Interface Design

Vor ungefähr 30 Jahren wurde in den Xerox-Laboren das Konzept des »Desktops« erfunden. Die Idee war es, auf dem Computerbildschirm statt abstrakten Listen, Menüs und Tastaturbefehlen den regulären Büro-Schreibtisch nachzuahmen.

Xerox Star Desktop

Diese Grundidee wurde bis heute immer wieder verfeinert und hübscher gemacht. Immer wieder gab es Vorstöße von experimentellen Interface-Designern, die den virtuellen Desktop immer realer, immer physischer wirken zu lassen.

Microsoft Bob

Einen sehr hübsch anzusehenden Versuch zeigt dieses Video des Dynamic Graphics Project.

DGP

In den realen, produktiven Arbeitsumgebungen haben sich die ganzen 3D-Techniken jedoch nie durchzusetzen gewusst. In allen modernen Betriebssystemen bleibt es bei einer eher abstrakten Version des Desktops, der nur zu einem geringen Grad physisches Verhalten an den Tag legt. Und ich meine: mit Recht! Denn die Grundannahme, man müsse auch am Rechner unbedingt die physischen Methoden zur Informationsstrukturierung und -sortierung nachbilden, weil sie uns in Fleisch und Blut übergegangen sind, halte ich für einen Irrglauben. Diese Methoden sind nämlich per definitionem beschränkt – durch die Physik!

Mit den computertypischen abstrakten Listen und Menüs, die in vielen Fällen eben kein Pendant in der physischen Welt haben, lassen sich oftmals die Informationen viel besser organisieren. Guckt man sich dieses Video vom dgp an, so fragt man sich doch ständig, wie man sich die vielen komplexen Aktionen überhaupt merken kann. Der Einstieg ist auf jeden Fall schwer zu leisten, und zumindest ich überlege mir ständig, ob das wirklich eine Effizienzersparnis darstellt, gerade wenn es um die Organisation von größeren Dateimengen geht als nur eine Handvoll PDFs und 6 sorgfältig ausgewählte Fotos.

Ähnliche Gedanken kommen mir auch immer, wenn ich Leute mit dem virtuellen Tonstudio Reason hantieren sehe.

Reason

Das ist ja alles ganz toll, wenn man sich mit Hardware-Synthesizern auskennt. Aber ist die Bedienung dieser physischen Geräte wirklich die bestmögliche, so dass es sich lohnt, die Bedienkonzepte auch auf den Rechner zu übertragen, wo man ganz andere Möglichkeiten hat und lange nicht so beschränkt ist? Da sind doch ganz andere Dimensionen der UI-Gestaltung denkbar – ich würde mich beengt fühlen, wenn ich auf die Nachbildung der physischen Welt beschränken müsste, statt einfach den Kopf frei zu machen und eine eigenes, mediumgerechtes Bedienkonzept zu entwickeln. Es muss ja nicht so hässlich sein wie bei vvvv, aber hier geht man wenigstens den Weg einer konsequenten Abstraktion von Vorgängen und Zuständen.

vvvv

Vielleicht fehlt es aber auch nur an entsprechenden Datenhandschuhen oder Multitouchscreens. Wenn man mal über die Benutzung mit der Maus hinaus denkt, ist da ja so einiges vorstellbar:

Und damit einen schönen Sonntag, Ihr Lieben!

11 Kommentare

  1. Markus am 17. September 2006 #

    Oh, besten Dank für diesen schönen Sonntagmorgen-Blogeintrag!
    Es zeigt sich halt, dass sich im Interface Design am Ende nur das durchsetzt, was auch wirklich Sinn macht.
    Spannende Berichte aus diesem Bereich liefert auch stets das Interface Design und Usability Blog
    (Aktuell zum Beispiel über einen vierdimensionalen Globus, der zu 3D auch noch eine Zeitachse als 4. Dimension hinzufügt.)

  2. CottonIJoe am 17. September 2006 #

    Schöner Artikel! Der Abschuss ist natürlich das Microsoft-Projekt mit dem Hund im Wohnzimmer, aber das Dynamic Graphics Projekt find ich auch ziemlich schwachsinnig. Es zeigt zwar, was mit heutiger Technologie alles möglich ist, aber alles das was dort gezeigt wird, sind unnütze Dinge (Aufstapeln? Stapel umsortieren? Stapel in unordentlichen haufen zurückwerfen? bilder durchblättern, an die Wand hängen, verkrumpeln, in eine Ecke schleudern???) die mit der gewohnten GUI eines jeden OS »zum Glück« entfallen, da man alle Dateioperationen in gewohnten Ansichten (Listen) viel besser im Überblick hat.
    Das Video von Jeff Han dagegen find ich klasse, weil es, wie er auch im Video sagt, nicht auf die Technologie ankommt, sondern darauf, dass man die Technologie so einsetzt, dass sie wirklich etwas vereinfacht. Gerade bei dem Nasa-Landkartenbeispiel, bei den Animationen usw. ist diese Art von Interface jedem bisherigen haushoch überlegen.

    Ich verzettel mich shcon wieder …

  3. Dominik am 17. September 2006 #

    MS Bob war ein echter Schuss in den Ofen, das stimmt wohl … aber wer hätte es gedacht? Noch heute läuft es unter Win XP – und das mit Auflösungen jenseits dessen, wofür Bob mal »designt« war …

    Grüße
    Dominik

  4. Mathias am 17. September 2006 #

    Mich hat die 3D-Lösung, als ich sie zum ersten mal sah, sehr angesprochen. Ich persönlich würde es begrüssen, meine Dateien so zu verwalten. Ich denke, das ist Geschmackssache. Die grosse Frage wurde schon erwähnt: Geht es auch bei ganz vielen Dateien flüssig von der Hand, oder ist das Chaos dann ausgebrochen und die CPU beginnt die Grafikkarte zu quälen?

    Listen finde ich immer mühsam; ich brauche was zum Anfassen.

  5. Claudius Coenen am 18. September 2006 #

    Interessant wäre es ja, wenn man die Techniken aus den beiden Videos kombinieren würde. Mit zehn Fingern (oder der Handkante?) könnte ich einige Funktionen ja tatsächlich besser nutzen. Ein wisch über den Desktop, und ich hab wieder Platz.

    Ich glaube nicht, dass ein 3d-Desktop den bisherigen auf einen Schlag (oder überhaupt?) vollständig ablösen wird. Um auf die Physikalischen Einschränkungen zu sprechen zu kommen: Wie im ersten Video genannt ist bestimmbar, wie viel »reelle« Physik man simulieren will.

    Die einfache Dateiliste wird nicht entfallen, wenn der Desktop dreidimensional wird – sie wird es trotzdem geben. Sie wird mindestens so lange existieren, wie sie für irgendeine Aufgabe die praktischere Lösung ist – selbst wenn man sie als Add-On nachrüsten muss.

    vvvv ist übrigens ein sehr interessantes Beispiel für Interface-Gestaltung. Hier wurden einige Konventionen über Bord geworfen (nicht nur beim Interface). Nach dem start begrüßt einen ein leeres Fenster. Nur eine Titelleiste und ein Grauer Hintergrund. Kein Menü. Keine Paletten. Trotzdem funktioniert vvvv. Es hilft allerdings, wenn man jemanden kennt, der damit schon gearbeitet hat.

  6. Mario Donick am 18. September 2006 #

    Ich fand 3D-Interfaces früher sehr ansprechend und »cool«, merkte dann jedoch schnell, dass sie meinen Arbeitsfluss extrem verlangsamen.

    Zum Teil gilt das jedoch auch für klassische Desktops mit Menüs, Icons und Maus. Damit ich hier das Gefühl habe, effizient arbeiten zu können, kommt es sehr darauf an, wie und in welcher Reihenfolge alles angeordnet ist und wie es mit der Bildschirmauflösung zusammenspielt. Anstatt beispielsweise meine Startleiste bei KDE unten zu haben, hängt sie am linken Rand und führt besonders oft genutzte Icons in der Vertikalen relativ mittig – weil ich festgestellt habe, dass es mich mehr nervt, die Maus nach oben oder unten zu bewegen als nach links und rechts – erinnert an die Navigation bei Websites, die häufig auch immer inks angeordnet ist. Dies nur ein Beispiel. Glücklicherweise kann man die Menüs und Symbolleisten von den meisten Programmen einigermaßen anpassen.

    Am besten komme ich jedoch mit Kommandozeilen und Tastaturshortcuts klar; so schnell wie man tippen kann, funktioniert klicken nicht. Die muss man zwar mal lernen, aber dann läuft alles viel flüssiger.

  7. Mo am 18. September 2006 #

    Reason, Cubase und Co. wollen das Tonstudio in den Rechner bringen und damit das funktioniert, müssen die virtuellen Geräte nunmal genauso bedient werden können wie die echte Hardware.
    Wer nie vorher mit der Hardware gearbeitet hat wird sich natürlich nicht auf Anhieb zu Recht finden können. Umsteiger von Hard- auf Software fühlen sich aber gleich wie »zu Hause«.
    Es gab schon hin und wieder Programme die versuchten andere Wege mit der GUI zu gehen. Damit sind die Musiker aber nicht klar gekommen, weil die Drehknöpfe fehlten ;).

  8. ernst am 25. September 2006 #

    Du hast völlig Recht!
    Ich finde es bescheuert, wenn Software-Entwickler die Konzepte der physischen Welt eins zu eins auf den Rechner übertragen wollen.
    Besonders nervt mich das bei Musikprogrammen wie Reason. Ich bin jung, hatte noch nie einen echten Synthesizer in der Hand. Jetzt bringt Software die Vorteile, ohne große Investitionen elektronische Musik zu machen. Ich finde die Bedienung aber meistens fürchterlich. Da hätte ich früher mit Hardware-Synthies arbeiten müssen, um verstehen, wie das funktioniert.

  9. Eugê am 28. September 2006 #

    Ich finde, man sollte es differenzierter sehen, es gibt da sowohl überflüssige als auch sinnvolle Konzepte.
    Z.B. gab es ein Projekt, das die Quake-Engine als Betriebssystem einzusetzen versuchte. Die einzelnen Räume waren verschiedene Anwendungen, in die der User hineingehen konnte um sie zu starten. Sehr interessant und sehr unpraktisch, bei einem modernen Betriebssystem geht das mit einem Klick oder einer Tastenkombination.
    Die Regler bei Reason finde ich vernünftig. Da sieht der User auf den ersten Blick die relative Position des Reglers. Wenn Reason wie Tabellenkalkulation aussehen würde, sähe man das sogar viel genauer, aber darauf kommt es nicht so stark an. Der Wert 64 sagt weniger aus, als ein Regler, der in der Mitte steht (Reason nutzt MIDI-Werte zwischen 0 und 127). Und der Klangunterschied zwischen 63 und 65 ist meist sehr gering. Reason ist nicht so ernst wie Cubase, es lädt ein zum Spielen und Experimentieren, da schraubt der User an seinem Sound.
    Man kann es mit der Farbauswahl in modernen Grafikbearbeitungsprogrammen vergleichen (z.B. Photoshop), da tippt doch auch keiner die CMYK-Werte ein, sondern wählt die Farbe mit der Maus aus.
    Und wo wir grade dabei sind: Photoshop nutzt – wie auch Reason – an vielen Stellen Schieberegler, weil da Anfang und Ende immer sichtbar sind.
    Eher an Profis oder Live-Performer richten sich MIDI-Controller ( Beispiel). Diese haben Drehregler, mit denen man Drehregler in Reason in Echtzeit steuern kann. Damit schließt sich der Kreis: Drehregler in der (Sound-)Hardware – Drehregler in Reason – Drehregler in der (Steuer-)Hardware.
    Und glaubst du, es ist möglich ein Mod-Wheel in ein Programm anders einzubauen als es nachzuahmen?

    Cubasis/Cubase sind da schwerer zu beherrschen, vor allem die VST-Plugins. Da gibt es auch oft Drehregler, die sich aber scheinbar beliebig weiterdrehen lassen. Man hat da wenig intuitive Orientierung und braucht Erfahrung, um die Plugins vernünftig einzusetzen.

    Und ich glaube wirklich nicht, dass jemand nicht weiß, wie man Drehregler bedient, allein in dem Zimmer, in dem ich sitze, gibt es 10 solcher Regler, und hier ist kein Studioequipment aufgebaut. Einen Schieberegler müsste ich länger suchen, aber den sieht sowieso jeder Computernutzer täglich als Scrollbalken. Man kann sich Drehregler natürlich mit einem Backofen, Kühlschrank oder Küchenradio aneignen. ;-)

    Aber im Ernst: Ein guter Artikel, dem ich in vielen Punkten zustimme. Ich bin mit dem Computerdesktop so zufrieden und möchte auf keinem Fall, dass er so aussieht wie mein Schreibtisch. Einzig eine Sidebar fehlt mir unter Windows XP. Mac-User haben da die praktischen Widgets (wenn ich es richtig verstanden habe).
    Würde mich freuen, wenn auf meinen Kommentar geantwortet wird.
    Gruß, Eugê!

  10. Christian Pier am 30. September 2006 #

    Danke Eugê, hast mir viel Text erspart … bis auf diesen Punkt stimme ich Gerrit voll und ganz zu. Die DGP-Animation ist wunderschön, aber mann muss sich mal Gedanken darüber machen, wie viele Funktionen der Benutzer sich merken muss. Tastaturabkürzungen oder Mausgesten, ist ja nun wirklich kein großer Unterschied. Und das lässt sich ganz bestimmt nicht alles mit einer Maustaste bedienen … viele meckern, dass der Finder zu wenige Funktionen mitbringen würde. Spontan würden mir max. 3 kleine Dinge einfallen, die mir fehlen. Ich bin wirklich zufrieden mit dem Interface-Design meines Macs.

  11. Linek am 29. Januar 2007 #

    Ich finde es genial. Durch die physikalische Natur wird alles sehr intuitiv. Anstatt dass sich das Denken dem Computer anpasst, passt sich der Computer dem Denken an. Besonders Einsteiger werden das zu würdigen wissen. Ich habe mir schon oft gewünscht ähnlich wie bei OS/2 Dateien auf dem Desktop hinter einem Icon zu verstecken und sie auch bei Bedarf in einem Bereich zu ordnen.

Kommentar schreiben

Nutzt Textile zum Strukturieren eures Textes.
SEO-Beiträge werden gelöscht, auch bei thematisch passendem Spam.