»Franziska«-Schöpfer Jakob Runge im Interview

Ich freue mich, hier im Blog nach sehr langer Zeit wieder einmal eine Schriftfamilie vorstellen zu dürfen. Diesmal handelt es sich nicht um einen Freefont, sondern um eine ausgewachsene, professionelle und moderne Serifenschrift, die Franziska. Sie wird in Kürze als FF Franziska im FontShop zu erwerben sein. Als ich vor einigen Wochen per Zufall das Spezimen im Büro in die Hände bekam, war ich sofort elektrisiert: An der Franziska scheint so gut wie alles zu stimmen. Sie ist modern, hat Charakter, ist dennoch ausgewogen und gut lesbar. Und die Kursive ist der Hammer! Ich habe das Gefühl, wir werden in Zukunft noch viel von ihr hören.

Franziska

Umso erstaunlicher, dass die Franziska das Ergebnis einer Masterarbeit ist. Ich habe den Macher Jakob Runge vor einigen Jahren in meiner Heimatstadt Würzburg auf der Bachelor-Ausstellung kurz kennen gelernt, wo er sich bereits mit experimentellem Schriftentwurf beschäftigte. Ich habe ihn jetzt kurzerhand gefragt, ob er einige Fragen zu sich und zu seiner neuen Schrift beantworten möchte. Er hat Ja gesagt, und hier ist das Interview:

Jakob Runge

In welcher Stadt trifft man dich derzeit am häufigsten an, und was machst du dort, wenn du nicht schläfst oder an der Entwicklung einer Schriftfamilie arbeitest?

München ist momentan meine Wahlheimat. Wenn ich hier mal nicht an einer neuen Schriftfamilie feile, dreht sich bei mir immer noch alles um Buchstaben: Zurzeit bin ich selbstgetaufter Schrift- und Markengestalter sowie typografischer Berater. Ich schneidere also Auftragsschriften, optimiere bestehende Schriften nach Kundenwünschen, entwickle Letterings und Wortmarken oder gebe Schriftempfehlungen ab – für den Kunden oft zeitsparender und damit kostengünstiger, als selbst durch das Meer an bestehenden Schriften zu schwimmen.

Außerdem bin ich an einigen Hochschulen mit Type-Design-Workshops unterwegs. Hierbei geht es dann aber eher um eine Einführung in Digitalisierungstechniken und eine grundsätzliche Sensibilisierung für die Vielfalt und auch kommunikative Kraft von Schrift. An der Fachhochschule in Münster hat sich aus dem Workshop auch schon eine kleiner Lehrauftrag entwickelt.

Bist du eigentlich in irgendeiner Form Teil der »Weimar-Connection« der jungen deutschen Typografen?

Da erzählst Du mir was Neues. Bisher sagt mir der Begriff »Weimar-Connection« (noch) nichts.

Nun, die Herren Ralf Herrmann, Yanone, Friedrich Althausen und Georg Seifert sind ungefähr unser Jahrgang, haben allesamt an der Bauhaus-Universität Weimar studiert und sind durch diverse Schriftprojekte in der Szene bekannt geworden. Da läuft man sich sicher mal über den Weg, dachte ich.

Ah ok, stimmt: Ralf Herrmann, Yanone und Georg Seifert habe ich letztes Jahr beim TypograVieh lebt #8-Symposium in Weimar getroffen. Bisher taste ich mich aber noch langsam an die Szene® an :-)

Wo siehst du dich auf dem Spektrum: Bist du als Schriftentwerfer eher Autist oder Rockstar?

Ich bin wohl eher der Autist, der dann ab und an die Gitarre in die Hand gedrückt bekommt. Das Thema der Schriftgestaltung befasst sich viel mit Details, die nicht einmal andere Gestalter bemerken, und ist aus technischer Sicht auch oft ein Ein-Mann-Job, da wird man schnell zum Eigenbrötler, der in seinem Spezialgebiet herumschraubt. Allerdings hat Schrift und Typografie in den letzten Jahren an Relevanz und Interesse gewonnen, daher kommt es dann doch öfter vor, dass man auf die Bühne muss, um zu erklären, was eigentlich so besonders daran ist, einen einzigen Buchstaben über mehrere Tage hinweg zu optimieren.

Schon klar, Schriften entwerfen ist Leidenschaft und Selbststudium. Gibt es dennoch Hochschulen, Studiengänge oder bestimmte Professoren, die man für den Schriftentwurf empfehlen kann? Wo hast du dein Handwerkszeug gelernt?

Die digitale Umsetzung von Schriften ist in der Tat ein Selbststudium, gerade weil sich technisch alles immer mehr und immer schneller ändert. Da kann und muss auch kaum ein Lehrender mithalten. (Die Jungs von Underware haben dazu einen ganz passenden Blogbeitrag geschrieben)

Da Schriftgestaltung aber auch viel – wenn nicht hauptsächlich – von Erfahrung und zeitlosen Gesetzmäßigkeiten lebt, lohnt es sich bei jemanden zu studieren, der eben viel von dieser Erfahrung mitbringt. Oft ist das auch erst nach dem Bachelor der Fall, wenn sich herauskristallisiert hat, welchen persönlichen Schwerpunkt man im weiten Feld der visuellen Kommunikation setzen möchte. Aus diesem Grund sind wohl auch die beiden etablierten Studiengänge für Schriftgestaltung in Den Haag und Reading Angebote für Postgraduierte und in Zürich gibt es ein ähnliches, berufsbegleitendes Masterprogramm.

Aber auch in Deutschland gibt es Hochschulen, an denen man bei bekannten Schriftgestaltern lernen kann. Die FH Potsdam mit Luc(as) de Groot ist wohl die bekannteste, auch weil viele seiner Studenten wie Jan Fromm, Henning Skibbe oder Melle Diete selbst bekannte Gestalter in der Schriftszene geworden sind. In Leipzig bilden Fred Smeijers und Stephan Müller auch gute Schriftgestalter aus – wenn man einen genauen Blick auf die Foundry OurType.com wirft, wird schnell klar: für viele neue Schriften hat Smeijers Gestalter ausgebildet statt selbst entwerfen zu müssen.

Ich habe erst an der FH in Würzburg studiert und bei Prof. Gertrud Nolte viel über typografische Grundlagen und konzeptionelles Arbeiten gelernt. Für den Master bin ich dann nach Kiel an die Muthesius Kunsthochschule gezogen um bei Albert-Jan Pool zu lernen. Obwohl er immer nur freitags dort ist, liefert er innerhalb weniger Stunden genug Input für eine ganze Woche. Was man zudem zu Gute schreiben muss: Egal, ob ein Student mit absolut krummen Vektoren zum Credit-Points-Einsammeln vorbei schaut oder ob er abgedrehte Interpolationstheorien verstehen möchte – Albert-Jan Pool schafft es eigentlich immer, das Niveau seinem Gegenüber anzupassen.

Zum Entwurfsprozess: An welchem Stand des Entwurfs machst du den Sprung zu den digitalen Kurven?

Schriftgestaltung ist ja deutlich mehr als die Kreation von eigenen besonderen Buchstaben: Es geht viel um die Relation der Zeichen zueinander, deren Abstände, die Wirkung vom Schriftbild in verschiedenen Größen und die Abdeckung von Zeichensätzen. Im Hinblick auf das Gesamtwerk Schrift sind Skizzen hilfreich, um anfangs einen Charakter zu entwickeln, die entschiedene Funktionalität kommt aber erst mit dem immer wiederkehrenden Feinschliff der Vektoren. Und je nach Begabung zum Zeichnen können die Skizzen auch nur Anhaltspunkte für die Umsetzung sein und werden nicht 1:1 nachkonstruiert. Bei mir ist es oft schon nach wenigen Stunden der Fall, dass ich den ersten Ankerpunkt setze.

Man darf natürlich nicht vergessen, dass der ersten Skizze ein Rechercheprozess vorausgeht, damit die Schrift nicht nur eine Kombination aus interessanten Zeichen und funktionalem Schriftbild ist, sondern auch eine gewisse Marktlücke abdeckt oder einen Gedanken visualisiert, der die Schrift erst relevant macht.

Ganz konkret: FontLab oder Glyphs? Und zuerst noch Illustrator?

Begonnen habe ich die Digitalisierung direkt in FontLab – Vektorformen in Illustrator zu erstellen ist eher ein Umweg, zumal ja später alle Zeichen in einem Schriftprogramm enden müssen. Im Prozess der Franziska habe ich dann auch Georg Seiferts Glyphs ausprobiert und die Software gewechselt, gerade im Hinblick auf den erweiterten Zeichensatz und das Anlegen der Master für die spätere Interpolation hat der Wechsel zu Glyphs die Fertigstellung der »Franziska« deutlich beschleunigt.

Gibt es Frühwerke bzw. Jugendsünden im Giftschrank? Oder gar öffentlich?

Jugendsünden habe ich eigentlich überall gelagert. Es gibt Skizzen, FontLab-Datein und auch downloadbare FreeFonts auf die ich mal sehr stolz war, die ich aber heute in die Tonne treten würde. Aber ich sehe das recht locker: Um sich zu fachlich zu entwickeln und auch in der doch recht kleinen Nische Schriftgestaltung einen Platz zu bekommen, muss man einfach viel ausprobieren. Es ist zwar heute recht einfach geworden Buchstaben in eine »tippbare« Datei zu wandeln, ob die dann tatsächlich originell und qualitativ ist, zeigt sich dann erst im Nachhinein.

Wie hast du es geschafft, noch eine moderne Serifenbrotschrift zu gestalten, die keiner etablierten Schrift besonders ähnlich ist? Hast du viel vergleichen, recherchieren und anpassen müssen?

Die Rahmenbedingungen für die »Franziska« waren schon sehr eng: Jeder Leser ist die Schriftformen gewöhnt, die es schon seit dem 15. Jahrhundert gibt, aus weiter Entfernung sieht eh jede Schrift gleich aus, und wer braucht schon »Franziska«, wenn »Minion«, »Times« und »Georgia« vorinstalliert sind? Eigentlich kann man im Bereich der Brotschriften nur noch ein paar Gewürze in die Suppe rühren, die allen schon immer geschmeckt hat. Aber genau da wird es spannend. Wem schon mal das Salz beim Kochen ausgerutscht ist, weiß, wie viel kleinen Nuancen bewegen können, oder wie schnell die Suppe nur noch für den Abguss genießbar wird.

Ein Teil der Recherche zu meiner Schrift hat sich um das Thema des Hybriden gedreht, also der Kombination aus bereits bestehenden Modellen, die in ihrer Zusammensetzung dann doch noch etwas mehr sind als die Summe ihrer Teile. So vereint die »Franziska« den Kontrast der Antiqua mit den robusten Formen einer Egyptienne. Sie verwendet Ziffern, die zwischen Text- und Versalvarianten stehen, ist recht statisch konstruiert und lässt dennoch lebendige Momente zu … Alles in allem ist es wohl der Mix aus verschiedenen Ansätzen verschiedener Epochen der Schriftgeschichte in zusätzlicher Kombination mit einer aktuellen Schriftästhetik, der die »Franziska« zu etwas macht, was es so in dieser Form noch nicht gegeben hat.

Aber man merkt schon an der Argumentationskette, die ich auspacken muss: Im Grunde ist Schriftgestaltung im Bereich der Textschriften kaum innovativ – muss es ja auch nicht, solange andere Gestalter sich für die neue – meine – Variante der gut funktionierenden Satzschrift entscheiden.

Hast du beim Gestalten der Schrift auch den Bildschirm-Kontext mitgedacht, oder ist die Franziska erstmal auf das Medium Papier fokussiert?

Der Anspruch der »Franziska« war es, eine zeitgemäße Textschrift zu machen. Da kommt man nicht drum herum, sich Gedanken über die Lesbarkeit am Bildschirm zu machen. Es gibt einige konzeptionelle Aspekte, wie der – für eine Antiqua – geringe Strichstärkenkonstrast, die sehr symmetrischen Achsen der Schrift und die große x-Höhe, die alle dazu beitragen sollen, die »Franziska« für die Bildschirmnutzung prädestinierter zu gestalten. Das Thema Hinting hat jedoch bei der Entwicklung noch keine Rolle gespielt, da setze ich jetzt auf das Team von FontFont.

Andersherum gefragt: Geht nicht ein Stück typografische Kultur verloren, wenn man als Schriftentwerfer immer mit vereinfachten Formen arbeiten muss, um dem Bildschirmraster irgendwie gerecht zu werden?

Das würde ich so nicht sagen: Zu Zeiten des Bleisatzes würden die Schriftkegel oft mit einer Pauschalzurichtung versehen, heute kann man stufenlos vergrößern und massenhaft Varianten der Zurichtung ausprobieren, bevor man bestimmte Werte fixiert. Aber es stimmt schon, alles was Richtung kontrastreiche Didot tendiert oder von feinen Details lebt, wird oft ausgeklammert, wenn es um den Einsatz als Webfont geht. Vielleicht auch ein Grund, warum die serifenlosen Schriften so überrepräsentiert sind in der modernen, bildschirmaffinen Gestaltung.

Die Franziska erscheint jetzt als normal käuflicher FontFont. Hättest du dir in einem alternativen Universum auch vorstellen können, einem Konzern die Franziska als Hausschrift exklusiv zu überlassen – gegen angemessenes Entgelt natürlich?

Das was FontFont an technischer Innovation und Vermarktungsstrategie an den Tag legt, macht sie definitiv zu meinem Wunschuniversum. In dem ich mich jetzt auch glücklicherweise bewegen kann. Zwischenzeitlich haben sich auch andere Foundries für die »Franziska« begeistert. Ein besonderes Kompliment war das Interesse von Frank E. Blokland, der die sehr exquisite Dutch Type Libary führt. Allerdings hätte er die Schrift für einen einzigen Kunden aufbereitet und mich mit einer einmaligen Zahlung für kurze Zeit reich gemacht. Da aber so viel von mir und meiner Arbeit in der »Franziska« steckt, freut es mich weitaus mehr, wenn sich viele unterschiedliche Gestalter die Schrift in ihren Werkzeugkoffer laden und dementsprechend viele verschiedene Kommunikationslösungen mit der »Franziska« umsetzen.

Derzeit gibt es 20 Franziska-Einzelschnitte. Da ist aber noch Luft nach oben. Ist eine Schriftfamilie so etwas wie eine Lebensaufgabe? Ist das deine »Thesis«?

Luft nach oben ist immer: Die Übertragung der eigenen, lateinischen Schrift auf die Alphabete anderer Sprachen, die Entwicklung von serifenlose Schwesterschriften wie auch Headline- oder Micro-Varianten, ein überarbeitetes Kerning … Die Arbeit an einer Schrift hört eigentlich nie auf. Allerdings muss sich jetzt erstmal zeigen, ob die »Franziska« auch ankommt und es sich lohnt, die Schriftfamilie weiter auszubauen.

Eine Monospace-Variante würde ich als erstes auf die Liste setzen. Ein erstaunlicher Trend, diese ganzen neuen Monospace-Fonts, oder?

Oh ja, für Antiquas oder auch Slab Serifs gibt es bisher wenige Monospace-Varianten. Wobei – dazu plane ich zur Zeit eine Art dicktengleiche Futura, da ich den Trend der Monospace-Fonts eher als Stilmittel sehe, also mit Einsatz im Headlinebereich. Eine Textschrift auf Mono zu trimmen, widerspricht dann doch etwas dem Gedanken der Schrift als unauffälliges Mittel zum Zweck.

Zum Schluss möchte die BUNTE-Redaktion noch wissen: Wer ist Franziska?

Die echte Franziska gab es schon bevor ich Serifen entdeckt habe. Wegen ihr sitze ich auch jetzt in München.

Vielen Dank für das Gespräch!

3 Kommentare

Dennis

Sehr interessant. Und die Schrift schaut auch gut aus! Franziskaarrr… erinnert mich immer an die eine Folge mit Christian Ulmen – »Mein neuer bester Freund«. ;)

Martin

Wahnsinnig interessant und relevant für viele Studierende!

Julian

Sehr schöner Beitrag und gute Schrift.
Im Beitrag steht an einer Stelle ein „man“ zu viel („man man“) ;)

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