Wenn ich groß bin, werde ich …
… Presentation Device Content Author bei Apple Inc.
Oder wie man das wohl nennt. Es muss bei Apple einfach jemanden geben, der die ganze Zeit nichts anderes macht, als Präsentations-Macs mit pseudo-realistischen, aber natürlich komplett ausgedachten Dummy-Daten zu bestücken, damit bei den Apple-Keynotes der Bildschirm nicht so leer aussieht. Ihr kennt das ja: Steve oder Phil starten iPhoto und es lächeln einem fröhliche und perfekt belichtete Menschen entgegen. Mail.app hat eine hübsche Reihe von E-Mails in der Inbox, mit entsprechender gewollter Zufälligkeit. Und so weiter. Dieser Job stellt tolle Herausforderungen und bietet schicke Vorteile:
- Irgendwie muss man ein bisschen so tun, als wären die Nutzer-Accounts wirklich die privaten Accounts von Steve Jobs oder Phil Schiller. Klar, ist natürlich gelogen. Aber gerade im Adressbuch und im Mail.app kann man sich da ein paar Nettigkeiten ausdenken. Allerdings muss man auch darauf achten, dass alle Daten und Uhrzeiten halbwegs hinkommen. Und das ist gar nicht so leicht zu faken, weil man so vieles beachten muss.
- Sichtbare Informationen über Apple als Firma oder den Unternehmens-Alltag müssen absolut vage sein oder halt gelogen: Bekommt Steve Jobs von Phil Schiller wirklich per iChat ein Angebot zum Mittags-Lunch?
- In allen iTunes-ähnlichen Programmen ist genau die richtige Anzahl von Ordnern, Alben usw. angelegt, damit es gut aussieht, und trotzdem noch ein bisschen realistisch bleibt.
- Alle Programme müssen so wenig wie möglich umkonfiguriert werden, denn die von Apple vorgeschlagene Default-Konfiguration ist ja die »richtige«.
- Software genau so benutzen, wie sie gedacht ist. So zum Beispiel in iPhoto alle Möglichkeiten nutzen, Meta-Tags hinzuzufügen. Auch wenn das sonst niemand macht. (250 importierte Bilder manuell benennen und mit Tags versehen? Ich glaube, es hackt!)
- Die auf der Bühne gezeigten Inhalte in Mails, Photos, Texten usw. müssen irgendwie nett und harmlos sein. Familienausflug geht immer! Bunte Einladungen zu irgendwelchen Feiern gehen auch. Aber man muss verdammt aufpassen, dass die Beispiele keine potenzielle Zielgruppe verletzen. Ein Trip nach Paris ist unverfänglich. Aber bereits der Video-Trip nach Afrika ist politisch möglicherweise bedenklich. Zum Glück hat man sich für Botswana entschieden, da sind die Menschenrechte ja soweit intakt, wie man hört.
- Überhaupt, die Foto- und Videoreisen. Ist doch geil: Apple bezahlt mich, dass ich mich mit einer Horde Models und einem Kamerateam auf den Weg nach Paris mache, dort ein paar Tage rumtreibe und ein paar semi-gestellte Gute-Laune-Fotos mache, diese dann sorgfältig mit Meta-Daten versehe und für iPhoto aufbereite. Nicht übel. Oder eben die Video-Safari durch Botswana. Das macht Spaß! (Oder gibt es da doch fertiges Stock-Material, dass sich Apple exklusiv gesichert hat?)
- Bei manchen Programmen muss man vielleicht ganz schön lange nach einem echten Nutzwert suchen. Und nach einem konkreten Anwendungsbeispiel, das zwar einfach verständlich, aber trotzdem nicht komplett unrealistisch ist. Baseball-Teammitglieder als »Numbers«-Spreadsheet? Naja …
Ich glaube, dass der Job der Keynote-Rechner-Bestücker ganz schön anspruchsvoll ist. Denn eines ist klar: Kaum werden irgendwelche logischen Fehler auf den Demo-Maschinen entdeckt, ist das Geschrei der Apple-Nerds groß :-) Und man muss Bildmaterial sichten, dass zwar perfekt ausgeleuchtet und professionell produziert ist, aber gleichzeitig nicht über-stylisch daherkommt, so dass man das Gefühl hat, es könnte ja doch irgendwie selbst gemacht sein.
Es gab ja damals schon die Legende von der allerersten iMovie-Version. Apple hatte angeblich einen firmeninternen Videoschnitt-Wettbewerb veranstaltet, bei dem das Siegervideo dann auf der Keynote gezeigt wurde. Dem glaube ich ja kein Wort.
Herr Kraus am 12. Januar 2009 #
Hahah, genialer Einfall! Andererseits wette ich, da hängt heutzutage sogar ein ganzes Team hinter. Es geht schließlich nichts über den gewissen Hauch von Echtheit, so ganz unprofessionell bis ins kleinste Detail über Monate hinweg ausgearbeitet.
Gregor am 12. Januar 2009 #
hehe großartiger Beitrag. Das hört sich in der Tat nach einer interessanten Berufsbeschreibung an. Und mein Interesse hast du auch geweckt, jetzt will ich auch wissen wie die Apple Jungs sowas regeln …
Stephan am 12. Januar 2009 #
Ich weiß ja nicht wie iPhoto funktioniert, aber mit Picasa kann man mittels Mehrfachauswahl auch mehre Bilder auf einmal taggen. Bei IView media genauso.
mike am 12. Januar 2009 #
Hybsche Geschichte, ich wünsch Dir viel Erfolg bei Deiner Bewerbung ;)
Michael am 12. Januar 2009 #
Kann man das auch lernen? Oder muss man da quer einsteigen? Gibt es besondere Fähigkeiten, die man mitbringen muss? Da müsste man wohl mal die Arbeits-Agentur kontaktieren.
Daniel am 12. Januar 2009 #
Das ist wirklich eine interessante Sache, über die ich auch neulich nachgedacht habe. Was ja ganz wichtig ist: Die Keynote wird auch geprobt, dadurch werden Dateien verändert, Mails sind nicht mehr ungelesen usw. … also auch ein »logistischer« Aufwand, immer Images vom System zu ziehen in verschiedenen Zuständen. Oder wie auch immer die das machen … ;)
Oliver Gassner am 13. Januar 2009 #
Also ich habe von interbnen Videowettbewerben bei IBM gehört. (+/- 2000 A.D.) Und das wurde dann nur intern kommunikziert. Auch zu wiki-einführungen soll es aktuell in manchen Unternehemn solche Wettbewerbe geben (nicht Video, halt was im Wiki ;) ). Insofern halte ich das mit dem Videoschnittwettbewerb nicht für unrealisitisch.
Stell dir vor du gewinnst den ;)
lemming am 13. Januar 2009 #
Ich habe mal gehört Apple hätte für eine Keynote (ich glaube wo sie die Leistung von iPhoto von 1.000 auf was weiß ich wie viele Bilder erhöht haben) bei Corbis für zig tausend Euro eingekauft.
Simon Wehr am 13. Januar 2009 #
Ich habe auch schon lange gefragt, was das für Mailboxen und Kalender sind, die man da zu sehen bekommt. Den Job des Content Creators würde ich auch gerne mal machen. Aber auf Dauer kannder seeehr anstrengend sein.
Ich behaupte mal, es würde auch dazu gehören, diese kleinen Spiralbücher zu machen, die bei der Demo auf dem Tisch liegen und Steve Jobs Schritt für Schritt vorgeben, wann er was wo zu klicken hat. Ich glaube die sind nicht ohne!!
Was ich mich auch jedesmal frage: Wie konfigurieren die ihre Systeme so, dass auch wirklich jedes Programm absolut flüssig läuft. Das müssen ziemlich aufgebohrte Dinger sein …
Ich denke, Apple-Mitarbeiter sind ähnliche Nerds wie die von Pixar, Google etc. Von daher kann es schon sehr gut sein, dass es so einen Video-Wettbewerb gibt / gab.
Die iFotos sind aber sicherlich von einer Bildagentur gekauft. Die Video-Safari könnte (!) sogar echt sein.
Aber da halten wir es doch gerne mit Mark Twain (glaube ich): Don’t let the facts interfere with a good story.
Alex am 13. Januar 2009 #
Super, Gerrit. Genau den gleichen Gedanken hatte ich auch beim Anschauen der Philnote. Mal sehen, wie gut die Gesichtserkennung bei uns Normalsterblichen funktioniert.
Da Stefan am 13. Januar 2009 #
Vor allem mussten die Jungs/Mädels dieses Mal sogar ein absichtlich verwackeltes Video, um den neuen Stabilisations-Effekt von iMovie demonstrieren zu können.
Aber MS ist auch nicht ohne. Wie sie damals diesen Bluescreen in der Windows-XP-Keynote eingebaut hatten – WOW! ;)
Samuel Riggenbach am 13. Januar 2009 #
ich habe GENAU das gleiche gedacht (von WO haben die diesen Content??)!!!
:-)
coole Idee – viel erfolg ;-)
samuel
Nick Blume am 13. Januar 2009 #
Noch besser das da .
Toni am 13. Januar 2009 #
Ich frag mich ja manchmal auch, ob Steve seine Präsentationen wirklich selbst in Keynote zusammenklickt…
Tobias am 14. Januar 2009 #
Natürlich nicht Toni!
Das macht nichtmal Gerrit selber! :>
Stephan am 14. Januar 2009 #
also ich würde die Dienste eines solchen »Presentation Content Author»s doch glatt in Anspruch nehmen. Für mich als Programmierer gibt es nämlich nichts öderes als »gute Inhalte für eine Demo zu finden und einzupflegen«.
Wenn sich hier jetzt jemand dies als seine neue Geschäftsidee / sein neues Betätigungsfeld überlegt, der möge das doch bitte laut und deutlich äußern.
yoyo am 14. Januar 2009 #
Traumjob!
Simon Wehr am 15. Januar 2009 #
Was ich zu dem Thema gerade gefunden habe:
Steve Jobs’ .mac Seite das ist schon ein paar Jährchen her, wie man sieht, aber das ist natürlich feinster »Presentation Content«
Und das sind mal sowas von Stockfotos (die am Strand)!
Alex am 15. Januar 2009 #
Gerrit, wieso empfindest du diesen Mythos für so unglaubwürdig? Ganz ernst gemeint gefragt.
Alex
omiT am 15. Januar 2009 #
falls Du wirklich so einen Job suchst, in dem Du bezahlt um die Welt fährst und Filmchen machst … versuche es doch mal beim Kaugummi-Hersteller Stride.
Kennst Du <a Href=»http://www.wherethehellismatt.com«>Where the Hell is Matt«?</a>
datenkind am 15. Januar 2009 #
Hihi, hab mich mich auch schon ständig gefragt, woher eigentlich immer das ganze Material kommt. Oder die Kontakte in den Adressbüchern, oder die Mails, oder … Dass da definitiv fleißig gearbeitet wird, sieht man ja nicht nur auf den Keynotes, sondern bspw. auch in der iPhone-Werbung.
Manuel am 15. Januar 2009 #
Schick mal eine Bewerbung. Würde mich interessieren, was du als Antwort bekommst…
apa am 16. Januar 2009 #
wie jetzt? das ist nicht echt?!
Patrick W. am 16. Januar 2009 #
Sowas muss man bestimmt auf irgendeiner Elite-Uni studieren ^^
homepage worker am 17. Januar 2009 #
Es fällt mir schwer, zu den perfekt belichteten Menschen zu gehören…fasse iPhoto nicht mit der Zange an ; wobei es für Dich durchaus interessant sein könnte mal eine Fotosession in Paris zu machen?! Bewerbung? Probieren…
Amy am 17. Januar 2009 #
Danke, dieser Beitrag zeigt mir, dass ich a) nicht die einzige bin, die ab und zu an sowas denkt (Wenn ich groß bin, werde ich …) und b) dass auch andere beeindruckt feststellen, wie da jedes Detail ausgestaltet ist. :) Grandioser Beitrag.
Meine simple MacUser-Vermutung: Da könnte auch tatsächlich ein Schreiberling dahinter stehen, der sich im Vorfeld Gedanken macht und die einzelnen Programme mit realistisch Narrativem bestückt, oder so ähnlich. Einer der PR-Menschen / Texter vielleicht … Kein Food Stylist sondern ein Mac-Stylist halt.
meistermochi am 18. Januar 2009 #
ich glaube daran. das ist amerika!
Dave am 23. Januar 2009 #
:) Netter Beitrag. Das wäre wirklich ein lustiger Job.. ;)
Bernhard Benke am 26. Januar 2009 #
In Innsbruck war die Crew auch schon mal, ist aber schon länger her – damals war Garamond noch en vouge.