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Gerrit, 05.12.2008

Schriften im Mini-Portrait II

Über zwei Jahre ist es her, dass ich exzellente Freie Schriften portraitiert habe – endlich ist die Dürreperiode überwunden! In der Zwischenzeit haben sich einige andere Blogs und Online-Magazine daran gemacht, lange Listen mit (ihrer Meinung nach) guten Freefonts zu erstellen. Ich habe bei dieser neuen Auswahl wie immer darauf geachtet, dass die Schriften halbwegs mengensatztauglich sind, keine billigen Kopien bekannter Profi-Fonts sind und eine ordentliche stilistische Vielfalt bieten: Von der venezianischen Rennaissance-Antiqua über klassizistische Formen bis hin zu modernen Serifenlosen mit humanistischem oder konstruiertem Charakter ist (fast) alles mit dabei. Ich wünsche viel Spaß beim Lesen, Herunterladen und Testen.

Anivers

Anivers

Jos Buivenga aus Holland ist in kurzer Zeit zum absoluten Shootingstar der Freefont-Szene geworden. Er hat’s verstanden: Seine durchweg professionell gestalteten und ausgebauten Schriften gibt es teilweise komplett zum kostenlosen Download, teilweise aber auch als Gratis-Appetitanreger, die Lust auf die komplette Schriftfamilie machen sollen. Die schlanke und spiekermanneske Anivers entstand ursprünglich als Jubiläumsaktion für das Smashing Magazine, ist aber inzwischen in vier preiswerten Schnitten bei MyFonts erhältlich.


Droid

Droid

Jedem Betriebssytem seine eigene Systemschrift! Google benötigte für sein mobiles Android noch einen Font, der sich speziell auf kleinen Smartphone-Displays gut macht. Ascender Coorporation kennt sich mit sowas aus, vertreiben sie unter anderem doch die ClearType-Schriften von Windows Vista. Die Droid ist platzsparend, gut ausgebaut und verbreitet (naturgemäß) eine neutrale und ausgewogene Atmosphäre – sprich: gar keine. Aber manchmal brauchen wir ja genau das. Der Monospace-Schnitt ist leider keine Beauty-Queen, dafür sind die Serifen- und Grotesk-Schnitte gut aufeinander abgestimmt!


Dustismo

Dustismo

Über den Designer Dustin Norlander ließ sich nicht besonders viel Spannendes herausfinden, seine Dustismo hingegen hat Charakter. Auf den ersten Blick sind die einzelnen Lettern sicher etwas ruppig, aber im Gesamtbild und vor allem in kleineren Schriftgraden ist sie durchaus eine Überlegung wert. Geben Sie ihr eine Chance!


Fontin Sans

Fontin Sans

Die Fontin Serif habe ich damals im Rahmen der ersten Mini-Portraits bereits vorgestellt – ihre serifenlose Schwester steht ihr in nichts nach. Ganz im Gegenteil: Die organischen Formen machen sich sehr gut und erinnern ein bisschen an Microsofts Candara. Aber irgendwie besser! Ein besonders schönes Detail sind die echten Kapitälchen, und natürlich die Tatsache, dass alle Schnitte kostenlos zu haben sind.


Goudy Bookletter 1911

Goudy Bookletter 1911

Das gab’s hier bisher noch nie: Eine venezianische Rennaissance-Antiqua (leicht zu erkennen an dem schrägen Querstrich des kleinen e). Diese Schriftgattung ist sehr anspruchsvoll im Entwurf, deshalb sieht man sie nicht alle Tage. Goudy basiert natürlich auf einem alten Buchdruck von – richtig – 1911, und wird derzeit als PublicDomain-Projekt betrieben. Es soll in Zukunft auch eine passende Kursive geben, worauf man gespannt sein darf.


Grandesign Neue Serif

Grandesign Neue Serif

Wenig bis gar nichts konnte ich über die Hintergründe dieser Schrift herausfinden. Es handelt sich um eine moderne Serifenbetonte, die auf jeden Fall eine gewisse Verwandtschaft zu solchen Schriften wie TheSerif oder Caecilia hegt. Diese sind nun zeitgeistig leider aktuell nicht so wirklich auf der Höhe, aber dennoch schadet es nicht, wenn man auch von dieser Kategorie ein Exemplar in der Fontverwaltung liegen hat. Und bis auf den viel zu fetten bold-Schnitt gibt es bei der Grandesign Neue Serif kaum was zu meckern.


Graublau Web

Graublau Web

Etwas ganz besonderes ist die Graublau Web, eine Art Single-Auskopplung der Graublau Pro. Sie kommt aus deutschen Landen und wird von Ralf Hermann als die erste speziell für die Fonteinbettung auf Websites vorgesehene Schrift vermarktet. Wir erinnern uns: Safari 3.1 und Firefox 3.1 können beliebige OpenType-Schriften auf Websites darstellen. Doch nur ganz wenige – darunter eben die Graublau Web – erlauben dies auch explizit. Die Schrift läuft sehr schmal und besitzt eine organische Note, ohne jedoch zu sehr nach selbstgeschnitzt auszusehen. Die fette Variante knallt ziemlich rein, aber tut dies mit etwas mehr Eleganz als die obige Grandesign Neue Serif.


Justus

Justus

Die Justus ist eine von diesen historischen Schriften, bei denen es auch kommerzielle Varianten gibt, die auf der gleichen Vorlage beruhen. In diesem Falle ist es die Walbaum, welche den meisten Typografen ein Begriff sein sollte. Die Justus macht ihre Sache nicht wesentlich schlechter und bietet sogar echte Kapitälchen und eine durchaus erträgliche Kursive, was nicht bei allen klassizistischen Antiquas der Fall ist. Wer mal etwas wirklich konservatives oder historisch anmutendes setzen will, sollte sich das mit der Justus mal überlegen. Könnte passen!


Lacuna

Lacuna

Und wieder eine dieser modernen, schlanken und leicht unterkühlten Grotesken: Die Lacuna bewahrt sich dabei eine eigene Note, weil sie einige interessante Details aufweist: Der fehlende Abstrich beim kleinen b, das nach unten flach gebeugte kleine t, und sicher auch die Verbindung der beiden g-Schlaufen. Insgesamt könnte das Schriftbild sicher etwas ruhiger sein, aber das wäre Jammern auf hohem Niveau. Übrigens: Die Lacuna Italic erinnert mich an die Kursive der Trebuchet MS.


Museo Sans

Museo Sans

Auf den ersten Blick ist die Museo ein Rip-Off der Avenir, doch ganz ehrlich: sowas würde Jos Buivenga nicht machen. Vielmehr ist seine Museo ein frischer und moderner Ansatz, mit einer Futura-ähnlichen Schrift an den Markt zu gehen, die jedoch nicht konstruiert ist, sondern nur ein bisschen so wirkt. Das gleiche hat Adrian Frutiger 1988 mit der Avenir gemacht. Ich könnte jedoch spontan gar nicht sagen, welche der beiden Schriften nun gelungener ist. Die Museo jedenfalls besitzt eine ganze Reihe an Schnitten, die alle für günstiges Geld bei MyFonts zu erstehen sind. Die regular und die italic hingegen gibt’s kostenlos.

26 Kommentare

  1. rotkohlsuppe am 5. Dezember 2008 #

    Hab noch nicht alles durchgelesen, aber eine schöne Zusammenfassung, auf die ich dankbar zurückkommen werde.

  2. Pascal am 5. Dezember 2008 #

    Danke für die tolle Übersicht!

  3. Ansgar Hein am 5. Dezember 2008 #

    Das war früher schon immer das Highlight meiner RSS-Feeds und ist es heute wieder bzw. immer noch. Großartiges Zusammenstellung, Gerrit!

  4. Tom am 5. Dezember 2008 #

    Yeah cool, schöne Sachen dabei!
    Wird gleich gebookmarkt :-)

  5. Thomas Fö am 5. Dezember 2008 #

    Schöne Zusammenstellung und nette, kurzweilige Texte dazu. Danke!

  6. Thilo am 5. Dezember 2008 #

    Sehr schön :-) Vielen Dank!

    Die Grandesign fand ich interessant, allerdings ist es sehr schade, dass mal wieder an den Umlauten gehunzt wurde: Die sind nämlich alle ohne Serifen – und sehen aus, als seien sie direkt von der Myriad kopiert…

  7. Dennis Frank am 5. Dezember 2008 #

    Super Gerrit! Endlich mal wieder eine schöne und übersichtliche (!) Zusammenfassung. Vielen Dank dafür.

  8. Folkert Groeneveld am 5. Dezember 2008 #

    Justus und Droid sind tatsächlich im Mengentext tauglich. Sie klappern und klumpen nicht. Sie zu lesen ist wie Butter auf’s Brot zu schmieren.

  9. Marc am 5. Dezember 2008 #

    Ich finde die Goudy Bookletter toll, mal schauen, ob ich irgendwo Verwendung für die Font finde.

  10. Johannes am 6. Dezember 2008 #

    Ja, da kann ich mich den Vorkommentaren nur anschließen: Wieder einmal ein schöner Überblick über Fonts.

    Ein paar haben es – in meinen Augen -echt in sich.
    Und Jos Buivenga hatte ich damals aus Freunde an seinen genialen Schriften auch mal gespendet!

    Weiter so!

  11. Michael Aringer am 6. Dezember 2008 #

    Danke für die neuen Schriftmusterblätter! Ich bin ein treuer Sammler und nutze die Übersichten mitsamt deiner Empfehlung gerne. Servus, Michael

  12. Tornadokalle am 6. Dezember 2008 #

    Das ist doch wieder GROSSES Kino!

  13. Moritz am 9. Dezember 2008 #

    Vor allem die Anivers gefällt mir sehr gut. Ich benutze sie schon lange für diverse Design-Arbeiten.

  14. frank am 9. Dezember 2008 #

    Die Gentium gibt’s – zwar mit weniger Zeichen, aber doch für mich mehr als ausreichend – auch als Gentium Basic und Genium Book Basic in den vier Schnitten Regular, Italic, Bold und Bold Italic.

  15. Simon Ochsenreither am 10. Dezember 2008 #

    Ich bin sprachlos! … Monatelang habe ich im Jahr 2006 Deine Seite nach einer Fortsetzung der Schrift-Potraits abgesucht … und jetzt, vollkommen unverhofft eine ganze Reihe neuer Schriften! … Ich will einfach nur DANKE sagen!

    PS: Der Droid Sans kann ich ebenfalls eine sehr gute Bildschirmlesbarkeit bescheinigen, bei mir ersetzt sie seit einem halben Jahr die DejaVu Sans Condensed als UI-Schrift.
    Das integrierte Hinting der Schrift ist allerdings Geschmackssache, ich habe es deaktiviert und nutze stattdessen FreeTypes Autohinter, der hier eine ganz exzellente Arbeit leistet!

    Grüße,

    Simon

    PS: Bin gespannt wie sich die kommende Webfont-Unterstützung in den wichtigen Browsern auf die freien Schriften auswirkt … da sich die großen Schriftschmieden (selbstverständlich) quer stellen, darf man sich wohl in den nächsten Monaten verstärkt auf Seiten mit Gentium, Liberation & Co einstellen.

    Hoffentlich bekommen diese Schriften (und die Menschen dahinter) dann auch die Aufmerksamkeit, die sie verdienen.

  16. Michael Kunz am 18. April 2009 #

    Danke für die schönen Schriften!! Sehr übersichtlich das Ganze hier;)

  17. ab cde am 21. Juli 2009 #

    PDF-Dateien gehören richtig deklariert und das nicht als plaintext!
    Und dass ich für dieses hier javascript benötige, ist eine Frechheit.

  18. Stephan Weckerle am 23. September 2009 #

    Vielen Dank an alle OpenSource-Font-Verteiler!

    Ich bin sicher, dass die Typo-Wirtschaft dadurch einbußen
    hat, aber seid versichert, dass ihr gemeinnützige Projekte ermöglicht, die sonst nicht umsetzbar wären.

    Stephan

  19. He Braun am 1. November 2009 #

    Was bedeutet`Achtelficker` beim Druckvorgang?

    Ich brauche eine überzeugende Erklärung. Danke?

  20. Franziska am 24. August 2010 #

    Was für eine Reise! Über den WebFontDay 2010 (http://www.webfontday.de) hierher gefunden – gestaunt und gefreut – dann weltweit Fonts getestet – eine Sonderschrift in meine Internetseite eingebunden – und jetzt ab nach Hause und in mein Bettchen.

    Besten Dank, Gerrit für die wunderbare Reiseleitung!

    Viele Grüße,
    Franziska

  21. Anselm Werner am 5. Oktober 2010 #

    Danke für diese schöne Zusammenstellung freier Schriftarten
    Auf http://font.ubuntu.com/ gibt es jetzt einen neuen frei lizensierten Font ttf-ubuntu-font-family für die Linuxdistribution Ubuntu. Die Designer haben sich vorgenommen möglichst viele Sprachen abzudecken.Zur Zeit ist die Schrift noch in intensiver Entwicklung, daher sollte er über die Paketverwaltung installiert werden,trotsdem gibt es auch ein .zip Archiv zum Download auf der oben genannten Website.

    Viele Grüße
    Anselm

  22. Sabine am 15. Februar 2012 #

    …ja, ich denke, ich sollte auch mal einen Kommentar hinterlassen und den fleissigen Autor dieser Site wissen lassen, dass er neben den bereits zu Bildschirm gebrachten Komplimenten noch einige Typoherzen mehr hat höher schlagen lassen…
    Immerhin sagte ich vor ein paar Tagen zu meinem Mann, dass er ruhig schon mal ins Bett könne, ich würde gerade sowohl einem optischen als auch verbalen Höhepunkt erliegen. Und, damit dass nicht falsch verstanden wird, meine Gefühlsregung wurde ausschließlich durch die getroffenen Formulierungen ausgelöst, die wunderbar mit dem dazugehörigen Schriftbild harmonieren und auf der Zunge zergehen!
    Wenn ich keiner tagesfüllenden Alltagsbeschäftigung (Tochter) nachgehen würde, könnte ich tatsächlich meine(n) Beruf(ung) nochmal in Frage stellen… :)
    Großes Dankeschön für die Mühe und die Klasse!
    Sabine

  23. Stevie am 8. Oktober 2012 #

    Schönen guten Tach,
    Sie kennen sich mit Schrift-Typen ja sehr gut aus- ganz toll zu lesen.

    Ich benutze sie auch gelegentlich, aber erst jetzt kommen bei mir die rechtlichen Fragen auf. Vielleicht können Sie mir weiter helfen.

    Wie kann es sein, dass ein und der selbe Schrift-Typ von mehreren unterschiedlichen Firmen vertrieben wird- w.z.B. die Schrift »Park Avenue« hier: http://www.myfonts.com/search/park+avenue/fonts/.

    Wer hat denn da nun die Rechte? Kann es sein dass wenn jemand die Schrift von einen Anbieter kauft, er/sie dann von einem anderen Anbieter abgemahnt wird? Ist hier vielleicht ein »Patent« abgelaufen und jeder kann das nach machen und umbenennen (»Park Avenue Persönlich« oder so)? Ich bin verwirrt.

    Herzlichst, Ihr Stevie

  24. Gerrit am 8. Oktober 2012 #

    @Stevie: Wenn Sie eine Tafel Milka heute im Tengelmann und morgen im Edeka kaufen, wird auch niemand abgemahnt.

    Ein Schriftentwerfer kann natürlich mehrere Schriftkaufläden damit beauftragen, Nutzungslizenzen für seine Werke zu verkaufen.

  25. Nguyen am 18. Juli 2013 #

    Hallo,
    ich finde die Schrift deiner Website sehr schön. Kann ich wissen, welche Schriftart Ihr genutzt habt?

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