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Gerrit, 08.11.2011

Apple und sein Skeuomorphismus

Ja, es hört sich ein wenig so an, als sei Apple krank. Also, die Überschrift. Und nach Meinung vieler UI-Experten hat Apple wohl in der Tat zumindest psychisch ein Gesundheitsproblem – wie sollte man sonst die Sache mit der Lederumschlag- und Notizpapieroptik erklären, die derzeit in immer mehr Apple-Software den UI-Look definiert?

Ich will anhand eine Assoziationskette erläutern, was ich dazu denke. Gehen wir ein paar Schritte zurück. Gestern sah ich eine Folge von »How I met your mother« aus dem Jahre 2005 und habe mich ein wenig geärgert; Ted wird in dieser Epsiode Kunde einer Paarvermittlung, die »Love Solution« heißt. Und weil diese computerbasiert ist, musste wohl auch ein »computermäßiges« Logo her. Dem Ausstattungsdesigner (= Volltrottel) ist leider nichts besseres eingefallen als die uralte Computer-Schrift auszuwählen, die tatsächlich so heißt und schon in den frühen Neunzigern als abgegriffen und klischeehaft galt. Sie wurde 1970 veröffentlicht.

Und damit beginnt das Dilemma: Bis in die späten 80er Jahre hatte man meist eine klare Vorstellung davon, wie die Zukunft aussehen muss: irgendwie technisch, digital und computerig. Das wirkte sich dann auch auf die verwendeten Schriften aus: Alles muss clean, konstruiert, spacig und kühl sein. Eine warme, kuschelige, menschliche und verspielte Zukunft war undenkbar, denn digitale Technik ist nunmal erbarmungslos, was ihre Kühle und Berechenbarkeit angeht – schließlich hat man es mit Einsen und Nullen zu tun, sowie mit viel Mathematik und Logik.

Nun sind wir aber inzwischen an einem Punkt angekommen, wo unsere Wirklichkeit die Science-Fiction von damals eingeholt und in vielen Fällen sogar längst überholt hat. Man vergleiche mal die Steuerterminals der TNG-Enterprise mit unseren heutigen Touchscreens, und sehe sich an, was ein Tricorder ist – nichts weiter als ein Smartphone mit ein paar zusätzlichen Sensoren. Und der Bordcomputer besitzt ja wohl nichts Geringeres als ein Siri-Interface.

Wenn die Zukunft von damals nun im Heute angekommen ist, brauchen wir eigentlich auch eine neue visuelle Vorstellung von der jetzt aktuellen Zukunft, oder nicht?

Es gibt nun zwei Möglichkeiten, diese weiterführende Zukunft zu skizzieren. Entweder man führt die gleiche Richtung fort wie bisher: Man extrapoliert die Entwicklung des UI-Looks der vergangenen Jahre und mischt sie mit den etwas aktuelleren Science-Fiction-Konzepten der vergangenen 10 Jahre (Stichwort Minority Report). Heraus kommt prinzipiell die [Metro-Oberfläche)]. Und – ein klein wenig weiter gedacht – das Microsoft-Zukunftsfilmchen von neulich.

Windows Mango

Im Grunde ist das nur logisch. Alles wird noch cleaner, noch kühler, noch technischer und noch virtueller. Hardware verschwindet zusehends und Software wird minimalistischer. Bis nichts mehr übrig ist.

Die Frage ist: Ist ein solch technischer Look notwendig? Muss das wirklich so aussehen? Nein, natürlich nicht. Früher, als die Computer noch langsam und der Speicher knapp war, konnte man nicht anders: Man musste schlicht und reduziert sein, weil jedwede Opulenz die Leistung des Systems beeinträchtigt hätte. Früher. Doch irgendwie scheinen viele Designer – selbst wenn es um tollkühne Zukunftsvisionen geht – auch heute immer noch der Meinung zu sein, alles muss speicherschonend, mit möglichst wenig Vektorpfaden und möglichst wenig Ornament gestaltet sein, damit es auf jeden Fall futuristisch genug aussieht.

Apple hingegen ist dabei, dieses Stadium zu verlassen – wenn auch mit viel hin und her. (Seit dem bonbonbunten Aqua-Look von 2001 ist das »Profi-System« MacOS X wieder deutlich cleaner geworden, seit Lion und iOS 5 wird aber wieder auf die Komplexitätstube gedrückt.) Man denkt dort inzwischen anders über die Anmutung von UIs nach, insbesondere bei Touchgeräten. Ausgangssituation sind mehrere Annahmen:

  1. Hardware und die Software sind unterschiedliche Dinge und haben unterschiedliche Funktionen.
  2. Es gibt keine ernstzunehmenden technischen Grenzen für die Gestaltung von UI. Man kann mit Software prinzipiell alles machen, was möglich ist.
  3. Die Geräte der Post-PC-Ära sind weitaus persönlicher und intimer als es PCs jemals waren.

Aus Punkt 1 wurde folgendes Konzept: Das iPad ist ein leerer Rahmen, der im ausgeschalteten Zustand keinerlei erkennbare Funktion besitzt. Es ist eine Blackbox, eine Magicbox, die alles oder nichts kann. Man weiß es nicht, und deshalb ist es so wichtig, dass das iPad so aussieht wie vom Himmel gefallen: keine Schrauben, kein wechselbarer Akku, keine Aufkleber, möglichst wenig Beschriftung. Ein mysteriöses Aliendevice. Darin deckt sich die Zukunftsvision von Microsoft und Apple – eine Extrapolation des üblichen Science-Fiction-Minimalismus.

In Punkt 2 und 3 jedoch weichen die Konzepte ab. Apple benutzt die Neutralität der Hardware, um die Software umso persönlicher und vertrauter zu gestalten, bekannte Konzepte aus der analogen Welt aufzugreifen, viel Materialien und Texturen zu verwenden. Dadurch wird das kühle, minimalistische Aliendevice zu einem magischen Gerät, was sich mit einem Fingerstreich in ein Filofax, eine Gitarre oder eine Wasserwaage verwandelt. Für den Nutzer läuft dann keine App zum Musikerstellen, sondern das iPad verwandelt sich in eine Gitarre.

Diese Magie funktioniert nur dann, wenn die Hardware ausreichend mysteriös und clean daherkommt, die Software dafür aber umso opulenter und detailverliebter ausgestaltet ist. So kann das Gerät zu einem wahrhaft persönlichen Gerät werden, das man gerne und oft herausholt, um sich damit zu beschäftigen. Es fügt sich einfach besser ins echte Leben eines Nicht-Nerds ein, wenn alles auch ein wenig nach echtem Leben aussieht.

Es geht aber eben auch nicht nur darum, reale Gegenstände nachzubilden. Sondern auch darum, nichtexistente Gegenstände digital so zu kreieren, dass der Nutzer sie als freundlich und natürlich erlebt. Wie die vielbesprochene »Finde meine Freunde«-App, welche in Leder gebunden zu sein scheint, obwohl es natürlich im echten Leben keinen Freundefinder aus Leder gibt.

Apple geht damit über die Star-Trek-UI-Vision von 1988 hinaus. Zugegeben, der UI-Look, der bei TNG gezeigt wurde, war zu damaliger Zeit absolut revolutionär, wie sowieso fast alles an dieser Serie. Aber während Microsofts Metro sich anschickt, eine 1:1-Kopie von Wesley Crushers Pult zu bauen, geht Apple auf die Menschen zu und lässt seine Anwendungen entsprechend menschlich aussehen. Manchmal leider auf Kosten der Effizienz, was die Nutzerführung angeht. Aber mit dem größeren Ziel vor Augen, auch noch den restlichen Leuten die Angst vor dem Computer zu nehmen. Das ist Apple wichtiger als ein paar jammernde Nerds, die lieber nackte Listen sehen, ohne Omas Küchenbrettchen im Hintergrund.

update 14. Dezember: Ich rede mit Markus Schlegel im poly:logo Podcast über das Thema

35 Kommentare

  1. volzo am 8. November 2011 #

    So zutreffend der Gedanke der dargelegt wird auch sein mag, so wird eins in dem Artikel völlig vernachlässigt: Es geht hier um eingen Übergangszustand. Skeuomorphismen in Benutzerschnittstellen dienen der Gewöhnung eines Nutzers der Interaktionsmöglichkeiten mit einer anderen (analogen) Art von Gegenständen gewöhnt ist. Man möchte die Funktionalität des Gegenstandes, mit dem man »bedienungstechnisch sozialisiert« ist zu arbeiten – z.B. ein Adressbuch – mit digitalen Möglichkeiten erweitern. Ob dafür dieses Adressbuch abstrakt auf einem PC und den dazugehörigen Benutzerschnittstellen wie Maus und Tastatur zur Verfügung steht, oder auf einem iPad, dessen Interaktionsmöglichkeiten dem Originalgegenstand näher kommen (Umblättern durch Geste, vielleicht Schrifterkennung), ist unerheblich.
    Vorstellbar ist unter anderem auch letztendlich ein Gerät das beinahe identisch ist zu dem ursprünglichen Adressbuch und dessen Differenz in der Bedienung gegen null geht.
    »In der Zukunft« ändert sich aber die initiale Gewöhnung eines Nutzers, wer ohne ein Moleskin-Adressbuch aufwächst, wird keine derartige Metapher im Bedienkonzept seines Programms zur Adressverwaltung benötigen. Eine Übertragung der Nutzergewohnheiten findet in diesem Falle von einem abstrakten Konzept zu einem anderen statt.

    Letztendlich wird ein Gegenstand auf seine reine Funktion reduziert. Was benötige ich an einem Adressbuch? Die Möglichkeit Adressen zu verwalten. Das physische Buch inkl. Stift ist genauso wie der Computer mitsamt Maus und Tastatur, ein Mittel zum Zweck das ich möglichst auf ein Minimalmaß reduzieren möchte.
    Ebenso verhält es sich mit der Gitarre, Holz, Saiten und Klangkörper (oder iPad und Gitarren-App) sind ein notwendiges Mittel zum Zweck der Klangerzeugung.
    Wenn ich die Technik (analog oder digital) so weit wie möglich reduziere, und damit auch die Komplexität der Benutzerschnittstelle, erreiche ich die einfachste Bedienbarkeit.

    Apple geht mit ihrem Konzept für Benutzerschnittstellen einen kleinen Umweg zugunsten einer großen Gruppe an Menschen, die an (überspitzt formuliert) archaische Bedienkonzepte gewöhnt sind. Die (visuelle) Komplexität der Schnittstelle wird erhöht, um den Übergang von bereits erlernten komplexen Bedienmustern zum neuen Konzept zu erleichtern. Auf lange Sicht (vielleicht eine Generation) jedoch, wird diese Notwendigkeit überflüssig und dies »alles« (Hardware, Benutzerschnittstellen, Bedienkonzepte, …) rückt in den Hintergrund, auf eine Größenordnung die unter Umständen unter der Komplexität des ursprünglichen Gegenstandes liegt, oder davon völlig abgekoppelt ist (ein Betriebssystem klammert sich bspw noch immer an die Schreibtischmetapher, obwohl die Funktion wenig mit den Abläufen in einem Arbeitszimmer gemein hat und sich abstrakt deutlich effizienter beschreiben lassen würde).

    [Unterm Strich etwas länger geworden als eigentlich beabsichtigt und aufgrund der vorgerückten Stunde vermutlich weniger stringent formuliert als gewünscht. Es schien mir aber wichtig darauf hinzuweisen, dass aus meiner Sicht diese kleine Analyse nicht weit genug gegriffen scheint, auch wenn man mit derartigen Vorhersagen vorsichtig sein sollte]

  2. hugo am 8. November 2011 #

    Skeuomorphismus – so sinnvoll wie die freundliche Büroklammer.

  3. batteur am 8. November 2011 #

    Die neue Optik von iCal und Adressbuch ist mir eigentlich egal, aber was mich beim Adressbuch massiv stört ist dieses Umgeblättere. Wenn’s schon eine Metapher sein muss, dann bitte ein dreiteiliger Leporello, bei dem ich meine alten Gruppen/Personen/Details-Spalten alle auf einmal sehen kann.

  4. Nasendackel am 8. November 2011 #

    KLingt ein wenig abgedroschen… Aber ich haben eine Grossonkel (84), dem ich ein iPad besorgt habe. Er kam erstaunlich schnell damit klar. Kalendar und Adressbuch waren im gleich vertraut, anhand der Optik.
    Man kann sich tolle minimale Bedienelemente ausdenken, die dann weniger auf Anhieb versteht.
    Beim iPad geht es gerade um die Einstiegshürde, die halt durch Holz (iBooks-Regal) und Leber herabgesetzt wird.
    Danke für den ausführlichen Beitrag.

  5. ConnyLo am 8. November 2011 #

    Schöner Artikel, grundlegend. Die Mehrheit der User freut sich über den »Zugewinn« an »Optik«. Wenn jemand auswählen kann zwischen Glas-Schreibtisch oder Eichenholz, dann wird das »Wertige« gewählt. Siehe Autos: an funktioneller Stelle des Ablendlichts ranken sich mittlerweile Lichtergirlanden (der Fuchsschwanz des Bürohengstes) wie bald um die Weihnachtsbäume.
    Neben der reinen Funktionalität gehört immer die Emotion dazu (als Kaufelement). Apple bleibt im »wertigen« Rahmen, oder zumindest bei dem, was man glaubt, es wäre wertig. Kann noch schlimmer kommen. Vielleicht bricht eines Tages Memphis durch, wenn die junge Designergeneration ans Ruder darf.

  6. Maurice am 8. November 2011 #

    Ich glaube ein anderer Aspekt ist dabei auch wichtig: Mode. Mittlerweile kommen fast jährlich neue Versionen der Betriebssysteme heraus und jedes Mal muss man den Eindruck haben, dass das neue System das alte im wahrsten Sinne des Wortes »alt« aussehen lässt. Das ist das gleiche Schema, mit dem IKEA seit ein paar Jahren versucht, die Regeln der Modewelt auf Möbel anzuwenden. Im Grunde geht es dabei nicht ausschließlich darum, was der »beste« Look ist, sondern schlicht darum, dass es anders aussieht. Wenn sich optisch nichts ändert, suggeriert das, das sich auch funktionell nichts geändert hat. Ich empfehle dazu auch den Webstock-Vortrag von John Gruber:

    John Gruber Webstock 2011

  7. Christoph Zillgens am 8. November 2011 #

    Es geht ja nicht nur darum, Vertrauen zu schaffen und Bekanntes aus der analogen Welt zu digitalisieren. Ästhetik und Emotion spielen auch im digitalen Zeitalter eine Rolle, nicht nur die reine Funktion.

    In der analogen Welt legen wir auch Wert auf Geschmack. Rein funktional betrachtet bräuchte es keine 100 Automarken zu geben, emotional betrachtet sprechen uns bestimmte Autos aber mehr an als andere. So ist es auch mit Benutzerschnittstellen. Holz, Leder usw. machen mehr her als eine einfache graue Farbfläche (Je nach Geschmack, natürlich).
    Vielleicht gibt es ja in Zukunft zig Benutzerschnittstellen zu einer Software zur Auswahl. Schließlich geht es ja auch darum, sich von anderen abzusetzen. Wenn schon Hardwaremäßig alle mit dem iPad rumlaufen, möchte ich wenigstens das coolste Interface haben. Wer weiß :-)

  8. Christoph Zillgens am 8. November 2011 #

    Da hatte ich wohl zur gleichen Zeit den gleichen Gedanken wie ConnyLo … :-)

  9. hans am 8. November 2011 #

    aha. was machen wir eigentlich wenn es alles nur noch digital gibt und die leute garnicht mehr wissen wie ein lederumschlag aussieht? oder wenn man keine icons mehr entwerfen kann weil es die »originale« in der realität garnicht mehr gibt? z.b. eine »Lupe« wie du sie fürs suche symbol verwendest kennt meine tochte rnur aus harry potter filmen, wie wird das bei ihren kindern sein? dann macht ein design wie das »metro« durchaus sinn. das apple auf den retro-look zug aufspringt halte ich für alles andere als revolutionär. und seit wann mac os x ein »profi OS« sein soll ist mir ebenfalls schleierhaft, was ist dann windows? pillepalle?

  10. Simon Wehr am 8. November 2011 #

    Unterschätzt bitte nicht, wie lange sich bestimmte Metaphern oder Angewohnheiten halten. Ich sage nur: Diskettensymbol.

    Aber z.B. als Vater merke ich immer wieder, WIE lange sich gewisse archaische Dinge halten. Wie macht die Eisenbahn? Richtig: Uuuuuuuwwiiiiiiii – sssss. Was machen die Kinder? Tschuff, Tschuff, Tschuff … Es klappert die Mühle immer noch am rauschenden Bach, wo wir den lustigen Waschfrauen zusehen und das Telefon macht klingelingeling.

    So ungefähr für diese Otto-Normalbürger siedelt Apple seine Produkte an. Sie werden noch lange eine Lederoptik als einfacher / »menschlicher« empfinden.

  11. Gerrit am 8. November 2011 #

    @Hans: Profi-OS im Vergleich zu iOS, nicht zu Windows. In Apples Vision ist iOS für den Normalnutzer, und Mac OS X nur noch für Profi-Anwender. So verstehe ich es jedenfalls.

  12. Thomas am 8. November 2011 #

    … diesen Artikel nicht zu veröffentlichen, wäre mehr gewesen. Die Kommentare dazu ebenfalls.

  13. Gerrit am 8. November 2011 #

    Äh, da ist jemand extragut gelaunt! Schön, dass du auch hier bist, Thomas!

  14. hugo am 8. November 2011 #

    Ich glaube Apple setzt die Skeumorphismen auch ein um die jeweiligen Programme/Apps von dem Browser abzugrenzen. Heutzutage geschieht nahezu alles im Browser. Wozu noch andere Programme? Eben da macht es Sinn die Programme besonders schön und anders zu gestalten. Dann nutzt der Endverbraucher sie vielleicht auch (Basierend auf eigenen Erfahrungen).

  15. christoph am 9. November 2011 #

    was leider komplett bei der betrachtung untergeht ist das bedienkonzept. apple verwendet metaphern, die mehr als nur hinken. das adressbuch sieht vielleicht auf den ersten blick aus, wie ein »richtiges« adressbuch, die funktionsweise tendiert aber irgendwo zwischen gewollt analog und nicht zu ende gedacht digital.
    meiner meinung nach ist das problem des skeuomorphismus nicht die leder-optik, die manch einer als kitschig empfinden mag, sondern vielmehr, dass in einem digitalen medium analog gestaltet wird.

  16. rainer am 9. November 2011 #

    @Gerrit: Trolle ignorieren und lieber an der Diskussion beteiligen. :)

  17. Andreas am 9. November 2011 #

    Lederoptiken und dergleichen werden für die Funktion des Adressbuchs oder anderer Anwendungen nicht zwingend benötigt. Das geht auch anders wie die letzten Jahrzehnte gezeigt haben. Apple macht das natürlich nicht ohne Grund. Die Frage ist, ob man deren Einschätzung teilt oder nicht.

    M.E. geht es bei dieser Art von UI ausschließlich um die Steigerung der Akzeptanz des Geräts und der Software. Zielgruppe ist nicht der Nerd oder der Digital Native, sondern genau die »Großonkels« und Großtanten, die an ihrer Arbeitsstelle Hollerith Lochkarten zu hassen gelernt hatten.
    Nur in dieser Gruppe und anderen Digitalverweigerern liegt noch erhebliches wirtschaftliches Erschließungspotential.
    Der Rest rennt schon mit Iphones rum und liest seine Zeitung per Ipad am Küchentisch.

    Diese Zielgruppe erschließt man aber nicht wenn man den Medienbruch durch Glossy Icons verdeutlicht, sondern diesen Medienbruch für diese Zielgruppe erträglicher oder sogar vergessen macht.
    Insofern ist es auch völlig konsequent, die »Blättern« Metapher beizubehalten, auch wenn es am Computer funktional bessere Lösungen geben mag.

    Ich bin davon überzeugt, dass Apple ein computermäßig aufgepepptes »Buch« einsetzen würde, wenn die Nutzererfahrung davon befördert würde (und technisch möglich wäre) – für jede App oder App-Gruppe eine »elektronische Seite«, die sich anfühlt wie Papier, die man aufschlägt und dann hat man die haptischen Vorteile des Buchs kombiniert mit leichter bzw. erweiterter Bedienbarkeit (touch, pen oder Tastatureingabe) bei gleichzeitig intuitivem Begreifen, wie was organisiert ist.

  18. Andreas am 9. November 2011 #

    Ups,
    habe vergessen hinzuzufügen, dass ich damit deine Einschätzung im wesentlichen teile :)

  19. andreas am 9. November 2011 #

    Hallo Gerrit, dass du Apple Fanboy bist, ist ja kein Geheimnis. Deswegen ist´s auch irgendwie verständlich, dass du dir diese Design-Zumutung schönreden willst. Würde derartiges von Microsoft o. ä. kommen, wäre die Häme nicht weit. Auch im Webbereich verachtest du doch solche Websites. Es nun aber, weil es von Apple kommt, als die neue Designrevolution zu feiern, ist schon echt daneben und macht dich unglaubwürdig.

    Grüße …

  20. Gerrit am 9. November 2011 #

    @andreas: Ich versuche vor allem, Apples Intention zu verstehen. Dass ich persönlich auch lieber ein übersichtliches, abstraktes Design habe, steht aber nicht zur Diskussion.

    Wichtig ist die Unterscheidung, die Apple zwischen professioneller und privater Anwendung macht. Die Zielgruppe von iOS ist eine andere als von MacOS. Und ich mag es auch nicht, dass Apple die iOS-Omi-Konzepte immer stärker auf MacOS überträgt. Hier wäre eher eine Chance zur Differenzierung gewesen: iOS für Privatanwender, MacOS für Poweranwender. Das eine mit menschlichen Metaphern, das andere effizient und übersichtlich.

    Da vermischt sich derzeit zuviel.

    Was die Benutzerfreundlichkeit angeht: Ich denke, man kann auch skeuomorphe Apps flott und effizient bedienbar machen. Dass das im Einzelfall nicht immer gelingt, ist schade, muss aber nicht so bleiben.

  21. Klaus Hofegger am 9. November 2011 #

    Apples Intention ist einfach ein Nachgeben an (schlechten) Massengeschmack. Wie im Autodesign der letzten Jahre ist auch bei den GUIs wieder ein Trend zu mehr Schi-Schi. Das genähte Leder ist da gleich dem Wurzelholz am Armaturenbrett: Beides eine Geschmacksverirrung einer Status-orientierten Welt. Aber das Design der Hülle ist bei Apple immer noch Spitze!

  22. Don am 9. November 2011 #

    Vielleicht mal aus der psychologischer Sicht gesehen:
    Man hat ja ein intellektuelles und ein emotionales Verständnis vom Neuen. Der Intellekt möchte nach vorne (was neues Schaffen) die Emotion bleibt im Vertrauten.
    Ich glaube, das die Emotion eine wichtige (wenn nicht die Wichtigste) Komponente der Vertrautheit ist, was den Zugang begünstigt.
    Neue Bedienkonzepte werden deshalb vorraussichtlich sich immer auf Vertrautem aufbauen und sich quasi als Nebenprodukt neue Sichweisen und Bewältigungsstrategien entwickeln.

    Microsoft zeigt in seinem Filmchen eigentlich das Gleiche, was Startreck auch schon gezeigt haben: eine »technoide« Oberfläche, konstruktivistisch, abstrakt, wenig Zierde, Fokus auf Typografie, keine Grundfläche mehr, alles »Schwebt« im Raum usw.
    Vertraut ist es uns insofern, das wir es schon aus den Filmen kennen!

  23. ctn am 9. November 2011 #

    @gerrit: Danke für den schönen Essay!

    Möchte den Meinungen hier nur noch hinzufügen, dass der Design-Minimalismus meiner Meinung nach nicht auf Technik beschränkt ist, sondern generell um sich greift (s. Bekleidungs- und Möbel-Design).

    Das war bisher ja auch Kennzeichen von Apple. Ich kenne kaum Geräte mit minimalistischerer Bedienung als iPod und iPhone. Die Analogon-Schiene (Notizbuch, Gitarre) mutet da schon fast anachronistisch an, und ich bin nicht sicher, was das soll.

  24. Gerrit am 9. November 2011 #

    @Don:

    »Vertraut ist es uns insofern, das wir es schon aus den Filmen kennen!«

    Nicht übel, dieser Gedanke! Die selbsterfüllende Prophezeiung in Reinkultur. Gefällt mir.

  25. nik am 10. November 2011 #

    Also ich persönlich würde dann doch die TNG-Panel-Optik vorziehen. Ich finde die Aussage des Artikels auch falsch ausgerichtet. Die Lederoptik ist nur dann zielführend,

    - wenn man noch Realwelt-Metaphern braucht. Denn schließlich hat die Digitaltechnik längst ihre eigenen entwickelt – Icon, Baumstruktur, Tag…

    - wenn man oppulente Optik mag. Ich persönlich finde (Echtwelt-)Filofaxe an sich schon häßlich, auf einem Gerät mit begrenztem Arbeitsraum stören mich dann diese unnützen Details umso mehr. Das gilt auch für extragroße Buttons, an denen man einzig die Fortschritte der glossy Optik und runden Ecken demonstriert. Grain-Background oder Holzmaserung… etc. Was soll das? Wertigkeit erzeugen? Wie das selbst schon fragwürdige Wurzelholzimitat im Cockpit der Luxuskarosse? Ein klares, kantiges Layout mit genügend Weißraum ist vielleicht nicht das gemütlichste UI der Welt, aber schnelle Auffassbarkeit der Bedienoberfläche ist mindestens ein genauso großes Qualitätskriterium, wie die genannten emotionalen Faktoren. Vielleicht will ja Apple tatsächlich andere Alterschichten ansprechen und wir sehen bald extra große „Tasten“, weil sie die junge Nerdgemeinschaft sowieso schon als Jünger auf der Haben-Seite sieht. Aber aus solchen Geschäftsüberlegungen ein generelles Design-Paradigma abzuleiten, halte ich für verfehlt.

  26. Felix am 10. November 2011 #

    gefällt mir der Beitrag.
    Aber ich mag Apple trotzdem nicht.
    Bin wohl einer von den Nerds »die lieber nackte Listen sehen«

  27. Peter H. am 15. November 2011 #

    Interessantes Thema. Mir als »Augenmensch« hat dieser Skeuomorphismus (oder wie das geschrieben wird) von Apple bisher recht gut gefallen. Ich finde dass Apple seinen Produkten damit etwas von der Kühle nimmt, die gerade auch diese Alu-Optik der Hardware reflektiert. Computer sind gemacht, um dem Menschen zu dienen, und Menschen sind nun mal keine kalten Rechenmaschinen sondern lebendige, organische Wesen, die nicht nur rational und funktionalistisch denken.
    Menschen wollen sich mit schönen Dingen umgeben, und gerade heute, da alles nach »nichts« aussieht (Stichwort Kunststoff) sehnen sich denke ich viele auch nach Ästhetik, die »bedeutungsvoll« erscheint.
    Ich kaufe mir immer noch lieber Bücher als E-books, weil mir die darin verpackte Information wertvoller und beständiger erscheint und ich mich an der sinnlichen Erfahrung erfreue. Ich glaube an diesen ganzen futuristischen Designkonzepten der letzten Jahrzehnte wird eines klar, nämlich dass Design immer steriler, abstrakter und unauffälliger wird, alles wird »vergeistigt«. Gleichzeitig erleben wir aber auch dass der geistige Gehalt digitaler Informationsströme immer Bedeutungsloser und Inhaltsloser wird, weil keine Differenzierung mehr geschaffen wird, nichts ausgesiebt oder bewertet wird (zumindest in der großen Masse). Der Computer kennt nur »Information«, nicht »bedeutend« oder »unbedeutend«. Daher wird zumindest die Illusion von etwas Wertvollem geschaffen, obwohl dieser Versuch natürlich fragwürdig ist.
    Aber um nochmal auf das menschliche zurückzukommen: Ich glaube wir dürfen in Zukunft nicht vergessen, dass es die Maschinen sind, die sich an uns Menschen anpassen sollen und nicht wir an uns an die Maschinen. Eine Synthese, ein »technokratischer Humanismus« ist für mich unausweichlich. Daher muss man wie ich finde beim Design immer auch den Menschen im Blickfeld haben, der nicht nur einfach funktioniert, sondern auch eine Psyche hat. :) Sorry, langer Kommentar!

  28. Mike am 21. November 2011 #

    Als ich die Überschrift las hatte ich schon einen Schock. Gerrit kritisiert etwas was Apple getan hat? Die Gottgleiche Firma mit den perfekten Produkten? Der Artikel selbst hat mich dann wieder auf den Boden geholt.

    Der böse Microsoft steckt noch in den 80ern, nur Apple schafft es auf den Kunden zuzugehen und die Produkte so zu gestalten, dass sie toll sind.

    Mein Weltbild stimmt wieder. Zustimmen muss ich dir aber dabei nicht, Geritt, oder?

    ;-)

  29. Karsten am 9. Dezember 2011 #

    Interessant dass der Beitrag kommt, wo Apple gerade in der neuen iBooks-Version den Schalter zum entfernen des Buch-Looks eingeführt hat :)

    Aber ich gebe dir Recht. Apps (nativ, html oder auch die klassische Internetseite) müssen auf eine gewisse Art installiert werden. Und damit meine ich nicht auf einem Gerät, sondern im Verstand des Nutzers. Einmal installiert, müssen sie aber auch von unserem Betriebssystem im Kopf aufgerufen werden, wenn sie relevant sein können.

    Wenn ich durch das Treppenhaus laufe und es riecht als hätte Oma gekocht, hilft es wenn meine Kochbuch-App mich an diese Welt erinnert (Weiß/Blau, Holz, Metallbeschläge, Handschrift, ihr wisst schon). Der Look hilft so, dass die App in den relevante Momenten überhaupt genutzt wird.

    Wenn ich einen Hörsaal betrete, hilft es wenn eine App die z. B. zum Mitschreiben gedacht ist, so gestaltet ist, dass mein Hirn es in die gleiche Schublade, wie den Hörsaal steckt.

    Das Adressbuch auf dem iPad ist auch ein gutes Beispiel. Meiner Erfahrung nach pflegt ein Großteil der Menschen ihre Adressbücher an PC und Handy nicht und nutzen lieber das klassische Buch. Wenn du als Hersteller jetzt erreichen wimöchtest, dass deine Nutzer umschwenken, kann die Abbildung eines echten Buches helfen.

    Skeuomorphismus ist aber nur eine Möglichkeit von vielen. Farben, Texturen, Typographie, Wording sind genauso mächtig und können 1:1 Abbildungen von Objekten aus der echten Welt auch überflüssig machen.

    Für mich ist Skeuomorphismus ein Werkzeug, dass ich mal bewusst anwende und mal nicht. Die größte Falle ist nämlich dass man etwas kreiert, das ganz simpel den Geschmack vieler Nutzer einfach nicht trifft. Wären eventuell viele Designer glücklicher mit dem iPad-Notizen-App, wenn es aussehen würde wie ihr Moleskine-Notizbuch?

    Eventuell werden eines Tages alle Apps und Internetseiten durch ein einheitliches User-Interface zu einer universalen Datenbank überflüssig gemacht, aber als Designer sind wir auch Kinder unserer Zeit und müssen mit dem Arbeiten was unserem Publikum vertraut ist.

  30. martzell am 5. August 2012 #

    Also kann Skeuomorphismus eine App sympathisch erscheinen lassen. Interessant. Habe ich so noch nicht gesehen. Mich hat immer nur gestört dass die Apps nicht mehr einheitlich aussehen und dass die Ledernähte wertvollen Bildschirmplatz verschwenden.

  31. ganzunten am 24. August 2012 #

    Die Metro (oder jetzt Modern) -UI ist aber eben nicht unpersönlich wie hier angedeutet wurde. Ganz im Gegenteil! Denn anstatt alles mit »angenehmen« aber eben auch statischen Rahmen zu umgeben ist bei der Modern-UI der Inhalt selbst die Oberfläche. Und die Inhalte sind persönlich.

    Die Kacheln auf meinem Windows Phone zeigen Bilder meiner Freunde, die Musik-App besteht zu 100 % aus dem Artwork des Musikers den ich gerade höre und die restlichen Oberflächen kann ich in Größe, Anordnung und Farbe meinem persönlichen Geschmack anpassen.

    Auf der anderen Seite sind die Holz- und Leder-Strukturen nur eben simple Simulationen. Eigentlich doch aber ebenfalls nur farbige Pixel unter dem selben kühlen Glas. Ein Betrug.

    Apple folgt dem alten Prinzip des »Informationsraumes« den vor allen Douglas Engelbart und Alan Kay geprägt haben und der in einem Computer erzeugt und simuliert wird. Man macht es sich darin regelrecht gemütlich: ein Museum vollgestopft mit Metaphern von Objekten, die viele jüngere Menschen heute wahrscheinlich nie selbst benutzt haben: Disketten, Briefmarken, Kompass, ledergebundene Adressbücher, Schallplattenspieler usw. Alles sollte so sein, wie in einem »echten« Büro, nur eben ohne Papier. Das »parperless office«, die große geniale Idee von Xerox ist aber mehr oder weniger schon Realität geworden.

    Auf der anderen Seite versucht Microsoft mit dem Modern-UI den Informationsraum als Benutzeroberfläche abzuschaffen und den Inhalt selber zur Schnittstelle zu machen. Bestes Beispiel hier ist das sog. »Pivot Control« in Windows Phone: kein Scrollbalken, keine Buttons! Man verschiebt den Inhalt selber um ihn zu filtern und zu sortieren. Absolut genial. Die persönlichen Inhalte kommen an die Oberfläche. Surface-Computing. Kein Zufall, wie also der erste Computer von Microsoft heißen wird: Surface.

    Diese Informations-Oberfläche wird zur Zeit noch hinter kühlem Glas projiziert. Aber die Zukunftsvision zeigt doch, dass das nicht so bleiben wird: bald haben wir wieder Holz und Papier in der Hand, aber mit personalisierten digitalen Inhalten.

  32. Gerrit am 27. August 2012 #

    @ganzunten: Sehr interessante Argumente! Ich argumentiere im Webdesign gerne genauso: die Inhalte bilden gleichzeitig das Design und schaffen den persönlichen Raum.

  33. David am 19. September 2012 #

    Bisher wurde auch für mein Empfinden folgender Punkt weder in den Kommentaren, noch im Artikel selbst angesprochen (der auch für meinen Geschmack zu sehr in Richtung »was Apple macht ist super, Microsoft hängt wie immer hinterher« geht):

    Wir alle müssen uns in einem immer größer werdenden Dschungel an Daten zurechtfinden. Zugang zu den Daten erhält Otto Normalverbraucher (und der Rest der Welt auch) durch ein GUI. Je einfacher dieses gehalten ist, desto eher richtet sich der Fokus der/des User/s auf die Inhalte – die Daten. Die Aufgabe der Oberfläche ist eigentlich nur, diese Daten so aufzubereiten, dass der Verbraucher sie möglichst einfach und vollständig erfassen kann – »form follows function«. Je kleinteiliger und verzierter eine Oberfläche also ist, desto schwieriger wird es, den eigentlichen Inhalt zu erfassen. Für mich persönlich ist schon aus diesem Grund Microsofts Metro- bzw. Modern-UI vorteilhafter als Apples oder Googles Variante.

    Interessant ist – nebenbei bemerkt – dass die Gestaltung von praegnanz.de sehr viel stärker an das neue Microsoft-UI erinnert als an das Apple-Pendant. Der Grundtenor des Artikels klang für mich so, als müsste es genau anders herum sein. :)

  34. Gerrit am 19. September 2012 #

    @David: Bezüglich deines letzten Absatzes: Rein gefühlsmäßig unterscheide ich hier tatsächlich zwischen Browser und Website. Während der Browser in die Kategorie »Kann ruhig mit Leder gemacht sein« fällt, mag ich es bei dem »Inhalt« des Browsers (also den Websites) nicht so gerne.

    Aber grundsätzlich hast du natürlich Recht, deine Argumentation ist valide.

  35. Uli am 5. Juli 2013 #

    @ 2 hugo vom 8. November 2011 #

    »Skeuomorphismus – so sinnvoll wie die freundliche Büroklammer.«

    Siehe iOS 7 … q.e.d.

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