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Gerrit, 27.09.2004

Gentium

Gentium - a typeface for the nations

Victor Gaultney wollte mit der Gentium eine Schrift entwerfen, die alle Buchstaben und Sonderzeichen möglichst vieler Sprachen und Schriftsysteme auf homogene Art in sich vereint, um dem Anspruch eines typeface for the nations gerecht zu werden. Auf der ganzen Welt sollten die Menschen eine kostenlose Schrift verwenden können, um anspruchsvolle Typografie zu betreiben – egal, wie ausgefallen und selten die Zeichensysteme ihrer Schriftsprachen auch sein mögen. Soweit der ethnisch-weltpolitisch korrekte Ansatz.

Folgerichtig enthält die Gentium in der aktuellen Version über 1.500 Glyphen und dürfte damit an der Spitze liegen, was die Unterstützung von Unicode-Zeichen angeht. Es gibt kein kroatisches, finnisches oder altgriechisches Sonderzeichen, vor dem die Gentium kapitulieren würde. Das ist der Grund dafür, dass Gaultney, bevor er Ende 2000 die ersten Skizzen machte, erst einmal zwei Jahre lang Schriftforschung betrieben hatte, um all die Buchstabenformen zu sammeln, die er in die Gentium zu integrieren plante.

Glyphenvielfalt

Eineinhalb Jahre später, im September 2002, erschien dann die erste Version der Gentium im Internet und gewann die Hochachtung der Typografie-Welt. Einige Auszeichnungen und 20.000 Downloads später wird die Gentium nun endlich den Lesern von Prägnanz & Pragmatik vorgestellt.

Charakteristik

Wir haben es hier mit einer weichen, organischen und sehr individuellen französischen Renaissance-Antiqua zu tun. Es gibt eigentlich keine Schrift, die der Gentium wirklich ähnlich sieht. Das liegt vor allem an Ihren deutlichen Strichstärkenkontrasten, die – zusammen mit der Ausgestaltung der Serifen und An- und Abstriche – stark an das Schreiben mit der Breitfeder erinnert.

Gentium regular Buchstaben

Die Gentium ist generell sehr gut lesbar und technisch einigermaßen sauber umgesetzt. Sie hat einen spürbaren Drang in die Leserichtung, selbst die Punkte sind abgeflacht und schräggestellt. Beim Lesen bildet die Gentium prägnante Wortbilder und ist von unverwechselbarem Charakter – nicht ohne einen gewissen historischen Charme. Die einzelnen Zeichen sind sehr homogen, es gibt keinerlei Star-Allüren bei einzelnen Buchstaben.

Gentium italic Buchstaben

Die italic-Variante ist äußerst gelungen. Sie läuft etwas schmaler und hat ein eigenständiges Schriftbild, das dennoch gut mit der Gentium regular harmoniert. Großartig!

Umfang

Bisher sind leider nur zwei Schnitte vorhanden: regular und italic. Irgendwann 2005 soll es dann bold und bold-italic geben. Eine serifenlose Variante steht viel weiter hinten auf dem Fahrplan.

Über die vielen Glyphen muss ich nicht mehr viel berichten. Dennoch ist die Anzahl der Ligaturen überraschenderweise eher unterdurchschnittlich. Auch echte Kapitälchen sowie Mediävalziffern sucht man vergeblich. Ganz klar: Die Gentium ist nicht mit allen Spitzfindigkeiten ausgestattet, die einem Typografen so einfallen können. Man darf eben nie vergessen, dass sie kostenlos angeboten wird.

Die Gentium in der Praxis

Die filigranen Details in den Formen der Gentium kommen vor allem im hochauflösenden Druck zur Geltung. Bei Tintenstrahl-Ausdrucken auf minderwertigem Papier neigt die Gentium zur unsauberen und unschönen Darstellung. Auch am Bildschirm sollte man die Gentium eigentlich nur für Headlines ab einem Schriftgrad von ca. 24 Pixel verwenden. Hier ist also Vorsicht angesagt!

Gentium sample

Wie oben bereits erwähnt, ist die Gentium keine besonders modern wirkende Schrift. Ein Skateboard-Magazin oder ein New-Economy-Geschäftsbericht ist demnach vielleicht nicht das richtige Zuhause. Doch in der belletristischen Buchtypografie oder beim Gestalten der Festschrift zu einem hohen runden Geburtstag kommt die Gentium wie gerufen.

Rechtliches

Gentium darf völlig frei als Schrift eingesetzt werden, solange sie nicht verändert wird. Einzige Ausnahme: Those wishing to include Gentium with a commercial product or bundle it with other items for sale, however, would likely be required to pay licensing fees.

Downloads

7 Kommentare

  1. NB am 27. September 2004 #

    Weiter so! So spricht ein wahrer Typograf! :)
  2. Nicole am 3. Oktober 2004 #

    Nette Idee – aber bitte den regelmäßigen Shortlink im eigentlichen Blog nicht vergessen ;o)
  3. Gerrit am 3. Oktober 2004 #

    @Nicole: Im RSS-Feed taucht der Teaser von FSDW auf.
  4. Ingomar am 3. November 2004 #

    Bin erstaunt,so viel Geistreiches im Internet zu finden. Werde mir Gentium herunterladen – Danke, Dr.Web!
    Danke, Gerrit!
    Ingomar
  5. Stefan Lücking am 29. November 2004 #

    Diese wöchentlichen Besprechungen von kostenlosen Schriftarten sind eine tolle Idee.
    Die Gentium ist vor allem für Leute interessant, die sich mit klassischen Texten beschäftigen. Ich benutze diese Schriftart vor allem deshalb sehr gerne, weil es kaum eine andere Schriftart mit so hervorragenden griechischen Zeichen (einschließlich der polytonischen Akzente) gibt.
  6. phil am 30. Januar 2006 #

    Die Lizenz der Gentium hat sich vor einiger Zeit geändert, sie steht jetzt unter der SIL Open Font License (OFL) zur Verfügung.

    Diese erlaubt die Modifikation der Schrift, wenn dabei ein anderer Name für die Schrift verwendet wird und die modifizierte Version ebenfalls unter die OFL gestellt wird. Ebenfalls erlaubt ist die kommerzielle Nutzung als Teil eines größeren Softwarepakets. Der Verkauf der Schrift alleine ist allerdings untersagt.

    Damit ist Gentium nun tatsächlich freie Software.

  7. Maniac am 23. Oktober 2006 #

    Wunderbare Schrift, mir gefaellt vor allem das kleine m und g extrem gut. Bin dauernd auf der Suche nach Serifen-Schriften mit wirklichem Charakter und ansprechendem Bild,die Gentium ist hier ein klarer Favorit. Kompliment!

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