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Gerrit, 21.03.2006

Web2.0: Wann kommt die Konsolidierung?

Derzeit wird es mir ein bisschen zu viel mit den ganzen sozialen Webapplikationen, die sich im Netz neu zu etablieren versuchen. Wieviele Online-Feedreader/Mini-Wikis/Hyperlinksammlungen/Podcastportale/Geodatenspielplätze brauchen wir noch? Es gibt bereits Verzeichnisse mit knapp 1000 Einträgen, randvoll mit Web2.0-Diensten  …

Zugegeben, ich schätze einige Dienste sehr und nutze sie fast täglich. Zum Beispiel Flickr, Del.icio.us, Frappr und natürlich Blogsoftware. Doch in den letzten Wochen kommen mir vermehrt Dinge auf den Monitor, die ich entweder nicht verstehe oder einfach übertrieben finde. Nehmen wir Goowy, auf das ich beim Kollegen Wanhoff aufmerksam geworden bin. Goowy ist ein sehr engagierter Versuch, einen webbasierten Desktop zu erschaffen, auf dem ich eMails verwalten, Feeds lesen und chatten kann. Mit jeder Menge Ajax-Kram versucht man, ein virtuelles Betriebssystem nachzuahmen. Anderes Beispiel: Ning – eine Art Meta-Webapplikation. Man kann mit Ning aus verschieden Modulen auswählen und sich durch Kombination eine eigene Webapplikation zusammenbasteln. Was aber kaum jemand macht – zurecht!

Das Problem, was ich bei vielen neuen Services sehe: Sie können einfach zuviel oder versuchen, Bedürfnisse zu befriedigen, die schlichtweg niemand hat. Die wirklich guten Apps da draußen sind diejenigen, die sich auf eine einzige Sache konzentrieren, und alles außen vor lassen, was nicht in das jeweilige Metier fällt. Selbst das nachträgliche Streichen von Features sollte dabei kein Tabu sein. Die Flickr-Leute sind selber ein wenig unglücklich (MP3) über das unnötige interne Mail-System. Weg damit, Jungs! Nur zu!

Youtube ist (natürlich auch wegen des Videos!) sehr schnell zum Bewegtbild-Äquivalent von Flickr geworden. Und ja: Youtube konzentriert sich nur auf Videos und versucht nicht, nebenher noch Kaffee zu kochen.

Die Zukunft im Web2.0 liegt meiner Meinung nach in der Spezialisierung. Erfolgreiche Web-Apps lösen ein einziges vorhandenes Problem sehr gezielt, und lassen sich nicht bei plötzlichem Erfolg verleiten, mit schnell gestrickten Zusatzfeatures ihre Grundaufgaben zu verwässern. Wer das Problem am einfachsten, schnellsten und überzeugendsten lösen kann, wird Marktführer und wird von Google gekauft kann ans Geld verdienen denken. Das ist wieder eine andere Baustelle.

Fazit: Bevor Ihr einen neue Webapplikation auf den Markt werft: Checkt mal, ob die Leute das wirklich brauchen, bevor ich unzählige Stunden umsonst arbeitet. Und hört nicht auf das Teufelchen, das Euch von der Schulter bereits den ersten Werbeslogan diktieren möchte: »MeeTooNowr – just like X, only with Y and additionally with Z. Plus Ajax and Tags.«

Und bitte: Denkt mal über ein paar frische Namensfindungs-Konzepte nach!

18 Kommentare

  1. Stefan am 22. März 2006 #

    Hey, du sprichst mir aus der Seele.
    Es gibt da draußen auf einmal soviele Dinge, die ich nicht brauche, dass ich mich manchmal frage wer für sowas Zeit aufwendet und bastelt.

    Einfachheit ist der Weg zum Erfolg.
    Beschränkung auf das aller wesentlichste – youTube ist ein sehr gutes Beispiel oder auch eine meiner liebsten Seiten: ehrensenf.de.
    Bei beidem nutzt man Multimedia im Netz und bietet echten Inhalt an.

  2. Stefan am 22. März 2006 #

    Genau das passiert doch immer.
    Stichwort Innovationslosigkeit. Ob nun Apples iPod oder irgendeine tolle neue Idee. Irgendwer glaubt immer, er kann es besser. Idee weg, nächste Idee. Kopieren ist was für Looser.
    Mir gefällt die Philosopie von 37signals (»It simply doesn’t matter«), also all das Zeug weglassen, was man nicht wirklich braucht, und erst wenn der Kunde danach verlangt (und nicht nur ein paar) dann vielleicht erweitern.
    Stichwort Ma.gnolia. Ich hab es eine Weile getestet, aber was bringt es mir schon Besseres als del.icio.us? (Community? Toll. Screenshots? Toll. Dafür langsam, schwer zu bearbeiten und zu viel Spielerei). Da hilft auch keine tolle Verpackung.

    Am Anfang eines guten Dienstes steht nun mal eine eigene, neue Idee, und nicht ein bisschen AJAX und irgendeinen geklaute Idee. Alle hoffen darauf, dass ihnen irgendein Großkonzern die Idee nach zwei Monaten abkauft und so ihr Haus in der Sonne finanziert.

  3. Nico am 22. März 2006 #

    Ma.gnolia und del.icio.us sind ein gutes Beispiel. Einfach ist immer besser. Das Design von del.icio.us ist auch viel zeitloser. Ma.gnolia muss sich spätestens in einem Jahr redesignen, wenn das WEB 2.0 in diesem Tempo weitergeht.

    Es gibt noch zwei Seiten, die eine Übersicht geben, was sich täglich Neues im WEB 2.0 tut:

    Museum Of Modern Betas
    link text

    und

    Techcrunch
    link text

  4. Nico am 22. März 2006 #

    okay, irgendwie hat die Linkformattierung nicht geklappt, egal.

  5. Roman am 22. März 2006 #

    »Hey, du sprichst mir aus der Seele.«

    Mir auch!

  6. Heiko am 22. März 2006 #

    Kann Nico und Stefan nur zustimmen. Gerade dieser Vergleich Ma.gnolia und del.icio.us bringt es ans Tageslicht. Viel zu viel drum herum. Ein Link und dessen Verwaltung reicht vollkommen aus. Diese ganzen Tags die zusätzlich definiert werden. Mal ganz davon abgesehen, das viele oft in der falschen Rubrik landen und damit die Ergebnisse bei einer Tagsuche vollkommen durcheinander bringen.

    3 bis 4 Anwendungen die hier schon erwähnt wurden sind nützlich, ansonsten ist vieles einfach nur gääääähn. Ich bin nicht grundsätzlich gegen diese »neuen« Web2.0 Applikationen. Man sollte sich sein Urteil machen und dann entscheiden ob es für einen einen Nutzen bietet oder nicht. Aber es ist wie bei Webseiten, es gibt interessantdesignte, nützliche und den Rest den man nie wieder sehen will, weil es reine Zeitverschwendung ist.

  7. John am 22. März 2006 #

    Die Konsolidierung wird sicher bald kommen und dann werden die Applikationen (so noch nicht geschehen) unter einem Dach bei Yahoo & Co. landen. Die Spezialisierung wird sich dann u.U. wieder etwas auflösen und ein del.iflic.kr angeboten werden (Kommen sie ran, kommen sie ran … hier können sie ihre Bilder, Links und Unterhosen verwalten.).

    Guter Artikel.

  8. Jens Meiert am 22. März 2006 #

    Muss dir in fast allem zustimmen, Gerrit. Manchen Unternehmen scheint nicht klar zu sein, was ihr Kerngeschaeft ist.

    Zu YouTube: Technische Katastrophe, rundum. (Ja, keine Zeit, jetzt ein Buch darueber zu schreiben.)

  9. Nick Blume am 22. März 2006 #

    newsvine ist auch sowas in der Art wie del.icio.us. Nur umständlich.

  10. Media Addicted am 22. März 2006 #

    Tadaaaa. Meine Rede. Aber wo du »umsonst Arbeiten« erwähnst: letztendlich ist das auch eine Art Lottospiel. Irgendwelche Berufsjugendlichen programmieren halt erstmal irgendwas mit dem Ziel, der Hoffnung, der Vision, dem Traum, für viele, viele Milliönchen von Google, Microsoft, Yahoo oder einem Milliardär, der mal Bock auf innovatives Online-Business hat, gekauft zu werden.

  11. macsepp am 22. März 2006 #

    Ich bin nicht so ganz einverstanden. Klar ist es gefährlich sich auf unnütze Dinge zu konzentrieren, aber ehrlich gesagt stört es mich eher ständig mehrere Dienste gleichzeitig zu nutzen. Ich komme auch mit vielen Diensten unter einem Betriebssystem zurecht. Ich wünschte mir da nicht für alles einen eigenen Rechner und Oberfläche. Goowy kannte ich noch nicht. Ich bin total begeistert davon. Wenn ich zum Beispiel irgendwo in einem Job bin und auf meine Dienste zugreifen möchte, suche ich schon seit langem genau sowas.

    Ich verstehe Gerrits Gedanken schon. Manchmal leidet die Qualiät des Services unter der Vielfalt der integrierten Features. Bei vielen aber eben auch nicht. Ich bin sicherlich kein Marketing Experte aber soviel hab ich doch mitbekommen. Die Message »Checkt mal, ob die Leute das wirklich brauchen, bevor ich unzählige Stunden umsonst arbeitet.« stimmt so ja nicht ausschließlich. Der Trick ist ja ein Bedürfnis zu erwecken und nicht nur eines aufzuspüren.

  12. pepe am 22. März 2006 #

    um kurz mal die eirschaukelrunde zu sprengen ;) sry aber das web wächst immer noch und in manchen teilen der welt wird es noch jahre dauern bis ein erschwinglicher internetzugang für den normalverbraucher bereit steht. d.h. wer nicht aus der ära des oldskoolweb stammt, hat die freie wahl und muss nicht den einzig vorhandenen bookmarkdienst, browser, rssreader oder sonstwas einsetzen. daher haben imo flickrlicious (das ist mein beitrag zur namensgebung, ist noch als .org .net .de zu haben :)) und konsorten höchstens den first mover und originalitäts bonus, genießen das vertrauen der experten. apropos vertrauen. da lohnt es sich doch einen blick auf google zu werfen: wieviel dienste bietet das monster aktuell an? 50+? das ist alles, nur keine konzentration auf irgendwas. längst wäre das portal layout für google angebracht, nur es könnte ja passieren, dass einige strukturtraditionalisten plötzlich überfordert wären und google nicht mehr als die idiotensichere suchmaschine wahrnehmen. aber wann war es das? schon mal advanced features und zusatzfunktionen ausprobiert? nur weil ich als beschränkter webmonkey alles quick and dirty erledige, sagt das noch nichts über die tatsächliche qualität einer anwendung aus.

    jedenfalls sehe ich bei einigen neuen diensten (rallypoint, irows, 30boxes oder auch ning) wesentliche innovationen. office anwendungen werden in ein grid ausgelagert und ondemand bereitgestellt. mein rechner wird zum reinen anzeige und speichergerät. verwaltung und austausch von dateien, bookmarks, fotos usw. scheint mir doch im gegensatz zu einem webgestützten desktop inkl. office- und komunikationstools eher eine banale anwendung zu sein, die sicher nicht komplizierter werden sollte. da stimme ich zu. aber wir wollen doch mehr aus dem web rausholen, oder etwa nicht? und wenn ich mir meinen mit 20 extensions gepimpten firefox so ansehe – eine richtige sau, die täglich fast einen kompletten 256mb riegel verspeist – dann zweifle ich mehr denn je an irgendwelchen vereinfachungsphilosophien.

  13. Julia am 22. März 2006 #

    Im Moment geht halt der Trend stark zu Ajax und dem Versuch, Webapplikationen zu erschaffen, die den Komfort von Desktop-Applikationen haben. Und natürlich will ein Service mehr bieten, als der andere.
    Irgendwann wird es wohl in einem modularen Aufbau enden: man hat ein »Grund-Feature« und kann es durch optionale Module erweitern.

  14. Philipp am 23. März 2006 #

    Erfahrung mit exponentiellem Wachstum konnte ich u.a. auch schon bei BitTorrent sammeln. Der ursprüngliche Client war unglaublich schlicht (ebenso hässlich) und trotzdem irgendwie etwas komplett Neues. Danach fing das Client-Gewitter an und jeden Tag gab es drei neue Projekte, alle mit neuen »Features« und nur die Wenigsten wirklich eine gute Idee. Das Problem hat sich m.E. weitgehend selbst bereinigt, denn mittlerweile sind nur noch einige wenige Programme übrig.

  15. Rico am 23. März 2006 #

    Im eHub von Emily Chang werde täglich mehrere neue Webapplikationen vorgestellt. Mir persönlich ist das alles zuviel des Guten im Moment. Einige wenige WebApps fallen wohl auch eher in die Kategorie: »Dinge die die Welt nicht braucht«.

  16. cbgreenwood am 29. März 2006 #

    »Hey, du sprichst mir aus der Seele. Mir auch!« – die Dritte von mir. Frische Web 2.0 Awards gibts für die best-of-breed in zig Kategorien. Kannte viele auch noch nicht, aber auch die sites die die Welt nicht braucht sind dabei  … na ja, eine weitere schöne Übersicht, spart Zeit. Finde die Diskussion spannend. Fand keinen Trackback, deshalb so.

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