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Gerrit, 11.12.2010

Teile und herrsche!

Ein paar Worte über mein frisch justiertes Arbeits- und Freizeit-Computingverhalten.

Zugegebenermaßen sind iPad-Erfahrungsberichte nicht gerade die Ausgeburt an Originalität, schon gar nicht im Dezember 2010, wo alle schon auf das nächste Modell warten und es nicht annähernd mehr etwas besonderes darstellt, so ein schmuckes Tablet zu besitzen.

Dennoch beginne ich erst in den letzten Tagen, mein iPad richtig zu verwenden. Grund ist eine Art selbstauferlegte Computerknappheit in den heimischen vier Wänden, die derzeit meine Gewohnheiten ganz nett durcheinanderwirbelt.

Seit letzten Freitag bin ich vom jahrelangen, überzeugten Laptop-Anwender zum Stationär-Nutzer geworden: Mein einziger richtiger Arbeitsrechner ist nun ein iMac mit 27 Zoll und SSD, womit eigentlich alles gesagt ist: Pfeilschnelles Arbeiten ohne Wartezeiten und wirklich genügend Pixel zum Ausbreiten von Fenstern und Paletten. Toll!

Im Zuge der Neuanschaffung wollte ich jedoch ebenfalls mein treues Alu-MacBook verkaufen, was ich auch spontan gemacht habe. Nicht ausschließlich aus finanziellen Gründen, sonden durchaus auch im Rahmen eines Experiments, in dessen Mittelpinkt zwei Fragen stehen:

  1. Kann ich Beruf- und Privatleben durch das Weglassen eines vollwertigen »Pendel-Laptops« noch besser trennen?
  2. Kann ich mein iPad stärker ausreizen, wenn ich zuhause quasi gezwungen bin, es als einzigen Rechner zu benutzen?

Die Antwort nähert sich in beiden Fällen einem »Ja« an, soviel sei verraten.

Eines ist klar: Ohne Cloudsyncing wäre das alles nur schwerlich zu ertragen… Ich habe natürlich Mails und Termine komplett über Google ständig aktuell auf beiden Geräten verfügbar, und nutze dazu selbstverständlich native Clients und nicht etwa die Weboberfläche! Darüber hinaus leistet mir Dropbox wertvolle Hilfe, wenn es um den Zugriff auf wichtige Dokumente geht, die ich zwar während der Arbeitszeit erstelle, dann aber zuhause weiterbearbeiten oder zumindest einsehen muss. Erst kürzlich habe ich außerdem Simplenote kennen gelernt, dass für mich eine Art super-reduziertes »Dropbox für Textnotizen« darstellt. Hiermit setze ich seit neuestem meine eigene GTD-Lösung Three Boxes of Joy um, denn ich will natürlich Notizen auf allen meinen Geräten gleichermaßen im Sync halten. Neben den nativen Clients für iPhone und iPad empfehle ich für den Mac übrigens Dashnote, welcher als Dashboard-Widget ständig schnell verfügbar, aber eben nicht dauerhaft im Weg ist. Aber es gibt jede Menge Möglichkeiten, mit Simplenote zu agieren; auch für Windows und Linux existieren brauchbare Clients. Gerade wegen seines absolut minimalistischen, dadurch univsellen Ansatzes genau das richtige für mich. Ich habe nie mehr als 7 oder 8 Notizen am Start, und die Tags benutze ich gar nicht. Trotzdem hilft Simplenote mir enorm, den Kopf freizubekommen, weil ich eben jederzeit an meine Notizen komme, genauso wie ich Dank Dropbox jederzeit an meine Dateien kommen kann!

Syncing ist das eine. Das andere ist das konkrete Arbeiten mit dem iPad. Und hier muss ich sagen: Es geht. Aber man muss ein bisschen Ruhe und Muße mitbringen. Wer es gewohnt ist, blitzschnell mit der Maus zu agieren und auch viel mit Tastaturkomandos zu arbeiten, muss sich erst an eine gewisse Gemächlichkeit gewöhnen. Das Arrangieren und Stylen von Textboxen in Pages ist natürlich fummelig, aber auch alleine Copy & Paste ist eine Katastrophe! Der Wechsel zwischen zwei Programmen ist wirklich ein Wechsel, während man am traditionellen Desktop ja so schnell hin- und herwechselt, dass man eher von Gleichzeitigkeit sprechen kann. Um mit dem iPad frustfrei ein bisschen mehr zu machen als nur Twitter lesen und zeit.de besuchen, muss man sich vorher in einen entschleunigten Modus versetzen, ggf. unter Zuhilfnahme eines Rotweins. Dann macht das Laune. Diesen Text schreibe ich selbstredend auf dem iPad, nutze dabei die App Writer, und werde die Datei morgen früh auf meinem Büro-iMac in der Dropbox wiederfinden. Dort werde ich Links ergänzen, und den Kram in Textpattern importieren. Denn exakt diese Tätigkeit – Hyperlinks rechchieren und Blogtexte damit anreichern – ist auf dem iPad mega-umständlich.

Ein Detail, welches mich derzeit in den Wahnsinn treibt, muss ich auch noch erwähnen: Ich tippe zwar nur mit zwei Fingern, jedoch unüblich schnell. Ich bilde mir ein, alle Tasten ordentlich zu treffen, doch seit einiger Zeit verschluckt das iPad-Keyboard ständig Buchstaben. Ganz besonders gerne die Kombination »er«. Also muss ich wohl noch ein bisschen mehr entschleunigen – oder aber auf ein Software-Update warten.

Insgesamt: Das konstruktive Arbeiten mit dem iPad ist eine andere Form des Umgangs mit dem Computer, für das es bislang keine Nutzungsmöglichkeiten gab. Es macht Spaß, wenn man generell Freude an Vereinfachung und Entschleunigung hat. Oder sich dazu zwingen möchte.

Nachsatz

Ehrlicherweise muss ich noch hinzufügen, dass ich nicht komplett auf einen Laptop im Haus verzichten kann! Im Januar gebe ich einen dreitägigen HTML/CSS-Grundkurs an der ZHdK und bin ebenso drei Tage auf einem Workshop vor Ort bei einem anderen Kunden. Hierbei wäre ich ohne echtes Laptop aufgeschmissen. Doch es gibt ja immer noch mein treues weißes MacBook der allerersten Generation (nur echt mit den braunen Handschweiß-Flecken). Nachdem ich hier Snow Leopard aufgespielt und einen neuen Akku eingesetzt habe, ist das Gerät locker noch gut genug für Präsentationen und Webentwicklung!

16 Kommentare

  1. Sven am 11. Dezember 2010 #

    Du wolltest also durch dedizierte Geräte eine bessere Trennung von Beruf und Privatleben erreichen.
    Nun umgehst du diese Trennung durch Auslagerung in die Wolke. Statt tatsächlich zu Hause auf das »Arrangieren und Stylen von Textboxen in Pages« zu verzichten, quälst du dich mit den Unzulänglichkeiten des iPads für diesen Verwendungszweck herum.
    Lügst du dir da nicht selbst was vor?

  2. Gerrit am 11. Dezember 2010 #

    @Sven: Nein, denn ich mache das nur in Ausnahmefällen. Speziell letzte Woche ging es um ein Fax für private Zwecke. Und mir hat halt die Vorlage von Pages auf dem iPad nicht gut genug gefallen. ;-)

    Es ist immer noch ein Selbstversuch.

  3. Carsten am 11. Dezember 2010 #

    Zwei Hinweise:

    * Verstoß gegen die Bildschirmarbeitsverordnung
    * sorgloses Speichern irgendwo in der „Wolke“ – vielleicht sogar von Kundendaten?!

  4. Martin am 11. Dezember 2010 #

    @Gerrit:

    <blockquote>Eines ist klar: Ohne Cloudsyncing wäre das alles nur schwerlich zu ertragen… Ich habe natürlich Mails und Termine komplett über Google ständig aktuell auf beiden Geräten verfügbar, und nutze dazu selbstverständlich native Clients und nicht etwa die Weboberfläche! </blockquote>

    Welche Software verwendest Du dafür?

    Für den Google-Kalender nutze ich BusySync. Für Google-Mail hingegen fand ich bislang noch keine native Mac-Anwendung. Es gibt einige WebKit-basierte Browser-Anwendungen für Google-Mail, aber der Unterschied zur direkten Nutzung im Browser ist marginal. Und die Offline-Nutzung funktioniert in allen Varianten leider nicht.

    @Carsten:

    1. Gilt die Bildschirmarbeitsverordnung für Selbstständige?

    2. Ja, das frage ich mich auch … gerade die erwähnten Dienste Dropbox und Simplenote sind nicht auf Datenschutz und Datensicherheit ausgelegt, wenn auch ohne Zweifel sehr komfortabel.

  5. Gerrit am 11. Dezember 2010 #

    @Carsten: Clouddienste nur für unkritische und nicht-kundenbezogene Daten, selbstverständlich. Das iPad ist ja mein Privatrechner.

    @Martin: Mail.app und iCal. Syncronisieren wunderbar in beide Richtungen. IMAP bzw. CalDAV machen’s möglich!

  6. Victor Hugenay am 12. Dezember 2010 #

    Das sind mir die richtigen Profis, im Web arbeiten, aber nicht mal das basalste Handwerk beherrschen: Zehnfingersystem. Mutiges Outing. Einen Stecker in eine Steckdose stecken ist aber schon drin?

    Ein Detail, welches mich in den Wahnsinn treibt: Zwei Finger!

  7. Gerrit am 12. Dezember 2010 #

    @Victor: Ich denke nicht, dass meine professionelle Arbeit als Webdesigner davon beinträchtigt ist, wieviele Finger ich beim Tippen verwende. Ich arbeite hier nicht im Schreibbüro, mein Freund. Deinen zynischen Tonfall kannst du dir ebenfalls sparen.

  8. Stephan Schwenk am 12. Dezember 2010 #

    Hallo Gerrit,

    eine Trennung von Privatleben und Beruf erreicht man meines Erachtens nur dadurch, dass man z.B. am Wochenende auf Dinge verzichtet, die das Berufsleben ausdrücklich kennzeichnen. Und das ist in Deinem (als auch in meinem Fall) ein Computer. Dabei spielt es dann keine Rolle, ob es sich dabei um ein Tablet oder ein anderes Gerät mit Tatstatur handelt. Die Frage nach einem geänderten Workflow stellt sich also erst gar nicht.
    Eben habe ich mein Notebook eingeschaltet, weil ich über eines meiner Hobbies im Web etwas recherchieren wollte und bin über einen Umweg bei den Webkrauts nun auf Deiner Seite gelandet. Das war eigentlich nicht geplant.

    Ein Ausgleich ist extrem wichtig und in meinem Fall sind das Musik machen und Sport treiben. Ich habe am eigenen Leib schmerzhaft erfahren, was es bedeutet, wenn man sich keinen Ausgleich schafft. Insofern bin ich da auch Sven’s Meinung und kann Dir nur empfehlen, am Wochenende auf die digitalen Begleiter zu verzichten, sei es nun ein iPad oder ein 27-Zöller.

    Ich mache das jetzt auch und schalte mein MacBook wieder aus.

    Viele Grüße

    Stephan

    PS: Ich schaue morgen wieder hier vorbei, um mir Deine Empfehlung etwas genauer anzusehen ;-)

  9. Franz am 12. Dezember 2010 #

    Hallo Gerrit,

    genüsslich habe ich Deinen Beitrag gelesen und mir Deinen Selbstversuch zum Vorbild genommen. Bei mir ist es noch schlimmer, da ich im Moment vor der Entscheidung stehe ein iPhone, einen PDA oder sonst etwas Mobiles anzuschaffen.

    Ich habe einen Notebook (Windows), einen Mac mini, ein iPad (nur WiFi), ein Handy (altes Sony E.) und einen iPod-Touch. Zur Vereinfachung möchte ich hier nur noch drei Geräte. D.h. Notebook für die Arbeit, iPhone für Unterweg und iPad für Zuhause.

    Danke für den Einblick
    Gruss Franz

  10. Christoph am 12. Dezember 2010 #

    Hallo Gerrit,

    ich gruschel jetzt auch zwei Wochen mit einem iPad herum und bin begeistert. Es macht Spaß. Das MacBook bleibt immer öfter mal aus.

    Nächste Woche ich den ersten groden Versuch. Ich bin für zwei Tage in Berlin und werde nur das iPad mitnehmen.

    Zum Thema Notizen: Ich habe mich vor einigen Wochen mal für einige Tage an Evernote versucht, aber dann immer wieder festgestellt, dass es in Besprechungen gar nicht geht und ich schlussendlich doch zig einzelne Noitzzettel hatte. Deswegen habe ich mir weniger ein Moleskine zugelegt, dass mich überall begleitet. Mitschriften von längeren Besprechnungen werden dann gescannt und abgelegt. Das war’s.

    Zu meiner Konfiguration: MacBook, iPad und iPhone. Mails werden über die einzelnen IMAP-Accounts gemanagt. Kalender mit Google Calender direkt in iCal bzw. den iOS-Apps. Kontakte über MobileMe. Und für die Daten die iDisk.

    Übrigens tippe ich das hier mit dem iPad.

  11. Jürgen am 12. Dezember 2010 #

    Ich kann diese räumliche Trennung der Arbeitsgeräte Beruf / Privat nachvollziehen. – Mich interessiert, wie du mit dem riesigen, spiegelnden Bildschirm des iMacs klarkommst.

  12. Willi am 13. Dezember 2010 #

    @Jürgen: Ich bin zwar nicht Gerrit, aber ich komme wunderbar mit meinem 27« iMac zurecht. Ich habe noch nie so ein gutes Display gesehen. Die Spiegelungen sind vollkommen überbewertet.

  13. Jürgen am 13. Dezember 2010 #

    @Willi Danke! – Es kommt wahrscheinlich auch auf die Helligkeit der Umgebung an.

  14. wolfgang am 14. Dezember 2010 #

    Ha! Mir geht es ganz genauso. Seit drei Monaten habe ich – bis auf Ausnahmefälle (z.B. heute:) – nur noch das iPad abends als Rechner.
    Und ich fühle mich sehr entschleunigt.
    Allerdings habe ich den Eindruck, dass es absolut unmöglich ist auf dem iPad zu arbeiten. Worst Case Szenarien kann man irgendwie auch mit dem iPad bewältigen, alles andere geht auch mit einem iPad-Entschleunigungs-Bonus eigentlich gar nicht. Vor allem die mangelhafte Copy/Paste-Funktion treibt mich in den Wahnsinn.
    P.S. Eine Mischung, die btw. auch gar nicht geht: Kleinkinder und das iPad. Solange das Kind wach ist, gehört dann das iPad dem Kind.

  15. Marcel Koch am 15. Dezember 2010 #

    @Gerrit

    Interessanter Beitrag!
    Nicht zuletzt wegen des kleines Hinweises, dass das iPad »er« verschluckt. Einen kleinen Live-Beweis hast Du direkt eingebaut:

    »Denn exakt diese Tätigkeit – Hyperlinks rech[er]chieren und Blogtexte damit anreichern – ist auf dem iPad mega-umständlich.«

    Zum Thema würde ich vorschlagen, dass Du Dein altes, weißes MacBook ja auch durchaus mal zu Hause als Privatrechner anschmeißen kannst, um Dir eventuelle Frickeleien zu ersparen. Wenn Du es sonst nur für Präsentationen gebrauchst, sollte man es doch immer noch (hauptsächlich) als privates Gerät einordnen können.

    Gruß
    Marcel

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