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Gerrit, 05.04.2011

Mobile Website oder Web-App?

Erinnern wir uns zurück: In grauen Pre-iPhone-Zeiten gab es natürlich auch schon mobile Versionen von Websites. Doch außer ein paar grundsätzlichen Paradigmen (nur eine Spalte, komplett linearisierter Content, evtl. ein paar Zusatzboxen weglassen) gab es keinen rechten Anhaltspunkt und keine allgemein anerkannt-üblichen Guidelines, wie so eine mobil angepasste Website auszusehen hat.

Dann kam das iPhone und seine (zunächst nur vorinstallierten, später auch dazukaufbaren) Apps, und die Webdesign-Zunft atmet auf: Endlich gibt mal eine fähige Autorität vor, wie man das so angeht mit der Aufbereitung für mobile Surfgeräte. Und seitdem sehen fast alle mobil optimierten Website haargenau so aus wie iPhone-Apps, halten sich sklavisch an die Apple-UI-Guidelines. Bestes Beispiel sind die diversen WordPress-Plugins, die bei mobiler Nutzung des Blogs sofort ein spezielles Theme aktivieren, welches einen iPhone-App-Ähnlichkeitswettbewerb gewinnen zu wollen scheint.

Warum eigentlich?

Nun, natürlich hat sich Apple einige sehr viele Gedanken darüber gemacht, wie man eine Applikation auf einem mobilen Gerät umsetzt. Größe, Anmutung und Verhalten von Buttons, Listen und Menüs usw. sind sinnvoll und nützlich. Doch sie gelten halt im Wesentlichen für Apps.

Und Apps sind nicht mit Websites gleichzusetzen, auch wenn die Grenze immer stärker verwischt wird in letzter Zeit. Nehmen wir zwei Beispiele, um den Unterschied zu verdeutlichen! Spiegel Online hat vor ein paar Tagen seine mobile Website unter m.spiegel.de erweitert und aufgehübscht und dabei bewusst nicht auf den iOS-Look gesetzt, sondern sich etwas eigenes ausgedacht. In meinen Augen eine sinnvolle Entscheidung, denn es handelt sich bei Spiegel Online nicht um eine App – es ist eine Nachrichtenwebsite mit sehr viel Text und Bildern, bei der geteasert und redaktionell gewichtet wird. Keine nackten Auflistungen, die zeitbasiert oder gar alphabetisch sortiert sind, wie es bei Apps üblich ist.

Im Gegensatz dazu gibt es Showtime, eine Web-Applikation zum Nachschlagen von Sendezeiten von US-Fernsehserien. Diese ist mit jQTouch umgesetzt worden und sieht einer nativen App zum Verwechseln ähnlich. Recht so, denn Showtime ist eben keine redaktionell betreute Website, sondern eher eine Datenbank-gestützte Such- und Stöber-Anwendung, die andere Bedienparadigma verlangt.

Ich hoffe, dass anhand der beiden Beispiele klar wird, worum es mir geht: Man sollte als Webdesigner nicht blindlings nach einer möglichst iOS-mäßigen Lösung Ausschau halten, wenn es um die Entwicklung einer mobilen Website geht. Überlegt euch erst einmal, ob es sich tatsächlich um eine Web-App handelt, oder vielmehr um eine klassische mobile Website. Bei letzterem ist ein App-Look eher weniger sinnvoll.

Freier gestaltete mobile Websites haben unter anderem den Vorteil, dass man das Corporate Design einer Firma stärker berücksichtigen kann, und dass man Plattform-agnostisch arbeiten kann, sprich: Auch unter Android, WebOS und Windows Phone 7 macht m.spiegel.de eine gute Figur und sieht nicht überall aus wie eine »Ich wär’ so gerne eine native iOS-App«-Web-App. Ist ja auch irgendwie uncool.

In diesem Beitrag unerwähnt bleibt die native Spiegel-App für’s iPhone, die im Wesentlichen einen Mischmasch bietet aus mobiler Website und nativen Bedienelementen – keine sonderlich elegante Lösung. Aber man muss es ja nicht nutzen.

update 21.6.2011: Ein Artikel zum Thema

18 Kommentare

  1. Martin Thiemann am 5. April 2011 #

    Schöner Artikel, ich stimme voll zu und bin auch der Meinung, dass man sich der Unterscheidung zwischen Web-App und (mobiler) Website bewusst sein muss. Vor allem der Punkt mit den verschiedenen mobilen Systemen ist interessant. Wir argumentieren doch meist, dass eine mobile Website für den Kunden die bessere Wahl ist (im Gegensatz zur nativen App), da sie nicht auf jedes Mobile-OS angepasst werden muss und viel Aufwand spart.
    Martin

  2. Simon am 5. April 2011 #

    Dass auch Web-Apps visuell nicht unbedingt für jedes mobile OS (iOS, Android, Blackberry, …) angepasst werden müssen, zeigt z.B. die mobile Version von Basecamp ganz gut. Eigenes UI und trotzdem/deshalb sehr gut auf Geräten jeglicher Couleur wiedererkennbar und bedienbar.

    Wir entwickeln ja auch »Desktop-Webseiten / Desktop-Web-Apps« nicht OS-spezifisch für Linux, Windows und Mac. Denn einer der größten Vorteile des Web ist und bleibt die Plattformunabhängigkeit.

    Obwohl: bei mobilen Geräten macht es natürlich öfters Sinn. Kommt halt immer drauf an.

  3. Gerrit am 5. April 2011 #

    @Simon: Das ist natürlich richtig. Viele Web-Apps wollen aber eben nicht dazu stehen, dass sie wirklich Web-Apps sind und versuchen, Elemente aus nativen Apps nachzubilden, so gut es geht. Und diese sind eben dann wieder je nach Plattform unterschiedlich.

  4. Philipp am 5. April 2011 #

    Erwähnenswert finde ich auch die iPhone Seite vom kicker (auch wenn diese scheinbar seit Anfang März nicht mehr aktualisiert wurde?!).

    Auch erwähnenswert ist die Seite vom Tagesspiegel. Diese überregional bekannte Zeitung macht sich erst gar nicht die Mühe einer mobilen Version. Da frage ich mich schon länger, ob das ein Statement sein soll, oder pure Ignoranz ist.

  5. Florian J. am 5. April 2011 #

    Danke für den guten Artikel! Ich möchte bemerken,dass deine Website auf meinem iPod touch sehr angenehm ist, gerade weil man so weit mit Doppelklick (/-touch) an den Artikeltext heranzoomen kann,so dass die grünen Querbalken von rechts genau bis an den linken Rand des Displays reichen.

    Im Übrigen mögen meine Augen die Schrift(größe & familie) :D

  6. cmi am 5. April 2011 #

    Was die WP-Themes angeht: Ich vermute, es liegt eher daran, dass es eben ein sehr einfacher Weg ist, ein WP-Blog mobil gut lesbar darzustellen. Das es dadurch wie eine App aussieht, ist eher nur ein Nebeneffekt, der wohl hauptsächlich nur vom Theme-Ersteller gewollt war. Man kann sich das natürlich auch selbst stricken, was aber wieder mit Mehraufwand verbunden ist.

  7. Yoram am 5. April 2011 #

    Auch wenn ich den Relaunch der Spiegel-Website für »Mobiles« recht gelungen finde, gibt es trotzdem eine Sache die mich stört: ich kann nicht , z.B. mit meinem iPhone, auf die normale Seite wechseln — und dadurch bleiben die Kommentare bei Spiegel-Online mir versagt; im Gegensatz zur mobilen Variante von z.B. Welt.de oder der Möglichkeit zwischen mobiler und normaler Version zu wechseln bei Zeit.de

  8. Gerrit am 5. April 2011 #

    @Yoram: Glaube mir, du verpasst nichts, wenn du keine SPON-Kommentare lesen kannst.

  9. Yoram am 5. April 2011 #

    @Gerrit: Grundsätzlich schaue ich bei Artikeln die mich interessieren auch mal ganz gerne in die Kommentare. Und da ist’s für mich kein Unterschied ob’s hier ist — mit meist hohem Niveau — oder bei den Online-Ausgaben der Holzmedien; einzige Ausnahme: Heise, da spar ich mir den Blick in die Kommentare zu 99%.

    Und auch bei der mobilen Ausgabe der Zeit empfinde ich das Fehlen der Kommentare als Verlust.

    Da ich recht viel Instapaper, Pinboard und Twitter nutze — via Bookmarklets — bevorzuge ich echte Webseiten und verzichte lieber auf Apps.

    Ich würde gerne als Nutzer des Angebots selbst entscheiden welche Version auf mein (mobiles) Gerät geliefert wird; so wie’s z.B. die Zeit anbietet.

  10. Manuel am 6. April 2011 #

    Native Apps vermarkten sich besser.

    Das ist sicher ein Punkt, der hier übersehen wird. Wer rührt sich denn heute schon, wenn die mobile Website online geht? Da herrscht in vielen Köpfen noch die Vorstellung von statischen Informationen die ohne viel Bling-bling dargestellt werden. Also nicht wirklich ein Mittel um viele Menschen – speziell jüngere Zielgruppen – zu begeistern. Es eine günstige Alternative eine einfache Verknüpfung in Form einer App bereitzustellen. Da kann ich die Ängste der Mitarbeiter in der Marketingabteilung verstehen.

  11. Gerrit am 6. April 2011 #

    @Manuel: Darum ging’s im Artikel eigentlich nicht. Nicht die Entscheidung »Web-App« oder »Native App« war mein Thema, sondern wie man die Web-App angemessen gestalten sollte.

  12. Marc am 11. April 2011 #

    Aus Nutzersicht gibt es für mich nichts schlimmeres als diese dämlichen (meist abgespeckten) »mobilen« Versionen von Webseiten. Wo finde ich dort die Suche – oben oder unten? Wo die Navigation, warum darf ich nicht alles sehen. Wo ist die breadcrumb?
    Wieso lasst Ihr mir nicht einfach die Seite so, wie ich es gewohnt bin?
    Zumindest alle iOS-Geräte (und vermutlich Android-Geräte ebenfalls) bieten alles an, um eine ganz normale Webseite vernünftig bedienen zu können – sogar laut vorlesen lassen ist möglich. Lasst uns unsere vertrauten Webseiten so, wie wir sie kennen!
    Und vor allem enthaltet uns nichts vor! Ich möchte selber entscheiden dürfen, ob ich etwas verpasse, wenn ich Kommentare auf Spiegel Online nicht lesen kann. Und das kann ich nun einmal nur, wenn man mir die nicht wegzensiert!

  13. Sharif am 15. Oktober 2011 #

    @Marc: Sehe ich ähnlich und doch auch ganz anders. Die Nutzungsumstände mobiler Seiten sind oft ganz anders: Ich möchte schnelle Informationen oder möchte noch schnell wissen, wie ich das Lokal erreiche. Zudem sind für mich Funktionen wichtig, die auf einer normalen Seite eher untergeordnet sind, z.B. das einfache Erreichen und direkte Anrufen einer Telefonnummer. Nicht zuletzt bleibe ich auf einer Seite nicht lange, sondern nur wenige Augenblicke. Also wichtig: Schnellere Auffindbarkeit von Informationen, einfach klickbare Menüpunkte, kurze Ladezeiten, nicht zuletzt auch kürzere Texte.uvm. Dementsprechend sind rein technische Anpassungen oft auch unzureichend.

    Warum ich es doch auch genauso sehe wie Du? Weil es ganz klar immer einen Link geben muss, der von der mobilen Seite zur »klassischen« Seite führt, die dann eben für die lange U-Bahnfahrt ist ;-)

  14. Michael Steinböck am 22. Januar 2012 #

    Ein später Kommentar:
    auch ein Jahr später gilt dasselbe: mobile Anwendungen werden unter völlig anderen Bedingungen genutzt – und müssen daher anders angedacht sein – aber »nativ« müssen sie nicht sein.

    Inzwischen läuft die Geolocation schon bestens, einzig das Aufnehmen und Versenden von Fotos fehlt den Webapps noch!

    Und dass man mit IOS eine »normale« Webseite vernünftig(!) bedienen könne … ist wohl Wunschdenken.

  15. Mirko am 21. Februar 2012 #

    Meistens reichen doch normale Mobile Websites aus. Diese sehen genau so aus bzw. sind auch in der Entwicklung günstiger. Es sei denn die Anwendung verlang es so.
    (z.b. ein Telefonbuch e.t.c.)

  16. Daniel am 13. April 2012 #

    Es begab sich vor langer Zeit, da gab es noch Apps und mobile Websites. Mittlerweile verschwimmen die Grenzen immer mehr; sei es nun als »Web App« oder »Hybrid App«. Die aller meisten Apps beinhalten heutzutage native und HTML Elemente. Die Diskussion was nun besser ist- die mobile Website oder die klassische App wird sich damit schon bald erübrigen.

  17. Lothar am 26. November 2012 #

    Guter Artikel! Am Ende des Tages ist es wahrscheinlich eine Frage wieviele Entwickler mit welchen Skills man hat. Ein gutes Beispiel finde ich derzeit die Lösung von der Arztsuche jameda, hier wurde offenbar eine Hybrid-App erstellt und diese ist nun im iTunes Store und Google Play als App erhältlich. Ich finde die Seite gut gelungen, auch wenn die Version nicht so performant ist wie eine Native App. Kuckt hier: https://itunes.apple.com/de/app/jameda-arztsuche/id383612737?mt=8

  18. Alex am 8. Januar 2013 #

    Was sind denn nun eigentlich die Kriterien um von einer mobilen Webseite bzw. einer Webapp zu sprechen? Das kommt im Artikel meiner Meinung nach nicht so klar zum Ausdruck.
    Die Abgrenzung empfinde ich schon als sehr schwierig. Die hier genannte Webapp könnte ja genausogut auch als mobile Webseite umgesetzt werden.

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