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Kontraproduktive Anti-Alkohol-Kampagne

20. Januar 2010

In meiner Umgebung hängen derzeit ein paar Citylight-Plakate an den Bushaltestellen, die mich bedenklich stimmen: Versetzt man sich einmal gedanklich in den durchschnittlich-pubertierenden 14-jährigen Teenager, so sind die drei Protagonisten dieses Plakats nichts anderes als Vorbilder mit erstrebenswerten Attributen:

Anti-Drogen

  • Sind erwachsen
  • Sehen gut aus
  • Tun crazy Dinge
  • Werden vom Establishment angeprangert

Wenn das nicht cool ist, weiß ich auch nicht. Aber das Plakat ist stellvertretend für eigentlich alle Versuche, mahnende Kampagnen für die Jugend zu machen. Es gibt drei Möglichkeiten: Zeige die miesen Seiten von Drogen, und wirke als Absender uncool und wie ein Oberlehrer. Positiv gestaltete Beispiele mit bekannten und beliebten Protagonisten werden sofort durchschaut (»Mei, der Philipp Lahm muss das halt machen, so läuft das in den Medien heute …«) oder das Testimonial wird durch die Teilnahme an der Gute-Sache-Kampagne ebenfalls uncool. Und wenn man nur die nackten Fakten präsentiert, fangen die Jugendlichen sowieso zu Gähnen an, denn mangelnde faktische Aufklärung ist nicht der Grund für Alkohol- und Drogenmissbrauch. Die wissen schon genau, dass das schädlich ist.

Eine Zwickmühle, die das gesamte Prinzip der Mahn-Kampagnen in Frage stellt. Und das tue ich hiermit.

19 Kommentare

  1. Matthias am 20. Januar 2010 #

    Dazu muss ich auch sagen, dass die Texte wie Sprechblasen wirken und ich musste es mir erst bewusst machen, dass sie nicht so gemeint sind. Das verstärkt noch die von Dir beschriebene ungewollte Wirkung.
    Ich denke da an den Tag nach der Party, wenn damit geprahlt wird, wie schlecht es einem ging… Findet man in dem Alter wohl auch eher cool.

  2. Stefan am 20. Januar 2010 #

    Vor allem der Spruch »Alkohol? Kenn dein Limit« lädt doch auch noch richtiggehend dazu ein, sein Limit auszuloten, also sich dem Limit anzunähern. Woher soll man’s kennen, wenn nicht durch Erfahrungsammeln?
    Wer denkt sich sowas aus?

  3. johannes am 20. Januar 2010 #

    absoluter höhepunkt dämlich-mahnender werbung sind die figuren, die in der berliner s-bahn auf den fenstern kleben und in sprechblasen unfassbar dämliche sätze sagen wie: »na, auch beim scheibenkratzen erwischt worden? voll mist. und die kohle für den neuen player ist auch flöten.« bis ich das gelesen habe, wusste ich nicht, dass man sich auch für die arbeit von werbetreibenden fremdschämen kann.

  4. Heinz-Erich am 20. Januar 2010 #

    Man kann Anti-Drogen Kampagnen auch gut machen. Ich erinnere mich an eine britische Anzeigen Kampagne, die so etwa Ende der 80er gelaufen sein muss. Man sah dort einen Jugendlichen, der zwar nicht uncool, aber absolut abgefuckt aussah. Schlechte Haut, schlechte Zähne, schlechte Haltung, depremierter Blick. Es wurde beschrieben, wie die Ekzeme, Zähne usw mit Drogen zusammenhängen, und der Hauptzeile lautete »Heroin costs you more than your money«. Die fand ich durchaus überzeugend.

  5. Richard am 20. Januar 2010 #

    Die von Heinz-Erich angesprochene Kampagne klingt für mich auch viel wirkungsvoller. Teenies sind doch alle eitel und wollen cool wirken, was mit schlechter Haut und kaputten Zähnen nicht funktioniert. Bei der aktuellen Kampagne sieht man, das man mit Alkohol Spaß haben kann.

  6. Björn am 20. Januar 2010 #

    Gibt es vielleicht einen Link oder einen Begriff wo nach ich Googlen kann um diese britischen Kampagnen mir einmal anzusehen.

    Generell kann ich das Geschriebene hier nur unterstreichen. Werbung kann auch genau das Gegenteil bewirken, wenn man sich auf die Ebene der Empfänger herunterlässt.

    Ich denke der Mahnende Finger ist zwar nicht cool, aber in Verbundenheit mit Bildern wie es aussehen kann, wenn man nicht drauf hört, doch wirkungsvoller. Mir fallen bei dem Gedanken die Anti Raucher Kampagnen ein. Diese haben mit realen Bildern, z. Bsp. einer Raucherlunge vor den Folgen des Tabakkonsums gewarnt. Ob diese Kampagnen erfolgreich waren, ist mir nicht bekannt. Mich persönlich haben diese aber abgehalten zu rauchen.

  7. Christoph Wagner am 20. Januar 2010 #

    http://adweek.blogs.com/adfreak/the-30-freakiest-commercials-of-2009-3.html

    Ich empfehle diese Videos:
    2 (SMS am Steuer)
    6 (zu schnelles Fahren)
    10 (Sex ohne Kondom ist wie Sex mit Hitler (!!))
    eine Seite vorher
    11 (Drogen am Steuer)
    17 (Alkohol am Steuer)
    20 (Alkohol am Steuer)

    Das Problem mit den deutschen PSAs: Alles viel zu harmlos. Ob das gut ist oder schlecht überlasse ich anderen;)

  8. Flowsen am 20. Januar 2010 #

    Ich glaube hier muss das Herdplatten-Prinzip greifen!

    Sage deinem Kind: »Fass nicht auf die Platte, die ist heiß!«

    Und das Kind packt trotzdem auf die heiße Platte, es schreit und weint. ABER, es hat gelernt was heiß bedeutet.

    Natürlich, woher soll denn auch das Kind wissen, was heiß ist, bevor es nicht selbst gelernt hat, was es ist.

    Ich halte es gut das man dafür Wirbt, aber ich stelle in Frage ob die Werbung generell in welcher Form auch immer einen nutzen hat. Es ist ja auch vergleichbar mit den Plakaten auf der Autobahn »runter vom Gas«. Ich glaube nicht das die nützen.
    Man fährt erst langsamer nach dem man mal schön bei 40 km/h zu viel geblitzt worden ist.

    Ich glaube hier liegt viel Verantwortung auch bei den Eltern und bei den Personen selbst.

  9. Benjamin am 20. Januar 2010 #

    Wirklich ein grauenhaftes Plakat. Bis ich den ersten kommentar gelesen hatte, war ich auch der Meinung es handele sich um Sprechblasen. Da bekommt das Plakat eine vollständig andere Bedeutung! (»Guck mal wie lustig es ist, so betrunkene Menschen zu beobachten«)

  10. Markus Thömmes am 20. Januar 2010 #

    Sehe ich auch so!

    Die Jugend von heute, zu der ich noch dazugehöre, weiss ganz genau, dass das schädlich ist und so weiter! Wirklich wahrnehmen tut man es trotzdem erst wenn mal was passiert (Alkohol am Steuer, Alkoholvergiftung etc.)

  11. Amos am 20. Januar 2010 #

    Hier mal ein Plakat, das ich 2008 in einer Herrentoilette in einem englischen Studentenclub gesehen habe, sorry für die schlechte Qualität (simuliert den Rausch):

    klick

    Ist wohl nicht so gut wie die Heroin-Kampagne aus den 80ern, aber immerhin nicht ganz so bescheuert wie die von Gerrit gezeigte.

  12. Simon Wehr am 20. Januar 2010 #

    Allein der Blickwinkel der Kamera ist schon falsch gewählt. Wieso die Froschperspektive, die die Protagonisten immer tendenziell mächtig und erhaben erscheinen lässt? Das verstärkt die von Gerrit beschriebene Wirkung enorm. Eine Aufsicht wäre da vielleicht schon ganz anders gewesen.

    Und ich finde immer noch, dass die Texte wie Sprechblasen aussehen.

    Zum Thema Alkoholexzesse muss ich immer daran denken, dass wir in meiner Clique »damals« uns gegenseitig das Limit gesetzt haben. Da hat mir auch schon mal jemand den Wein weggenommen, als ich mein Limit nicht mehr klar erkennen konnte. Wäre das nicht ein Anknüpfungspunkt für eine Kampagne: Pass auf Deine Freunde auf, wenn Sie trinken … (Nur so ’ne Idee).

    Aus Kanada erinnere ich noch eine Werbekampagne auf der ein zersemmeltes Auto an bzw. in einem Baum klebt. Der Text hieß »Drinking and driving is no accident!« Was ich nicht perfekt übersetzen kann, aber mir so ungefähr vorstelle, wie es gemeint ist. Das hatte schon eine gewisse Wirkung, fand ich.

  13. micha am 20. Januar 2010 #

    Ich als 19 Jähriger kann euch sagen, dass diese abschreckenden Werbekampagnen (Heinz-Erich: »Man sah dort einen Jugendlichen, der zwar nicht uncool, aber absolut abgefuckt aussah. Schlechte Haut, schlechte Zähne, schlechte Haltung, depremierter Blick. Es wurde beschrieben, wie die Ekzeme, Zähne usw mit Drogen zusammenhängen,«) eher belächelt werden …

    Auch diese netten Sätzchen, wie zB »Rauchen tötet« auf den Zigarettenschachteln stören doch niemanden.

    Was ich bestätigen kann ist, dass viele sicher zu gewissen Menschen (die ein solch ausschweifendes Leben führen und jedes Wochenende auf Tour sind) aufsehen bzw. sie gar bewundern.

    An der Aufklärung liegt das sicher nicht, wir alle wissen was für Folgen unser Handeln hat. Wie schon gesagt wurde muss man viele Erfahrungen einfach selbst gemacht haben, um etwas daraus lernen zu können.
    Wer erlebt wie jemand vom Alkohol zusammenklappt und nicht mehr ansprechbar ist, der wird vielleicht beginnen zu Verstehen und Einzusehen was er da wirklich tut.
    Ein weiterer ganz wichtiger Aspekt ist aber natürlich auch das Umfeld; die Menschen die einen Umgeben haben doch noch immer den größten Einfluss auf einen selbst und sein Handeln

  14. paul am 20. Januar 2010 #

    Mir ist diese qualitativ überzeugende Kampagne lieber als der zweifarbige Gleichstellungs-Müll, den dasselbe Ministerium derzeit mit Motorradfahrerin und schwulem Beamten plakatiert.

  15. Peter am 20. Januar 2010 #

    Der zugehörige Fernseh-Werbespot ist m.E. noch schlimmer und sexistisch. Die Nachricht ist: Frauen sind verantwortungsbewußt und behalten auch mit Alkohol die Kontrolle, Männer sind verantwortungslose Looser und Alkis.

    Ich verlange einen Bundes-Männerbeauftragten!

  16. Don am 20. Januar 2010 #

    Super Artikel :)
    Oh man, stimmt schon, warum mischt sich die Werbung da ein?
    Es kommt mir vor wie schlafende Hunde wecken.

  17. paul am 21. Januar 2010 #

    @Richard: »Teenies sind doch alle eitel und wollen cool wirken«
    Danke. Und jetzt geh‹ nach Hause.

  18. Dennis Frank am 21. Januar 2010 #

    Das gleiche Plakat durfte ich in Braunschweig auch schon kopfschüttelnd bewundern.

    Gerrit, Dir als Typograph, möchte ich mein heutiges Fundstück zum Thema Plakat und Drogen nicht vorenthalten.

    Schlimmer geht immer irgendwie.

  19. Jack am 24. Januar 2010 #

    Das hier finde ich noch fast besser: Plakat 1

    Das sieht eher nach einem Programmvorschlag für einen Samstagabend aus.

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