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Gerrit, 13.02.2009

Internet Explorer 8 setzt auf Blacklisten (update)

Auch wenn ich’s nicht so drastisch ausdrücken würde wie Eric – Microsoft kehrt zu seinen alten Misstugenden zurück und erliegt dem vermeintlichen Druck, das Web nicht breaken zu dürfen.

Spulen wir kurz ein Jahr zurück: Zuerst hatte Microsoft vor, einen Internet Explorer 8 auf den Markt zu bringen, der sich per default gar nicht wie ein IE 8 verhält, sondern wie ein IE 7. Wer als moderner Webdesigner die wirklich standardkonforme neue IE-8-Engine für seine Website nutzen wollte, hätte einen zusätzlichen Tag in den Head schreiben müssen, der dem Browser sagt: »Hey, bitte rendere diese Seite nach den Standards!« – Eine absurde Situation, denn per Definition sind Standards ja dafür da, als Default-Einstellung herangezogen zu werden.

Der Protest bei den Webdesignern war groß, und tatsächlich lenkte Microsoft kurze Zeit später ein. Seit einigen Monaten gehen wir davon aus, dass der IE 8 alle Webites per default mit der neuen Rendering-Engine darstellt. Nur für Websites, bei denen das zu offensichtlichen Darstellungsproblemen führt, sind zwei Abhilfemöglichkeiten vorgesehen, um das vorgesehene Layout korrekt anzeigen zu lassen:

  • Der User kann auf einen speziellen Button im Browser drücken und zum IE-7-Kompatibilitätsmodus wechseln.
  • Der verantwortliche Webdesigner (wenn er denn noch lebt und wenn das Projekt noch betrieben wird) kann in seinem HTML-Head explizit festlegen, dass dieser Kompatibilitätsmodus immer automatisch eingeschaltet werden soll, wenn jemand mit IE 8 daherkommt.

Dieses Kompromissmodell fand Anklang bei allen, und erscheint auch logisch: Sollten ein paar verrotzte Banking-Portale aus dem letzten Jahrtausend tatsächlich noch auf die fehlerbehaftete IE-7-Engine angewiesen sein, kann man das schnell fixen. Alle modernen und aktiven Websites, die beispielsweise im Firefox gut aussehen, werden ziemlich sicher auch im IE 8 gleich gut aussehen.

Doch nun überrascht uns Microsoft mit einer weiteren Variation seiner Vorgehensweise. Nun kommt eine ominöse Blacklist ins Spiel. Und das geht so: Prinzipiell bleibt das Spiel wie gehabt. Doch jedesmal, wenn ein User auf einer Website manuell in den IE-7-Modus wechselt, wird dies von Microsoft registriert und gespeichert. Und wenn dies nun sehr häufig passiert, vermutet Microsoft, dass die Seite nicht standard-konform genug ist und die gesamte Domain(!) landet auf einer Blacklist. Ist dies geschehen, wird von nun ab auch bei allen anderen Usern wieder automatisch der IE-7-Kompatibilitätsmodus aktiviert. Die Seite ist praktisch gebrandmarkt.

Was für eine Scheiße! Denn was auf den ersten Blick wie ein cleveres, social-web-mäßiges Selbstkontrollsystem wirkt, kann dramatische Folgen haben, wie Joe Clark Mike Davies feststellt:

So if a large number of people went to A List Apart at the same time and a enough of them clicked on the Compatibility View, A List Apart’s domain would be added to a blacklist. By default A List Apart would then be rendered in the IE7 Compatibility Mode regardless of whether it renders correctly or not in the Standards Mode.

und noch schlimmer ist die indifferenzierte Domain-Bezogenheit:

This is insidious; organisations running multiple sites on subdomains (like Yahoo, AOL, CNN, Blogger, WordPress, Wikipedia, Ning) are exposed to a new risk: a problem with one single subdomain is sufficient to black-list all their websites into an IE7 Compatibility Mode.

Fazit: Wenn man wirklich sicher gehen will, nicht in der Blacklist zu landen, muss man nun doch ein zusätzliches, schwachsinniges Element in seinen Head einbauen …

Und ganz am Ende seines Artikels macht Joe Clark Mike Davies eine weitere unfassbare Beobachtung:

And to spite us, last week I noticed that the IE7 Compatibility mode doesn’t render pages exactly the same as Internet Explorer 7 itself.

Ich hoffe wirklich sehr, dass hier das letzte Wort noch nicht gesprochen ist. Auf der CeBIT werde ich in Kürze auf einige Microsoft-Mitarbeiter treffen. Bin gespannt, wie sie das verantworten können!

Update 14.02.2009:

Wie Eric berichtet, stellt Chris Wilson vom IE-Team einiges klar: Es gibt für Seitenbetreiber eine Mail, bevor man auf der Blackliste landet. Und man kann sich dann sehr einfach dagegen wehren. Also immerhin wieder ein Kompromiss, den man akzeptieren könnte. So richtig dolle finde ich’s trotzdem nicht!

23 Kommentare

  1. Der Caspers am 13. Februar 2009 #

    Mike Davies heisst übrigens nicht Joe Clark, sondern Wilhelm. Das nur so am Rande.

  2. Gerrit am 13. Februar 2009 #

    Jaja :-) Der Banner oben auf Mikes Site ist aber auch grob fahrlässig, usability-technisch betrachtet. Passt einfach zu gut ins Layout.

  3. Martin am 13. Februar 2009 #

    Einfach abartig. Wie kann man denn ganze Domains blacklisten? Was passiert dann z.B. mit den ganzen Freehostern (nicht, daß ich die mag, aber wirklich…)? Kann MS einfach mal für 2 Cent mitdenken?

  4. Toni am 13. Februar 2009 #

    Dabei verstehe ich der Hsterie Microsofts überhaupt nicht, einen Non-Standards-Mode so zwanghaft zu positionieren. Firefox und Webkit zeigen doch auch ohne einen solchen Mechanismus alles gut an.

  5. Gerrit am 13. Februar 2009 #

    Da gibt’s eben diese Handvoll alter Webservices, die von den Microsoft-Großkunden (den heiligen Kühen) genutzt werden. Diese sehen wahrscheinlich tatsächlich scheiße im Firefox und IE8 aus.

  6. Björn am 13. Februar 2009 #

    Auf der einen Seite nachvollziehbar (z.B. wegen der Webservices), auf der anderen mal wieder ein Rauschen im Webstandardswald.

    Und ein Button für User, die damit zum IE-7-Kompatibilitätsmodus wechseln können, ist relativ zu sehen. Das werden vornehmlich Webdesigner-User sein. An den normalen Otto-Usern dieser Welt, geht das vorbei. Die wollen einen Browser starten und einfach benutzen.

    Bin dann man auf Deinen CeBIT-Bericht gespannt.

  7. mds am 13. Februar 2009 #

    Glücklich all jene, die MSIE-Benutzer schlicht ignorieren können … :)

  8. Sebastian am 13. Februar 2009 #

    gerrit, wenn du bei den herren von microsoft bist immer dran denken: GEWALT IST KEINELÖSUNG!!!

  9. mds am 13. Februar 2009 #

    @Gerrit: Ist es übrigens möglich, Kommentare zu abonnieren und nicht nur die Hinweise, dass es neue Kommentare gibt?

  10. Gerrit am 13. Februar 2009 #

    @mds: Ich habe das Template angepasst – bitte mal testen!

  11. Christoph Wagner am 13. Februar 2009 #

    And to spite us, last week I noticed that the IE7 Compatibility mode doesn’t render pages exactly the same as Internet Explorer 7 itself.

    Musste ich leider auch schon feststellen. Wäre ja zu schön die IE8 Dev Tools für IE7 Probleme verwenden zu können .

  12. Roman am 13. Februar 2009 #

    Das ist doch so langsam einfach nur noch gaga. Die haben definitiv zu viel Songsmith geraucht. Microsoft im Flower-Power-Nirvana.

    Und sowieso ist es schlicht feige, den alten Rotz nicht endlich mal über Bord zu werfen. Mein Tipp an Microsoft: IE 8 einstampfen, stattdessen direkt IE 10 rausbringen, und zwar mit Webkit-Eninge. Dann sehen auch die Schriften nicht mehr so scheiße aus.
    Bei der Installation bleibt der alte IE 7 oder 6 einfach auf dem Rechner und kann bei Bedarf für alle Websites aus dem letzten Jahrtausend gestartet werden.

  13. Nils H. am 14. Februar 2009 #

    Mit Microsoft scheint es ja ununterbrochen bergab zu gehen. Wollten die nicht in Zukunft die Webkit-Engine ( die inzwischen ja fast jeder benutzt ) integrieren?

    Ich kann dieses Verhalten nicht nachvollziehen: Zunächst wird etwas geplant, was niemand haben möchte. Danach wird dieses verworfen und ein Kompromiss geschaffen. Nun wird auch dieser wieder verworfen und etwas viel Schlimmeres geschaffen.

    Eine Sache würde mich allerdings brennend interessieren: Wie würde Microsoft reagieren, wenn ihre eigenen Seiten (sprich: microsoft.com usw.) auf ihrer eigenen Blacklist stünden? Hmm…

  14. Eric Eggert am 14. Februar 2009 #

    Ich habe meinen Eintrag um die Tweets von Chris Wilson ergänzt: http://yatil.de/en/microsoft-betrayed-the-web-community

  15. Markus Schlegel am 14. Februar 2009 #

    @Nils H.: Ich schätze, das würde Microsoft nicht groß jucken. Viel toller wär’s anders herum: Gecko/Webkit rendern wie gewollt, nur im IE 7 und drunter gibt’s Darstellungsfehler ;)

    Optimized for any browser but Internet Explorer.

    Aber so arg schlimm finde ich das Blacklisting jetzt auch nicht. Das Feature wird doch wahrscheinlich sowieso nur von Webdesignern (nicht) genutzt. Der Normalnutzer blickt da m.E. eh nicht durch.

  16. bulldrinker am 14. Februar 2009 #

    Das ist ja fast so schlimm wie bei Google!

  17. Nils H. am 14. Februar 2009 #

    Oder Microsoft setzt apple.com auf die Blacklist

    @Markus Schlegel: Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass es sich irgendwie auch nur ansatzweise durchsetzen wird. Schon allein, weil die InternetExplorer-Benutzer viel zu faul sind, einen Button anzuklicken (wenn sie den überhaupt bemerken).

    Optimized for abcdefghi…
    Das erinnert mich an (glücklicherweise) vergangene Tage:
    Diese Seite wurde für eine Bildschirmauflösung von 800×600 Pixeln und Internet Explorer 5 optimiert.

  18. Paul am 14. Februar 2009 #

    Naja bevor wir alle gegen Microsoft schimpfen mal langsam nachdenken – aus Sicht von MS.

    Gerrit hat es erwähnt: Veraltete Webportale laufen so gerade auf IE7, vermutlich nur mit ein par Anpassungen oder mit nachträglich eingefügten Conditional Comments.

    Dazu kommt der Punkt der von Björn: Der IE-User ist durchschnittlich ein unterentwickelter Computerbenutzer – der Button ist eine zu große Hürde.

    Die Idee statistisch zu sehen wieviel Prozent in den IE7-Mode gehen ist doch clever. (Nebenbei hab ich aber immer Angst wenn mein Browser Daten an MS funkt :-) )
    Das MS den Betreiber vorhin anschreibt ist doch auch ganz nett, optimal wäre aber noch eine Engine die mit anderen Browsern abgleicht wie es vermutlich korrekt aussieht.

    Aber wir ach so guten Webcoder sollten uns mal nicht allzu große Sorge machen und MS und damit die MS-Kunden ein bisschen verstehen.

  19. Der Caspers am 15. Februar 2009 #

    bulldrinker am 14.02.2009:
    »Das ist ja fast so schlimm wie bei Google!«

    Das ist das eigentliche Problem: egal ob mit opt-in oder opt-out oder was auch immer – der IE8 wird für Jede. Einzelne. Website nach Hause telefonieren müssen. Nicht gut.

    Noch ein Problem: ähnlich wie schon bei Google-Werbung üblich werden ganze Firmen outgesourcter Inder damit beschäftigt werden, Websites von Mitbewerbern des Auftragsgebers auf die Blacklist zu klicken.

  20. Thomas108 am 17. Februar 2009 #

    »last week I noticed that the IE7 Compatibility mode doesn’t render pages exactly the same as Internet Explorer 7 itself.«

    Na ja, auf jeden Fall bleibt den Webdesignern damit die Kurzarbeit erspart. Hat doch auch was für sich wenn nicht alles einfacher wird.

  21. Gebrauchte Notebooks am 21. Februar 2009 #

    Webmaster-Aufstand-gegen-alte-Internet-Explorer
    Einfach mal zur Info

    http://www.heise.de/newsticker/Webma…meldung/133204

    Viele Grüße

  22. Gebrauchte Notebooks am 21. Februar 2009 #

    Sorry Linkadresse hat irgendwie nicht richtig kopiert:
    http://www.heise.de/newsticker/Webmaster-Aufstand-gegen-alte-Internet-Explorer—/meldung/133204

  23. HSDPA User am 3. Juli 2009 #

    Ein Grund mehr Firefox zu nutzen :)

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