Das Microsoft-Community-Get-Together und ich

8. März 2009 von Gerrit van Aaken

Bereits die Überschrift dieses Blogeintrags wirft die Frage auf: Warum wurde wohl ein Apple-Fanboy mit starker Affinität zur Open-Source-Welt und Liebe zu Webstandards von Microsoft Deutschlands Community-Manager zu einem sogenannten »Get Together« auf die CeBIT eingeladen? Diese Frage lässt sich so einfach nicht beantworten – trotzdem ist es einen Versuch wert …

Zunächst einmal war ich glücklicherweise nicht allein im »Feindesland« – David Maciejewski von den Webkrauts und natürlich dem Technikwürze-Podcast wurde ebenfalls eingeladen. Um uns herum jedoch ca. 100 Software-Entwickler aus diversen ».NET-« und »Certified-Partner«- und Hastenichtgesehen-Communityprogrammen, kurz gesprochen: Junge Männer, die mit Microsoft-Technologie Software entwickeln, und dies so bewusst tun, dass sie sich zu offiziellen Gruppen zusammengeschlossen haben und gemeinsam mit dem »Microsofties« ein Bier trinken gehen. Oder zwei.

Von daher kein Wunder, dass ich mich etwas deplatziert fühlte – benutze ich doch noch nicht einmal eine richtige produktive Windows-Umgebung, sondern lediglich eine kleine XP-Testpartition auf meinem MacBook für die Internet-Explorer-Testläufe meiner Websites. (Allein diese Tatsache führte bei beiläufiger Erwähnung zu erstaunten Gesichtern – was natürlich auch etwas über das Selbstverständnis aussagt, mit dem Microsoft-Leute gesegnet sind. Aber ja: man kann als Webentwickler ein weitestgehend Microsoft-freies Leben führen. Und ich bin da definitiv nicht der Einzige.)

Nun also: der Grund, warum David und ich als »Ehrengäste« geladen waren und uns einige Stunden mit Microsofts Cloud-Computing-Plattform Azure und Windows 7 beschäftigen durften, war meines Erachtens eine Geste des »Auf-uns-Zugehens«. Wobei mit »uns« die Webstandards-Gemeinde in Deutschland gemeint ist, stellvertretend. Micrsoft hat inzwischen (wahrscheinlich in erster Linie durch die heftigen Reaktionen und Diskussionen rund um IE7 und IE8) gemerkt, dass es durchaus eine große Anzahl von Leuten gibt, die ohne .NET und ohne Expression Studio in der Lage sind, Websites umzusetzen. Und vielleicht ahnen sie auch, dass diese Leute hochprofessionell sind, Bücher schreiben, Zeitungen herausgeben und in vielen (wenn nicht in den meisten) Bereichen im Web den Ton angeben. Und vielleicht dämmert es Microsoft auch, dass ihre »Solutions« in »unseren« Kreisen eher uncool sind und eigentlich gar keine Rolle spielen, wenn man mal von der lästigen Pflicht absieht, den Internet Explorer immer noch unterstützen zu müssen.

Soweit die Erkenntnis. Doch es ist noch ein weiter Weg, bis die modernen Webstandards und Microsoft sich gegenseitig umarmen werden. In all dem, was ich während der Veranstaltung und auch später in einem langen Gespräch im Zug erfuhr, kann ich für mich folgende Beobachtungen über Microsoft festhalten:

  • Open-Source-Software spielt weiterhin keine Rolle. Während des gesamten offiziellen Teils habe ich nicht ein einziges Mal die Worte PHP, Firefox oder Linux gehört.
  • Spezialisierte »Web-Entwickler« sind nicht so richtig vorgesehen. Man versucht vielmehr, klassische Software-Entwickler dazu in die Lage zu versetzen, ihre .NET-Fähigkeiten auch für Websites und Webapplikationen einzusetzen, ob das nun ASP.NET, Silverlight oder Azure ist. Dass man auch große Websites mittels PHP/Python/Ruby-Frameworks oder entsprechenden webbasierten CMSen entwerfen kann, ist nicht so sehr auf dem Radar.
  • Microsoft ist sehr verhaftet in der Welt der Enterprise-Solutions und Intranets, wo CRM und HR (und das ganze Zeugs) wichtig ist. Dass das wilde Internet zum großen Teil aus Open Source, agiler Entwicklung, kleinen Teams und Einzelkämpfern besteht, wird gerade erst begonnen, wirklich wahrzunehmen.
  • Man kann Microsoft niemals als Ganzes sehen. Jede Abteilung, jede Landesvertretung ist eine eigene Firma, die vom Mutterkonzern mal weniger und mal mehr mit Informationen versorgt wird.
  • Microsoft Deutschland weiß selber exakt genauso viel oder wenig über den aktuellen Stand der Dinge (IE8-Release, Win7-Release, Office 14) wie alle anderen. Die erfahren von solchen Dingen auch erst von den Entwicklerblogs und/oder der US-Presse. Der interne Nachrichtenfluss von der Redmond-Zentrale zu den Außenposten hat in den letzten Monaten sehr stark nachgelassen.

David und ich würden wirklich rührend und engagiert empfangen und betreut. Auch wenn nicht ganz klar war, was genau uns zu dieser Veranstaltung führte – es wurde deutlich, dass es Microsoft Deutschland sehr wichtig ist, mit uns in den Dialog zu treten, was wiederum angesichts der relativen Machtlosigkeit der deutschen Firmenabteilung etwas seltsam erschien. Denn: Natürlich konnte mir niemand erklären, was es nun exakt mit Windows Mobile 6.5 und dem enthaltenen Internet Explorer 6 auf sich hat. Natürlich konnte uns keiner genau sagen, wie das nun gehandhabt wird mit der Blacklist des IE8. Sie wussten ja selber keine Details! Und außerdem waren die anwesenden Microsoft-Mitarbeiter größtenteils Community-Manager und »Evangelisten«, aber keine Techniker oder Produktmanager. Die sitzen natürlich in Redmond.

Also: Microsoft Deutschland sucht den Austausch mit den deutschen Webstandardistas, will sich darstellen und ins Gespräch bringen. Das ist ja zunächst eine nette Geste. Was genau sie der Gemeinde jedoch zurückgeben wollen (außer einem leckeren Mittagessen und ein bisschen Plauderei), ist nicht ganz klar. Sicherlich geht es letztlich darum, Produkte zu verkaufen. Aber warum holt man sich gerade die Frontend-Leute ins Boot, wenn es doch viel eher darum ginge, die Backend-Leute von .NET und Azure zu überzeugen? Es bleibt ein wenig rätselhaft. Und ich werde natürlich weiter berichten!

11 Kommentare

  1. Markus Schlegel am 8. März 2009 #

    Diese Selbstverständlichkeit, mit der Microsoft ans Werk geht, ist glaube ich das Kriterium, warum die so den Bach runter gehen. Früher kamen sie damit magels echter Alternativen noch durch. Heute gilt es aber nicht mehr, nur die Windozer etwas zu beruhigen und ab und zu mit einem minderwertigen Update abzuspeisen. Heute rennen die Kunden davon.

    Dass Microsoft nicht auf Open-Source setzt, fände ich nicht so schlimm, wenn sie dieses Manko wieder durch Qualität auwiegen könnte. Genau das ist aber nicht der Fall.

  2. Daniel am 8. März 2009 #

    Naja Microsoft geht ja nicht den Bach runter aber sie spielen bei der Realisierung von vielen Projekten im Web einfach keine Rolle. Was Microsoft wahrscheinlich besonders wurmt ist das auch all die netten Start-Ups nicht auf Microsoft setzen da die meisten in irgendeiner Garage gegründet wurden und daher auf Open-Soure setzen.

    In meinen Augen müsste Microsoft sich damit abfinden das es gute Open-Source-Lösungen gibt, diese unterstützen und den zahlreichen Windowsnutzern eine kostenlose Software zur Verfügung stellen mit der man Webseiten erstellen kann und auch mittlere bis große Projekte umsetzt.

    Dann hätte Microsoft den Fuß in der Tür und könnte über die Lösung auch professionellere Software und Lösungen verkaufen.

  3. Daniel Böhmer am 8. März 2009 #

    Ich finde es sehr angenehm hier zu lesen, wie selbstverständlich MS in seine Ecke gestellt wird. Klar, für Web-Entwicklung braucht man das wirklich nicht.

    Trotzdem kenne ich in meinem Umfeld viel zu viele Leute, die in ihrer Windows-Welt völlig gefangen sind. Bei vielen beruflichen Kontakten kann ich das auch verstehen, da Spezielanwendungen eingesetzt werden und eine Umsattelung auf andere Plattformen viel Arbeit und Geld erfordern würden. Leider glauben aber immernoch sehr viele, dass man mit Windows das perfekte Betriebssystem hat. Sonst würden es doch nicht alle verwenden, oder? :)

    Danke für die aufmunternden Worte und den interessanten, kleinen Einblick in die interne MS-Welt.

  4. Gero am 8. März 2009 #

    Gerrit – dieser Blogeintrag war wieder mal ganz, ganz großes Tennis auf »Monitor«-Niveau, das uns alle einmal wieder mehr als üblich hinter die Kulissen blicken lässt. Weiter so!

  5. Nico am 8. März 2009 #

    Sie sei dir gelassen, aber ich frage mich beim Lesen dieses Blog-Eintrages dennoch, ob du dir deiner Arroganz zumindest bewusst bist?

  6. Karsten am 8. März 2009 #

    Ich glaube das Web ist wirklich für die von Dir beschriebenen Teilnehmer des Get-Together, ein völlig anderes als für die, die Du als »Webstandardista« bezeichnest. MS wird auch gut daran tun, weiterhin Geld im Bereich der Enterprise-Solutions zu verdienen, statt zu versuchen Lösungen, für die stark individualisierten Bedürfnisse im Rahmen reiner Informations- und Imagedarstellung, zu entwickeln. Die Anforderungen, die aus der (Web-)Integration von ERP-Systemen resultieren und die Art wie diese Systeme entwickelt werden, sind eben grundverschieden, von dem wie Du die Entwicklung von Webseiten oder auch -anwendungen, bedingt durch Dein Studium und dem was Du daraus gemacht hast, siehst.

    Generell kann ich mich natürlich mit Deiner Sicht des Webs besser anfreunden, weil es so einfach mehr Spaß macht. Wirtschaftlich relevanter (gemessen anhand des Einflusses auf das BIP) und daher für MS wichtiger, ist wohl aber die »Welt der Enterprise-Solutions und Intranets«.

    Vielleicht sollte man aber solch eine Einladung auch als Chance begreifen, den eigenen Horizont zu erweitern, statt in erster Linie sein Sendungsbewusstsein zu zelebrieren. Man muss ja nicht direkt dem Herdentrieb folgen und gewonnene Freiheiten gegen ein Betriebssystem aus Redmond eintauschen.

  7. Ansgar Hein am 8. März 2009 #

    Dieses zaghafte und noch etwas unsichere Zugehen auf die Webstandardistas erinnert mich ein wenig an die Gruppendynamik früher auf dem Schulhof. Da wurde ja auch täglich die Rangfolge neu ausgehandelt, wenn man das denn wollte. Microsoft sucht gerade seinen Platz in einer veränderten Web-Welt, die für M$ immer mehr zu dem von Dir zitierten »Feindesland« mutiert. Expression Web ist ein tolles Werkzeug, das sicherlich auch mehr Aufmerksamkeit verdient hätte. Ähnlich geht es Silverlight. Aber niemand schert sich so recht darum, weil der Internet Explorer und die stetigen Querelen einfach zuviel verbrannte Erde hinterlassen haben. Da ist Vista auch nicht ganz unschuldig dran – es hat mich direkt in die Arme von Apple getrieben.

    Und dennoch fälle ich ein positives Resümee: Es gibt Interesse für das, was in der Webstandards- und Open Source Szene geschieht. Zögerliche Annäherungsversuche sind manchmal auch von Erfolg gekrönt, es dauert nur länger. Auch das kennt man noch aus Schulzeiten, oder? ;-)

  8. Thomas am 8. März 2009 #

    Als einer der .NET-Entwickler, der vor knapp 8 Jahren »aus Versehen« auf die MS-Dev-Schiene rutschte, möchte ich zu ein paar Sachen was los werden.

    Vorab: ich teile deine grundsätzliche Einschätzung über die etwas planlose bzw. nicht vorhandene/unklare Strategie. Ich habe auch schon in Unterschleißheim einer Einladung folgend gesessen, diskutiert und am Ende nicht so recht gewusst, wozu das nun geführt haben sollte ;-). MS Deutschland ist halt ein reiner Verkaufsladen, gleichwohl die Leute – die ich da bisher persönlich kennenlernen konnte – durchaus schon kompetent und zweifelsfrei sehr kommunikativ und freundlich sind.

    Open-Source-Software spielt weiterhin keine Rolle. Während des gesamten offiziellen Teils habe ich nicht ein einziges Mal die Worte PHP, Firefox oder Linux gehört.

    Das wäre auch eine falsche Erwartungshaltung. Warum sollten sie von PHP, Linux und Firefox sprechen, wenn sie ASP.NET, Windows Webserver und Internet Explorer als direkte Konkurrenten im Programm haben?

    Spezialisierte »Web-Entwickler« sind nicht so richtig vorgesehen. Man versucht vielmehr, klassische Software-Entwickler dazu in die Lage zu versetzen, ihre .NET-Fähigkeiten auch für Websites und Webapplikationen einzusetzen, ob das nun ASP.NET, Silverlight oder Azure ist.

    Jain – das ist ein Fehler, den Microsoft zu Anfang definitiv gemacht hat. Ich supporte heute noch in Newsgroups Leute, denen man erklären muss, dass ein Browser sich nicht so verhält wie eine Windows-Applikation, und dass sie zunächst einmal HTML und CSS lernen sollten, bevor sie anfangen Websites zu entwickeln (und das auch ihre Intranet-Applikation eine Website ist).

    Allerdings hat Microsoft seit 2002 seine Tools dermaßen stark verbessert und die Palette erweitert, dass man damit heute problemlos standardkonforme Webanwendungen bauen kann und darin auch sehr stark unterstützt wird (Visual Studio, Expression Web).

    Hat ASP.NET 1.0 am Anfang noch völlig invaliden Müllcode generiert, dessen JavaScripts für Validierungen usw. teilweise nur im IE richtig liefen, laufen letztere heute wie selbstverständlich überall und sogar ASP.NET-Controls werden auf validen und semantisch korrekten Output getrimmt.

    Entwicklungen wie ASP.NET MVC, welches kurz vor dem Release steht und mit dem ich seit Oktober intensiv arbeite, gehen neue Wege und erweitern zudem das Bewusstsein für die Entwicklung reiner Websites.

    Dass man auch große Websites mittels PHP/Python/Ruby-Frameworks oder entsprechenden webbasierten CMSen entwerfen kann, ist nicht so sehr auf dem Radar.

    Genauso wenig wie es im anderen Lager auf dem Radard ist, dass dies problemlos mit ASP.NET (und hier in verschiedensten Sprachen wie C#, VB.NET oder ironPython) und entsprechenden webbasierten CMSen möglich ist.

    Microsoft ist sehr verhaftet in der Welt der Enterprise-Solutions und Intranets, wo CRM und HR (und das ganze Zeugs) wichtig ist. Dass das wilde Internet zum großen Teil aus Open Source, agiler Entwicklung, kleinen Teams und Einzelkämpfern besteht, wird gerade erst begonnen, wirklich wahrzunehmen.

    Insbesondere in der Einbeziehung von Entwicklungs-Patterns, Sachen wie Test-Driven-Development usw. hat sich sehr viel getan – aber es ist richtig, von Haus aus steht der Fokus eher auf großen Teams.

    Aber die Realität sieht eher so aus, dass viele Leute in kleinen Teams oder als Einzelkämpfer unterwegs sind. So ist zum Beispiel Subversion heute der Quasi-Standard in der Quellcodeverwaltung, eingebunden über ein Plugin in Visual Studio.

    Nicht alles was kostenlos und Open Source ist wird also abgelehnt – eher im Gegenteil, es gibt in der MS-Ecke eine breite Community, die sehr darum bemüht ist ihr Wissen weiterzugeben, kostenfrei versteht sich. Und es gibt Entwicklungen, die versuchen vom Microsoft-Mainstream nur das zu verwenden, was wirklich gut ist, und ansonsten mit Alternativen zu arbeiten (ALT.NET).

    Fazit: es macht Sinn über den Tellerrand zu blicken – das hat Microsoft mit dieser Einladung wohl selbst versucht und euch damit gleichfalls die Möglichkeit gegeben.

    P.s.: Dieser Beitrag entstand auf einem MacBook, auf dem ich inzwischen nur noch XP in der VM zum Entwickeln von Websites mit ASP.NET und Visual Studio laufen habe ;-). Und nun gehe ich mal t3n lesen …

  9. Micha Pietsch am 8. März 2009 #

    Open Source, agil, kleine Teams – ein Phänomen, aber das liebe ich am Web!
    »Webstandards« ist in dem Zusammenhang ein schwammiger Begriff. MS meint auch, mit seinen Technologien Standards zu setzen. Genauso wie mancher MacBook, Linux, Firefox etc. zum Standard erklärt. Ist mir auch angenehmer, nur sei angemerkt, wie reichlich auch Windows unter Webworkern verbreitet ist. Allerdings sehe ich nach kurzer Zeit in meinem Blog ca. 1/3 Mac-User – sehr erfrischend! ;-)

  10. Gerrit am 9. März 2009 #

    @Thomas: Vielen Dank für die ausführliche und ausgewogene Darstellung, so liebe ich es zu diskutieren!

    @Nico: Der Arroganz-Vorwurf schwappt hier mit schöner Regelmäßigkeit alle paar Monate mal in den Kommentaren hoch – das Phänomen ist jedem bekannt, der auch mal ungefilterte und direkte Aussagen in seinem Blog tätigt. Insofern bin ich mir der Wirkung auf einzelne Leute sehr bewusst.

  11. Gerald - hyperkontext am 10. März 2009 #

    Trackback:
    Techniksoziologie am Beispiel Internet Explorer

    […] Im Fall Internet Explorer haben Benutzer gar kein Problem. Der Hersteller aber zunehmend eines mit der Machtfrage. IE als Open-Source – Die makroharte Alternative zur mikroweichen Proprietät. […]

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