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Mein kleiner 2015er WordPress-Rant

Gerrit, 23.01.2015

Beginnen wir mit steilen Thesen: WordPress ist schwierig, obwohl es einfach erscheint. WordPress ist für Standardwebsites, obwohl es alle Arten von Websites betreiben kann. WordPress ist eine kurzsichtige CMS-Wahl, obwohl es Weltmarktführer ist.

In letzter Zeit verdichten sich bei Kunden, Kollegen und Freunden die Hinweise, dass es vielleicht doch keine so gute Idee war, komplett auf WordPress zu setzen, als es um die Umsetzung eines neuen Webprojektes ging. Ich will versuchen zu erklären, warum das so ist.

Seit zehn Jahren ist WordPress nun dabei, sich von einer kleinen Bloggingsoftware zum weltweit meistgenutzten Website-Baukasten zu entwickeln. Diese Entwicklung ist weitestgehend abgeschlossen, auch wenn noch viel Legacy-Code und eine ganze Reihe von Paradigmen an die gute alte Blogging-Zeit erinnert. Alle Funktionen, die WordPress zu einem „großen“ CMS machten, stecken allerdings in Themes und Plugins. Grundsätzlich ist natürlich gegen einen relativ schlanken Core und relativ mächtige Plugins nichts einzuwenden. Das fundamentale Problem ist jedoch die verfluchte Vielfalt und die Konkurrenz innerhalb der Plugin-Szene. Ich habe aufgehört zu zählen, wieviele Plugins es für die Verwaltung von Custom Post Types und Custom Fields gibt. Derzeit scheinen CTP UI und ACF brauchbare Plugins zu sein, aber wer weiß schon, wann diese wieder explodieren oder neue WP-Versionen nicht mehr unterstützen? Ihr wisst, was ich meine. Man kann ja froh sein, dass WordPress mit den Schnittstellen für Custom Post Types, Custom Fields und Custom Taxonomies eine Art Standard innerhalb des System geschaffen hat, doch dieser Standard ist so rudimentär, dass alle entsprechenden Plugins trotzdem zusätzliche Schichten an Logik und Daten ablegen müssen, um halbwegs benutzerfreundlich zu sein.

Natürlich besteht bei allen CMSen das Problem, dass zu viel festgelegte Funktionalität im Core schädlich ist, und dass man auf Plugins angewiesen ist. Doch in den meisten Fällen existieren für die wichtigsten und am häufigsten benötigten Anwendungsfälle auch gewisse „große“ Standardplugins, welche eine hohe Qualität aufweisen, oftmals auch vom Core-Team entwickelt werden und von daher zu allem kompatibel sind, und auf jeden Fall weiterentwickelt werden, wenn sie nicht – wie im Falle von Drupal – schlussendlich in den Core wandern. Eine gewisse Standardisierung der Core-Schnittstellen schafft Verlässlichkeit und Orientierung bei den Plugin-Entwicklern und Vertrauen bei den Benutzern, weil die Wahrscheinlichkeit, dass Plugin A mit Plugin B gut zusammenarbeitet, hoch ist.

Bei WordPress hat sich dieses Kompatibilitätsproblem zu einem absurden Schauspiel entwickelt. Plugins machen damit Werbung, dass sie zu bestimmten, populären Themes kompatibel sind, Plugin A setzt Plugin B voraus, aber warnt davor, Plugin C gleichzeitig installiert zu haben. Magazin-Themes empfehlen den Einsatz eines bestimmten Plugins, weil sonst bestimmte Features nicht funktionieren würden, kommen aber selbst mit 3 Tonnen Plugin-ähnlichem Code daher, so dass inzwischen die Unterscheidung zwischen Theme und Plugin kaum mehr gegeben ist. Es ist ein Dschungel.

Und weil sowohl Themes als auch Plugins so pupseinfach zu installieren ist, macht es jeder Amateur ohne Hemmungen, und kombiniert munter Dinge, die sich überkreuzen und gegenseitig kaputt machen. Ansprüche an das Design, die Ladezeiten, ein elegantes Markup oder zumindest halbwegs aufgeräumten Code sind dabei schon lange nicht mehr vorhanden.

WordPress also nur ein populäres Amateur-System? Ja und nein. Inzwischen bin ich der Meinung, dass es genau zwei verschiedene, valide Anwendungsfälle gibt:

1. Die reine Laiennutzung: Fertiges Theme installieren und mit Bordmitteln anpassen, einige Plugins dazu klicken, die nicht allzu krasse Dinge anstellen, fertig. Bei dieser Nutzungsart ist es sehr wichtig, dass man keine zu hohen Ansprüche hat, was einerseits die Ästhetik, andererseits die Machbarkeit bestimmter Funktionen angeht. Wer individuelle Wünsche hat, die über das normale Standardblog oder die kleine Standardwebsite hinausgehen, findet entweder ein Plugin, welches sofort perfekt passt, oder lässt es sein.

2. Die reine Profinutzung: Ein eigenes Theme wird von Grund auf neu aufgebaut. Jedes Plugin wird sorgfältig auf Professionalität, Langlebigkeit, Stabilität und Kompatibilität geprüft. Im Zweifel lieber selber im Theme die gewünschte Funktionalität programmieren. Jeder Wunsch nach individuellen Funktionen wird zweimal in Frage gestellt und dem Kunden möglichst ausgeredet. Das Versprechen einer funktionierende Website erlischt, sobald Kunden eigenständig Plugins installieren (Ja, damit sind vor allem SEO- und Social-Media-Button-Plugins gemeint!).

Zwischen diesen Extremen gibt es nicht viel. Wir haben sehr schlechte Erfahrungen gemacht mit dem Anpassen von fertigen Themes, trotz Childtheme-Technik, insbesondere bei responsiven Themes. Die Möglichkeit, „schnell mal eben“ gigantische Funktionsumfänge in Form von praktischen Plugins herbeizuzaubern, ist verführerisch, doch zu welchem Preis? Die Kunden wollen immer mehr von der Sorte, werden falsch erzogen!

Ach, wenn das so einfach ist mit den eigenen Widget-Bereichen, dann will ich gleich sechs Stück haben. Wissen Sie was? Ich installier mir einfach ein Plugin und knall mir gleich 14 Widgetbereiche rein!

Es ist diese verführerische Illusion, dass alles so einfach ist. Die Themes, Plugins und Widgets greifen doch alle ineinander, ergänzen sich, lassen sich sogar anpassen, und alles ohne Code! Was muss dann erst eine richtige, erfahrene Webagentur aus dem System herausholen können? Doch leider arbeiten erfahrene Webagenturen meist ein bisschen anders, verlassen sich ungern auf Baukastenmodule mit unbekanntem Code und wollen alles unter Kontrolle haben beziehungsweise auf eine stabile CMS-Codebasis setzen, deren Paradigmen und Schnittstellen gut dokumentiert und zukunftsicher sind. Nur so kann man Webprojekte umsetzen, die mit den Wünschen der Kunden mitwachsen, ohne irgendwann die Grätsche zu machen.

Uns fällt es immer schwerer, im vollen Bewusstsein neue Projekte mit WordPress anzufangen. Zu oft ahnen wir, dass die Kunden immer mehr wollen, wenn sie einmal das Schaufenster mit den Süßigkeiten gesehen haben, oder dass sie mit den besprochenen, minimalem Anpassungen an das Standard-Theme nicht zufrieden sind. Doch ganz ehrlich: Meist sind es wir selber, die keine Lust auf den Stress haben, die ganze Arbeit von Anwendungsfall 2 für das Budget aus Anwendungfall 1 zu erledigen.

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Freefont-Advent 24/24 – Source Sans/Serif/Code Pro

Gerrit, 24.12.2014

Die Source-Schriftsippe von Adobe schließt diesen kleinen Adventskalender ab, mit dem ich einen Überblick bieten wollte, was heutzutage mit kostenlosen Schriften aus dem Netz so alles geht. Im Vergleich zu 2004, als ich unter anderem mit der Artikelserie Die Freie Schrift der Woche dieses Blog populär machen konnte, hat sich das Angebot unfassbar weiterentwickelt, in Quantität und auch Qualität. Open-Source-Schriften sind eine echte Erfolgsstory des Internet, denn nur über digitale Vernetzung, weltweite Verbreitung und die Chance auf Ruhm und Ehre wird ein Anreiz für Schriftentwerfer geschaffen, ihre Babys kostenlos für die Gestalter dieser Welt herausgeben. Dass die meisten freien Schriften ihren kommerziellen Verwandten trotzdem noch unterlegen sind, liegt dabei in der Natur der Sache und bekräftigt, dass es für beide Lizenzmodelle Anwendungsfälle gibt. (Siehe dazu auch mein Essay Freie Schriften – Anspruch und Wirklichkeit von 2011.)

Zurück zur Source-Famile und ihrem Herausgeber Adobe. Die Source Sans Pro erschien im Sommer 2012 und war von Anfang als echte Open-Source-Schrift geplant, die aber den gleichen Qualitätsmaßstäben unterworfen sein sollte wie die kommerziellen Adobe-Schriften, beispielsweise Warnock oder Chaparral. Dabei erbt die Source Sans einige Eigenschaften der klassischen amerikanischen Gothic-Schriften, ist dabei jedoch insgesamt offener und humanistischer. Wie auch die Open Sans von Google ist sie als Webfont derzeit extrem populär, vor allem weil sie so universell einsetzbar ist. Sie hat sich zu einer Art Standardschrift entwickelt und könnte von daher als „Neue Arial“ bezeichnet werden. Wenn einem nichts charakteristischeres einfällt, greift man halt auf die Source Sans zurück, das ist immer noch besser als gar keinen Webfont zu verwenden. Klingt tragisch, ist aber wohl pragmatische Realität :-)

Ein paar Monate nach der Source Sans erschien die dazu passende Monospace-Variante „Source Code“, und erst diesen Sommer folgte dann die „Source Serif“. Letztere leider noch ohne kursiven Schnitt – aber das kann ja noch kommen.

Mit der Source-Sippe hat man eine professionelle und nach allen Maßstäben der Kunst gestaltete Schrift an der Hand, die den meisten typografischen Herausforderungen gewachsen ist. Auch hier gilt natürlich die Warnung, dass man keine Originalitätspreise gewinnen wird. Aber welche wahrhaft erfolgreiche Schrift von Weltformat konnte das jemals von sich behaupten? Es sind die subtilen Details und die perfekt abgestimmten, immer wieder aufs neue feinjustierten Formen, die aus einer „ganz netten“ eine „ganz große“ Schrift machen. Die Source ist schon jetzt ein Klassiker, der die typografische (Netz-)Landschaft geprägt hat und weiter prägen wird!

In diesem Sinne: Frohe Weihnachten allen LeserInnen, KundInnen und FreundInnen!

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Freefont-Advent 23/24 – Comic Jens

Gerrit, 23.12.2014

Das hat uns gerade noch gefehlt! Die Comic Jens ist die Antwort des Berliner Fontengineers Jens Kutílek auf die populäre Unfall-Systemschrift von Microsoft. Klingt zunächst mal nicht spektakulär, ist es auch nicht wirklich, aber dennoch: Man muss sie einfach mögen! Die Comic Jens kommt nämlich nicht nur mit einer für den Laien kaum unterscheidbaren Formensprache, ist aber der zu lange in der Sonne gelegenen Originalschrift in vielerlei Hinsicht haushoch überlegen. Stichwort „alternative Glyphen“ und „Ligaturen“. Wie es sich eigentlich für eine Handschrift-Imitation gehört, gibt es nämlich Abwechslung bei den Buchstabenformen, je nach Kontext – im oberen Beispiel schön am kleinen e zu erkennen.

Richtig schön ist das alles immer noch nicht, aber ein Stück weit erträglicher, oder?

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Freefont-Advent 22/24 – Exo 2

Gerrit, 22.12.2014

Die Exo 2 ist eine überarbeitete und in kleinen Schriftgraden besser lesbare Version der kaum älteren Exo. Diese Schrift hat eine interessante Geschichte hinter sich. Ursprünglich 2009 als studentisches Projekt von Natanael Gama angefangen, konnte dieser im Jahr 2011 über Kickstarter 7.500 Dollar einsammeln, um den Entwurf in Ruhe als komplette Open-Source-Schrift auszubauen und unter anderem bei Google Fonts unterzubringen. Zur Weihnachtszeit 2013 – knapp 2 Jahre nach der Erstveröffentlichung folgte dann bereits die verbesserte Version 2.

Die Exo Sans ist als kubische Groteskschrift gleichermaßen ein Fest für Freunde der Science-Fiction und der dänischen Schriftkultur (wir erinnern uns). Sie steht in der Tradition von Eurostile/Microgramma und Klavika, kommt sehr schlicht rüber, hat aber einige spannungsreiche Details zu bieten, die sie vor der visuellen Eintönigkeit einer komplett konstruierten Schrift rettet. Sie ist wirklich schick und schafft den Spagat zwischen reiner Headlineschrift und (eingeschränkter) Mengensatztauglichkeit. Exo ist nur auf den ersten Blick Massenware, und bietet mit den vollen 9 Fetten in regular und italic auch das ganze Programm an Abstufung, das man für feingeschliffene Online- und Offlinetypografie benötigt.

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Freefont-Advent 21/24 – Roboto Slab

Gerrit, 21.12.2014

Die Roboto Slab ist eine sogenannte serifenbetonte Schrift, und diese Gattung ist gar nicht mal so häufig anzutreffen. Jeder kennt zwar das charakteristische Schriftbild einer Rockwell oder einer Caecilia, aber die meisten Serifenbetonten sind heute Teil einer Schriftsippe und eher abgeleitete Versionen einer Grotesk-Schrift – so auch die Roboto Slab, welche kaum überraschenderweise auf Basis der Roboto entwickelt wurde und somit deren Eigenschaften wie Neutralität, Professionalität und Kühle erbt. Die präzisen, perfekt abgestimmten Buchstabenformen sind zwar kein reizvoller Hingucker voller Reibungspunkte, aber das Glattgeschliffene, Robuste hat eben genauso seine Daseinsberechtigung, wenn Schrift eine dienende Funktion erfüllen soll. Mit einer Roboto Slab macht man im Magazinbereich auf jeden Fall keinen Fehler, sondern geht auf Nummer sicher, auch im Mengentext.

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