Zur öffentlich-rechtlichen Web-Debatte

Ein paar Stichworte von mir bezüglich dieser ganzen Was dürfen die öffentlich-rechtlichen Sender im Internet und was nicht?-Debatte. Um das Problem ein wenig aus der Vogelperspektive zu begreifen, helfen drei Feststellungen:

  • Im klassischen Rundfunk waren die staatlichen bzw. öffentlich-rechtlichen Anstalten zuerst da, die Privaten kamen später hinzu. Niemand stellt daher ernsthaft das Existenzrecht der ÖR in Frage.
  • In der klassischen Presse waren die Privaten zuerst da – eine staatliche oder öffentlich-rechtliche Anstalt gab es bisher nicht, obwohl sich im Rundfunk der Dualismus der Anbieter insgesamt recht gut bewährt hat.
  • Im Internet verschmelzen seit einiger Zeit die Grenzen zwischen Rundfunk und Presse, und nun weiß keiner so recht, wie man mit diesem Phänomen umgehen soll.

Das Problem ist zu einem großen Teil also historischer Natur: Nur weil man nach der Erfindung des Rundfunks bemerkt hatte, dass es sinnvoll ist, Sende-Frequenzen staatlich zu regulieren, haben die ÖR überhaupt diesen großen Vorsprung gegenüber den Privaten aufbauen können. (Dieser wurde inzwischen freilich von den privaten Anbietern aufgeholt.)

Im Printbereich galt es niemals, Frequenzen regulieren zu müssen. Jeder mit entsprechend viel Geld konnte eine Druckerei beauftragen und publizieren. Die Pressefreiheit ist seit Ende des Weltkrieges ein hohes und wichtiges Gut, und niemand wäre auf die Idee gekommen, eine »öffentlich-rechtliche« Presse könnte etwas Sinnvolles sein.

Die heute seltsam anmutende Unterscheidung zwischen Rundfunk- und Printjournalismus ist nun aufgehoben. Alles verschmilzt im Internet zu einer Art Universaljournalismus. Und mir stellt sich prinzipiell die Frage, warum diese Trennung in den Köpfen der Entscheider immer noch so präsent ist! Entweder man lässt ÖR-Journalismus generell zu und fördert ihn mit entsprechenden Gebühren/Steuern, oder man lässt es ganz sein, weil es ja genügend private Angebote gibt. Entweder oder. Das Ausgabemedium (Analogfunk, Digitalfunk, Web, Totes Holz …) ist doch inzwischen – seien wir ehrlich – eher irrelevant geworden.

Ich bin generell schon dafür, den ÖR weiter zu erhalten. Ich würde einiges vermissen, was mir die Privaten einfach nicht bieten wollen oder können. Allerdings stelle ich mehrere Bedingungen:

  • Gebührenerhöhungen werden ausschließlich an die Inflation gekoppelt.
  • Wenn in Web-Angebote investiert wird, muss das benötigte Budget von anderen Bereichen abgezogen werden. 7 Mrd. Euro im Jahr sollte für eine gute Versorgung auf mehreren Kanälen ausreichend sein.
  • Sämtliche Eigenproduktionen müssen auf unbegrenzte Zeit, on demand und kostenlos verfügbar gemacht werden. Für alle neuen Produktionen müssen entsprechende Verträge mit den Rechteinhabern geschlossen werden.
  • Die Einschaltquote darf nur noch eine untergeordnete Rolle spielen. Das Kopieren von Unterhaltungsformaten aus dem Privatfernsehen ist Quatsch: Wenn ich GZSZ auf RTL gucken kann, braucht es nicht auch noch Verbotene Liebe im Ersten. Man sollte sich darauf konzentrieren, solche Dinge zu machen, die es im Privatfunk eben nicht gibt!

17 Kommentare

Moritz

Sehr richtig. Diese Kopiererei der Formate aus Privatsendern geht mir schon ne Weile auf den Zeiger, weil man offenbar den Spagat zwischen Seriösität/Anspruch und Unterhaltsamkeit einfach nicht schafft.

Mathias

Was ist noch für sehr wichtig erachte: Der Zugang zu den öffentlich-rechtlichen Internet-Angeboten muss zugangsgesteuert sein. Ich bin zwar für den Erhalt der Öffentlich Rechtlichen, ich sehe es aber irgendwo nicht ein, dass Leute (die ins Ausland gezogen sind / im Ausland leben) ohne Bezahlung das Angebot nutzen dürfen und dadurch sicher nicht unerhebliche Kosten verursachen. Mit Hilfe der GEZ-Daten dürfte eine entsprechende Zugangssteuerung ja kein Problem sein.

Ach ja: und dann noch: Auflösung der GEZ und Gebühreneinzug über die Einkommensteuer – genau so wie die Kirchensteuer auch.

Michael Jarraß

Generell stimme ich Gerrit zu. Durch die Verschmelzung im Internet wird meiner Meinung nach eine Umstrukturierung nötig. Ich könnte mir vorstellen, dass es dann hin zum allgemeinen Recht auf Information hinausläuft. Also, dass die ÖR ein gewisses Spektrum an Informationen bereit stellen, unabhängig vom Ausgabemedium.
Man sollte weg kommen vom Anspruch, unterhaltend zu sein und sich darauf konzentrieren, seriöse Informationen bereit zu stellen.

Edoardo

Stimmt. Die GEZ führt sich ähnlich inquisitorisch auf wie die Musikindustrie, finde ich. Die macht sich richtig unbeliebt, mal abgesehen von der Frage, ob man sie überhaupt braucht.

Dabei wird verlangt, daß man solchen Unfug wie Musikantenstadl und diese Soaps finanziert. Es gibt zwar das Argument, daß man ein möglichst breites Publikum ansprechen muß und es eben Leute gibt, die sich sowas gern ansehen. Aber das hat doch keinen Anspruch auf Qualität. Irgendwo gibt es auch Grenzen. Mit dem ganzen Geld könnte man sicher deutlich sinnvolleres und wertvolleres anfangen.

Ich weiß nicht, wer sich hier »Mord mit Aussicht« angesehen hat, aber anscheinend war das so ein Fall, in dem sich die ARD massiv bürokratisch angestellt hat. Da wurde angeblich alles mögliche geändert, aus übertriebener Vorsicht. Umso erstaunlicher, daß trotzdem noch eine so gelungene Serie übriggeblieben ist. Die war wirklich witzig.

Nach den sechs (nur sechs!) Folgen kommen wohl nochmal sieben (…), aber auch erst 2010

Ich glaube, 3sat und WDR haben das mit dem Fernsehen machen noch am ehesten drauf, wobei 3sat ja kein reiner deutscher Sender ist (oder?).

mike

Sehr schöne »Zusammenfassung«, exakt so stelle ich mir das auch vor.

@Mathias: Du schmeisst auch Deine Zeitung nach dem Lesen in den Müll, statt sie für andere in Café/ Bahn/ Woauchimmer liegen zu lassen?
Hinzu kommt bei Glotze und Radio: Das kann ich in Barcelona, Istanbul oder gar in Honululu AUCH ohne GEZ (und ohne Internet) empfangen, da neue Reglementierungen einzuführen, halte ich im Gegensatz zur »Fernsehsteuer an- und GEZ abschaffen«-Idee für keine gute Idee.

tobias

wenn der öffentlich-rechtliche rundfunk nur noch qualität produzieren sollen reichen die beiden kanäle 3sat und arte. dafür braucht es keine x milliarden. außerdem würde sich unmut breit machen. die einen vermissen ihren musikantenstadl, die andern sehen nicht mehr ein siebzehn euro im monat für – verzeihung – »hochkulturelle scheiße« zu berappen, die sie überhaupt nicht produziert.

natürlich hätte ich gerne einen besseren öffentlich-rechtlichen rundfunk. aber wenn man sich überlegt wie wenig leute ein faz/taz/sz-abo haben kann ich mir nicht vorstellen, dass wir viele mitstreiter finden.

der öffentlich-rechtliche rundfunk muss, solange er zwangsfinanziert wird, marktführer sein. sonst verliert er seine legitimation.

warum sollte er nicht abgeschafft und durch pay-tv ersetzt werden? dann gibts qualität und die gebühren bleiben gleich, da sich das angebot reduziert.
wenn ich heute ndr2 höre und sein adult-contemporary-format mit dem von antenne oder ffn vergleiche, fällt einem kein unterschied auf. pink floyd haben mehr songs gemacht als den dritten part von another brick in the wall.

Jörg L.

Die Grundversorgung mit Information ist im Internetzeitalter ohnehin ein fragwürdiger Auftrag geworden.

Christian Kintner

Problem dabei ist, dass eben ohne Unterhaltungsformate die Aktzeptanz zum Bezahlen der Gebühren fällt (noch weiter), vermute ich einfach mal.

Ergänzung zu Forderung 3 (on demand & kostenlos): Bitte auch noch mit einer Remix-kompatiblen Lizenz.

Paul

Ich finde das ÖR momentan recht gut! Es gibt die verschiedensten Sender: ARD & Regionale, ZDF, Phoenix, 3sat und arte. Da lohnt sich das GEZ-Zahlen wirklich fast für jeden. Und die Akzeptanz ist für die GEZ sehr wichtig, da eine Kontrolle der Gebühren kaum richtig möglich ist.

Als nur ÖR-Gucker bin ich recht zufrieden mit den Sendungen, auch wenn mich Musikantenstadl und Co natürlich aufregen. Aber der Qualitätsunterschied zwischen Rihanna live in concert und Musikantenstadl is doch quasi nicht existent! Trotzdem hat der Stald und Rihanna ihre volle Berechtigung!

Im Internet gebe ich Gerrit vollkommen recht, mehr Online-Videos und weniger Rechtestreit unter den Sendern (SWR-Dokus auf arte kommen zB nicht auf plus7.arte.tv).
Auch bin ich unendlich froh über tagesschau.de. Welches privates Nachrichtenportal liefert mir denn sonst seriöse, übersichtliche und schnelle Berichterstattung? SpOn zähl ich da sicher nicht dazu!

Torsten

Dieses herumklopfen auf den öffentlich-rechtlichen halte ich für etwas daneben. Ich bekomme doch bei keinem einzelnen Sendeformat eine annähernd gute Qualität wie im öffentlich-rechtlichen Fernsehen (auch bei den Soaps). Man kann sich RTL, PRO7 und Co. doch nur anschauen, wenn gerade einmal ein eingekaufter »Blockbuster« aus Hollywood kommt, bitte verschont mich von deren Eigenproduktionen. Ab und zu einmal ein Lichtblick wie »Stromberg«, das war es dann auch schon.

Eine Kopiererei der Formate wird oft vorgeworfen, ist aber absolut nicht nachvollziehbar – es läuft genau anders herum. Um nur ein Beispiel zu nennen: die erste Gerichtsshow lief jahrelang auf ZDF, bevor alle anderen nachzogen. Ich würde auch gerne wissen, wer die SAT1, PRO7,… Nachrichten für wertvoller hält als die Tagesthemen?

Hauptsächlich geht es in der Debatte jedoch um die Beschneidung der Internetpräsenzen. Zuerst sollte einmal gesagt werden, dass genau geregelt ist wie viel dafür aufgewandt wird. Es sollte klar sein, dass dies auch nur ein Bruchteil des gesamten Etats ist. Die Webangebote sind hier den »Mitbewerbern« auch wieder um Längen voraus, sei dies technisch oder inhaltlich. Ich würde ungern auf die Seite der Tagesschau oder die ZDF Mediathek verzichten müssen, aus dem einfachen Grund der fehlenden Alternativen.

Edoardo

Jörg L.:

»Die Grundversorgung mit Information ist im Internetzeitalter ohnehin ein fragwürdiger Auftrag geworden.«

Nein, find ich überhaupt nicht.

Die Blockbuster auf den Privaten sind doch auch kein Grund, diese Sender zu nutzen. Die Filme kommen (fast?) immer gekürzt und mit jeder Menge Werbung. Noch dazu diese dämlichen Einblendungen, dessen Ton lauter ist als der des Films.

Technisch läßt sich an den Webauftritten der öffentlich-rechtlichen Sender noch einiges verbessern, auch wenn die den anderen was voraus haben.

Gerade die Mediathek von ZDF fand ich noch nie besonders berauschend.

Gerhard

Zwangsbezahlfernsehen.

Heiner

In solchen Diskussionen wir oft das deutsche Rundfunksystem nicht ganz verstanden: Es ist ein Gesamtpaket aus Öffentlich-Rechtlich und Privat, wobei die Rundfunkgebühren nichts mit Pay-TV zu tun haben.

Kurz zusammengefasst: Die Sendelizenzen für Private gibt es nur, da es ÖR-Rundfunk gibt und durch letzteren die Grundversorgung sichergestellt werden soll. Um es in Extremfällen auszudrücken: 9 Live darf es nur geben, weil es Phoenix gibt. Es ist also völlig unerheblich, wie sehr ich die ÖR-Sender mag oder wie oft ich sie gucke: die Gebühren zahle ich als Rundfunkteilnehmer und nicht als ÖR-Seher.

Dieses System stellt sicher, dass es weiterhin hochwertige Minderheitenprogramme geben kann und trägt damit dazu bei, dass die Qualität des Rundfunks in Deutschland allen Unkenrufen zum Trotz weltweit weiterhin einen Spitzenplatz einnimmt. Es funktioniert also prima.

Jörg L.

Edoardo, Spielfilme und Unterhaltung sehe ich nicht als Grundversorgung mit Information. Information ist mein Stichwort.

Edoardo

Das hatte ich auch nicht gemeint. Das mit den Blockbustern bezog sich auf Torstens Kommentar.

Christoph

Gebührenerhöhungen werden ausschließlich an die Inflation gekoppelt.

Schlechter Vorschlag!

Warum?

(1) Welche Inflationsrate ist gemeint? Die allgemeine Preissteigerungsrate? Oder die Preissteigerung bei Medienangeboten (z. B. Durchschnitt aus Zeitschriftenpreisen, PayTV-Gebühren usw. – wenn eine solche überhaupt ermittelt wird)? Diese Raten können ziemlich auseinanderliegen. Warum sollte man die Gebührenerhöhungen z. B. mittelbar an den Ölpreis koppeln, der z. Z. den allgemeinen Verbraucherpreisindex dominiert?

(2) Warum sollen die Gebühren sich ohnedies an der Entwicklung eines Preisdurchschnitts orientieren? Sie sollten vielmehr entweder Ausdruck der (notwendigen) Kosten des Angebots (aus Sicht des ÖR) oder aber Ausdruck der Wertschätzung des Programms (aus Sicht der Nutzer) sein. Ich würde z. B. gern einmal eine deutliche Gebührensteigerung hinnehmen, wenn dafür alle ausgestrahlten Sendungen längerfristig frei verfügbar im Netz vorgehalten würden. Andererseits könnten die Gebühren danach auch wieder in dem Maße sinken, wie die Kosten der dafür nötigen IT-Infrastruktur fallen.

T.B.

Vor allem die Aussage der öffentlich-rechtlich Verantwortlichen, dass nur sie in der Lage sind für Qualität im Internet zu sorgen, finde ich schon etwas grotesk und peinlich.

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