Künstlerfreiheit

Passend zur gestrigen TV-Diskussion bei Maybrit Illner (die auch ich stets mit Sandra Maischberger verwechsele), habe ich nun endlich Gewissheit bezüglich meiner staatlich-sozialen Vorsorge erhalten. Weniger förmlich ausgedrückt:

Der Barkeeper grinste. Seine Häßlichkeit war legendär. Im Zeitalter käuflicher Schönheit hatte sein Mangel daran Signalwirkung. Der altertümliche Arm ächzte, als er nach einem anderen Glasgriff. Es war eine russische Militärprothese, ein Greifer mit sieben Funktionen, rückkopplungsgesteuert, kraftgetrieben und eingegossen in schmuddeliges, pink Plastik. »Spielst den Künstler, Herr Case.« Ratz grunzte, ein Geräusch, das als sein Lachen füngierte.

(aus Neuromancer, William Gibson)

Mit einfachen Worten: Ich bin jetzt seit dem 1.10.2007 offiziell Künstler und Publizist, wie mir die Künstlersozialkasse jetzt schriftlich bestätigen konnte. Was für mich heißt, dass ich zu ziemlich genau den gleichen Konditionen gesetzlich sozialversichert bin wie ein Angestellter: Ein Fünftel des Einkommens ist weg, dafür bin ich weiterhin Teil des Solidarsystems.

Ich zahle dabei auch noch freiwillig den erhöhten Krankenkassen-Beitragssatz, so dass ich schon ab der dritten Woche Krankengeld bekäme, wenn denn mal was Schlimmes sein sollte.

So weit, so gut – jetzt wollen wir mal hoffen, dass ich nicht jedes Vierteljahr Arbeitsproben und Kontoauszüge einreichen muss, um den Künstlerstatus zu rechtfertigen. Es könnte aber passieren, man hört ja so viel böses von der KSK.

14 Kommentare

DrWatson

Hmm, sowie ich das verstanden habe, müssen nun aber deine Kunden Abgaben an die KSK zahlen, wenn sie dich beauftragen (denn irgendwo muss ja die andere Hälfte deiner Beiträge herkommen). Die KSK überprüft gerne mal Unternehmen, von denen sie glauben, dass sie Künstler (nicht nur bei der KSK versicherte) beauftragen und fordern Beiträge ein.

Andreas

Ja so ist es, Gerrits Kunden müssen einen Prozentsatz (um die 5% aktuell) des gesamte Jahresumsatz seiner Leistungen an die KSK abführen. Dazu ist der Kunde verpflichtet. Kommt er dieser Verpflichtung nicht nach, auch wenn er nichts davon weiß, kann die KSK bis zu 5 Jahre nachfordern – das Thema hat einigen Unternehmen hier in der Region ordentliche Nachzahlungen beschert.

Achim M.

Das Problem ist, dass nicht nur die Kunden von Gerrit bzw. von Mitgliedern der KSK Beiträge an die KSK zahlen müssen, sondern alle Unternehmen die regelmäßig künstlerische Leistungen (auch Web- und Broschürendesign) einkaufen.

Für mich ein Unding. Ich bin nicht Mitglied der KSK und subventioniere mit meinen Kunden quasi meine Konkurrenz, die geringere Kosten für ihre soziale Absicherung zu zahlen haben. Ein krankes Modell.

andreas

Ich kann nichts negatives über die KSK sagen und dieses ominöse Forum scheint eher im Bildstil gehalten zu sein und nur eine Richtung zu kennen.

Simon Wehr

Wie gesagt, die Beiträge hatten Gerrits Kunden wohl vorher schon abzuführen. Aus diesem Standpunkt heraus wäre jeder selbst schuld, der nicht in der KSK ist. Ob die Kunden wirklich zahlen müssen, wird jedoch im Einzelfall erst festgestellt.
Ich denke, man sollte die Angelegenheit mehr unter dem Aspekt der Kulturförderung betrachten, da die KSK für viele »wirkliche Künstler« die einzige Möglichkeit ist, eine Sozialversicherung zu finanzieren. Und auch wenn wir Designer sind: Auf die Künstler wollen wir doch nicht komplett verzichten, oder?

Wenn man überlegt, was von unseren Geldern alles subventioniert wird  … da sind mir die paar Künstler, Schriftsteller und »Marktbegleiter« noch am liebsten!

Gerrit

Völlig unabhängig, ob der jeweilige Freiberufler, den man da engagiert, bei der KSK ist oder nicht: Zahlen muss der Auftraggeber an die KSK in jedem Falle. Das wissen viele nicht, und deshalb gibt’s da manchmal überraschende Nachzahlungsforderungen.

Jannis

Das Problem besteht vor allem für GmbHs, deren Geschäftsführer zwar Beiträge an die KSK zahlen müssen, aufgrund ihrer geschäftsführenden Tätigkeit aber nicht zur Mitgliedschaft in der KSK zugelassen werden, weil der das nicht künstlerisch genug ist. Direkte und aufgezwungene Finanzierung der Konkurrenz, dafür gibts dann von der KSK... nichts zurück. Super Modell, TOP!

Gerrit

Naja, der Nicht-GmbH-Freiberufler trägt natürlich per definitionem ein höheres persönliches Finanz-Risiko und darf zum Beispiel keine gewerbliche Tätigkeit ausüben, sprich Hosting oder Weiterverkaufen von Software usw.

Von daher ist ein Ausgleich nicht übel, um es den Freiberuflern ein wenig einfacher zu machen.

Achim M.

Wer spricht denn hier von Ausgleich für Freiberuflern?

Ich bin Gewerbebetreibender, kann und will nicht in die KSK und muss mir Sorgen machen, dass Kunden zu einer GmbH abwandern. Ich empfinde die KSK als Bedrohung für mein Geschäft.

Ich sehe das so, wie http://www.kskontra.de

Wenn man als Gewerbetreibender Gewerbesteuer zahlt, dann sollte man (bzw. die eigenen Kunden) ebenso wie GmbHs nicht mehr von der KSK behelligt werden. Die KSK soll Künstlern helfen und nicht Gewerbetreibenden das Leben schwer machen.

Johann

Ach, ist ja interessant. Mich hat die KSK als freiberuflichen Webdesigner trotz Widerspruch vor ein paar Jahren noch abgelehnt. Nicht aufgrund meiner Arbeitsproben, sondern weil Webdesign definitiv keine künstlerische Tätigkeit sei. Ist vielleicht vom Sachbearbeiter abhängig?
Viel Spaß mit der KSK!

Perun

Ich finde das Modell von der KSK auch sehr komisch und gewöhnungsbedürftig. Meine Auftraggeber mussten für mich KSK-Gebühren zahlen obwohl ich nicht über die KSK versichert war und für einen anderen Kollegen musste das gleiche Unternehmen »Schutzgeld« an die KSK abliefern obwohl der Kollege von der KSK abgelehnt wurde.

Und einen Ton haben die drauf, dass ist echt phänomenal. Ich musste letztes Jahr, weil ich einen Publizisten engagiert habe, an die KSK zahlen und drei Wochen vor Ablauf der Frist bekam ich einen Brief von der KSK in der ich »freundlich« daran erinnert wurde. Direkt im ersten Absatz fing es an, was mir drohen konnte wenn ich das nicht ausfülle  … dabei hatte ich den Brief damals schon Tage vorher abgeschickt.

KSK ist für mich nichts anderes als altes sozialistisches Relikt was abgeschafft werden sollte. Warum sollten Künstler und Designer gegenüber anderen Selbständigen so bevorzugt werden. Alt und krank werden wir alle und Rezesion kennt auch keinen Unterschied.

Chris

@Simon
Gegen Künstlerförderung ist nichts einzuwenden, aber das ist dann eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, über die politisch zu entscheiden ist, und die dann (rein) aus Steuermitteln finanziert werden muss. Das jetzige KSK-Modell, bei dem nicht kskversicherte Kreative, GFs, bzw. deren Auftraggeber usw. draufzahlen, ist ungerecht, da stimme ich Jannis und Achim völlig zu.

Zudem die Aufnahmepraxis der KSK, wie die o.a. Beispiele zeigen, vorsichtig gesprochen, nicht immer nachvollziehbar ist.
(ehe der Verdacht aufkommt: Nein, ich habe nie einen vergeblichen KSK-Antrag gestellt und bin da unbefangen)

Anna

Kleine Meldung aus der Abteilung Freie Kunst: Für freie Künstler im Bereich der bildenden Kunst ist die KSK allerdings tatsächlich eine sehr gute Sache – und solange die Künstlerförderung eben nicht vom Staat vollfinanziert wird, ist das für viele Künstler schlicht die einzige Möglichkeit …
(Ich studiere an der Kunstakademie in Münster und kenne viele Absolventen, die ohne die KSK arge Probleme hätten)

rené

Nun beste Anna. Ich bin nicht Absolvent einer Akademie und habe deshalb
1. arge Probleme von der KSK anerkannt zu werden und den Versuch nach ca. einem Jahr aufgegeben und
2. nun arge Probleme meine Krankenversicherungsbeiträge auf zu bringen. Von weiteren sozialen Absicherungen spreche ich schon gar nicht mehr.
Will sagen die KSK hat genau so wenig eine Daseins Berechtigung wie diese unsäglichen Arbeitsagenturen. Das Geld was dort per Verwaltungsakt verbrannt wird (bedenke: dort sitzen nicht nur Angestellte sondern auch noch hochbezahlte und absolut altersabgesicherte Beamte) fehlt doch zur Förderung in der einen oder anderen Weise.

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