praegnanz.de Das private Weblog von Gerrit van Aaken tag:praegnanz.de,2005:b9374958e211727ae8ae76f7b6521d30 2019-01-14T00:00:00Z Gerrit van Aaken https://praegnanz.de/ Gerrit van Aaken 2019-01-14T00:00:00Z 2019-01-14T00:00:00Z Die drei Langstrecken-Faktoren tag:praegnanz.de,2019-01-14:d2df4511817fb4dfdc0cae83ea975236 Reichweite, Reichweite, Reichweite – kein anderes Thema steht so im Mittelpunkt, wenn es darum geht, Rechtfertigungen rauszuhauen, warum man denn immer noch kein E-Auto für sich geplant hat.

Dabei wird derzeit fast ausschließlich die Kapazität des Akkus als Reichweitenfaktor betrachtet. Aber es wäre viel klüger, sich noch weitere Faktoren anzuschauen, wenn man die tatsächliche Langstreckentauglichkeit eines E-Fahrzeuges bestimmen möchte. Aber fangen wir mal an:

1. Batteriekapazität

Die alte ZOE hat 22 kWh, der eGolf 32 kWh, der Leaf 2 kommt derzeit mit 40 kWh, der Hyundai Kona mit 64 kWh, Tesla-Fahrzeuge gar mit 75 bis 100 kWh. Eine große Batterie ist schon was Feines – allerdings auch mit Abstand der größte Kostenfaktor und der größte Energierucksack, den ein E-Auto bereits mit 0 Tachokilometern mit sich führt. Li-Ion-Batterien sind in der Herstellung ziemlich energieintensiv, und längst nicht alle Zellen-Hersteller setzen auf Ökostrom. Besser für Geldbeutel um Umwelt also, man entscheidet sich für eine Batterie, die ausreichend groß ist, nicht maximal groß!

2. Aufladegeschwindigkeit

Je schneller ich am Autobahn-Schnelllader Strom tanken kann, desto langstreckentauglicher wird mein Fahrzeug. Und da ist es dann schon entscheidend, ob ich nur maximal 22-kW-Wechselstrom nuckeln kann (wie die aktuelle ZOE), ob ich mit 70 kW an der Gleichstrom-Säule schlürfe (wie mit einem Hyundai oder Kia), oder ob ich gar mit über 100 kW am Supercharger mein Model S von Tesla druckbetanke. Lieber drei Ladestopps mit je 15 Minuten Wartezeit als ein Ladestopp mit zwei Stunden Wartezeit – oder so ähnlich. Große Akkus alleine helfen nicht, wenn man nur langsam laden kann. Es sei denn, man schafft die Wunschstrecke am Stück und(!) kann am Zielort bequem vollmachen.

3. Verbrauch

Ein sparsames E-Auto braucht weniger Akkukapazität für die gleiche Einzelreichweite. Eine Binsenweisheit. Doch kaum jemand weiß, was die einzelnen Fahrzeuge so verbrauchen. Sagen wir es vereinfacht: Unter 100 km/h hängt der Verbrauch vor allem von Antriebs- und Klimatechnik ab (z. B. Wärmepumpe). Über 100 km/h wird dann die Windschnittigkeit wichtiger. Das sparsamste E-Auto ist derzeit der Hyundai Ioniq mit seiner tiefgelegten Tropfenform. Die ganzen ach so modernen SUV-ähnlichen Fahrzeuge schneiden hier merklich schlechter ab. Und auch die fetten Tesla-Schiffe S und X bekleckern sich nicht gerade mit Ruhm, was den Verbrauch angeht, gleichen das eben über die riesigen Akkus und damit teuren Anschaffungskosten wieder aus. Für Einsteiger: Ein sehr guter E-Auto-Verbrauch liegt bei 11–14 kWh auf 100 km, ein schlechter bei 25–30 kWh.

Also, Leute: Bevor ihr zum riesigen Akku greift, checkt erstmal die anderen Faktoren, wenn es um die Langstreckentauglichkeit geht. Der Hyundai Ioniq hat sich da bereits entschieden, kommt mit nur 28 kWh aus, lädt dafür schnell und verbraucht wenig. Ein guter Deal. (Und ja, natürlich kommt bald das Facelift mit 39er-Akku. Dann wird das Ding noch mehr rocken.)

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Gerrit van Aaken 2018-12-16T00:00:00Z 2018-12-16T00:00:00Z Webfonts outside the lab tag:praegnanz.de,2018-12-16:cfb246e2f436450629f3a9a820c61edd Auf dem Dynamic Font Day 2018 in München gab es acht englischsprachige Talks. Einen davon habe ich gehalten. Es war seit langer Zeit das erste Mal, dass ich mich öffentlich zum Thema Webfonts geäußert habe. Und mein erster englischsprachiger Vortrag überhaupt. Das hört man auch :-)

Hier ist der Video-Mitschnitt vom 17. November. Vielen Dank an das ganze Team der tgm und der Designschule München!

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Gerrit van Aaken 2018-11-30T00:00:00Z 2018-11-30T00:00:00Z Welches E-Auto kann man 2018/2019 sinnvoll kaufen? – Update tag:praegnanz.de,2018-11-30:5c5761528ff6154361692b79335c1acc Ich habe mir ein paar Gedanken gemacht zum aktuellen Markt von rein elektrischen Autos in Deutschland. Was kann man eigentlich kaufen? Für welchen Zweck, und zu welchem Preis?

Betrachtet werden nur Fahrzeuge unterhalb von 50.000 Euro. Wer mehr für ein Auto ausgibt, kann das ja recherchieren lassen von seinem Hofbibliothekar. Es gibt tatsächlich auch schon einen Gebrauchtwagenmarkt, auch wenn dieser nicht riesig ist. Aufgrund der Umweltprämie bei Neuwagen sind aber die Gebrauchtpreise teilweise ziemlich attraktiv, also auch hier sollte man gucken, ob es nicht ein IONIQ von 2016 auch tut.

  • Update am 2. Dezember: smart EQ ergänzt, Kona 39kWh rausgenommen (lädt zu langsam), Feinschliff.
  • Update am 12. Dezember: e-Niro in 64er-Variante ergänzt, Warnung vor 39er-Kona ausgeprochen.

Für Einsteiger in der Stadt: ein gebrauchter Drilling

  • um 10.000 Euro inkl. Batterie
  • nur 60–100 km Winterreichweite
  • sehr langsam zuhause laden, oder bis 50 kW über CHAdeMO

Als reine Stadtfahrzeuge sind die drei baugleichen Fahrzeuge Citroën C-Zero, Mitsubishi EV (ehemals i-MiEV) und Peugeut iOn im Grunde nicht verkehrt. Sie kamen 2011 auf den Markt, sind allesamt ein bisschen hässlich, aber für ganz viele Anwendungsfälle reichen sie dicke! In Berlin konnte man den C-Zero einige Jahre im Multicity-Carsharing nutzen, was vielen die E-Mobilität erstmals nahe gebracht hat (unter anderem mir). Wenn das Budget knapp und der Anwendungsfall ganz klar ist, kann man hier durchaus ein Schnäppchen machen. Vom Aufladen mit CHAdeMO sollte man sich nicht zuviel versprechen – dieser Standard hat kaum Zukunft in Deutschland und ist auch fast nur auf Autobahnen zu finden, wo die Drillinge nichts verloren haben.

Für Kostenbewusste in Stadt und Umkreis: smart EQ

  • Neukauf ohne Förderung: ca. 23.000 Euro (inkl. Batterie und 22-kW-Lader)
  • 80–110 km Winterreichweite
  • mittelschnell zuhause laden, keine Schnellladung unterwegs

Technisch gesehen steckt im aktuellen smart EQ eine ganze Menge von Renault – der smart EQ ist im Grunde eine merklich günstigere ZOE, aber mit geringerer Reichweite und ohne Mietoption bei der Batterie. Kurioserweise kostet der Viersitzer nicht wesentlich mehr als der klassische smart- Zweisitzer (Unterschied sind nicht einmal 700 Euro) – es ist also reine Geschmackssache, welches Modell man nimmt – das fetzige Zweisitzer-Cabrio ist allerdings dann doch über 3.000 Euro teurer. Wen die überschaubare Reichweite nicht stört und Lust auf urbane Hipness hat, kann hier gerne zugreifen. Die Batterien scheinen bei smart die Wucht zu sein: Man hörte jüngst von Fahrzeugen mit 200.000 km und noch 90% Batteriegesundheit.

Für Pendler: Renault ZOE

  • Neukauf ohne Förderung: 22.000 Euro (ohne Batterie) bis 40.000 Euro (mit großer Batterie)
  • Batteriemiete: 59 bis 119 Euro pro Monat (je nach Fahrleistung)
  • Batteriekauf: 8.000 oder 12.000 Euro (22 kWh oder 41 kWh)
  • 90–250 km Winterreichweite (nur außerhalb der Autobahn)
  • mittelschnell zuhause laden, keine Schnellladung unterwegs

Die ZOE ist nicht brutal hochwertig, dafür aber stylisch und minimalistisch in der Ausstattung. Die Gretchenfrage ist: Fahre ich mit dem Wagen auch Strecken, bei denen ich zwingend einen (Autobahn)-Ladestopp benötige? Falls ja: Finger weg! Falls nein: Die ZOE lässt sich ideal zuhause oder am Zielort aufladen, innerhalb von 2–3 Stunden am 22kW-Lader oder in 10–18 Stunden an der Schuko-Steckdose. Wer maximal 40 km einfachen Pendelweg hat, kommt mit dem kleinen Akku sehr gut zurecht, auch im tiefsten Winter. Wer mehr Strecke benötigt, greift zum großen Akku. Unlimitierte Kilometer für 119 Euro im Monat. Der Kauf der Batterie lohnt sich ggf. erst nach 10 oder 12 Jahren, allerdings ist eine ZOE mit Batteriemiete komplizierter zu verkaufen.

Für Verwandtenbesucher: IONIQ oder e-Niro (mit schnellem CCS)

  • Neukauf ohne Förderung: ca. 35.000 bis 40.000 Euro
  • ab 150–250 km Winterreichweite
  • langsam zuhause laden, unterwegs bis 70 kW über CCS

Wer des öfteren Strecken zwischen 130 und 300 Kilometern fährt, und keine Lust auf Reichweitenangst hat, lädt unterwegs mindestens ein- bis dreimal auf. Damit diese Ladestopps zügig voran gehen, muss die Ladegeschwindigkeit stimmen, und der Stecker muss passen. In Deutschland kommt man an CCS demnach nicht vorbei, und folgende Fahrzeuge sind dafür besonders gut geeignet: Hyundai IONIQ (28 kWh) und ab Mitte 2019 der Kia e-Niro (39 kWh). Ersterer hat (noch) einen relativ kleinen Akku, verbraucht aber aufgrund seiner flachen Bauform sehr wenig Strom. Der Kia kommt erst Mitte 2019 auf den Markt, dürfte aber vom Preis-Leistungsverhältnis hochgradig interessant sein. Der „kleine“ Hyundai Kona mit 39er Batterie ist übrigens nicht zu empfehlen, da er aus Gründen, die niemand verstehen kann, die versprochene Ladegeschwindigkeit nahezu niemals tatsächlich erreicht und de facto bei ca. 40 kW dümpelt.

Für patriotische Verwandtenbesucher: BMW i3

  • Neukauf ohne Förderung: ab 38.000 Euro
  • 180–250 km Winterreichweite
  • langsam zuhause laden, unterwegs bis 50 kW über CCS

Wenn es unbedingt ein deutscher Hersteller sein soll, kommt eigentlich nur der i3 von BMW in Frage. Die Batteriekapazität wurde hier immer mal wieder angepasst, aktuell sind 35 kWh verbaut, was für gelegentliche Fahrten auf der Autobahn voll okay ist. Leider kann die Batterie auch beim neuesten i3-Modell nur bis zu 50 kW per CCS aufnehmen, hier bieten Hyundai und Kia derzeit mehr!

Für Semilangstrecken: Kona oder e-Niro (mit 64er Batterie)

  • Neukauf ohne Förderung: ca. 43.000 Euro
  • 250–350 km Winterreichweite
  • langsam zuhause laden, unterwegs 50 bis 80 kW über CCS

Nach dem de facto nicht erhältlichen Opel Ampera-e ist der Hyundai Kona das erste halbwegs erschwingliche Elektrofahrzeug, bei dem man auch im Winter so lange auf der Autobahn fahren kann, wie man es ohne Pause auch durchhält. Strecken bis 500 km können also in einer ähnlichen Geschwindigkeit realisiert werden wie mit einem Verbrenner – schnelle CCS-Lademöglichkeiten vorausgesetzt – der Kona kann bis zu 80 kW vertragen, am praktischen Nasenlader vorne. Der 2019 erscheinende Kia e-Niro teilt sich viele Komponenten mit dem Kona, ist etwas weniger hochwertig im Innenraum, dafür etwas geräumiger vom Platzangebot, und ein kleines bisschen günstiger.

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Gerrit van Aaken 2018-11-29T00:00:00Z 2018-11-29T00:00:00Z Adobe und das Web tag:praegnanz.de,2018-11-29:ead0eded226e8374d91b575e105fa59b Bereits seit den Anfangstagen meiner Webdesign-Karriere war Adobe immer bestrebt, uns Webworkern ein maßgeschneidertes Angebot zu unterbreiten, auf dass das Zukunftsfeld Internet mit der gleichen digitalen Kreativität beglückt werden könne wie die Printwelt, wo Adobe seit jeher der unangefochtene Platzhirsch ist.

Anfangs war das ausschließlich der WYSIWYG-Editor GoLive, später kaufte man mit Macromedia den wesentlich webaffineren Konkurrenten vom Markt, platzierte damit die etwas beliebtere WYSIWYG-Lösung Dreamweaver ins eigene Portfolio und glaubte an eine große Zukunft von Flash im Webdesign-Business, während man Fireworks (Bildbearbeitung für Webgrafiken) und ColdFusion (Serverskriptsprache) stiefmütterlich in der Versenkung verschwinden ließ.

Es folgte ab ca. 2010 unter dem Codenamen Adobe Edge eine Reihe von halbherzig-experimentellen Softwareprodukten für Webentwickler*innen, die nie so richtig gezündet haben (Animate, Reflow, Code, Inspect). Spätestens zu dieser Zeit begann Adobe auch immer stärker, sich an die inzwischen cool gewordene Webentwicklungs-Szene ranzuwanzen, entsprechende Events zu sponsoren, Blogger*innen mit Geld zu bewerfen und einen Image-Wandel zu versuchen. Selbst ein paar Vorschläge zur Erweiterung von CSS-Eigenschaften kamen in dieser Zeit von Adobe.

Im gleichen Atemzug verleibte Adobe sich 2011 den noch jungen Webfont-Service Typekit ein, und gliederte ihn vor wenigen Wochen nun komplett in die eigene Produktmietwelt CreativeCloud ein, wo das einst coole Startup leider nur noch ein Schattendasein fristen wird.

In den Adobe Labs köcheln zusätzlich seit Jahren jede Menge Kuriositäten fürs Web, beispielsweise Adobe Muse, mit dem man ohne Code-Kenntnisse halb-responsive Websites basteln kann, welche nach meinem Dafürhalten aber lediglich Prototypen-Qualität besitzen. Nichtsdestotrotz wird das Tool unter Designer*innen als legitimer und schlanker Dreamweaver-Nachfolger gefeiert. Das kürzlich bekannt gegebene Muse-Sunsetting hat zu vielen traurigen Reaktionen geführt.

Derzeit wird aber vor allem Adobe XD gepusht, ein codefreies Web-Prototypen-Tool, allerdings vernünftigerweise ohne die Möglichkeit, die Ergebnisse auch tatsächlich als Website zu exportieren, wie das in Muse der Fall war.

Und diese Aufzählung ist beileibe noch nicht komplett.

Weite Teile dieser mannigfaltigen Web-Bemühungen in den letzten 20 Jahren dürfen aus meiner Sicht als gescheitert angesehen werden. Adobe hat in der Webwelt nie richtig Fuß fassen können. Ich frage mich bisweilen, woran das liegt.

Ganz klar hat es etwas mit der Geschwindigkeit zu tun, in der sich die Art und Weise verändert, wie wir Websites vorgestern, gestern und heute entwickeln:

  • Dass Flash im Webdesign nicht komplett zünden wird, konnte man 2003 nicht unbedingt ahnen.
  • Dass Mobile und Responsive alle Vorstellungen von Web-Layout auf den Kopf stellen würden, darauf hätte man 2009 nicht gewettet.
  • Dass eine Vektorsoftware, die komplett auf SVG aufbaut und nur auf dem Mac verfügbar ist (Sketch), das beliebteste Tool für visuelles Prototyping und Webdesign sein würde – nicht vorstellbar im Jahr 2011.
  • Dass wir heute Buildprozesse, Toolchains und Deployments mit tausenden Abhängigkeiten über „Server-JavaScript“ (= Node.js) steuern, wäre 2012 eine lächerliche Vorstellung gewesen.

Adobe kann bei diesen schnellen Paradigmenwechseln nicht mithalten, dafür ist die Firma zu groß und schwerfällig – allen Edge-Initiativen und experimentellen Laboratorien zum Trotz. Echte Innovation gibt es leider nur in zugekaufter Form (Macromedia, Typekit), um sie dann kaputtzuvereinheitlichen, und zwar stets zielsicher am Bedarf der maßgeblichen Kundschaft vorbei.

Ein weitere Faktor ist aber auch der starre Fokus auf die kreativen Designer*innen als Zielgruppe. Adobe ignoriert immer noch die massiven technischen und kulturellen Unterschiede zwischen Print, statischem Screen und dynamischem Web. Für den Konzern sind das alles nur unterschiedliche Ausspiel-Medien der gleichen Kreativität. Es beginnt bereits mit der Wortwahl – ein Großteil der professionellen Webentwickler*innen würde sich eher die rechte Hand abhacken, als kreativ genannt zu werden. Webdesigner ist ein verbranntes Wort (auch wenn ich es mit trotzigem Stolz immer noch verwende). Adobe richtet sich an alle Arten von visuellen Designer*innen, ohne zu verstehen, dass Frontend-Entwickler*innen keine Designer*innen sein mögen. Also werden sie die Frontend-Entwickler*innen, die heute die maßgeblichen Personen im Web darstellen, auch nicht als Kund*innen gewinnen können.

Das Web bewegt sich sich in eine Richtung, in der die Art von Webdesign, wie sie sich Adobe vorstellt, immer weniger wichtig wird. Die Integration von Photoshop ist völlig irrelevant, wenn man nach einem groben Sketch-Mockup sofort in einen echten HTML-Prototypen wechselt. Wer direkt CMS-Templateschnipsel in HTML und Sass umsetzt, braucht keinen XD-Klickdummy mehr. Je agiler der Workflow, desto weniger werden Entwürfe 1:1 abgesegnet, die zuvor im CreativeCloud Showroom bestaunt werden konnten. So läuft das alles nicht mehr – zumindest immer seltener.

Ob da nochmal was kommt? Ich bezweifele es. Selbst Microsoft hat jüngst mehr Gespür bewiesen und mit Visual Studio Code und dem Kauf von Github zwei Volltreffer ins Herz der Webgemeinde gelandet. Soll Adobe
abermals auf Einkaufstour gehen? Sich dabei Sketch, CodeKit, Fontspring und Tower kaufen? Wohl eher nicht, solange nur ein CreativeCloud-Kunde ein guter Adobe-Kunde ist. Webworker sind jedoch untreu, sie wechseln ihren Werkzeugkoffer öfter als die Unterhose – das sind keine rosigen Aussichten für einen Konzern, der auf beständigen Geldfluss und die Alternativlosigkeit seiner Software setzt.

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Gerrit van Aaken 2018-07-28T00:00:00Z 2018-07-28T00:00:00Z PV-Autarkie und die Wette auf steigende Strompreise (update) tag:praegnanz.de,2018-07-28:af07987ea03289ab979f40f78d4ed5d1 Mit einer Wärmepumpen-Heizung und einem Elektroauto steigt der Strombedarf im Haushalt auf nie gekannte Höhen. Nur konsequent, wenn man dann einfach selber in die Stromproduktion einsteigt. Das haben wir gemacht – hier ein paar Einblicke.

Wer im Jahr 8.000 kWh Strom verbraucht, muss sich schon ein wenig rechtfertigen, immerhin sind das etwa 200 Euro im Monat, wo andere nur etwa 60 oder 70 Euro für ihren Strom zahlen. Wir bestreiten mit diesen 8.000 kWh jedoch nicht nur Staubsauger, Waschmaschine und Playstation, sondern eben auch Warmwasser, Heizung und 10.000 Autokilometer im Jahr.

Keine Frage, eine Photovoltaik-Anlage musste aufs Dach! Die Planungen dafür sind inzwischen fast zwei Jahre alt, es hat aus diversen extrem nervigen Gründen dann bis zur Inbetriebnahme viel länger gedauert, aber das soll nicht das Thema sein. Vielmehr ein paar technische Infos: Unser Satteldach zieren nun 26 PV-Module mit je 270 W Maximalleistung, macht also insgesamt rund 7 kW. Davon bleiben in der Realität dann knapp 6 kW übrig, wenn die Sonne absolut am Zenit steht, was man hier sehr schön erkennen kann:

Das war am 1. Juli, ein absolut wolkenloser Tag mit knalliger Sonne. Wenn ein paar Wolken vorbeiziehen, sieht das schon etwas krakeliger aus:

Im Juli habe ich bisher durchschnittlich 35 kWh Sonnenenergie pro Tag geerntet. Zunächst wird mit dem Strom natürlich die Hausbatterie vollgemacht, welche 7 kWh Kapazität hat. Wenn diese voll ist, wird der Reststrom ins Netz eingespeist. Sobald es dunkel wird, wird der Spaß umgedreht – die Batterie versorgt das Haus solange mit Strom, bis sie leer ist, und dann beziehe ich den noch notwendigen Strom aus dem Netz. Ein typischer Zyklus sieht also im Hochsommer so aus:

Die roten Verbrauchsspitzen sind der Warmwasser-Herstellung durch die Wärmepumpe zu verdanken. Und dann kommt man auf die Idee, die ZOE an der 22-kW-Wallbox aufzuladen:

Wie man sieht, packt das interne System die 22 kW bei weitem nicht – die Hausbatterie kann den angeforderten Strom gar nicht schnell genug hergeben, es muss noch massiv aus dem Netz Strom bezogen werden. Diese Situation wird sich mit dem neuen Auto dann entspannen – der Hyundai Ioniq lädt mit maximal 7 kW an der Wallbox, das kann dann im Hochsommer zur Mittagszeit von Sonne und Hausbatterie wohl gut geleistet werden, der Beweis steht aber noch aus.

Die finanzielle Situation

Was kostet jetzt so ein Spaß? Und rechnet sich das? Nun, das werden wir sehen. Wir haben uns für ein Flatrate-Modell unseres lokalen Stromanbieters entschieden, welches eine Laufzeit von zwanzig Jahren hat. Wir zahlen einmalig die Anschaffung der PV-Module und der Hausbatterie, und eine monatliche Pauschale (deutlich unter 50 Euro) für die Stromversorgung. Damit ist alles abgegolten – egal, wieviel wir einspeisen oder aus dem Netz beziehen. Nur der Gesamtverbrauch von 8.000 kWh dürfte sich nicht zu deutlich ändern, es gibt aber einen Toleranzbereich.

Der Clou für mich: Planungssicherheit für die nächsten 20 Jahre, denn die monatliche Pauschale ist fix. Der Clou für den Versorger: Er kriegt meinen gesamten Reststrom für lau. Das führt dazu, dass es in seinem eigenen Interesse ist, dass die Anlage läuft und ordentlich PV-Strom generiert. Defekte Module werden ausgetauscht und ggf. sogar gesäubert, denn jede kWh, die ich mehr produziere aber nicht selber verbrauche, geht an den Versorger.

Die Anlage rechnet sich nach 7 bis 14 Jahren finanziell – abhängig davon, wie sich der Preis für Strom auf dem Markt entwickelt. Denn was ich hier mache, ist eine Verabschiedung vom verbrauchsabhängigen Strompreis. Je teurer der Strom für euch wird, desto besser für mich und meine Amortisierung. Ein ganz schöner Perspektivwechsel!

Der Autarkiegrad

Ach ja, für die Nachkriegsgeneration ist ja die Autarkie so wahnsinnig wichtig. Für mich eigentlich nicht, aber sei’s drum: Mir wurde ein Autarkiegrad von irgendwie 50 % errechnet. Das heißt allerdings im Wesentlichen, dass ich im trüben Herbst und Winter mit ständig laufender Heizung beinahe den gesamten Strom aus dem Netz beziehen werde (wie bisher auch), und im knalligen Sommer wie aktuell leicht auf 98 % Autarkie komme (ausgenommen an Tagen, wo ich den Wagen auflade). Insgesamt kein wichtiger Punkt für mich. Echte Autarkie hat man meines Erachtens nur mit wesentlich (wesentlich!) größeren Strom- oder Wärmespeichern, oder halt mit Dieselgeneratoren. Aber wo bekommt man den Diesel her? Eine andere Geschichte, fürchte ich.

Update 7.8.2018

Auf Wunsch der Kommentarsektion hier ein paar technische Details, obwohl ich nicht zuviel dazu weiß, da das gesamte System als Komplettpaket im Rundum-Sorglos-Modus verkauft wurde.

  • Die Hausbatterie ist eine "S10":https://www.e3dc.com/produkte/s10-e/ von E3DC mit derzeit 7 kWh Kapazität – das üppige Gehäuse würde aber noch ein paar mehr Batteriezellen aufnehmen.
  • Für die S10 gibt’s theoretisch auch eine Autarkie-Schaltung als Erweiterung, mit der man sich entweder manuell oder bei einem Stromausfall auch automatisch vom Netz abkoppeln kann – dies wurde jedoch vom Stromversorger nicht dazubestellt :-(
  • Ebenso als Zubehör gäbe es von E3DC eine passende Wallbox, die intelligent in der S10 angesteuert werden kann, so dass sie nur unter bestimmten Voraussetzungen den Wagen lädt. Leider ist so eine Steuerung mit Fremd-Wallboxen nicht möglich, so dass ich da nicht von profitiere.
  • Die PV-Module auf dem Dach sind von S-Energy, 26 Stück mit je 270 W, mehr weiß ich darüber nicht.
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Gerrit van Aaken 2018-04-02T00:00:00Z 2018-04-02T00:00:00Z Die Musik von Turrican tag:praegnanz.de,2018-04-02:8a2cfbf13c9cb66c85511d6015981157 Man kann Chris Hülsbeck wahrlich nicht vorwerfen, er kümmere sich nicht engagiert genug darum, sein musikalisches Vermächtnis für die Nachwelt zu erhalten.

Wir schreiben die frühen Neunziger Jahre, und Hülsbeck ist auf dem Zenit seines Primärschaffens angekommen. Neben zahlreichen anderen Videogame-Soundtracks sind insbesondere alle drei Teile der populären Turrican-Reihe für den Amiga erschienen und man munkelt, dass sich viele Gamerinnen die Titel nur wegen der Begleitmusik gekauft haben. Überhaupt der Amiga! Dieser Rechner dürfte sich für Hülsbeck inzwischen wie eine Art angewachsenes Klangerzeugungsorgan anfühlen, so intim sind seine Kenntnisse über die technischen und musikalischen Fähigkeiten des verbauten Soundchips. Auch der kreative Output seit den Achtzigern war beträchtlich: die Anzahl der Kompositionen allein für die Turrican-Reihe liegt bei über 100 Tracks, wenn man Endboss-Clips und Jingles mitzählt. Halbwegs vollständige Song-Arrangements liegen bei ca. 30 Stücken. Der Komponist schafft es wie kaum ein anderer, aus dem Fiepen und Quäken des 16-Bit-Computers Melodien und Harmoniesprünge zu kreieren, die einer ganzen Gamerinnen-Generation ans Herz wachsen. Die Gassenhauer sind allerdings gegen 1993 alle bereits geschrieben, und mit dem End Of Life des Amigas endet auch die erste Popularitätswelle des Turrican-Soundtracks.

Doch Hülsbeck wollte schon immer ein bisschen mehr. Bereits 1991 erschien seine erste studioproduzierte CD Shades, die mit einem 15-minütigen Medley des ersten Turrican-Spiels in gepflegtem Heimorgel-Synthieklang aufwartet. Gut zwei Jahre später gibt es weiteres Material aus den Nachfolgetiteln Turrican II und Turrican 3 – Zeit für eine weitere Studio-CD! Der Original Video Game Soundtrack von 1993 enthält 15 weitere Titel, deren Arrangements mal kaum, mal deutlich vom Amiga-Original abweichen. Auch dieses Album klingt aus heutiger Sicht eher lasch und künstlich, inklusive uninspiriert vor sich hindudelnder E-Gitarren. Aber hey – der druckvolle Eurodance-Sound der Neunziger, von dem sich Chris Hülsbeck allerdings stets distanzieren wollte, war schließlich auch gerade erst in der Entstehung.

Es wurde dann einige Jahre stiller um die Turrican-Musik. Mitte der Nuller Jahre jedoch werden dann erstmals die orchestralen Qualitäten der Kompositionen erkannt und im Rahmen der Symphonic Game Music Concerts ausgelebt: Bei einigen der von 2003 bis 2007 in Leipzig stattfindenden Gamescon-Konzerte können die Besucher Highlights aus der Spieleserie für das große Symphonieorchester genießen.

Aus dem gleichen Produzenten-Dunstkreis um Thomas Böcker entsteht im Jahr 2008 das Symphonic Shades-Konzert in Köln. Hier widmen sich WDR Rundfunk Orchester und Chor ausschließlich Chris Hülsbecks Musik. Das Turrican-3-Theme erklingt als Suite für Solo-Piano, und mit dem großen Orchester werden verschiedene Motive aus Turrican II auf recht extravagante Weise interpretiert. Dieses Konzert gibt es als hübschen Live-Mitschnitt – es ist jedoch insgesamt eher als Sammelsurium zu verstehen, nicht als homogenes Gesamtwerk.

Schön und gut, aber da geht noch was! So denkt sich Chris Hülsbeck einige Jahre später und stellt ab 2012 mit einer ganzen Reihe von Kickstarter-Kampagnen unter Beweis, dass seine Fans auch 20 Jahre nach Erscheinen der Turrican-Trilogie noch bereit sind, Geld für die Aufbereitung der Musikstücke auszugeben.

Als erstes steht eine komplett neu im Studio produzierte Anthologie auf dem Programm, die auf vier Audio-CDs erscheint und sämtliche längere Kompositionen aus Turrican, Turrican II, Turrican 3, Super Turrican und Super Turrican 2 enthält. Der Sound ist diesmal reichhaltiger und deutlich erwachsener als auf den ersten Soundtrack-Versuchen von 1991 und 1993, aber das Grundprinzip bleibt erhalten: die Stücke bleiben relativ werktreu und orientieren sich grob am Arrangement und Klang der Amiga- bzw. SNES-Version, kommen mit zusätzlichen E-Gitarren daher, versuchen aber immer noch nicht, aktuelle Dance- oder Pop-Musik nachzuahmen, was eigentlich spannend ist – läge die Versuchung doch so nah! Für die Fans von Symphonic Shades ist auch neues Material mit dabei, nämlich ein episches, weniger experimentelles Turrican-II-Medley, abermals mit großem Orchester und Chor des WDR.

Diese Anthologie hätte das endgültige musikalische Erbe sein können, aber einmal mit dem Kickstarter-Virus angefixt, geht es Ende 2014 munter weiter mit der sogenannten Piano Collection, in der Pianist Patrick Nevian 18 vermischte Hülsbeck-Klassiker (in bewährter Shades-Manier) auf dem Klavier einspielt und die dazu passenden Noten auch gleich zum Nachspielen mitliefert. Selbstverständlich dürfen dabei auch zwei Stücke aus dem Turrican-Kosmos nicht fehlen. Aus meiner Sicht hätte es dieses Album allerdings nicht zwingend gebraucht – die Klavierumsetzungen plätschern mir bisweilen arg gefällig durchs Ohr, ich hatte den einen oder anderen Richard-Clayderman-Moment, und das verheißt nichts Gutes.

Doch wir kehren zurück zum symphonischen Sound! Bisher gab es immer nur vereinzelte Turrican-Highlights und Medleys für die große Besetzung, was den Ehrgeiz von Chris Hülsbeck vermutlich angestachelt hat. Im Jahr 2016 gibt er deshalb noch einmal Gas und sammelt auf Kickstarter Geld für eine umfassendere Klassik-Produktion, das Turrican II – The Orchestral Album. Diesmal nicht mit dem WDR, sondern mit dem Symphonieorchester Norrköping. Das Ergebnis ist eine wirklich fantastische Produktion, die insbesondere durch das meisterhafte Arrangement von Roger Wanamo besticht. Er findet zielsicher die richtige Mischung aus Werktreue und abwechslungsreichen, sich dynamisch entwicklenden Spannungsbögen, die nur ein großes Orchester – wenn auch diesmal ohne Chor – in so überzeugender Weise hinbekommt. Zehn Stücke sind es, allesamt handverlesen aus dem Turrican-II-Fundus. Mein persönliches Highlight ist die wunderbar zarte Oboe am Anfang von The Great Bath, und wie sich das Stück dann langsam zu einer hinreißend epischen Hymne entwickelt.

Und weil das alles so schön war, findet im Jahr 2017 das Gleiche noch einmal statt, diesmal für die restlichen Perlen aus Turrican 1 und 3, ebenfalls zehn Stücke, ebenfalls mit dem Orchester aus Norrköping: Turrican – Orchestral Selections. Um keine Langeweile aufkommen zu lassen, arbeiten dieses Mal sieben verschiedene Arrangeure an der Umsetzung. Trotzdem entsteht kein Chaos, sondern ein in allen Aspekten ebenbürtiges Schwesteralbum, das nun unbedingt als Gesamtwerk anzusehen ist. Man kann nun fasziniert zuhören, wie beispielsweise eine Komposition wie Air Combat sich im Laufe der Jahrzehnte entwickelt hat, und nun so etwas wie einen finalen Ritterschlag erhält.

Keine Frage: Chris Hülsbeck hat sich und der Turrican-Musik mit all diesen Produktionen selber ein fettes Denkmal gesetzt. Allerdings darf man nicht vergessen, was für eine sympatische und im Grunde bescheidene Figur er dabei macht. Er wirkt als Mastermind im Hintergrund, kommuniziert engagiert mit den Fans, knüpft die Connections, kennt aber genau seine Grenzen. Insbesondere wenn es um die Orchesterarrangements geht, überlässt er das Feld den Profis, da er genau weiß, dass das Erfinden von Melodien und Programmieren von SID-Chips eine andere Kunst ist als das Aufsetzen einer amtlichen Orchesterpartitur aus wahrhaft exotischem Rohmaterial.

Und mit Blick zurück auf das Jahr 1993 kann man nur sagen: Chapeau! Chris Hülsbeck hat innerhalb von gut drei Jahren eine Fülle an Musiktiteln für ein vermeintlich kulturloses „Ballerspiel“ geschaffen, welche 25 Jahre später im hochkulturellen Kontext immer wieder neu interpretiert werden. Hände hoch, wer das nicht beeindruckend findet!

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Gerrit van Aaken 2018-03-19T00:00:00Z 2018-03-19T00:00:00Z Warten auf den Ioniq tag:praegnanz.de,2018-03-19:62c8414e0bb24ec73f907e1bd9866e4a Bestellt ist er nun seit Anfang des Jahres, unser neuer Hyundai. Natürlich rein elektrisch, in blaumetallic, mit Dreijahresleasingvertrag und somit ohne Risiko. Nun beginnt eine Wartezeit von unbestimmter Länge.

Unser Autohändler hat sich schon gar nicht mehr zum Liefertermin geäußert, als er erfahren hatte, dass ich mich mit der Materie schon hinreichend befasse. „Sie kennen ja die Situation!“ Ja, kenne ich! Die Autohersteller können derzeit nicht liefern, und auch Prognosen sind fast schon sinnlos, sie ändern sich alle paar Wochen. Eben waren es noch 9 Monate, jetzt schon wieder 12, und dann gibt es wieder Erzählungen von Leuten, die ihre Karre dann doch schon nach 8 Wochen abholen konnten. Das gilt für alle interessanten Stromautos, die derzeit im mittleren Preissegment angeboten werden: Hyundai Ioniq, BMW i3, VW e-Golf, Nissan Leaf 2, Renault ZOE 40. Keines dieser Fahrzeuge kann man einfach so beim Händler mitnehmen!

Aber ich bin ja geduldig, und ich fahre ja gottseidank schon elektrisch! Im Sommer haben wir unsere ZOE drei Jahre und können viel Positives berichten, aber natürlich auch die eine oder andere unschöne Ladepanikstory. Wie das halt so ist. Zusammengefasst sind wir, wie so viele, ein NEFZ-Opfer. Unsere „klassische“ ZOE wurde unter dem Namen Q210 verkauft. Das Q stand für Quick-Charging (die vollen 43kW Wechselstrom, was allerdings durchaus eine Rarität in der Ladesäulenlandschaft darstellt), das 210 stand für die NEFZ-Reichweite.

Nun hatte uns unser Renault-Händler durchaus gewarnt, dass man eher mit realistischen 160 km rechnen sollte, und das war auch nicht gelogen, wenn man zum einen im Sommer, und zum anderen Landstraße ohne Heizung fährt. Dann schafft man gegebenenfalls sogar 180 bis 190 Kilometer.

Wofür es leider nicht reicht, ist auch im Winter eine sichere Fahrt ohne Ladestopp an die Fahrtziele, die man dann doch alle paar Wochen mal relativ spontan erreichen möchte: Besuche bei Freunden und Verwandten in Schwäbisch Hall, Heilbronn, Frankfurt und Mainz – allesamt ca. 120 bis 160 Kilometer von uns entfernt, üblicherweise eine entspannte Fahrt in einem Rutsch. Vor Ort aufladen und am Abend zurück, so hatten wir uns das vorgestellt. Mit der ZOE 210 ist das aber leider nur unter Idealbedingungen und mit viel Angstschweiß möglich.

Deshalb muss jetzt eine etwas größere Karre her, und der Ioniq schreit geradezu danach! Auch wenn der Akku nominal nicht gigantisch viel größer ist (statt 22 kWh sind es 28 kWh), kommt der Hyundai merklich weiter, und hat keine gar so starken wetterabhängigen Schwankungen. Möglich macht es der geringe Gesamtverbrauch aufgrund eines beeindruckend geringen Luftwiderstands, sowie die bessere Klimatisierung des Akkus. Das Fahrzeug holt wirklich das meiste aus den 28 kWh raus, die ihm zur Verfügung stehen, und ich stelle mich auf stabile 200 km Reichweite ein, auch im Winter und (bei gemäßigter Geschwindigkeit) auch auf der A3 zwischen Würzburg und Frankfurt.

Der zweite Punkt, warum ich vom Ioniq überzeugt bin, ist die hohe Ladegeschwindigkeit unterwegs: Mit bis zu 70 kW saugt er an der CCS-Säule, das ist schneller als jedes andere Nicht-Tesla-Fahrzeug auf dem Markt. Und passende Ladesäulen gibt es immer mehr; nicht zuletzt in Kleinostheim, direkt auf der Hälfte der besagten A3-Strecke, nebendran ein McDonald’s. Auch wenn ich auf unseren typischen Strecken also gar nicht mehr unterwegs laden müsste – jetzt könnte ich es, und mehr als 15 Minuten brauche ich mich nicht mehr damit aufzuhalten.

Der Ioniq dürfte genau das Auto sein, welches wir für unseren Alltag benötigen. Denn es ist schon richtig, dass die meisten Menschen nur zwei- oder dreimal im Jahr wirklich lange Strecken mit dem Auto fahren. Aber man vergisst oft die halblangen Strecken von 100–200 km, die doch häufiger zum täglichen 10-km-Pendeln noch dazu kommen. Und zumindest diese Fahrten sollte ein vollwertiges Automobil hinbekommen. Und darauf freue ich mich eben jetzt doch sehr!

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Gerrit van Aaken 2018-03-10T00:00:00Z 2018-03-10T00:00:00Z Das Zwölfzoll-Macbook, dritte Iteration tag:praegnanz.de,2018-03-10:bfcccd004f667d79bae089918c5f00b1 Schnellschuss-Reviews zu neu erschienenen Gadgets gibt es zuhauf. Doch wie bewährt sich ein Laptop im Langzeittest? In diesem Falle schreibe ich ein paar unsortierte Gedanken zu meinem MacBook auf, das ich seit Juli 2017 im regelmäßigen, wenn auch nicht ständigen Einsatz habe.

Ist das schicke MacBook mit nur einem USB-C-Port ein fantastisches Gerät, dass ich sehr liebe? Auf jeden Fall! Würde ich das Gerät jemandem empfehlen? Um Himmels Willen, nein! Dieses Paradoxon hat damit zu tun, dass das Gerät, auf dem ich diese Zeilen schreibe, in beinahe jeder Hinsicht perfekt für seine Einsatzzwecke geeignet ist. Da jedoch die Tastatur nicht 100% zuverlässig funktioniert – ohne, dass Apple hierfür eine Lösung anbietet – kann ich keine Verantwortung übernehmen, wenn jemand auf Grundlage meiner Empfehlung 1.500 Euro auf den Tisch legt und dann nicht vernünftig tippen kann. Ja, es ist so schlimm.

Beginnen wir aber mit dem Lobpreis: Das MacBook „adorable“ ist fantastisch leicht und hervorragend verarbeitet. Die Proportionen von Tastatur und Touchpad, die Gewichtsverteilung, das gesamte Look and Feel, sind phänomenal. Das Gerät erinnert mich konzeptionell an mein Vorgänger-Laptop für unterwegs, das Elfzoll-MacBook-Air – nur dass es noch flacher, noch leichter und noch leiser daherkommt. Es hat keinen Lüfter. Wie geil ist das? Sehr geil.

Der Retina-Bildschirm ist brillant, leuchtstark, gestochen scharf und verrichtet völlig ohne Probleme seinen Dienst. Eine besondere Umgewöhnung, wenn ich von meinem hochwertigem 5K-iMac wechsele, ist nicht notwendig.

Die Batterie-Laufzeit bei meinen typischen Tätigkeiten wie dem Vorbereiten von Folien, dem Sortieren und Bearbeiten von Urlaubsfotos, dem Programmieren von Webanwendungen, oder dem Schreiben von Blogartikeln ist stets ausreichend bis zur nächsten Auflademöglichkeit. Sechs bis sieben Stunden bekomme ich hin. Länger kann man sich eh nicht konzentrieren.

Die Tatsache, dass Apple dem Gerät nur einen einzelnen Datenport auf der linken Seite und eine Audio-Klinkenbuchse auf der rechten Seite spendiert hat, empfinde ich als befreiend. Klar, ein Adapter für sporadisch notwendige Konnektivität ist Pflichtutensil für unterwegs, aber so ein kleiner Universalhub ist weniger sperrig als das MacBook-Netzteil samt USB-C-Kabel, was man ja auch dabei haben muss. Beides passt zusammen in ein kleines Herrentäschle, und ich bin für klassisches USB, Ethernet, HDMI und SD-Karten gerüstet. Voll okay – im Alltag keine merkliche Einschränkung.

Zusammengefasst: Das MacBook mit 12-Zoll-Bildschirm ist mein perfektes Gerät für unterwegs und für gelegentliche Home-Office-Tage. Solltet ihr jedoch gesteigerte Wert auf die Zuverlässigkeit der Tastatur legen, lasst die Finger davon!

Die Tastatur des Todes

Ganz ehrlich? Ich hasse das Tippen auf meinem MacBook. Es ist ja schön, dass die Tasten etwas größer und die Spalten etwas kleiner sind. Und durch die neue Mechanik ist es sicherlich möglich gewesen, größere Terrassenakkus einzubauen. Soll mir recht sein. Doch trotz der dritten Revision dieses MacBooks ist es Apple nicht gelungen, die Unzuverlässigkeit in den Griff zu bekommen. Nur wenige Wochen nach dem Kauf war es die Taste 9, welche nur auf jeden zweiten Tastendruck reagierte. Nachdem sich das Problem nach einigen Tagen von selbst erledigte, fing im Oktober die Taste n das Spinnen an. Ich habe dann gelernt, was schlimmer ist als eine Taste, die jedes zweite Mal versagt: eine Taste, die jedes zehnte Mal versagt! Auf einem Buchstaben, den man doch ab und zu mal beötigt.

Auch jetzt noch ist das n eine Taste, die ab und zu Probleme macht. Zugegeben, ich habe die empfohlene Methode, das Gerät im 33,5-Grad-Winkel schräg über den Kopf zu halten und mit einem Abstand von 22,7 cm mit einem Luftdruck von 4,5 bar zu beschießen, aus Trotz nicht angewendet. Ein wenig hoffe ich auf einen Durchbruch seitens Apple, was die Zuverlässigkeitsforschung der Tastaturen angeht. Realistischer wäre aus meiner Sicht jedoch, dass Apple über kurz oder lang am liebsten auf eine Full-Touch-Tastatur gehen möchte, mit Tactile Engine für das Feedback. Mark my words!

tl, dr;

Kauft das neue MacBook nicht; es ist ein fantastisches Gerät mit einem tödlichen Konstruktionsfehler. Wen das nicht stört, der kann damit sehr glücklich werden und sogar so etwas wie Zuneigung entwickeln.

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Gerrit van Aaken 2018-01-02T00:00:00Z 2018-01-02T00:00:00Z Strukturierte CMS-Textproduktion – eine Typologie tag:praegnanz.de,2018-01-02:d2946b89b18827b605fa9cce4071a7b7 Nicht jeder hat die Zeit, einen meiner 90-Minuten-Vorträge in Gänze anzusehen. Zum Thema CMS gab es diesen Sommer wieder einen entsprechenden Mitschnitt. Umso besser, wenn ich dann mal die Zeit finde, die Essenz meiner mündlichen Ergüsse schriftlich herauszuarbeiten!

Wenn es darum geht, strukturierte Texte zu verfassen und im Rahmen eines CMS fürs Web aufzubereiten, haben wir Webdesigner bisweilen eine harte Nuss zu knacken: Wie bringen wir die technischen und gestalterischen Fähigkeiten (oder Nicht-Fähigkeiten) der Redakteure in Einklang mit dem Wunsch, abwechslungsreiche und spannungsvolle Layouts für die Leser zu erzeugen? Und das Ganze auch noch in responsiver Form?

In den vergangenen knapp 20 Jahren Web-CMS haben sich eine Reihe von Paradigmen entwickelt, wie dies zu handhaben sein könnte. Doch zunächst möchte ich zwischen den zwei extremen Anwendungsfällen unterscheiden, nämlich der Bleiwüste und dem Datenblatt.

Die Bleiwüste

Ein sehr einfach strukturierter Text, der im Grunde nur aus Absätzen, Überschriften, Hyperlinks und vielleicht einer kleinen Bullet-Liste besteht. Keine Bilder, keine Spalten, keine sonstigen Spielereien.

Diese Textart findet sich nur noch recht selten und stellt das geringste Problem dar. Die Redakteure lernen ein paar Brocken Markdown oder bekommen einen sehr stark abgespeckten WYSIWYG-Editor à la CKEditor vorgesetzt und können hier kaum etwas kaputt machen. Die Möglichkeiten zur individuellen Textaufwertung durch interessante Zusatzelemente ist allerdings nicht gebeben.

Als Beispiel mag ein typischer Blogbeitrag dienen, wie er auf Daring Fireball erscheint:

Das Datenblatt

Wenn es nicht um längere Freitexte geht, sondern um eine gewisse Anzahl von immer gleich strukturierten Daten und Metadaten (wie beispielsweise bei einem Shop oder Online-Katalog), so sieht die Eingabemaske im CMS entsprechend kleinteilig aus, wird einmalig vom Webdesigner in der sinnvollsten Form festgelegt und führt zu sehr einheitlich aussehenden Einzelseiten, die sich prima nach den Metadaten filtern und sortieren lassen.

Auf der kürzlich relaunchten Website der Fahrradmanufaktur Velotraum sind solche stark strukturierten Datenblätter zu begutachten:

Umgesetzt wird das alles im Handumdrehen mit individuell zusammengestellten und im Backend arrangierten Feldern in ProcessWire:


Alles dazwischen: Text mit Extras

Alle Inhaltsstrukturen, die zwischen diesen beiden Extremen liegen, bezeichne ich als frei strukturierbaren, reichhaltigen Inhalt. Oder kurz: Text mit Extras.

Und hier wird es erstmals richtig knifflig, denn die Ansichten darüber, wie dieser mittels CMS am besten umzusetzen sei, könnten unterschiedlicher nicht sein.

Über die Jahre habe ich fünf prototypische Ansätze gefunden, die jeweils verschiedene Ansprüche an das Zeitbudget des Webdesigners, die technischen Fähigkeiten des Redakteurs oder die Modernität des CMS stellen:

  1. What You See Is What You Get
  2. Shortcodes
  3. Matrix aus Widgets
  4. Stapel aus Komponenten
  5. Frontend-Editing

Und jetzt gleich nochmal im Detail – legen wir los!

1. What You See Is What You Get

Natürlich sind die WYSIWYG-Editoren im Laufe der Jahre besser geworden, doch ihr Ruf als HTML-Integritätskiller und Designverbrechen-Möglichmacher basiert schon irgendwie auf Fakten. MsoNormal, anyone?

Die ersten paar Jahre mit TinyMCE waren hart, doch ehrlicherweise muss man sagen, dass die Idee genial war, eine für Büromenschen vertraute Word95-Umgebung in das Backend eines CMS zu verpflanzen, um Webinhalte auf die gleiche Weise zu pflegen wie Printdokumente. Die anfänglichen Schwierigkeiten mit kaputtem HTML lassen sich inzwischen über Filter und sinnvolle Konfiguration in den Griff bekommen.

Konzeptionell gibt es jedoch immer noch zwei Herausforderungen. Zum einen das responsive Webdesign; hier trügt nämlich das WYSIWYG-Versprechen: Was man während der Inhaltserstellung sieht, ist nur in ganz bestimmten Sonderfällen das, was man bekommt.

Zum anderen gibt es oft ein gewisses Kompetenzgerangel zwischen Editor und CMS: Wer ist für die Extras zuständig, die den einfachen HTML-Text anreichern sollen: Bilder, Bildergalerien, Querverweise, Infoboxen usw.? Wird dies vom Editor übernommen, so muss dieser extrem individuell für das jeweilige CMS angepasst werden. Im Falle von WordPress geschieht das tatsächlich; den dort verwendeten TinyMCE erkennt man fast nicht wieder.

Kümmert sich hingegen das CMS um solche Extras, so sieht man im Editor meist nur einen Platzhalter, der über andere CMS-Felder mit Inhalt befüllt wird, nicht innerhalb des Editors.

Die meisten CMSe können und wollen sich den Einsatz eines hoch individualisieren WYSIWYG-Editors nicht leisten (insbesondere im Hinblick auf Third-Party-Plugins). Standard-Editoren können aber nur Standard-Aufgaben erledigen, keine fancy Spezialmodule sinnvoll integrieren. Es bleibt meist eine klapprige Lösung!

2. Shortcodes

Wer den Mut zur Abstraktion hat, vor allem aber den Mut, seinen Kunden eine gewisse Fähigkeit zur Abstraktion zuzubilligen, sollte sich überlegen, auf Shortcodes zu setzen. Das sind kryptische Platzhalter innerhalb von (meist mit Markdown) strukturiertem Text, die für die Platzierung der Extras, manchmal auch für kleinere Layout-Fragmente wie Spalten zuständig sind. Eine klassische Bildergalerie könnte dann so eingebunden werden:

## Unser Sommerausflug

Das war eine *ganz* besondere Sache. Aber seht selbst:

[[gallery name="sommerausflug" style="slider"]]

Das Konzept ist aus WordPress bekannt und stellt eine der präzisesten und auch zukunftssichersten Lösungen dar. Präzise deswegen, weil es quasi kaum möglich ist, aus Versehen falschen oder überflüssigen HTML-Code zu erzeugen. Man kann Shortcodes als eine Wortschatz-Erweiterung von Markdown verstehen – es gibt hier keine falschen Verschachtelungen oder leere p-Elemente.

Die Zukuftssicherheit des Codes liegt darin, dass das konkrete HTML, welches beispielsweise die Bildergalerie beschreibt, nicht im Editor lebt und ausgegeben wird, sondern vom Galerie-Plugin erzeugt wird. Wenn sich irgendwann Änderungen ergeben sollten, weil man Bildergalerien im Jahr 2017 anders codet als im Jahr 2025, kann man das global in einem Template ändern und alle Shortcodes sind trotzdem weiterhin gültig. Für den Redakteur ändert sich nichts!

Idealerweise überstehen hinreichend abstrakte Shortcodes sogar Relaunches mit komplett neuem HTML-Frontend, und im extremen Falle wäre sogar ein CMS-Wechsel denkbar. Ein Plugin, um WordPress-kompatible Shortcodes zu parsen und auszuwerten, existiert in jedem vernünftigen CMS.

3. Matrix aus Widgets

Die Lösungsansätze 1 und 2 fokussieren sich auf eine linearisierte Inhaltsbearbeitung, beschreiben also einen im Wesentlichen einspaltig gedachten Textfluss mit gelegentlichen Extras hier und da. Ganz anders die Matrix! Hier steht ein zweidimensionales Layout-Raster im Vordergrund, welches auf einzelnen Zeilen basiert, die wiederum in mehrere nebeneinander stehende Zellen geteilt sein können.

Es gibt eine ganze Reihe von CMS-Plugins, die ein solch freies Layout für Redakteure möglich machen: SiteOrigin Page Builder, WPBakery Page Builder, Grid. Der clevere Deal: Die Matrix kümmert sich nur um das Basis-Layout des Rasters, liefert hierfür ein hoffentlich stabiles und responsive HTML/CSS-Gerüst, für den Inhalt der einzelnen Zellen ist hingeben jeweils ein Text- oder WYSIWYG-Editor zuständig, oder eben ein sogenanntes Widget, wie es insbesondere aus WordPress oder Drupal bekannt ist.

Ein cleveres System, denn man verheiratet hier zwei bewährte Konzepte aus vielen CMSen: Einfache Textverarbeitung (siehe Bleiwüste) und systemweit wiederverwendbare Widgets.

Der Nachteil liegt allerdings auch auf der Hand: Eine frei gestaltbare Matrix verlangt nach einem Gestalter-Auge, wenn es gut aussehen soll. Unbedarfte Redakteure sind mit den Layout-Möglichkeiten leicht überfordert oder setzen die Matrix als Waffe gegen den guten Geschmack ein. Enttäuschungen in Sachen Linearisierung für Mobile sind außerdem vorprogrammiert. Für ansprechende Ergebnisse braucht es Einschränkungen und Leitfäden, die vom erfahrenen Webdesigner vorgegeben werden müssen.

4. Stapel aus Komponenten

Das in den letzten Jahren als sehr innovativ bejubelte Konzept ist eigentlich steinalt; bereits die allerersten Versionen von TYPO3 benutzten nämlich untereinander angeordnete Seitenabschnitte, die der Redakteur aus einer fixen Auswahl von Layout-Minivorlagen zusammenstellen konnte, ganz nach dem Motto „Text mit Bild links“, „Reiner Text“, „Slider-Galerie“ usw.

Die Benutzung in TYPO3 und TypoLight war damals etwas umständlich, insbesondere im Vergleich zu den simplen, universellen Textboxen, welche man von WordPress und anderen Blog-CMSen der Nuller Jahre kannte.

Doch eine regelrechte Renaissance hebt seit Mitte der Zehnerjahre das Stapelkonzept in das Bewusstsein vieler Webdesigner: bei craftCMS als Matrix bekannt, bei Kirby als Kirby Page Builder, bei ProcessWire als RepeaterMatrix und demnächst möglicherweise im WordPress-Core als Gutenberg.

Wieviel Freiheit der Redakteur bei diesem Spiel erhält bzw. wie groß die Auswahl an verfügbaren Komponenten-Typen ist, bestimmen Seitenbetreiber, Webdesigner und das Budget ;-) Klar ist: bei einem individuell erstellten responsiven Webdesign bedeutet jeder Komponententyp einen gewissen Aufwand für die Aufbereitung im Backend und Frontend. Zum Glück skaliert das Konzept sehr gut: Wir gehen oft mit einem begrenzten Set an Möglichkeiten an den Start und ergänzen nach und nach je nach Bedarf weitere Komponenten bzw. schaffen Variationsmöglichkeiten.

Volle Code-Kontrolle für den Webdesigner, visuell miteinander harmonisierende Komponenten, und eine kuratierte Freiheit für den Redakteur – das Stapelkonzept gehört klar zu den Stars im modernen CMS-Workflow!

5. Frontend-Editing

Einen vermeintlichen Blick in die Zukunft gewährt uns schon seit einigen Jahren das Bearbeiten von Seiteninhalten direkt im Frontend. Oft behauptet, selten tatsächlich in der Praxis eingelöst, aber nichtsdestotrotz hochinteressant.

Bildrechte: 20th Century Fox / DreamWorks Pictures

Konzeptionell sehen wir hier meist eine weitergedachte Version der Konzepte 3 und 4, wobei die angezeigten Preview-Inhalte bereits zu 100 % dem Endergebnis entsprechen und die ganzen Bedienelemente meist als schwebende Menüs über dem Inhalt platziert werden, dynamisch an den Stellen, wo sie gerade gebraucht werden.

Da die Trennung zwischen Front- und Backend aufgehoben ist, lassen sich individuell entwickelte Websites nur schwer entsprechend nachrüsten. Falls jemand Frameworks kennt, mit denen sich das machen lässt: Ab in die Kommentare! Die mir bekannten Frontend-Editing-Lösungen sind alle Teil eines größeren Theme-Pakets (siehe Divi) oder einer gehosteten Komplettlösung (wie bei Squarespace).

Sollte man einem Redakteur ein Tool wie Divi an die Hand geben? Eher nicht! Zu vielfältig sind die Möglichkeiten, Dinge visuell zu zerstören. Ich sehe Frontend-Editing eher als die moderne Version von Dreamweaver: ein Tool für Designer ohne Code-Ambitionen, die individuelle Einzelseiten für eine eher kleinere Kundenwebsite zusammenstellen. Solchermaßen eingesetzt bin ich von den grundsätzlichen Möglichkeiten durchaus beeindruckt. Aber ohne Reinfuchsen klappt das freilich auch hier nicht!

tl;dr

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, wie CMS-Redakteure strukturierte Texte mit Extras erstellen können – alle mit unterschiedlichen Vor- und Nachteilen für Redakteur, Webdesigner und Budget. Welches die beste Methode ist, lässt sich nicht pauschal beantworten, aber der Stapel aus Komponenten ist ganz schön gut.

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Gerrit van Aaken 2017-10-27T00:00:00Z 2017-10-27T00:00:00Z Richard Rutters „Web Typography“ tag:praegnanz.de,2017-10-27:71c6a07a57ad52e125678230bd22de72 Bücher über Typografie gibt es wie Sand am Meer! Bei der Webtypografie sieht das anders aus, und das schon seit Jahren. Doch mein britischer Bloggerkollege Richard Rutter hat es nun endlich auch getan: ein aktuelles Werk zu dem Thema geschrieben, welches mir selber besonders am Herzen liegt.

Dass mir Richard Rutter (alias @clagnut) erstmals im Netz aufgefallen ist, liegt exakt dreizehneinhalb Jahre zurück. Im Mai 2004 erschien sein legendärer Artikel über den Einsatz von em bei CSS-Schriftgraden. Es war die goldene Zeit der Webdesign-Blogartikel; beinahe jede Woche erschien ein wegweisendes How-To bei einem amerikanischen, britischen oder kanadischen Webdesign-Helden, und die ganze Welt lernte mit.

Später trat Richard Rutter als Gründer des Online-Schriftverleihs FontDeck erneut in Erscheinung. Der Service musste sich Ende 2016 leider gegen die Konkurrenz geschlagen geben. Er war vielleicht ein bisschen zu teuer.

Genau wie ich musste Rutter seit mehreren Jahren mit dem inneren Drang zurechtkommen, ein Buch über Webtypografie verfassen zu müssen, einem so dynamischen Thema im ständigen Fluss der Veränderung. Vier Jahre nach meinem eigenen Wurf namens #webtypobuch und ein Jahr nach Jason Santa Marias On Web Typography ließ es sich offenbar nicht mehr aufhalten: Eine Kickstarter-Kampagne im Sommer 2015 und zwei Jahre Wartezeit später halten wir seit ein paar Wochen das gedruckte Werk in den Händen. Zugegeben, das exzellent aufbereitete E-Book stand schon Anfang Mai 2017 zum Download bereit.

Wie viel Print steckt noch drin?

Jeder Webtypografie-Autor muss sich in der Planungsphase Gedanken darüber machen, wie viel klassische Typografie in seinem Buch Platz finden soll. Stellt man sich als Leserin eher eine typografisch erfahrene Person vor, die sich gewissermaßen nur das technische und gestalterische Delta zur Webtypografie aneignen möchte? Das war ein Stück weit mein Ansatz.

Oder sind auch Schriftlaien eingeladen, zunächst die allgemeingültigen typografischen Regeln kennenzulernen, um danach jeweils Codebeispiele und spezifische Erläuterungen fürs Web zu erhalten? Das ist der Ansatz, den Richard Rutter gewählt hat. Unter anderem (aber nicht nur) deshalb ist sein Buch Text auch fast dreimal so lang wie meiner.

Für absolute Neulinge kann Web Typography durchaus als solider Einstieg in die Welt der Serifen und Zeilenabstände fungieren, ganz unabhängig vom Webdesign mit seinen speziellen Tücken. Anknüpfungspunkte zur Vertiefung von Printthemen finden sich zur Genüge.

Der schreibt so schön!

Richtig beeindruckt hat mich der elegante, britisch-zurückhaltende und trotzdem präzise Schreibstil im Buch. Die Kapitel lassen sich wunderbar am Stück lesen, folgen zwar jeweils einem ähnlichen Muster, finden aber immer wieder individuelle Worte, um die Themen anzureißen, sie ausführlich genug zu erklären und ganz konkrete Handlungsanweisungen zu geben.

Insbesondere die Balance zwischen historischen Herleitungen (immer interessant), Probleme mit älteren Browsern (nur ganz vereinzelt) und zukunftsweisenden Techniken aus den letzten zwei Jahren ist hervorragend gelungen. Man fühlt sich wohlig eingebettet in elegante Worte voller Kompetenz. An manchen Stellen ist mir persönlich der Tonfall der motivational speeches ein wenig zu dick aufgetragen und gerät ins floskelhafte Pathos.

Die Illustrationen sind ästhetisch gut gelungen, könnten aus meiner Sicht aber zahlreicher sein. Ich weiß selber, wie viel Arbeit das macht, aber es lohnt sich! Ein wenig zu oft wird ein bestimmter Sachverhalt nur mit Prosa umschrieben, könnte mittels einer durchdachten Bebilderung aber noch präziser dargestellt werden.

Codeanteil

Das Verhältnis von konkreten Codebeispielen zu umschreibendem Text ist angenehm gering. Alles andere wäre auch unklug, schließlich ändert sich alles so schnell. Die alte CSS-Syntax für font-feature-settings hat als Fallback-Methode den Sprung in die Beispiele gerade noch geschafft, obwohl die neuere Syntax über font-variant in Zukunft alle Open-Type-Features übernehmen wird.

Das sind dann aber auch schon die komplexesten Abschnitte. Meist bleibt es bei simpelsten CSS-Notationen für einzelne Anwendungen, ohne unnötigen BEM- oder Sass-Spuk.

Unerwartete Schätze für alte Hasen

Hand aufs Herz: Wer von euch kennt die CSS-Längeneinheit ch? Und wem war klar, wie man recht komfortabel die Nummern einer ordered list unabhängig stylen kann? Jeder hat so seine Wissenslücken, und das vollständige Lesen eines Buches hat immer das wunderbare Potenzial, diese unbewussten Wissenslücken zu füllen. Ich kann bestätigen, dass dies auch im vorliegenden Fall wunderbar gelingt.

Zusammengefasst

Web Typography ist ein ausgesprochen komplettes Buch. Es behandelt in sehr ausgewogener Form alle gestalterischen und technischen Aspekte zum Thema, wobei der Schwerpunkt eher auf der Gestaltung liegt. Esoterische Spitzfindigkeiten wie PPOFLS (Perceived Performance Optimized Font Loading Strategies) oder das Font-Rendering unterschiedlicher Font-Formate in verschiedenen Versionen von Windows werden zwar gestreift, aber (zum Glück) nicht in voller Geek-Tiefe durchbesprochen.

Was mir tatsächlich fehlt, sind mehr zeitgenössische Beispiele für gelungene Webtypografie. Der Autor bleibt größtenteils auf der Theorieebene und zeigt selbstgebaute Beispiele von einzelnen Details. Eine Demonstration der Erkenntnisse im Rahmen von real existierenden Websites ist extrem selten und wäre doch gleichzeitig so anschaulich!

Qualität des E-Books

Neben dem in Eigenregie gedruckten Buch gibt es mehrere Versionen des Textes als E-Book. Einmal das Original-Layout als PDF (Doppel- oder Einzelseiten, jedoch ohne entsprechende Anpassung des Satzspiegels). Besonderes Lob verdient sich das Werk aber für die echten E-Book-Versionen im EPUB- und MOBI-Format. Diese enthalten die eingebetteten Originalschriften, sind vom Layout her an das Printdokument angelehnt und gleichzeitig mit freiem Textfluss konsumierbar. Selbst auf meinem hundert Jahre alten Kindle 4 kann man das Buch angenehm lesen. Das liegt unter anderem daran, dass – ähnlich wie beim #webtypobuch – sämtliche Illustrationen eher im Panorama-Format angelegt sind und stets über die volle Textbreite gehen.

Am meisten profitiert man natürlich unter iBooks auf Mac und iPad. Dies dürfte nach wie vor die mit Abstand beste Plattform zum Lesen von reichhaltig gestalteten EPUBs sein.

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