Senf zum Flashstreit
Ein trefflicher Schlagabtausch, den sich Apple und Adobe derzeit liefern, oder? Viele der Punkte, die Steve Jobs in seinem Anti-Flash-Manifest schreibt, sehe ich selber seit einiger Zeit genauso, andere Dinge sind definitiv ganz schön zurechtgebogen, um die Argumentation zu stützen. Gleiches gilt für die Gegenargumente des Adobe-Chefs Shantanu Narayen. Nur um ein paar Beispiele zu nennen:
- Flash ist kein wirklich offenes Format – die SWF-Specs sind zwar irgendwie öffentlich dokumentiert, aber alternative Implementationen oder Authoring-Tools lassen sich damit noch lange nicht stricken.
- H.264-Videos sind zwar ein Industriestandard, aber eben kein »offener« oder gar »freier« Standard, sondern im Gegenteil sogar eine potenzielle Lizenzbombe.
- Die Performance von Flash auf ARM- und Webkit-basierten Systemen mag derzeit grauenhaft sein, doch das muss ja nicht so bleiben. Wenn Apple wirklich wollte, könnten sie gemeinsam mit Adobe dafür eine Lösung finden.
Ich sehe die Sache eher differenziert: Flash-Elemente auf Websites sind zwar kein Werk des Teufels, aber im Grunde heutzutage fast schon obsolet, da mit modernem JavaScript und den neuen CSS3-Animationen viele der Anwendungsfälle genauso gut hinbekommt (manchmal auch deutlich performanter, auf jeden Fall aber Webstandards-basiert!). Natürlich reagiert der gemeine Profi-Flasher auf solche ketzerischen Aussagen extrem angepisst, aber ich stelle dennoch eine steile These auf: Wenn bestimmte Dinge sich wirklich nur mit Flash realisieren lassen, sollte man überlegen, ob diese Dinge überhaupt so eine gute Idee sind. Visuell hochgradig komplexe Gestaltung hat sich in den letzten 15 Jahren nie so richtig durchgesetzt. Immer noch sind mir die Flash-Enthusiasten den Beweis schuldig, dass es eine reine Flashseite unter die Top 100 der meistgenutzen Websites schafft. Wird nicht passieren. Und die übliche Fotografen-Website mit ein paar Fadings und Horizontal-Scrollings kriegt man mit ein paar Brocken jQuery auch ganz gut hin. Klar gibt es Spezialfälle, wo fantastische Datenvisualisierungen via Flex oder spannende Online-Spielewelten gefragt sind. Und keine Frage: Solche Dinge in Flash zu machen ist zugänglicher und damit »offener« als eine Umsetzung als iPhone-App. Aber ich glaube auf der anderen Seite, dass eine mächtige Authoring-Software wie Flash auch aus den Webstandards-Technologien mehr rausholen kann als bisher üblich ist. Mittelfristig hat man mit SWF also eher schlechte Karten im Web. Aber mal ehrlich: Wer gute Ideen hat und technisch versiert ist, dem ist doch das Exportformat seiner Kreationen egal – er möchte zu möglichst vielen Geräten kompatibel sein, egal mit welcher Technologie.
Ganz anderes Thema ist die iPhone- und iPad-App-Erstellung mit anderen Authoring-Werkzeugen als Xcode von Apple. Auch wenn ich die Argumentation von Apple nachvollziehen kann, denke ich nicht, dass es den Ärger wert ist, den sie sich hier einhandeln. Sollen die Leute doch ihre Cross-Compiler nutzen! Soll Adobe Flash doch iPhone-kompatible Apps ausspucken können! Wenn die Programme am Ende toll sind, hilft das der iPhone-Plattform. Wenn Schrott dabei rauskommt, geht der in den Untiefen des AppStore genauso unter, wie er es verdient hat. Es ist ja nicht so, dass die Benutzung von Xcode automatisch zu großartiger Software führt.
Apple sollte einfach die Endqualität der Software und den Markt entscheiden lassen. Und wenn ein Programm scheiße ist oder nicht funktioniert, dann sind die Anwender schlau genug und schreiben böse Mails an die Entwickler, nicht an Apple. Wenn es Apple um Qualität und Konsistenz ginge, hätte es der Navigon Mobile Navigator niemals auf mein iPhone 3G geschafft. 10 Sekunden Wartezeit pro Tastendruck ist nämlich nicht normal und hat garantiert nichts mit Cross-Compiling zu tun. Also: Wer Flash missbrauchen möchte, um iPhone-Apps zu basteln, soll das tun – aber er soll eben nicht die gleiche API-Qualität und Performance erwarten, die er bei der nativen Entwicklung bekommt. Aber diese Transferleistung bekommen die Entwickler schon hin, da bin ich zuversichtlich.
Adrian am 4. Mai 2010 #
Sehr schöner Artikel!
Visuell hochgradig komplexe Gestaltung hat sich in den letzten 15 Jahren nie so richtig durchgesetzt.
Leider gibt es immer noch Kunden, die so etwas wollen. Auch viele Surfer sind begeistert von solchen Websites. Allerdings wollen gleichzeitig auch einige nicht begreifen, dass dieser Enthusiasmus nur temporär ist und diese Effekte keinen Nutzen bringen.
Am Ende sind die Effekte doch eher userunfreundlich.
mike am 4. Mai 2010 #
Apple sollte einfach die Endqualität der Software und den Markt entscheiden lassen.
Einen Scheissdreck wird Apple für Markt und Qualität tun. Jede noch so geringe Öffnung bewirkt, dass das Geschäftsmodell von Apple den Bach runtergeht: nämlich 100% Kontrolle über die Anwendungen (und 30% der Einnahmen :o )
Bei jeder externen Technologie, ob das Flash oder Java oder was auch immer ist, ist für Apple die grosse Gefahr, dass da tatsächlich jemand herkommt und »Endqualität« liefert. Nämlich Nutzung von Programmen OHNE Itunes zu installieren und OHNE Kohle an Apple abdrücken zu müssen.
Darum geht’s, alles andere sind Nebelkerzen.
mike am 4. Mai 2010 #
P.s.: Dein CSS ist kaputt. Zitate werden nicht hervorgehoben. Oder sollte ich in Safari kucken? ;)
Gerrit am 4. Mai 2010 #
@mike: Du hast das nicht richtig verstanden. Wenn eine mit Flash gebaute App im AppStore verkauft wird, bekommt Apple selbstverständlich auch ihre 30 Prozent, was ja auch völlig okay ist für die Dienstleistung eines reibungslosen weltweiten Vertriebs.
Zitate werden nur auf iPad mit mindestens 32 GB angezeigt.
Mario am 4. Mai 2010 #
Ich dachte schon, dass mit Navigon ist nur auf meinem iPhone…
Letztendlich »gewinnt«, welches Format die meisten Nutzer findet, wie bei einem schlechten Kinofilm mit beliebten Schauspielern.
Bei oben genannten »Streit« geht’s ums Geschäft, weder um Standards noch um userfreundliche Gestaltung.
Dein Artikel ist trotzdem ein interessanter Blickwinkel…
Helen am 4. Mai 2010 #
Adobe könnte Illustrator zu einem SVG-Editor weiterentwickeln, der gutes, einfaches und standardkonformes SVG-Markup produziert. Damit ließe sich der Großteil aller flashigen Sachen sowie 90 Prozent aller Grafikelemente im heutigen Webdesign umsetzen. Also alles außer echter Fotos.
Was Illustrator heute als SVG schreibt, erinnert mich an ein Compiler-Programm von Apollo 13 (ähnlich wie das sonderbare HTML von Dreamweaver). Benutzt man einen SVG-Editor mit reiner Codeansicht, sitzt man für eine interaktive Deutschlandkarte ein Jahr vor dem Bildschirm.
domingos am 4. Mai 2010 #
Ich glaube, Apple hat Adobe sogar einen Gefallen getan. Adobe hat offenbar nicht kapiert, dass Flash auf mobilen Endgeräten nicht gut ankommt, weil es auf 3 Zoll eben nicht gut aussieht und zuviel Akkuleistung fordert. Wenn sie das nicht ändern, dann werden sie gnadenlos untergehen wie auch andere Websites, die keine brauchbare mobile Ausgabe bieten können.
Ich habe auch nichts gegen ein paar Flash-Animationen, aber reine Flash-Seiten wie die der Pinakothek der Moderne oder die Rocky-Horror-Picture-Show sind echt grausig zu bedienen.
Julian Schrader am 4. Mai 2010 #
Achtung, Begrifflichkeiten: H.264 ist »offener« Standard — mit »frei« hat das noch nichts zu tun!
Im AppStore sind im Augenblick eine unheimliche Menge an Apps vorhanden — die aus XCode stammen. Der Markt hebt die Guten meistens hervor, richtig. Aber ich denke, durch den Ausschluß von potentiell noch mehr Mist fährt man gut — ich ärgere mich jetzt schon über jede App, deren Interface nicht den gewohnten Guidelines folgt.
Eine Öffnung für Flash und andere Cross-Compiler würde mir mehr Clutter bescheren — noch mehr Unsinn, den ich auf der Suche nach einer App für einen bestimmten Zweck aussortieren muss.
soc am 4. Mai 2010 #
Naja, Apple versucht das Entwickeln von Apps für mehrere Plattformen so teuer zu machen, dass man nur noch für das iPhone entwickelt.
Meiner Meinung nach hat das nichts mit der »Qualität der Bedienung« etc. zu tun. Ganz im Gegenteil:
Angenommen ein Entwickler muss die Logik der Anwendung nur einmal schreiben (z. B. für iPhone, Android und WebOS), dann hat er natürlich mehr Zeit zum Anpassen der Anwendung an die jeweiligen User Interface Guidelines.
Wenn er allerdings für alle Plattformen seperat entwicklen muss, ist ja klar, dass da weniger Zeit und Geld für Anpassungen an die Plattform bleibt.
Apple stärkt also quasi die Entwickler, die »exklusiv« für ihre Plattform entwickeln.
Nicht, weil diese Anwendungen per se besser sind, sondern weil sie anderen Plattformen damit schaden.
Kommunikationsdesigner aus Mödling am 4. Mai 2010 #
@mike: Jeder hat ganz offiziell die Möglichkeit tolle Apps ganz am App Store und Apple vorbei zu entwickeln.
Es ist ein übles Gerücht dass es Apple beim App Store nur um die Kohle ginge. Wahr ist viel mehr, dass die kostenlosen Apps im App Store zu den am häufigsten geladenen zählen, und Apple mit dem App Store nur knapp im Plus ist.
Willi am 4. Mai 2010 #
»Es ist ja nicht so, dass die Benutzung von Xcode automatisch zu großartiger Software führt.«
Das nicht. Aber sie führt automatisch zu einer einheitlichen UI. Wenn ein Flash-Entwickler ein anderes SDK benutzen würde, würde die App optisch nicht in die iPhone-Welt passen. Android ist hierfür ein besonders schlimmes Beispiel, wo nichts zueinander passt. Das ist eben der Nachteil von Multiplattformentwicklungen und der Grund, warum sie immer schlechter sein werden als native Anwendungen. Etwas anderes wäre es, wenn Adobe das Flash CS5 auf XCode aufgebaut hätte, also die gleichen Ressourcen und APIs verwenden würde (wie es andere Frameworks wie Monotouch und PhoneGap machen, die von Apple akzeptiert werden). Das wäre dann praktisch eine Schnittstelle, um iPhone-Apps statt in ObjC in ActionScript zu schreiben.
Außerdem würden Entwickler dadurch von Adobe abhängig werden. Welche APIs des iPhones überhaupt genutzt und wie schnell neue APIs implementiert werden, wäre allein von Adobe abhängig. Apple wirbt bei jedem neuen OS mit über 100 neuen Funktionen – als XCode-Entwickler sind die praktisch nur einen Klick entfernt, als Flash-Entwickler müsste man dagegen auf den Segen von Adobe warten. Und dass Adobe nicht gerade das schnellste Unternehmen ist, hat es in der Vergangenheit mehr als deutlich gemacht. Letztendlich würde sich dadurch auch Apple von Adobe abhängig machen, wenn ein Großteil der Anwendungen mit Flash entwickelt wäre (Stichwort Rückwärtskompatibilität).
John Gruber hat dazu einen guten Blogartikel geschrieben: http://daringfireball.net/2010/04/middleware_and_section_311
Emanuel am 4. Mai 2010 #
schöner artikel. ich denke, dass flash nicht abgeschafft gehört. aber die meisten websites sind nunmal dazu da, (text-) informationen zu transportieren. und da sind überladene flash-seiten einfach fehl am platz.
überhaupt gehören seiten abgeschafft, die problemlos in html/css hätten umgesetzt werden können, deren urheber aber keine zeit oder lust hatten, html/css zu lernen. teilweise sehen diese seiten aus wie »normale« websites, haben nicht mal hover-status bei den links, sind aber in flash – da kriegt man schon beklemmungen.
andererseits gibt es situationen, wo die möglichkeiten von flash gebraucht werden. dann macht es auch sinn, flash zu nutzen. das muss auch nicht zwangsläufig bedeuten, dass ein usability-alptraum dabei entsteht. die entwickler haben es in der hand.