Das Weblog kann Spuren von Apple-Begeisterung enthalten.

RIA-MMT XXV

30. März 2009

Am Wochenende war ich zum dritten Mal beim Multimediatreff in Köln, der sympatischen kleinen Konferenz rund um Themen digitaler Medientechnologie. Schwerpunkt beim 25. Jubiläums-MMT waren Rich Internet Applications und im Grunde ging es um zwei Technologien: Adobe Flash/Flex und Microsoft Silverlight.

Das mag zunächst nicht nach Themen klingen, die mich in besonderem Maße tangieren, doch auf der anderen Seite habe ich auf den ganzen bisherigen Barcamps gelernt, dass es unendlich viel sinnvoller ist, mal die Nase in unbekanntere Materie zu stecken, statt ständig im eigenen Saft zu schmoren und sich den hundertsten Mikroformate-Einsteiger-Vortrag anzuhören.

Somit bot mir der MMT endlich mal die Gelegenheit, mich in Sachen Flex und Silverlight auf den neusten Stand zu bringen, ohne mich in Detailfragestellungen zu verlieren. Folgende Dinge habe ich für mich mitgenommen:

  • Flash als Animations-Software wird zunehmend langweilig und hat sich seit meiner aktiven Zeit (Flash 5) nicht wesentlich verändert. Da nützen auch Detailverbesserungen in CS4 nichts.
  • Eine neue Funktion des Flash Player 10 ist spannend, nämlich die verbesserte Text-Engine, die nun RichText und HTML-ähnliche Strukturierung beherrscht. Hier wünsche ich mir mal einen gut funktionierenden und performanten WYSIWYG-Editor für das CMS meines Vertrauens.
  • Das neue Flash Catalyst wird als Innovation angepriesen. In Wirklichkeit macht es nur Dinge, von denen ich seit 5 Jahren gedacht hätte, dass sie bereits gang und gäbe wären. Toll: Man kann jetzt die Standard-UI-Komponenten sehr leicht individuell anpassen. Das sollte doch eigentlich unter »Bugfixing« laufen.
  • Silverlight vereint viele Ideen und Techniken von Flash/Flex in einem neuen und offenbar noch leistungsfähigeren Gesamtpaket. Erstaunlich dabei: Die Technologie ist offen und plattformunabhängig. Jedermann dürfte eine Authoring-Software für den Mac oder für Linux schreiben, denn das Silverlight-Endformat sind gezippte XML- und DLL-Dateien.
  • Expression Blend ist quasi eine Mischung aus Flash, Flash Catalyst und Flexbuilder. Wer jedoch als echter Kerl Silverlight-Zeugs entwickelt, sollte trotzdem zusätzlich das Visual Studio verwenden. Warum auch immer. Blend ist auf jeden Fall tödlich komplex und Microsoft-artig, was die Paletten und Buttons angeht.
  • Wenn man das Silverlight-Plugin installiert hat, laufen Silverlight-Anwendungen nicht nur im Browser, sondern auch als Desktop-Programme. Quasi wie ein eingebautes AIR. Und zwar auch unter Mac und Linux, angeblich.

Fassen wir zusammen: Die Timeline ist in der professionellen RIA-Welt mehr oder minder mausetot. Als Designerspielkram mag Flash CS4 noch eine kleine Rolle spielen, aber dank JavaScript-Frameworks und Canvas wird das immer weniger. Ich persönlich sehe die Zukunft von RIA in hochspezialisierten Anwendungen, die als Web-/Desktop-Hybrid unter verschiedenen Plattformen laufen und mit dem Server Daten austauschen. Das hat dann mit Webdesign nichts zu tun, sondern mit Anwendungsentwicklung und Softwarearchitektur, von daher ist es nicht meine Baustelle. Das derzeitige Ziel der RIA-Welt sind meines Erachtens nicht etwa öffentliche Webplattformen wie Webshops oder Social Networks, sondern eher Intranet/Enterprise/Business-Solutions-Kram. Dort aber kann man inzwischen tolle, nutzerfreundliche Dinge anstellen und professionell entwickeln.

Im Umkehrschluss kann man behaupten: HTML bleibt bis auf weiteres der König, wenn es um Information und Interaktion im offenen WWW geht. Beruhigend. Und Flash/Flex bzw. Silverlight könnten zum neuen, besseren und schlankeren Java werden. Wer weiß?

8 Kommentare

  1. Ewald Natter am 30. März 2009 #

    Wie immer Gerrit, sehr akkurat und prägnant eingeschätzt, das Ganze! Ganz meine Meinung.

  2. Mike am 30. März 2009 #

    Vielen Dank, für die Zusammenfassung des Treffens. Schließe mich Deiner Meinung voll und ganz an.

  3. tom am 30. März 2009 #

    Hmm bei Flash Catalyst muss ich ma kurz intervenieren :-) Soweit ich weiß, ist das dazu gedacht den Workflow zwischen Designern und Programmieren zu vereinfachen indem der Designer z.B. in Catalyst seine Layout ändern kann ohne den Code, den der Programmieren vielleicht schon geschrieben hat, zu zerstören. An sich klingt das schon spannend, die Frage ist nur, ob sich das in der Praxis auch bewährt und da habe ich so meine Zweifel…

  4. Frank am 30. März 2009 #

    Also wenn ich das richtig verstanden habe, braucht man Visual Studio nach wie vor zum debuggen.

  5. pawel am 30. März 2009 #

    Na ja Flex/ AIR ist schon spannend. Im Grunde ist es sehr einfach damit, bestehende (statische) Websites in eine AIR-Anwendung zu überführen. Ein Blick auf das Aptana-Studio zeigt viele einfache Beispiele in Flex. Der vielgenutzte Twitterclient twhirl ist auch ein gutes Beispiel für eine gelungende Antwort auf die Frage:»Wozu brauche ich das?«.

    Ich würde mich auch für auch für meine Lieblings-CMS für ein Feature, wie das WP-Plugin Moderator interessieren. Sicher gibt es in diese Richtung noch mehr interessante Ideen.

  6. ThomasM am 30. März 2009 #

    Expression Blend ist im Grunde für Designer, um XAML-Inhalte komfortabel umsetzen zu können. Visual Studio oder die frei verfügbare IDE Visual Web Developer Express werden für die ebenso komfortable Umsetzung des in C# oder VB.NET verfassten Aktionscodes benötigt. In VS bzw. VWD lässt sich zurzeit der XAML-Code nur manuell erstellen, allerdings mit der MS-typischen IntelliSense-Unterstützung und bezogen auf die Grundelemente über die zugehörigen Toolbars. Zwischen Blend und VS/VWD kann man auch wechselseitig umschalten, da die Projektstrukturen kompatibel sind. Es gibt mittlerweile auch das offene Projekt Eclipse4SL, welches eine durchaus akzeptable IDE zur Verfügung stellt und auf C# für die Aktionsprogrammierung ausgelegt ist. Auf meiner Seite mit Silverlight-Beispielcodes ist ein Vortrag zum Silverlight-Einstieg als PDF verlinkt.

  7. riabloke am 31. März 2009 #

    »Flash als Animations-Software wird zunehmend langweilig und hat sich seit meiner aktiven Zeit (Flash 5) nicht wesentlich verändert. Da nützen auch Detailverbesserungen in CS4 nichts.«
    —> Dass die Flash-Authoring-Umgebung mittlerweile nicht mehr den höchsten Stellenwert hat, stimmt. Das liegt allerdings hauptsächlich daran, dass seit dem »Erwachsenwerden« von ActionScript (AS 3) der Fokus stärker auf Programmierung liegt und andere externe IDEs genutzt werden. Dass sich seit Flash 5 nicht mehr viel getan hat, stimmt nicht. Der Code-Editor wurde kaum verbessert (aus vorher genanntem Grund), aber die Animationsmöglichkeiten und Timeline-Tools haben sich stark verbessert (zum Beispiel sind jetzt auch Inverse Kinematik und 3D möglich…).

    »Eine neue Funktion des Flash Player 10 ist spannend, nämlich die verbesserte Text-Engine, die nun RichText und HTML-ähnliche Strukturierung beherrscht…«
    —>Die neue Text-Engine hat eigentlich weniger mit Rich Text und HTML-Strukturen (Flash wird HTML- und CSS-Tags vermutlich nie vollständig implementieren – dafür gibt es HTML und CSS!) zu tun als vielmehr mit einer komplett neu entwickelten Rendering-Engine und einer low-level API für Programmierer, die tiefer in die Text-Materie einsteigen wollen und kompletten Zugriff auf erweiterte Eigenschaften brauchen. Damit das Ganze nicht zu kompliziert zu handeln ist, hat Adobe das Text Layout Framework erstellt (im Moment noch in den Adobe Labs: http://labs.adobe.com/technologies/textlayout/) – einfach zu benutzende Komponenten für typographische Effekte (Kerning, Ligaturen etc.), detailliertere Kontrolle auf Zeichenebene und Text-Layout Optionen (mehrspaltiger Text, Bilder umfließen etc.). Übrigens gibt es noch weitaus spannendere Möglichkeiten in Flash Player 10 neben der Text-Engine…

    »Das neue Flash Catalyst wird als Innovation angepriesen…«
    —>Ob sich das Tool durchsetzen wird und in der Praxis bewährt, bleibt noch abzuwarten. Was man bisher aber in den Demos und Videos sieht, sieht definitiv sehr gut aus und geht weit über einfaches Komponente-Skinning hinaus, sondern vielmehr in Richtung UI Prototyping und Workflow. Da Themen wie user interface design und usability immer wichtiger werden, bestehen gute Chancen…

    »Silverlight vereint viele Ideen und Techniken von Flash/Flex in einem neuen und offenbar noch leistungsfähigeren Gesamtpaket…«
    —>Total falsch. Noch leistungsfähiger ist da im Moment noch gar nix (Deep Zoom ist das einzige Silverlight-Feature, das wirklich cool ist). Silverlight ist im Moment noch nicht wirklich ernstzunehmen und im Vergleich zu Flash/Flex (logischerweise) noch ganz weit hinten. Mal abwarten, was passieren wird…aber im Moment führt bei ernsthafter RIA-Entwicklung kein Weg an Flash/Flex/AIR vorbei! Soll kein Silverlight-Bashing sein, ist aber im Moment und vermutlich auch noch die nächste Zeit so. Zusätzlich hängt das auch größtenteils von der Verbreitung der Runtime ab. Mal schauen, wie lange Microsoft braucht, das allen Rechnern draufzuknüppeln. Die Plattformunabhängigkeit funktioniert im Übrigen noch nicht wirklich gut…

    »Wenn man das Silverlight-Plugin installiert hat, laufen Silverlight-Anwendungen nicht nur im Browser, sondern auch als Desktop-Programme…«
    —>Gravierende Unterschiede zwischen Desktop-Silverlight und Adobe AIR! Silverlight läuft weiterhin in einer Art »Browser-Sandbox«…AIR bietet wesentlich mehr Möglichkeiten, auf das OS zuzugreifen und Anwendungen anzubinden:
    http://blog.digitalbackcountry.com/2009/03/differences-between-silverlight-out-of-browser-experience-and-air/

    »Ich persönlich sehe die Zukunft von RIA in hochspezialisierten Anwendungen, die als Web-/Desktop-Hybrid unter verschiedenen Plattformen laufen und mit dem Server Daten austauschen. Das hat dann mit Webdesign nichts zu tun, sondern mit Anwendungsentwicklung und Softwarearchitektur,…«
    —>Dass in dem Bereich inzwischen viel passiert, stimmt. Flex zieht mittlerweile auch einige Java-Entwickler an (zumal Flex + Java auch sehr gut funtkioniert). Trotzdem gibt es nach wie vor die »kreative« Flash-Community, die Flash weiterhin für Animation, kreative Code-Experimente und andere ausgefallene Ideen einsetzen. Das hat Flash ja letztendlich auch so populär bei Designeren und Kreativen gemacht. Dass solides Programmier- und OOP-Wissen + Kreativität auch super zusammen funktionieren, zeigen z.B. die Arbeiten von James Paterson…
    http://www.presstube.com
    http://www.insideria.com/2009/03/will-people-learn-oop-and-as3.html

  8. Harald Kampen am 3. Mai 2009 #

    Es sollte hier nicht vergessen werden, dass sich RIA nicht nur auf FLEX und Silverlight beschränkt. RIA kann zum Beispiel auch mit Javascript und HTML gebaut werden, oder es wird JavaFx eingesetzt.

    Flex hat ein wenig die Nase vorn, vor allem wohl wegen der breiten Unterstützung von Flash durch Grafikprogramme und dem Image von Flash sowie Adobe. Ob das so bleibt? Schließlich stehen HTML 5, SVG und Canvas in den Startlöchern. Mit AIR und Javascript-Frameworks können damit auch in ansprechende und funktionable Desktopanwendungen gebaut werden. Damit hat man dann vielleicht etwas weniger Baukastenfeeling, aber Macken sind bekannt und vielfältig dokumentiert.

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