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Gerrit, 25.10.2004

Pigiarniq

Pigiarniq

Kennt eigentlich jemand Nunavut? Es handelt sich dabei um eine entlegene Region in Kanada und einen der am geringsten bevölkerten Flecken der Welt. Nur 0,01 Menschen leben hier pro Quadratmeter, zumeist Eskimos. Der Nunavuter spricht gesetzlich vier Sprachen, nämlich Französisch, Englisch, Innuinaqtun und Inuktitut. Vorletzteres verwendet zwar unsere bekannten Buchstaben, sieht aber dennoch sehr merkwürdig aus. Letzteres besitzt ganz eigene Glyphen, die durchaus Ähnlichkeiten mit der Georgischen Schrift aufweisen. Doch darum geht es eigentlich gar nicht. Die Regierung von Nunavut ist nämlich bestrebt, allen 28.000 Einwohnern eine kostenlose Schrift zu bescheren, mit der sie am Computer alle vier Sprachen schreiben können – sehr nett. Doch auch wer mit Nunavut nichts am Hut hat, kann diese Schrift namens Pigiarniq gerne nutzen: Sie ist nämlich eine robuste und moderne serifenlose Antiqua. Gestaltet wurde sie von Tiro Typeworks (die gerade ihre Website renovieren).

Charakteristik

Die Pigiarniq ist eine sogenannte Amerikanische Groteske. Diese sind dadurch charakterisiert, dass sie eine große x-Höhe besitzen und durch die Betonung der Vertikalen eher statisch wirken. Daher muss man mit dem Zeilenabstand aufpassen, er muss etwas größer sein als bei anderen Schriften.

News Gothic

Eine gewisse Verwandtschaft zur News Gothic (Benton, 1908) lässt sich bei der Pigiarniq nicht leugnen, jedoch ohne den Vorwurf eines Plagiats bemühen zu müssen; Sind die Buchstaben doch ein ganzes Stück breiter und haben durchaus einen eigenen Charakter.

Buchstaben in der Pigiarniq

Der Grauwert ist – positiv ausgedrückt – lebendig, ein bisschen zu unruhig vielleicht, doch an sich geht das schon in Ordnung. Wir haben es hier mit einer dieser etwas unterkühlten Schriften zu tun, die eher technisch und immer ein bisschen ungelenkig daherkommen. Laboratmosphäre. Die fetten Schnitte (bold und heavy) steuern diesem Image ein wenig entgegen: Sie sind deutlich breiter und besitzen die eine oder andere hübsche Rundung, die die Pigiarniq-Familie insgesamt kuscheliger und auch individueller macht.

Sie erreicht zwar nie die Wärme einer Frutiger oder die Prägnanz einer TheSans, doch mit ihrem Vorbild, der News Gothic, kann sie ganz gut Schritt halten.

Umfang/Ausbau

Fünf Schnitte sind eine recht krumme Zahl, und die Verteilung mutet auch seltsam an: Es gibt zwar neben der Regular, wie gewohnt, eine Italic- und eine Bold-Variante. Doch eine Heavy und eine Light findet man sonst selten bei freien Schriften. Letztere ist jedoch nicht viel dünner als die Regular, so dass man sie als echte Alternative im Lauftext ansehen könnte. Ebenfalls echt: Die Kursive! Denkt man jedenfalls zunächst. Doch lediglich die Buchstaben a, e und f wurden tatsächlich neu gezeichnet, der Rest ist geometrisch verzerrt.

dünn dick schräg gerade

Ein seltsames und sehr nerviges Phänomen gibt es bei den Zahlen und Sonderzeichen zu vermelden: Sie funktionieren nicht. Es kommen beim direkten Tippen andere Zeichen zum Vorschein. Wenn ich jedoch im InDesign in einer anderen Schrift schreibe und den Text danach in die Pigiarniq ändere, so werden die Sonderzeichen korrekt umgewandelt. Ist das unter Windows auch so? Oder habe gar nur ich dieses Problem?

Als Trostpflaster werden uns jedoch alle deutschen Umlaute, das ß, und auch das €-Zeichen spendiert. Mediävalziffern und jede Menge ausländische Glyphen gibt es als Bonbon noch mit dazu! Und wer sich schon immer für geschriebenes Inuktitut interessiert hat, wird im sehr reich ausgebauten Glyphenvorrat ebenfalls fündig. Nur für den Fall, dass…

Die Pigiarniq in der Praxis

Generell warne ich vor zu langen Texten, denen ist die Pigiarniq nämlich nicht unbedingt gewachsen, zu gering ist die Zeilenbildung, zu statisch und aufrecht wirken die Buchstaben. Außerdem fehlen naturgemäß die Serifen!

Blindtext

Doch für Teasertexte und Bildunterschriften in Zeitungen oder Magazinen, für wissenschaftliche Arbeiten (Stichwort Laboratmosphäre), in Überschriften und Zwischenüberschriften aller Art, im Logo-Design oder was auch immer, ist diese Schrift eine Überlegung wert. Sie bietet aufgrund ihres nüchtern-modernen Auftretens eine Vielzahl von möglichen Anwendungsgebieten. Nur eines transportiert sie nicht: Emotionen.

Rechtliches

Wie bei den meisten freien Schriften: Wer sie nicht verändert oder weiterverkauft, darf sie frei für private oder kommerzielle Projekte einsetzen. Komisch: Man darf laut Lizenzvereinbarung einer Druckerei keine Kopie der Schriftenfiles mitliefern – die muss sich die Druckerei schon selbst runterladen. Kostenlos. Verstehe das, wer wolle. Einbetten in PDF oder Flash ist jedoch selbstverständlich erlaubt.

Downloads

14 Kommentare

  1. Thiemo am 28. Oktober 2004 #

    Sehr angenehm, sehr brauchbar. Bitte mehr davon.
  2. Eric am 28. Oktober 2004 #

    »Ist das unter Windows auch so?«

    Unter Windows (ME) alles in Ordnung, sehr schöne Schrift!
  3. René am 16. November 2004 #

    bei dem Link kommt ganz deutlich eine 404!
  4. Gerrit am 16. November 2004 #

    Jetzt nicht mehr! :-)
  5. at am 14. Februar 2005 #

    «
    Nur 0,01 Menschen leben hier pro Quadratmeter
    «
    In mancher Stadtwohnung leben weniger. Ein Geviert … äh, Quadrat tut Not.
  6. Markus am 20. Februar 2005 #

    »Ist das unter Windows auch so?«

    Keine Ahnung, aber unter Linux/KDE geht alles sofort ohne Probleme. Nicht nur in allen KDE-Programmen, sondern zum Beispiel auch in openoffice.org.
  7. Dan Reynolds am 18. Juni 2005 #

    Man darf laut Lizenzvereinbarung einer Druckerei keine Kopie der Schriftenfiles mitliefern – die muss sich die Druckerei schon selbst runterladen. Kostenlos.

    Das machen sie vermütlich, weil sie einfach wissen wollen, wie viele Leute die Schriften verwenden, und wo auf der Erde sie sitzen. Wenn jeder, der die Schrift benützt, die Schrift selber herunterladen müß, können sie das wissen.

    Für Tiro Typoworks könnte diese Info vielleicht später bei der Erstellung von kommerzielle Schriften helfen. So würde ich es raten, zumindest.
  8. Angel am 6. August 2005 #

    Ist es denn tatsächlich so, dass man die meisten freien Schriften auch kommerziell einsetzen darf? Ich habe auf einer anderen Website gelesen, dass dies nicht der Fall wäre – nur eine private Nutzung wäre erlaubt. Ich frage aus brandaktuellem Anlass und muss unbedingt wissen, ob ich die Schriftart Amazone BT für kommerzielle Zwecke nutzen darf. Falls nicht, kennt jemand eine ähnliche Schrift, die ich benutzen darf?
  9. Gerrit am 10. August 2005 #

    Es gibt solche und solche. Aus diesem Grunde sollte man immer genau die Bestimmungen lesen. Die zeitweise beim FontShop erhältlichen freien Schriften kann man beispielsweise so verwenden, als hätte man sie gekauft.
  10. Ross am 7. Dezember 2005 #

    (Please excuse me for replying in English — feel free to translate if you like.)

    A couple of points: I’m not quite sure of the problems being reported above, as I’m reliant on automatic translation, which makes matters difficult. I suspect that there was some difficulty in accessing the syllabic characters — for this you would need a Unicode keyboard driver for Inuktitut, or you would only be able to enter them via a character map utility or glyph palatte (eg. as in InDesign). A Inuktitut Windows keyboard driver is available from the Tiro site (listed below). Inuktitut keyboard drivers are also included in newer versions of OSX if you install the extra languages package.
    Newer versions of the Pigiarniq fonts are available via the Tiro website, and a version archive will be maintained, so it is better to provide links to the Tiro site then the Government of Nunavut site, as they have not distributed newer versions provided to them. Also, Euphemia is a font which supersedes Pigiarniq and has coverage for the complete Canadian Syllabic range (as defined in Unicode).
    The license agreement allows for ›licensed distributors‹ to grant free licenses to end-users (this would allow businesses as well) — the fonts are not allowed to be re-distributed or hosted without a distribution license, so any links referencing the font files should point to the Tiro site so that users can make the choice of which version of the fonts to download and also be able to see version logs.
    www.tiro.com/syllabics
    or:
    www.tiro.com/syllabics/resources
    If anyone would like to link to the fonts, please do not link directly to any one file, but rather to one of the above mentioned pages.

    Thank you

    -Ross Mills

    :tiro:

    ross (at) tiro (dot) com
  11. Oo. am 27. Juni 2006 #

    Ja wo ist sie denn?? Weg?
    Oo.

  12. John am 28. Juni 2006 #

    Sehr schöne Schrift, die nutze ich schon ewig als Standard in Word.

    @übermir: Pigiarniq at dafont.com:

    http://www.dafont.com/pigiarniq.font

  13. kiezyl am 6. Januar 2007 #

    schöne schrift.
    seit wann gibts die denn??

  14. oecher am 10. März 2007 #

    Bei dafont.com scheint es die Schrift nicht mehr zu geben.

    Hab sie auf http://www.gov.nu.ca/font.htm gefunden

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