Ist Baden-Baden eine Reise wert?

27. Januar 2006 von Gerrit van Aaken

Wer umzieht, die alte Wohnung an den Nachmieter bringen, ausräumen, streichen, putzen und übergeben muss, eine neue Küche planen, bestellen und zusammenbauen und andere 1000 Dinge erledigen muss, hat wenig Zeit zum Bloggen. Von daher lasse ich jetzt mal wieder bloggen, und zwar von meinen alten Freund Dominik, der da ja schon Übung drin hat.

Also nochmal: Ist Baden-Baden eine Reise wert?

So nun, nachdem ich hier im Badischen schön eine ganze Weile lebe, ist heute die »Hauptstadt« dran: Baden-Baden.

Baden-Baden ist die Stadt der Schönen und Reichen. Mit Casino, Festspielhaus, teuren Boutiquen, Pferderennen und dem 5-Sterne-Hotel »Bühlerhöhe«.

Das erste, was einen erwartet, sind ehemalige Militärwohnblöcke, schön in gleichem Abstand zueinander, gleiche, hässliche Blöcke. Nachdem hier wohl die französischen Truppen schon vor längerem ausgezogen sind, blieben diese Gebäude übrig. Heute scheinen dort Studenten und sozialschwache Mitbürger zu hausen. Von jedem Balkon blickt eine Satellitenschüssel gen Himmel empor. Manchmal auch zwei.

Mir fällt auf, dass hier eigentlich kaum Autos mit Kennzeichen BAD unterwegs sind, eigentlich nur »Fremde«, naja Touristen, wie ich. Okay, erstmal ein bisschen durch die Stadt laufen (fahren) und die bestimmt noch kommende Stadt bewundern, ist meine Devise. Aber wo ist die? Überall stehen nur renovierungsbedürftige 70er-Jahre-Bauten. Hier und da mal eine schön renovierte Villa, aber 90% der Häuser sind in den 70er Jahren schnell hochgezogen worden, und seitdem wurde kein Geld mehr in den Erhalt gesteckt.

Was mir bei der Parkplatzsuche auffällt, ist, dass es hier in Baden-Baden geschätzte 10.000 Halteverbotsschilder gibt. Absolute und eingeschränkte. Oder aber »Privatweg« und »Privatstrasse«. Es ist aussichtslos, also rein in ein Parkhaus. An der Schranke angekommen, bin ich doch etwas erzürnt: 4,00 Euro für eine Stunde Parken, ne, ich weiß nicht. Sind die Leute hier nicht nur reich, sondern auch debbert? Also weitersuchen.

Huch, was war das denn für ein Haus? Hier steht es: »Casino«. Bitte – das soll das weltberühmte Casino sein, von dem Marlene Dietrich behauptet hat, es wäre das schönste der Welt? Ne, die muss ordentlich was getrunken haben, um das zu behaupten. Es ist ein unscheinbarer, leicht renovierungsbedürftiger Bau direkt an der Hauptverkehrsstrasse. Von der Homepage habe ich anderes erwartet. Das Festspielhaus ist hingegen ordentlich positioniert und fein herausgeputzt. Aber ich suche ja noch einen Parkplatz.

An einer Ampel versuche ich schnell, die CD im Autoradio zu wechseln. Die Ampel springt auf grün, ich gebe etwas unsensibel Gas und meine Reifen drehen ungewollt leicht durch. Plötzlich drehen sich alle Passanten um. Ich dachte ich hätte eine Bombe gezündet, so überrascht und entzürnt schauen sie mich an. Naja soll’n die doch, denke ich mir. Also nächste rechts. Ha, da kann ich mal kurz halten und die am Boden verteilten CDs wieder einfangen und ordnen. Keine 30 Sekunden später kommt ein junges Ehepaar vorbei. Er spricht mich an und klärt mich ungewollt darüber auf, dass dies hier ein Anwohnerparkstreifen wäre. Ich sage: »Jaja, ist in Ordnung.« Er darauf, ja haben Sie denn einen Ausweis. Ich: »Nein, aber man wird doch mal kurz halten dürfen um eine CD, die unter den Sitz gerutscht, ist zu suchen«. Er: »Naja, das kostet 25 Euro, wenn ich die Polizei rufe«. Ich denk mir, der ist kein Zivilpolizist und lege es drauf an. Ich mache meinen Geldbeutel auf, nehme einen 50-Euro-Schein heraus und sage: »So hier ist ihr Geld und jetzt schaun se zu, dass se Land gewinnen«. Er lächelt und nimmt das Geld nicht. Er steckt seine Hände wieder in seinen 500-Euro-Bugatti-Wintermantel und geht mit Freundin Hand in Hand weiter. Hmm, wer hat jetzt gewonnen – er oder ich? Egal. Nur ich muss sagen, dass mir so etwas noch nicht passiert ist. An der Binnenalster oder in Grünwald hätte mich keiner wegen so etwas angesprochen. Die Damen und Herren hier wollen wohl unter sich bleiben, so scheint es mir, wenn die Stadt Fremden nicht mal die Möglichkeit einräumt, zu parken.

Gut, mir reicht es, man muss ja nicht unbedingt, wenn man sich eine Stadt ansehen möchte, aus dem Auto aussteigen. Und wer hat behauptet, dass so eine »Sightseeingtour« länger als eine halbe Stunde dauern muss. Also ab auf die Autobahn. Durch superenge Gassen mit miesem Pflaster und an, naja wie schon gesagt, verfallenen Häusern vorbei Richtung Süden.

So, ich muss sagen, dass Baden-Baden einfach überschätzt wird. Es lebt (noch) von den Erinnerungen und Mythen längst vergangener Tage. Ich denke, man muss in Baden-Baden mindestens 70 Jahre alt sein, Pelzmantel tragen (auch als Mann, man hat’s ja und jeder soll’s sehn!) und der festen Überzeugung sein, dass man zur »Upper Class« gehört. Anders ist diese Stadt nicht zu ertragen.

Mich würde interessieren, wo die Einwohner einkaufen gehen, ihr Auto reparieren lassen oder sich abends treffen. Ich weiß nicht, diese ganzen Dinge und noch viel mehr fehlen hier einfach um als lebenswert zu gelten.

Ach ja die Mieten sind ca. 50 bis 70% höher als in Nachbarorten. Das Fünfsternehotel habe ich herausgefunden, gehört zu Bühl und nicht zu Baden-Baden und das weltberühmte Pferderennen ist in Iffezheim, ca. 15 km entfernt von Baden-Baden.

Baden-Baden ist alt, Baden-Baden ist ein riesiges Seniorenheim und Baden-Baden ist in keiner Weise mondän.

11 Kommentare

  1. Wabba am 27. Januar 2006 #

    Wo hast du denn geparkt? In den städtischen Garagen kostet die Stunde max. 1,50 Euro – nachzulesen hier: http://www.pgg-baden-baden.de/park_vektor.htm

    Viele Grüße aus dem wunderschönen Baden-Baden!

  2. Mario am 27. Januar 2006 #

    hmmm, kann da auch nicht ganz folgen.
    Baden-Baden ist eine Kleinst-Stadt. Keine Metropole, kein Hamburg. Was trinken kann man überall, mal ein bisserl teurer, dafür darf man in den gleichen Stuhl pupsen, wie Mr. Clinton, mal ganz normal.

    Aber, und das ist richtig, Baden-Baden ist nicht wirklich was für Uhus (Unter Hundertjährige).

    Aber es hat Perlen, mal in der Innenstadt, mal im näheren Umland. Und parken, 4EUR, keine Ahnung wo Du da rein wolltest. Weder die Vincentie-Garage, noch die am Augusta-Platz, die Bäder-Garage oder die beim Wagener kosten 4 EUR die Stunde. Ich glaub, da hat Dich jemand böse verschaukelt und Du warst vermutlich in Pforzheim :-)

  3. paxos am 28. Januar 2006 #

    Achja, da war ich auch desletzt mit meiner Freundin – und hab nicht schlecht gestaunt, als die Hauptstraße plötzlich in der Fussgängerzone endete …

    Das Kino zu finden haben wir dann aber irgendwann doch hingekriegt – wenn auch nur zu Fuss!

  4. beza1e1 am 28. Januar 2006 #

    Auch noch zu erwähnen: Wer die alten Filme vom Lümmel in der ersten Bank und Co kennt – das Mommsen-Gymnasium steht nicht in Baden-Baden sondern in Hamburg. ;)

  5. Mario am 28. Januar 2006 #

    Aber den Forellenhof gibt es wirklich, wenn auch nur noch in Farbe :-)

  6. Stefko am 30. Januar 2006 #

    Also das mit dem Casino macht mich stutzig, auch weil Du im gleichen Atemzug das Festspielhaus nennst. Bist Du sicher, daß du das Casino meinst, also das im Kurhaus und nicht diese Slotmachine-Spielothek im alten Bahnhof?
    Ich meine das Teil hier http://tinyurl.com/axxhx

  7. Kolo am 31. Januar 2006 #

    Meine Worte … Baden-Baden lebt vom Namen. Immer heißt es Galopprennbahn Baden-Baden, Baden-Airpark, obwohl alles im Landkreis Rastatt gehört. Naja, und dann ist da halt auch einmal im Jahr die Verleihung des dt. Medienpreises.
    Aber es gibt auch viele »Wohlhabende«, die Häuser findest du dann den Fremersberg rauf. Spätestens dann weißt du, was wir Studenten uns auch mit noch so einem guten Studium nie leisten werden können …

  8. Sam am 21. September 2006 #

    Und allen sei empfohlen der Text von Mark Twain über Baden-Baden (in seiner »Reise durch Europa«): »Ich habe mein Rheuma in Baden-Baden gelassen. Ich hätte gerne etwas ansteckenderes zurück gelassen, das war mir aber nicht gegönnt.

  9. Burkhardt Brinkmann am 17. Oktober 2006 #

    Na ja, wir sind auch »UHus« (gerade noch so), und gar so schlecht hat es uns nicht gefallen.
    Schließlich kann man, statt in teure Schicki-Micki-Läden zu gehen, sich auch in dem paradiesischen Buchladen Gondrom in der Lange Str. ausruhen, in der gleichen Straße ein vorzügliches Eis (in der ‘Eisdiele’ auf der Nordseite, die ohne Sitzplätze) kaufen, am Leopoldsplatz bei McDonalds Kaffee trinken (und ihn wieder los werden – öffentliche Klos gehören wohl weniger zur Kultur einer Kulturstadt), oder gegenüber von der erhöhten Terrasse der Bäckerei (Peters heißt sie, glaube ich?) die Flaneure fixieren.

    Durch die Lichtentaler Allee zu laufen – das ist schon eine entspannende Bummelei. Blumen in der Gönneranlage; Dahliengarten. Stadtmuseum: sehr zu empfehlen. Geschichte und so.

    Oder Stadtbücherei. Und essen tun wir dann beim Chinesen: kostet auch nicht mehr als bei uns – schmeckt nur besser. Und hinterher gibt’s heiße Handtücher: kann man sich Speis und Schweiß abwischen.

    Mehr bei mir unter u. a. in »VOM FRIEDHOF DER UNVERWESLICHEN LEICHEN ZUM MITTAGSMENUE AUS DER SCHÄDELKALOTTE « (http://beltwild.blogspot.com/2005/09/vom-friedhof-der-unverweslichen.html) und »Impressionen aus Baden-Baden« (http://beltwild.blogspot.com/2006/10/impressionen-aus-baden-baden.html)

    Gruß
    Canabbaia

  10. donKittel am 31. Oktober 2006 #

    Meine Güte wenn ihr ernsthaft behauptet Baden-Baden würde nur von seinem Namen leben und dafür Beispiele wie den Flughafen anführt – wo soll denn der Flughafen sein außer im Landkreis Rastatt, oder glaubt ihr man könnte ne 747 in der Lichtenthaler Allee landen. Dann das Hotel Bühlerhöhe: es liegt zwar nicht in Baden-Baden, wurde dafür aber von dem Baden-Badener Max Grundig in´s Leben gerufen. Außerdem liegt mitten in der Stadt das 2. beste Hotel Deutschlands, das Brenners Park Hotel. Wenn du wirklich nichts zum »Was-trinken-gehn« gefunden haben solltest dann probiers doch mal mit der wohl besten cocktailbar süddeutschland´s dem medici, bill clinton hats dort auch gefallen …
    gruß von einem baden-badener

  11. matt am 14. Februar 2007 #

    Hallo!
    Werde wohl im Sommer von Berlin nach Baden – Württemberg ziehen müssen ( aus beruflichen Gründen ). Es trifft dann wahrscheinlich Baden – Baden oder Karlsruhe.
    Ich bin bereits vorher geschockt, wenn ich mir die Mietangebote dafür im Netz betrachte entweder sehr einfach und preislich okay oder prima und überteuert. Wenig Angebote eines guten Mittelmaßes.
    Ich habe den Eindruck, daß B-B im Vergleich zu Karlsruhe zwar kleiner aber schöner, grüner, gepflegter ist.
    Aber dies von Berlin aus zu beurteilen ist sicher wenig realistisch.
    Liebe Grüße aus der Hauptstadt

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