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Unser Weblog

Als ich Musik gemacht habe, Teil VI

Gerrit, 03.10.2011

Punkbands pflegen sich ja stets direkt nach Veröffentlichung des ersten Albums aufzulösen, um bloß nicht in die Kommerzialisierungsfalle zu tappen. Das war bei unseren Projekten 2 Boys 4 Love und Base-Box allerdings gar nicht nötig, denn einerseits klang unsere Musik von vornherein extrem kommerziell, andererseits hat sich auch kaum jemand für die Werke interessiert, außer ein paar dutzend Musiksaugern auf den diversen Online-Plattformen.

Die Gründe, warum sich Base-Box dann 1999 doch auflöste, waren schlicht organisatorischer Natur: Abitur, Zivildienst, Umzug, Studium – da blieb nicht viel gemeinsame Zeit für zwei Hobbyproduzenten, die sich vor allem über ihre Schulkameradschaft und die Arbeit an der Schülerzeitung definiert hatten.

Etwa ein Jahr lang also ruhte die Arbeit an neuer elektronischer Musik, bevor ich Ende 2000 nach Mainz in ein kleines Studentenappartement zog. Mit im Gepäck: mein treues Master-Keyboard, ein brandneuer Dr. Groove DR-202 von BOSS, sowie mein bewährter Escom-Tower. Zeit für das erste Soloprojekt, das auf den viel zu generischen Namen Chronos hörte.

Musikalisch orientierte ich mich diesmal an ruhigen instrumentalen Klängen – Café del Mar, Nightmares on Wax und die frühen Morcheeba waren meine Vorbilder, denn ich wollte weg vom bunten und lustigen Mainstream-Pop. Lieber die Musik machen, die ich tatsächlich auch selber am liebsten hörte! (Und wie es sich gehört, ist mein Musikgeschmack auch exakt hier eingefroren: Ich bevorzuge immer noch das gleiche Zeug, was ich mit Anfang 20 konsumiert habe. Ihr etwa nicht?)

Technisch rüstete ich freilich abermals auf, und zwar sowohl in Hard- als auch in Software. Der schon erwähnte Dr. Groove war mein erstes externes Gerät zur Sounderzeugung; Davor entstanden die eigentlichen Klänge grundsätzlich virtuell im Rechner. Für mich eine Herausforderung, denn erstmals brauchte ich tatsächlich ein Hardware-Mischpult zum Abmischen, um die beiden Klangquellen zusammenzuführen. (Das Mischpult hatte ich natürlich vorher schon, allerdings nur zur Mikrofonverstärkung …) Der Dr. Groove ist ein ganz netter kleiner Drumcomputer, welcher vergleichsweise amtliche Klänge eingebaut hat, und auch mit melodischen Basslines klarkommt. Im Grunde ist er für den Live-Einsatz von DJs konzipiert, aber auch im Rahmen meiner Cubasis-Arrangements ließ er sich natürlich per MIDI problemlos einbinden. Er brummt ein wenig, zugegeben.

Doch auch auf Software-Seite gab es Neuerungen: Ich entdeckte virtuelle Synthesizer und Effektgeräte in Form von VST-Modulen! Cubase (und seine Light-Version Cubasis) bot unglaublicherweise die Möglichkeit, Softwareinstrumente von Drittanbietern einzubinden, was für mich einer Offenbarung gleichkam – obschon durch meine lahme CPU ein wenig begrenzt. Doch ich erinnere mich noch daran, wie ich große Mengen von Shareware- und Freeware-Hallgeneratoren durchprobierte, sowie nach schicken, analog klingenden Synthesizern Ausschau hielt. Ich wurde fündig!

Somit sind die Produktionen von Chronos eine Mischung aus Drums und Basslines vom externen Dr. Groove, Melodie- und Harmonietracks aus der (seit 2 Boys 4 Love-Zeiten im Einsatz befindlichen) Wavetable-Soundkarte Yamaha DB 50-XG, weiteren Melodie-Tracks und Effekten aus verschiedenen virtuellen VST-Modulen, sowie natürlich klassische Samples und Drumloops aus der Retorte. Um Letztere zu finden, erwarb ich für günstiges Geld ein 8er-Set von CD-ROMs, in dem viele tausend Samples, Loops und Single-Shots aus den diversesten Genres enthalten waren. Absolut keine Profi-Qualität, aber ich konnte mir die eine oder andere Frauenstimme ausleihen und gewinnbringend einsetzen.

Eigenen Input lieferte ich vereinzelt in Form von Cello-Solos, die ich aber deutlich verzerrte und mit Effekten eher unkenntlich machte. Ebenso im Spiel: Zweckentfremdeter Mönchgesang (einmal Enigma, immer Enigma …), sowie ein aus dem Gedächtnis gecovertes Lied aus Lemmings, welches dort – wie ich sehr viel später erfuhr – auch bereits ein Cover aus Shadow of the Beast auf dem Amiga war. Sämtliche Rechte sind nicht geklärt.

Insgesamt sind von 2000 bis 2001 fünf sphärisch-chillige Songs entstanden, plus ein missratener Jungle-Versuch, den ich aber nicht mitzähle. In bester Jean-Michel-Jarre-Manier sind die Titel der einzelnen Songs durchnummeriert und tragen den gleichen Namen wie das Album: Introvert. Okay, man müsste im Grunde von einer EP sprechen. Es ist Musik, die mir noch heute fast überhaupt nicht peinlich ist – im Gegensatz zu unseren früheren »Werken«. Ein bisschen langweilig: ja. Aber definitiv von einer gewissen Zeitlosigkeit geprägt.

Das Musikmachen war damals eine ideale Zeitbeschäftigung im ersten Semester: Ich wohnte alleine, hatte lange Abende zu füllen und machte mir bei einsamen Nachtspaziergängen viele Gedanken über Grooves, die ich mal ausprobieren wollte.

Überhaupt stand bei den meisten meiner Lieder am Anfang eine Rhythmus- oder Groove-Idee. Ich war und bin kein Melodienerfinder. Erst Groove, dann Harmonie, und am Ende dann irgendeine Melodie, damit es sich nicht so leer anfühlt – so ging das bei mir fast immer. Ach ja: Text gab es dann auch noch, zumindest bei den früheren Projekten. Aber mit Text haben wir uns grundsätzlich nie lange aufgehalten.

Mit diesem Absatz schließt sich diese kleine Reihe, die ich mit voller Ignoranz gegenüber meinen Stammlesern geschrieben habe. Es ist meine Art, einen Teil meines Lebens autobiografisch festzuhalten, damit ich es später nicht vergesse. Ich wünsche euch abschließend noch viel Spaß mit Introvert 1 und Introvert 3. Und natürlich dem Hinweis, dass man mein vorzeigbares Gesamtwerk unter der Adresse base-box.de in Form einer ZIP-Datei kostenlos herunterladen kann!

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Als ich Musik gemacht habe, Teil V

Gerrit, 04.09.2011

Neben all den elektronischen und Mainstream-imitierenden Klängen darf eine nicht unwichtige Episode meiner musikalischen Laufbahn nicht verschwiegen werden: Die Mondstaub-Zeit. Nach meinem Abitur ging die Zusammenarbeit mit Kumpel Johannes naturgemäß ihrem Ende zu, und ich startete in einen weitestgehend stressfreien Zivildienst, in dem ich jede Menge Zeit für neue musikalische Horizonte hatte.

Fragt mich nicht. Aber die Reise führte mich zur Liedermacher-Zunft, obwohl ich dieser Musik bis heute überhaupt nichts abgewinnen kann! In meinem Freundeskreis tat sich Dirk aber schon seit einigen Jahren als politisch-lyrischer, ein bisschen christlich angehauchter Liedermacher hervor und spielte – erst alleine, dann mit einer kleinen Combo namens »Mondstaub« – in diversen evangelischen Gemeinden vor sich hin. Kaum gegründet, veränderte sich die Band personell und wollte auch weg vom Christen-Image. Zeit, dass ich da mal nach dem Rechten sah!

Mondstaub bestand in den Jahren 1999 bis Anfang 2001 unter meiner Mitwirkung aus Dirk (Gitarre, Gesang, Songwriting), Michi (E-Bass, Songwriting), Gerrit (Cello) und erhielt perkussive Unterstützung durch Patrick, der jedoch kein festes Mitglied war. Meine Aufgabe war, neben der Klangaufhübschung durch Cello-Begleitung und -Soli, vor allem das Coaching von Frontmann Dirk, der so manches Mal Probleme mit dem Rhythmus und der Metrik seiner eigenen Texte hatte (jaja …). Außerdem kümmerte ich mich um die technische Produktion unserer Studio-Aufnahmen. Wobei »Studio« wieder einmal eine himmelschreiende Übertreibung darstellt: Natürlich fand das alles in diversen elterlichen Haushalten statt, aber durch meine Erfahrung mit 2 Boys 4 Love und Base-Box konne ich auch ohne professionelle Aufnahmetechnik ganz anständige Demo-Qualität erreichen. Die Software machte es möglich!

Mondstaub

Mondstaub spielte insgesamt träumerische und teilweise herzschmerzverursachende Musik mit starkem Schwerpunkt auf deutschen Texten. Intellektueller als die peinlichen Sachen von PUR, weniger verschlüsselt als Blumfeld, bodenständiger als Tocotronic, aber grundsätzlich irgendwo dazwischen. Wir haben uns sogar eine eigene Musikrichtung für uns ausgedacht: Fachwerk. Hat nie einer näher nachgefragt ;-)

Wie es sich für eine amtliche Hobbyband gehört, gab es trotz der kurzen Zeit, die wir miteinander haten, eine EP mit sechs vollwertigen Titeln: »Verlorene Träume«. Auf fünf Liedern ist Patrick mit seinem Schlagzeug zu hören, wobei der Clou darin bestand, dass er niemals mit uns geprobt hatte, und wir seine Soundspur trotzdem als erstes aufgenommen hatten. Er konnte also nur eine grobe Ahnung davon haben, was er da eigentlich spielte; Songstruktur, Tempo und Grundstimmung hatten wir ihm in einem kurzen Briefing mitgeteilt, den Rest hat er ins Blinde improvisiert. Die Drum-Aufnahmen dienten uns dann als Grundlage für die weiteren Spuren: Gitarre, Gesang, Bass und Cello. Alles einzeln in Cubasis aufgenommen, dann noch minimal abgemischt und mit Hall versehen: Fertig! Sehr garagig. Im Grunde wäre Mondstaub tatsächlich ein ideales Anwendungsfeld für die Apple-Software GarageBand gewesen, doch selbstverständlich war anno 2000 daran noch nicht zu denken. Ich war ja froh, dass mein Rechner genügend Festplattenspeicher und CPU-Power hatte, um die ganzen unkomprimierten Tracks gleichzeitig zu speichern und abzuspielen. Ich meine mich allerdings zu erinnern, dass ich Gesang und Gitarre vor der Aufnahme durch ein eigens erworbenes Hallgerät geschickt habe, um Rechenzeit zu sparen. Verrückt!

Beim ersten Lied (»Wir wagen es nochmal«) mussten wir leider auf Patricks Perkussions-Performance verzichten, und ich bastelte (ohne jegliche Erfahrung am echten Schlagzeug) die Drums per MIDI-Soundkarte hinzu. Sie klingen völlig anders als bei den anderen Stücken, allerdings nicht unbedingt schlechter. Man würde sagen: poppiger und exakter. Und steriler, natürlich.

Mit diesem zusammengestückelten Erstlingswerk wagten wir es nun, uns beim jährlichen Würzburger Festival »Umsonst & Draussen« zu bewerben (nachdem wir bereits Anfang Juni 2001 einen ersten Auftritt im Würzburger Omnibus selber organisiert hatten). Wir konnten auf dem U&D schon die Jahre zuvor erste Erfahrungen als Straßenmusiker sammeln (in der »offenen Stunde«), doch dieses Mal wollten wir offiziell auf die Bühne, egal wie klein. Und was soll ich sagen? Es hat tatsächlich geklappt! Ich weiß nicht mehr ganz exakt, wie es war, aber eine Performance von Mondstaub auf dem U&D im Sommer 2001 markierte den Höhepunkt unserer bescheidenen Karriere. Im Zelt war die Stimmung insgesamt positiv, wenn auch keine gigantische Mengen an Zuhörern vor Ort war. Wir waren trotzdem zufrieden, wenn wir uns auch ein wenig wie Betrüger fühlen, denn wir sahen uns gar nicht als echte Rockband, schon gar nicht im Vergleich zu dem Niveau, welches die anderen Band auf dem Festival vorlegten. Aber wir hatten eine Menge Fans, die sich in erster Linie aus persönlichen Freunden zusammensetzen. Gut für unseren dritten richtigen Live-Auftritt, welcher im Herbst 2001 im Schweinfurter Stattbahnhof über die Bühne ging!

Beim dortigen Band-Contest waren wir zwar, objektiv betrachtet, die mindestens zweitschlechteste Gruppe, doch unsere mitgebrachten Freunde verhalfen uns zum begeistertsten Applaus aller Teilnehmer. Dass das die Jury letztlich nicht interessierte, war aber nur fair und richtig: Wir hätten auch gar nicht so recht gewusst, was wir im Falle eines Gewinns angestellt hätten, denn danach ging alles relativ flott; Ich zog nach Mainz, um dort zu studieren, Dirk wurde Lehrer, und Mondstaub bleibt heute nicht viel mehr als eine schöne Erinnerung in meiner Übergangszeit zwischen Schule und Designkarriere.

Wir hören nun zum Abschluss »Wir wagen es nochmal« (das Lied mit den MIDI-Drums):

Und: »Sie hat Schluss gemacht«, einer der ersten gemeinsamen Songs, den ich übrigens ein paar Wochen später – relativ respektlos – für Base-Box gecovert habe.

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Als ich Musik gemacht habe, Teil IV

Gerrit, 14.05.2011

Während der lustigen, aber letztlich nicht nachhaltig der Rede werten Zeit als 2er-Boyband 2 Boys 4 Love dachten Johannes und ich immer öfter daran, dass wir das selbstgewählte Korsett, eine waschechte Boyband imitieren zu müssen, eigentlich baldmöglichst sprengen mussten! Die lächerliche Maskerade und die latent-heimliche Hoffnung, doch noch zu The Dome eingeladen zu werden, wurden weniger wichtig. Gleichzeitig merkten wir, dass das Musizieren an sich unglaublich viel Spaß machte – unabhängig von einem aufgesetzten Teenieschwarmkonzept. Wir wollten nicht immer singen müssen, sondern auch mal instrumentale Stücke bringen. Oder jemand singen lassen, der das besser kann als wir. Oder mal mit Jochen Thoma zusammenzuarbeiten, der heute professionelle Funkmusik macht, und damals schon geile Stromgitarrensoli drauf hatte. Sprich: Wir wollten die Schublade verlassen und intelligentere, variantenreichere Popmusik machen.

Direkt nach Fertigstellung des letzten Songs für das erste und einzige 2B4L-Album machten wir also quasi übergangslos weiter mit dem ersten Song für unser neues Musikprojekt »Base-Box«. (Es gab bei uns übrigens keinen Ausschuss – alles, was wir produzierten, kam aufs Album!) Das muss dann ungefähr Anfang 1998 gewesen sein. Und interessanterweise mischte bei fast jedem der Stücke, die in den nächsten Monaten entstanden, ein anderer Gastmusiker mit: Wir hatten zwei charmante Sängerinnen (Karo mit eher klassischer Ausbildung, Yoyo ist heute bei big.fm zu hören – wenn auch »nur« als Moderatorin), und die Musik wurde definitiv immer professioneller und variantenreicher.

Softwaretechnisch konnten wir nun endlich auf einigermaßen synchrone Weise MIDI-Spuren und samplebasierte Spuren gemeinsam im Sequenzer abspielen, waren also nicht mehr auf die eher uncoolen MIDI-Drumsounds der XG-50 beschränkt, sondern konnten – das wichtigste Novum – sogar schmutzige Drumloops bauen. Dazu gab es ein aus heutiger Sicht lächerlich simples Loop-Arrangement-Programm, das man nach Wunsch mit eigenen Samples bestücken konnte. Und da kam mir ein weiteres Stück Software sehr gelegen, nämlich ein Basedrum-Generator, bei dem man diverse Zeit- und Frequenzwerte numerisch in Masken eintragen konnte, und damit die fettesten Bassschläge generieren konnte. Diese dann in den Drumloop-Generator eingespielt, mit Snares und Hihats aufgemotzt, und dann als loopfähiges Fragment in den Sequenzer. Zu dieser Zeit sind wir dann auch so langsam auf Cubasis umgestiegen, und hatten also nun vier mögliche Klangquellen: Selbstgebaute Drumloops als groovende-Basis, Fertige Samples von Sample-CDs (die wir aber nur selten verwendet haben), Melodie- und Harmonieinstrumente aus der MIDI-Soundkarte und natürlich Mikrofonaufnahmen von Gesang und live gespielten Instrumenten.

Die Sache mit den Instrumenten ging dann sogar soweit, dass wir ein Stück mit einem Streichorchester aufgenommen haben, nämlich »Cold as Ice«, welches von Yoyo komponiert wurde und eigentlich nur für Gesang und Klavier gedacht war. Wir haben daraus eine recht coole Triphop-Nummer gemacht mit einem Akustik-Drumloop, den ich auf einer Gratis-Sample-CD gefunden hatte und noch mit kräftigeren Basedrums aufgemotzt habe, und einem Streicherarrangement, welches wir mit dem Orchester der Musikschule Würzburg aufgenommen haben. Dazu ein bisschen LoFi-Plattennadelkratzen – glücklich ist das Triphop-Herz.

Andere Songs kommen mit 80er-Jahre-Gitarrensoli daher oder orientieren sich stark an Robert Miles Dreamdance-Stil, aber nicht ohne am Ende eine Akkord-Folge von Gustav Holst zu klauen. Es gab sogar ein Stück mit Vocoder-Stimme, wofür ich ein dahergelaufenes Kommandozeilentool zur Verschmelzung der beiden Klangquellen eingesetzt habe. Verrückt! Man kann sehen, wir haben ganz schön viel ausprobiert, ohne jedoch jemals den Pfad des Pop zu verlassen: Disharmonische oder wirklich experimentelle Klänge lagen uns fern. Wir wollten immer, dass unser Zeug gut ins Ohr ging.

Die Vermarktung unserer Lieder habe ich in dieser Zeit übrigens bereits ausschließlich im Internet vorangetrieben – absolut wegweisend, wenn ich das mal unbescheidenerweise sagen darf. Es verging damals kaum ein Monat, an dem nicht eine neue Website aus dem Boden gestampft wurde, bei der Hobbymusiker wie wir ihre Produktionen hochladen konnten. Die Vorgänger von Myspace und Soundcloud, gewissermaßen. Neben mp3.com gab es selbstredend mp3.de, aber auch Vitaminic, Uptrax, BeSonic, Virtual Volume, Callasong und andere! Wir waren überall! Und auf jeder Plattform wollte ich alle bisher entstandenen MP3-Dateien hochladen. Damals. Mit 65k-Modem und teuren Zeittarifen – ein Riesenspaß, wenn man pro Song 20 Minuten Upload-Time einrechnen musste! Immerhin: zusammengerechnet einige Tausend Leute haben sich das Zeug angehört, und von mp3.com haben wir sogar einmal einen Scheck über 5 Dollar per Post erhalten – es gab damals im Zuge der ersten Internetblase eine Art Vergütungsmodell für populäre Bands. Das waren noch Zeiten!

Jedenfalls haben wir es geschafft, ein weiteres komplettes Album zusammenzustellen, welches wir mit Street Symphony betitelten, und das auch aus heutiger Sicht nicht so furchtbar schlimm ist, wenn man es sich anhört. Doch unsere gemeinsame Zeit als Musikgruppe näherte sich nach meinem Abi trotzdem dem Ende: Zivildienst und Studiums-Bewerbung ließen kaum Gelegenheit für weitere gemeinsame Späße – eigentlich schade!

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Als ich Musik gemacht habe, Teil III

Gerrit, 29.01.2011

Die historische Betrachtung meiner Hitproduzenten-Tätigkeit geht weiter! Nach den ersten Technik- und Klangexperimenten unter den Projektnamen DJ Skydancer und Unknown Future war es nun an der Zeit, massenkompatible Popmusik zu produzieren, um reich und berühmt zu werden. Im Herbst 1996 blieb einem damals 17-jährigen Gerrit also kaum etwas anderes übrig, als eine Boygroup zu gründen – der Zeitgeist erforderte es. Zusammen mit meinem Schulkollegen Johannes ersannen wir auf Kinderbetreuungs- und Klassensprecherfahrten die Idee einer Zwei-Mann-Boygroup mit dem Namen 2 Boys 4 Love, die ebenso eingängige Songs herausbringen sollte wie Caught In The Act. Als Gerry und Joey wollten endlich auch wir zehntausende weibliche Fans haben!

2 Boys 4 Love

Warum gerade CITA? Es gab damals doch auch schon die wesentlich besseren Backstreet Boys! Nun, die BSB hatten mit [Max Martin)] einen wirklich genialen Produzenten am Start, der die meisten Songs geschrieben und produziert hatte. Und der gesamte Sound von Max Martin war so kraftvoll und neuartig, dass wir ganz genau wussten, dass wir das technisch niemals hinbekommen würden. Caught In The Act hingegen erschien uns sehr leicht zu imitieren: Billige Plastikpopnummern, mittelmäßiger Gesang – das waren realistische Ziele!

Das mit dem Gesang stellte sich übrigens als große Herausforderung dar! Zwar beherrschte mein damaliger Billig-Sequenzer Orchestrator Plus auch bis zu zwei Audiospuren, die halbwegs synchron zu den MIDI-Spuren abgespielt werden konnten (wenn mein Pentium-60 es nicht ab und zu verbockt hätte…), doch der Gesang musste halt trotzdem irgendwie performt werden. Sowohl Johannes als auch ich waren jedoch eher mittelmäßige bis grottenschlechte Sänger, und die Sache mit dem Auto-Tune gab es erst ein paar Jahre später. Unsere Lösung war: Manuelle Nachbearbeitung! Kein Witz: Stundenlang saßen wir da und haben im CoolEdit einzelne missratene Töne um bis zu 10% rauf- oder runtergepitcht.

Was die Songs angeht, war die Devise: 100% selbstgemacht! Es gab keinerlei Coverversionen oder Samples, sondern ausschließlich MIDI-Klänge (siehe Teil II), schlechter Gesang, peinlicher Rap und ab und zu ein Violinen- und Cellosolo, denn das waren die Instrumente, die wir beherrschten. Insgesamt entstanden neun vollwertige Pop-Songs, von denen ich behaupte, dass sie rein songwriterisch gar nicht so übel waren, wenn man bedenkt, dass wir das als Teenager nebenher selber zusammengestrickt haben – ohne Sampledatenbank und fertige Versatzstücke. Wir kannten jeden einzelnen Rimshot, weil wir ihn mit der Maus im Sequenzer an seine Stelle gesetzt haben. Insbesondere Johannes war ein Meister auf dem Sequenzer-Klavier: Er hat Arrangements zusammengeklickt, die kein normaler Mensch mit weniger als 20 Fingern auf einem Masterkeyboard hätte einspielen können!

Unsere Zusammenarbeit sah ungefähr folgendermaßen aus: Wir komponierten beide jeweils unabhängig unsere Songs im MIDI-Sequenzer, und setzten uns dann mit den rohen General-MIDI-Daten (auf Diskette mitgebracht) an meinen Rechner, weil er die bessere Soundkarte hatte, an der man mehr feintunen konnte. Dann schraubten wir gemeinsam an den Klängen und nahmen Gesang oder Instrumente auf – mit zwei unterschiedlichen Kondensator-Mikrofonen, die wir mangels Ständer gerne an ihren Kabeln von der Zimmerdecke baumeln ließen. Naja.

Es entstand so über den Zeitraum von zwei Jahren immer ein Stück nach dem anderen, bis wir dann irgendwann aus dem Boygroup-Schema ausbrechen wollten (dazu später mehr). Wirklichen Erfolg hatten wir eh nicht – Bertel Büring hat mir freundlich, aber bestimmt zu verstehen gegeben, dass unsere Kunst zu trashig war, um im lokalen Radiosender »Radio Gong« gespielt zu werden. Recht hatte er!

2 Boys 4 Love live

Bis heute ist mir nicht ganz klar, mit welchem Selbstverständnis wir 2 Boys 4 Love betrieben haben. Einerseits war es ein Spaß unter Freunden – ein Teenager-Gag. Doch es war auch mehr als das, sonst hätten wir nicht soviel Arbeit und Energie reingesteckt (Tanz! Choreographie! Headset-Attrappen aus Strohhalmen für Vollplayback-Auftritte!). Die Hoffnung, als echte Boygroup entdeckt und ordentlich produziert zu werden, war immer irgendwie präsent, wenn auch nur unter der Oberfläche. Insgesamt war es leicht, sich ironisch als Trash-Persiflage zu präsentieren, weil man sich ohne Gesichtsverlust darauf zurückziehen konnte. Dennoch …

Zum Abschluss hört ihr natürlich noch zwei Werke von 2 Boys 4 Love. Zunächst der allererste Song, mit dem alles begann: Love Is On My Mind

Und dann das letzte Werk aus dieser Reihe, welches produktionstechnisch das Maximum darstellt, was wir mit unserer Hard- und Software leisten konnten – That Thing Called Love

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Als ich Musik gemacht habe, Teil II

Gerrit, 05.09.2009

Vor einigen Wochen berichtete ich bekanntlich von meinen blutigen Anfängen in der glorreichen Disziplin der Musikproduktion. Nach diesen höchst umständlichen ersten Übungen merkte ich bald, dass man für bequemes Arbeiten unbedingt eine »MIDI-Soundkarte« benötigte.

Dazu muss man erläutern, dass der Ausdruck »MIDI-Soundkarte« natürlich Quatsch ist, weil jede Soundkarte prinzipiell MIDI-fähig ist, denn es handelt sich dabei ja nur um ein Software-Protokoll. Was ich damals gemeint hatte, waren Soundkarten, die sample-basierte Klänge eingebaut hatten und deutlich realistischere Töne von sich gaben als die piepsigen AdLib-Klänge, die man von den damaligen PC-Computerspielen so gewohnt war. Meine erste samplebasierte Soundkarte war ein Billigmodell für 100 Mark aus dem Vobis, doch die wurde bald gegen eine Yamaha DB-50XG ausgetauscht. Das besondere an diesem Stück Hardware: Es handelte sich um ein sogenanntes Daughterboard – eine Zusatz-Soundkarte, die man über eine spezielle Steckverbindung mit einer Mittelklasse-Soundblaster-Karte kombinieren konnte, und die deren MIDI-Klangfähigkeiten deutlich verbesserte.

Die DB-50XG tönte wirklich unfassbar gut für meine damaligen, bescheidenen Verhältnisse. Das tollste daran: Man konnte die Klänge sogar über MIDI-Events filtern und so ein wenig an der Charakteristik der Sounds schrauben. Gut, dass mir mein Vater etwa zur gleichen Zeit ein (tatsächlich) professionelles Master-Keyboard schenkte, ein Roland PC-200 MKII für fette 700 Mark, welches neben anschlagsdynamischen Tasten auch zwei oder drei MIDI-Regler besaß, mit denen man die Filter triggern konnte. Kleine Anekdote: Damals hat man MIDI-Keyboards oft über den Gameport des Rechners angeschlossen, der wiederum sehr häufig auf der Soundkarte des Rechners saß. Verrückte Zeiten!

Auf Software-Seite arbeitete ich mit sehr einfachen Sequenzer-Programmen wie MIDI Orchestrator plus, die zwar absolut nicht mit Logic oder Cubase vergleichbar, jedoch immerhin einfacher zu bedienen waren. Und natürlich bei Auslieferung der Soundkarten mit dabei! Und damit konnte eigentlich mein zweites Musikprojekt an den Start gehen. Ich habe ja schon darauf hingewiesen, dass mit jedem technischen Meilenstein eine Umbenennung des Produzenten einherging. In diesen paar Monaten im Jahr 2006 1996 nannte ich mich »Unknown Future«. Einfach, weil es cool klang und so.

Bezeichnend für diese Schaffensperiode waren rein instrumentale Songs, die ausschließlich aus den Klängen der besagten Yamaha-Soundkarte bestanden. Und weil hierauf leider keine amtlichen 909er-Percussions zu finden waren (damn!), ist der Sound deutlich weniger dancefloorig als bei den früheren Tracks, auch wenn ich natürlich trotzdem stets versucht war, jedes Klische der damals aktuellen Mucke möglichst originalgetreu zu imitieren.

Interessanterweise boten spätere Versionen der primitiven MIDI-Sequenzer sogar die Möglichkeit, eine oder zwei Spuren für Sample-Dateien zu benutzen. Somit hätte ich theoretisch fette und amtliche Drumloops einsetzen können. Da ich jedoch nichts von der Existenz von Drumloops wusste, und mein Pentium-60 außerdem zu langsam war, um die MIDI-Spuren und die Sample-Spuren ordentlich synchron abzuspielen, beschränkten sich die Samples auf vereinzelte »Yea!« und »Dance!«-Rufe in zwei oder drei der »Unknown-Future«-Tracks.

Inzwischen schreiben wir das späte Jahr 1996, und just zur Begrüßung des nächsten Jahres schrieb ich dann noch das folgende Meisterstück zeitgeistiger Programm-Musik: Welcome to 97

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