praegnanz.de büro für intervernetzte medien

Unser Weblog

Gerrit macht sich frei – Teil 5: Das erste Jahr

Gerrit, 30.09.2008

Ein Jahr selbstständig, wer hätte das gedacht? Nun, ich eigentlich schon, denn wenn ich nicht die Aussicht gehabt hätte, mindestens ein Jahr durchzuhalten, hätte ich den Sprung nicht gewagt. So aber ist es zu einer der besten Entscheidungen geworden, die ich in meinem Leben getroffen habe. Und das kann ich ja wohl beurteilen, oder?

Das erste, was ich bei meinem kleinen Rückblick machen möchte: Mich bei allen Kunden bedanken, die an mich geglaubt haben. Und ihnen ein Lob aussprechen: Es war toll mit Euch! Ich hatte das seltene Glück eines Freiberuflers, dass kein einziges meiner Projekte über eine direkte Akquisetätigkeit zustande gekommen ist. Stets ward Ihr es, liebe Kunden, die auf mich zugekommen seid und schon vor Projektstart auf mich und meine Leistung gezählt habt. An dieser Stelle möchte ich insbesondere Sascha und Wolfgang hervorheben, die bereits Wochen vor dem offiziellen Start meiner Tätigkeit verbindliche, mittelgroße Aufträge gebucht haben, was mir sehr über die erste Unsicherheit hinweggeholfen hat!

Was ich falsch eingeschätzt habe

Es gibt unheimlich viele Angebote, kurzfristig für mehrere Monate in anderen Städten zu arbeiten, um ein großes Projekt gemeinsam mit anderen zu stemmen. Ich weiß nicht, wie andere Freiberufler das anstellen, aber ich konnte so etwas aus logistischen Gründen bisher niemals wahrnehmen, obwohl ich nicht grundsätzlich etwas dagegen hätte. Ich denke, wenn man in dieser Form als Freelancer arbeitet, darf man größtenteils wirklich nichts anderes machen. Ich ziehe es jedoch eigetlich vor, auch in meinen eigenen Räumlichkeiten zu arbeiten und eigene Kunden zu haben.

Dennoch habe ich im letzten Jahr auch einige Aufträge von Agenturen wahrgenommen, bei denen ich aber stets sichergestellt habe, dass ich keine Präsenzzeiten habe und auch sonst relativ eigenverantwortlich tätig bin. Ich liebe meine neu gewonnene Freiheit, weiß aber auch zu schätzen, wenn andere Leute den Kundenkontakt mit doofen Kunden übernehmen :-)

Feste Anstellungsangebote habe ich bisher immer dankend abgelehnt, obwohl da schon einiges dabei war, was mir vielleicht Spaß gemacht hätte. Aber will ich ins stinkende Berlin ziehen? Natürlich nicht.

Was ich richtig eingeschätzt habe

Mir macht Verwaltung Spaß. Und ich wusste, dass es kein Hexenwerk sein würde, das alles selber zu machen. Ich liebe es, den Überblick über die Finanzen zu haben, monatlich meine Spreadsheets auszufüllen, die Rechnungen zu schreiben und zu bezahlen, die Umsatzsteuer auszurechnen, das Geld für die Einkommensteuer auf dem Tagesgeldkonto zu horten.

Allein das wäre für mich ein Grund, keine GmbH zu gründen: Denn in diesem Falle wäre alles viel komplizierter und müsste einem Finanzbüro übergeben werden. So bin ich autark und immer bestens über mein Geld informiert. Über die vielen Unkenrufe von damals kann ich heute nur lächeln: Als Deutschlands Diszipliniertester Designer® weiß ich, wo ich mein Handtuch habe.

Im Ernst: Mein täglicher Arbeitsablauf ist wahrscheinlich strenger als der eines Angestellten. Ich komme zwischen 8.45 und 9 Uhr ins Büro und fange sofort mit E-Mails und Feeds an. Von 13 bis 14 Uhr ist Mittagspause bei SubWay, BurgerKing oder dem Bahnhofsasiaten. Und spätestens um 18:30 Uhr habe ich meine Sachen gepackt und bin auf dem Weg nach Hause. Ich brauche diese Regelmäßigkeit, weil sie mir hilft, den Shit done zu getten. Da ich mich nicht als kreativen Schöngeist, sondern eher als digitalen Ingenieur betrachte, klappt das wunderbar. Und die Abende mit Frau und Freunden sind ebenfalls unberührt. (Abgesehen davon habe ich auch schon im Studium nach 9 Uhr abends nichts mehr auf die Reihe bekommen…)

Was ich gelernt habe

  • Zeit ist Geld. Wenn mir die spontane Anschaffung einer 80-Dollar-Software langes Rumfummeln und Testen mit unausgegorenen Open-Source-Tools erspart, lohnt sich das.
  • Dienstleistungen kosten Geld. Seit einem Jahr zahle ich deutlich bereitwilliger für Automechaniker, Friseure und andere Selbstständige. Wir sind alle im selben Boot, Brüder!
  • Ein Conrad-Laden in Spuckweite des Büros ist enorm praktisch, wenn spontan die Peripherie abraucht!
  • Ich bin ein besserer Menschenkenner als ich dachte. Irgendwie weiß ich meist schon nach einem kurzen Telefonat, welche Art von Website dem Kunden gefallen würde. Oder weiß der Kunde schon vorher, was für Arten von Websites ich mache?
  • Zeiterfassung ist gar nicht so schlimm, wenn man niemandem Rechenschaft schuldig außer einem selbst. In der Agentur habe ich es gehasst. Mit mite macht’s Spaß, meine eigenen Stats zu erstellen und anzugucken.
  • Lieber großzügiger mit Zeiten kalkulieren und dann einen kleineren Stundenlohn berechnen. Meist bin ich schneller als erwartet und freue mich über Extra-Kohle. Pschologisch wichtig.
  • Kunden mögen Leute, die Klartext reden mehr als Leute, die ihnen in den Arsch kriechen. Zumindest solche Kunden, mit denen man auch zusammenarbeiten möchte.
  • Kundenbesuche sind überbewertet. Ich komme größtenteils ohne aus – Telefon, Skype und Screensharing machen’s möglich! Und falls doch mal, dann empfehle ich Tapas-Bars: Mag jeder, und man kann sich gut während des Essens unterhalten.
  • Jeden Kunden höflich fragen, ob eventuell ein festes Budget für das geplante Projekt eingeplant ist. Erspart Missverständnisse.
  • Immer eine Liste mit befreundeten Freiberuflern parat haben, die ähnliche Fertigkeiten besitzen wie man selbst. Wenn man gerade keine Kapazitäten frei hat, freuen sich sowohl Kunde als auch Kollege!
  • Die meisten meiner Website-Projekte kosten zwischen 1.600 und 4000 Euro.

Mein Setup

Ich weiß, dass die Techies unter meinen Lesern gerne wissen wollen, wie mein technisches Setup derzeit aussieht. Here we go:

  • MacBook Core Duo (1st Gen) für unterwegs und im Büro. Ja, das ist immer noch das von der Spendengala.
  • 1600×1200 formac Bildschirm im Büro, verbunden über DVI. MacBook im Büro stets geschlossen – ein Screen reicht völlig!
  • Uralte macalley-Tastatur und billige 10-Euro-Maus
  • brother MFC-210C Scanner-Drucker-Kombi
  • Time Capsule 500GB, per Funk mit dem Mac verbunden. Backups um 13 und 17 Uhr.
  • Drobo (1st Gen) mit 2×750GB als Archivplatte, bisher kaum benutzt
  • Meistbenutzte Software: Safari, Mail, Textmate, Firefox, Photoshop CS3, Transmit, Stickies, MAMP, NeoOffice, Pages, Adium, Skype, Twitteriffic, WriteRoom

Ich träume ab und zu davon, mir einen iMac für’s Büro und einen EEE-PC für unterwegs zu kaufen. Aber eigentlich weiß ich, dass ich mir eh wieder ein MacBook kaufen werde, weil dies alles in einem vereint und der beste und preiswerteste Kompromiss aus allen Welten ist.

Zahlen, Daten, Fakten

  • Gesamte Arbeitszeit vom 01. Okt 07 bis 30. Sep 08: 1143.58 Stunden
  • Durchschnittlich pro Arbeitstag (230 von insgesamt 366 Tagen): 4.97 Stunden
  • Durchschnittlich pro Arbeitswoche (50 von insgesamt 53 Wochen): 22.87 Stunden

Mite-Zahlen

Wie es weitergeht

Zurzeit arbeite ich an mehreren Projekten – manche spannend, andere weniger spannend. Über manche darf und will ich gar nicht reden. Auf jeden Fall ist derzeit nicht abzusehen, dass es anders weitergeht als in den vergangenen 12 Monaten. Und ich freue ich darüber, denn mit dem, was ich derzeit tue, komme ich meinem Traumjob schon ganz schön nahe! Fehlt nur noch eine komplett grüne Wand im Büro mit einem coolen praegnanz.de-Schriftzug drauf und ein Praktikant, die sich in Sachen IE6 super auskennt.

Kommentare [47]

Gerrit macht sich frei – Teil 4: Die Faxnummer

Gerrit, 16.08.2007

An sich ist es tragisch, dass man im Jahr 2007 noch papierbasierte Transaktionen durchführen muss. Aber bis das mit der rechtlichen Anerkennung von E-Mails soweit ist, sollte die faxtechnische Erreichbarkeit eines Unternehmens (egal, wie klein) immer noch gegeben sein.

Gerrit frei fax

Somit dachte ich kurz nach und re-aktivierte kurzerhand meinen guten, alten web.de-Account, den ich einst im Jahre 2002 oder 2003 stillgelegt hatte. Unfassbar, es war alles noch da, sogar meine kuschelige, kostenlose Faxnummer, auf der ich nun jede Menge überteuerte angemessen kalkulierte Angebote von frischgebackenen Kunden bestätigt bekommen werde. Sehr schön. Natürlich erhalte ich Faxnachrichten als Dateianhang direkt an meine richtige E-Mail-Adresse weitergeleitet, so dass es für mich keinerlei Kosten oder Mehraufwand bedeutet – ein feiner Service!

Ob ich jemals ein Fax versenden werde, ist die Frage. Einen tollen kostenlosen Dienst habe ich dafür auf jeden Fall gefunden: Unter simple-fax.de kann man ein PDF mit bis zu fünf Seiten raufladen und unkompliziert durchfaxen lassen.

Wer möchte mir gerne ein Testfax zukommen lassen, damit ich dieses web.de-Dingens mal so richtig überprüfen kann? Die Nummer ist 01212.510666837. Die lustigsten Faxe werde ich direkt hier veröffentlichen – quasi als Papierkommentar mit Verzögerung. Das moderierte Kommentare veröffentlichen ist ja eh gerade en vogue. Aber ich schweife ab.

Erstes Fax:

Fax an Gerrit

Zweites Fax:

Fax 2

Kommentare [46]

Gerrit macht sich frei – Teil 3: Die steuerliche Erfassung

Gerrit, 28.07.2007

Gerrit und das Finanzamt

Ja, ich kann es bestätigen: Selbst das Finanzamt nutzt inzwischen moderne Kommunikationsformen wie beispielsweise E-Mail. Zumindest das Finanzamt Hofheim am Taunus. Nachdem ich vorletzte Woche formlos per Mail angekündigt habe, mich selbstständig zu machen, kam zwei Tage später schon ein dicker Umschlag mit diversen Unterlagen, die sich um die steuerliche Erfassung, vor allem im Sinne der Umsatzsteuervoranmeldung drehten. So richtig verstanden habe ich den Kram zwar noch nicht, aber offenbar muss ich jeden Monat per lustiger Elster-Software meine aktuellen Einnahmen und Ausgaben angeben. Da ich den Behörden im Allgemeinen vertraue, lasse ich mich sogar auf eine Einzugsermächtigung ein.

Komplizierter war da schon der vierseitige Fragebogen, vor allem, als es um die Frage nach dem geschätzten Umsatz im Laufenden und im nächsten Jahr ging. Wie soll ich das nur beantworten? Ich habe dann einfach ganz blöde mein aktuelles Gehalt hochgerechnet, zehn Prozent draufgeschlagen und mutig ausgefüllt!

Wichtig ist offenbar, dass man die Versteuerung nach dem Zuflussprinzip regelt, dass heißt: Steuern werden nur dann gezahlt, wenn das Honorar für meine Aufträge auch auf dem Konto angekommen ist, nicht etwa direkt nach Rechnungsstellung! Sollte für Freiberufler kein Problem sein – anders wäre es mehr als unfair!

Eine Umsatzsteuer-Identifikationsnummer habe ich mir auch mal geben lassen, denn das soll notwendig sein, wenn man Aufträge aus dem Ausland annimmt. Könnte ja auch mal vorkommen. Was es allerdings mit der Dauerfristverlängerung für die Abgabe der Umsatzsteuer-Voranmeldung auf sich hat, kann ich absolut nicht sagen. Ich habe das dann einfach mal beantragt, weil es gut klingt!

Generell war dieser Fragebogen für mich schon ein wenig kniffeliger als der Fragebogen des KSK. Andererseits bin ich bei beiden Behörden ja sehr zeitig dran und werde hoffentlich etwaige Fehler beim Ausfüllen noch rechtzeitig mitgeteilt bekommen. Mal sehen!

Kommentare [37]

Gerrit macht sich frei – Teil 2: Der/die Nachfolger/in

Gerrit, 25.07.2007

Gerrit macht sich frei 2

Obwohl ich rechtzeitig die offizielle Kündigung einreichen werden, will ich natürlich meinen jetzigen Arbeitgeber 3st kommunikation nicht im Regen stehen lassen – und da heute das Jobgesuch auf der Website veröffentlicht wurde, hier auch nochmal ein Posting zur Verstärkung. Es wird ein Nachfolger gesucht, und zwar so:

Zur Stärkung unserer New-Media-Unit suchen wir ab Mitte September 2007 einen praxiserfahrenen, hoch motivierten Webdesigner. Wir legen großen Wert auf semantischen XHTML-Quellcode, browserkompatibles CSS und unaufdringliches JavaScript. Webstandards, Usability und Barrierefreiheit sind wichtige Komponenten unserer täglichen Arbeit. Sie sollten darüber hinaus ein sehr gutes Design- und Typografieverständnis mitbringen und einige Erfahrung in der Projektleitung vorweisen können. Zusätzlich punkten können Sie mit Kenntnissen in Flash und Actionscript, sowie serverseitigen Scriptsprachen und Frameworks wie PHP oder Ruby on Rails.
Sie sind ein Teamplayer und im Netz zu Hause? Sie setzen sich mit aktuellen Trends und Techniken auseinander und haben bereits Erfahrungen in der Konzeption und Umsetzung von Websites und Webanwendungen gesammelt? Dann freuen wir uns auf Ihre Bewerbung. Bitte senden Sie Ihre aussagekräftigen Bewerbungsunterlagen inklusive Gehaltsvorstellung an Herrn Thilo Breider.

Soweit, so gut – wer sich angesprochen fühlt, melde sich doch einfach mal unverbindlich. Es sei selbstverständlich angemerkt, dass ich keinerlei Groll oder sonstwas gegen 3st hege – im Gegenteil: Es ist wahrscheinlich die angenehmste Art und Weise, in einer Agentur zu arbeiten, die man sich denken kann: Sehr nette und kompetente Kollegen, ein hervorragendes Betriebsklima und stets aktuelle Soft- und Hardware! Von daher: Wir freuen uns auf eure/Ihre Bewerbung!

Und ja – bevor das Thema aufkommt: Ein technischer Relaunch der 3st-Website ist seit Monaten in Arbeit und muss nur noch finalisiert werden. Ihr wisst ja, wie das manchmal ist!

Kommentare [5]

Gerrit macht sich frei – Teil 1: Die Künstlersozialkasse

Gerrit, 20.07.2007

Heute abend habe ich schon mal den Fragebogen der Künstlersozialkasse ausgefüllt und versandfertig gemacht. Die KSK ist eine staatliche Einrichtung, die quasi zwischen meiner Krankenkasse und mir geschaltet ist und die Hälfte der Beiträge dazu gibt (ähnlich wie der Arbeitgeber), nur dass das Geld teilweise vom Bund bezuschusst wird. Ist etwas kompliziert.

Gerrit und die KSK

Wichtig nur: Man kann eine Menge Geld sparen. Blöd nur: Hinein kommt man nur, wenn man entweder künstlerisch oder publizistisch tätig ist. Wie man das wiederum genau definiert, ist sehr dehnbar. Der Fragebogen dient nun dem Zweck, dies herauszufinden. Sollte ich als Künstler oder Publizist eingestuft werden, ist die KSK Pflicht für mich. Falls nicht, darf ich eben nicht mitspielen und muss mich anderweitig umgucken. In letzterem Falle werde ich mich dann wohl privat versichern.

Doch ich will definitiv prüfen, ob ich KSK-tauglich bin und rechne mir auch gar keine üblen Chancen aus – schließlich habe ich ein Diplom als Designer (= Möchtegernkünstler) und kriege manchmal Geld fürs Bloggen (publizistische Tätigkeit)! Außerdem sind die Websites, die ich machen werde, völligst künstlerisch, klar.

Der Fragebogen an sich ist viel harmloser als befürchtet. das Ausfüllen dauert etwa eine Stunde (6 Seiten), und das Zusammenstellen und Kopieren von Beweismaterial (z. B. beispielhafte Rechnungen, die ich im letzten Jahr geschrieben habe, oder Honorarvereinbarungen mit Verlagen etc.) nochmal eine Stunde. Übrigens: Unverzichtbar für’s Home-Office ist ein Multifunktionsgerät mit Kopierfunktion, wirklich Gold wert!

Eine Frage, die sich mir stellt: Warum wird einem nahe gelegt, frühere Projekte von sich als Beweis einzureichen, wenn man doch erst Mitglied werden will? In meinem Falle kann ich glücklicherweise einige Nebenbei-Projekte angeben, wie den c’t-Artikel über Freefonts, aber normalerweise kann man das doch erst machen, wenn man schon einige Wochen oder Monate als Freier am arbeiten ist. Seltsam.

Bleibt nur noch die Frage, ob es okay geht, mich fast ein Vierteljahr vor Beginn meiner Tätigkeit als Freiberufler anzumelden – aber eigentlich ist es nur logisch, denn laut Erfahrungsberichten dauert die Bearbeitung des Fragebogens auch locker mal ein Vierteljahr!

Naja, ich bin gespannt. Drückt mir die Daumen, dass ich als Künstler/Publizist durchgehe, auch ohne mir einen komischen Spleen oder eine unnötige Arroganz zulegen zu müssen.

Kommentare [30]