Gara

1. November 2004

Gara - Garamond semi-serif

Diese Woche habe ich nicht gar so viele Hintergrundinformationen über die vorgestellte Schrift. Es handelt sich um die Gara des spanischen Grafikers Iñaki Marquínez. Sie muss gegen Ende der Neunziger Jahre enstanden sein und greift – man ahnt es bereits – auf die Formensprache der Garamond zurück, transformiert diese jedoch zu einer eigenen Ästhetik.

Die Geschichte der Garamond ist sehr lang und kompliziert, so dass sie den Rahmen dieses kleinen Potraits sprengen würde. Nur soviel: Sie ist eine der ältesten Antiquas, die im Bleisatz Verwendung fanden, und gilt als optimal lesbar, zumindest in einigen der vielen existierenden Versionen.

Señor Marquínez befindet sich im Übrigen in guter Gesellschaft, denn auch der berühmte Jan Tschichold hat mit der Sabon seine eigene Version der Garamond gezeichnet.

Charakteristik

Die Gara ist jedoch eine viel krassere Variante: Sie wurde nämlich sämtlicher Serifen unterhalb der Gürtellinie beraubt, und kommt als moderne, weiche Semi-Serif daher.

Vergleich Gara und Garamond

Dieser Schritt beeinflusst den Charakter natürlich stark. Auch wenn die anderen Attribute wie Strichstärkenkontrast, Proportionen und natürlich die grundsätzlichen Skelettformen der Buchstaben größtenteils beibehalten wurden, ist die Gara keine Textschrift mehr. Sie eignet sich nun viel mehr für Überschriften oder kürzere Textabschnitte.

Leseprobe Gara

Dort stellt sie sich recht gut an und wirkt tatsächlich ganz schick und frisch – und bewahrt sich doch irgendwie einen vertrauten Grundcharakter. Der Garamond-Faktor.

Einige Buchstaben der Gara

Umfang/Ausbau

Leider ist die Gara ziemlich dürftig ausgestattet: Es gibt neben der Regular lediglich eine viel zu rundliche Black-Variante, aber keine Kursive. Auch das Euro-Zeichen fehlt ersatzlos – schade! Immerhin gibt es eine fi- und eine fl-Ligatur…

Gara regular und black

Nicht viel zu holen also auf diesem Gebiet, doch kein Freefont ist perfekt – sonst wäre es kein solcher! Bei der Gelegenheit: Die Zurichtung ist eine Zumutung: Nach dem kleinen f ist grundsätzlich zu viel Platz, und das ist nur ein Beispiel. Manuelles Ausgleichen ist hier leider nötig, wenn man sich nicht blamieren will.

Die Gara in der Praxis

Eigentlich sollte man meinen, dass eine Schrift, die aus einer optimal lesbaren Schrift entstanden ist, ebenfalls zumindest halbwegs gut lesbar sein sollte. Nun, dies ist nicht wirklich der Fall. Die Gara ist zwar von den Buchstabenformen her sehr nett anzuschauen, doch besteht den Praxistest in längeren Texten nur mit Mühe und Not. Sie ist also eher für Headlines, Teaser und natürlich die obligatorischen Einladungen oder Plakate prädestiniert. Überall dort, wo es hübsch, kuschelig und elegant wirken soll. Die Gara schafft es, auf dem schmalen Grat zwischen lieblich und kitschig zu wandeln, ohne sich lächerlich zu machen. Und das ist auch mal ein Lob wert.

Rechtliches

Es war schwierig genug, überhaupt etwas über diese Schrift herauszufinden. Ich denke also, dass man sich keinerlei Gedanken machen muss, was den privaten oder kommerziellen Gebrauch der Gara angeht. Völlig unverständlich ist jedoch in diesem Zusammenhang, dass man die Gara offensichtlich nicht einbetten kann. Was extrem ärgerlich ist. Das mitgelieferte Schriftmusterblatt ist deshalb 1,3 MB groß, da ich alle Schriften in Pfade umgewandelt habe.

Downloads

17 Kommentare

  1. Nick Blume am 1. November 2004 #

    Hmm, ganz okay, erinnert mich aber eher an die FloMotion, eine der Schriften der 1980 bis 1990er.

    Weiter so!
  2. Jörg am 2. November 2004 #

    Ich habe Dein Reihe Freie Schrift der Woche in den letzten Wochen aufmerksam und sehr interessiert verfolgt. Sehr gern lerne ich insbesondere in Bereichen dazu, die für mich doch noch etwas »blinde Flecken« sind. Toll! Mach also bitte weiter so!

    Bin gespannt auf den nächsten Montag. :))
    BTW, eine gute Idee, einen Veröffentlichungs-Termin so auch im Teaser bekannt zu machen. Denke momentan für mein Webblog auch darüber nach. Danke für den Impuls!
  3. Hans am 2. November 2004 #

    Diese und weitere 7000 freie Schriften hier: http://www.searchfreefonts.com/
    :-)
  4. ker0zene am 2. November 2004 #

    Tolle Serie, gerade mit den Hintergünden und technischen Feinheiten dazu. Simme Jörg da absolut zu.
  5. SUReG am 30. Dezember 2004 #

    erinnert doch ein bißchen an eine der zahlreichen »rotis«-schnitte?
    kann mal jemand meinem gedächtnis auf die sprünge helfen, oder korrigieren?
  6. Gerrit am 30. Dezember 2004 #

    SUReG, Du hast Recht, auch wenn es einer Beleidigung gleich kommt. Gewisse Ähnlichkeiten sind vorhanden. Schauder
  7. mmg am 21. Januar 2005 #

    Na, der rotis-Bezug kann daher kommen, dass Otl Aicher (der »Erfinder« der rotis) mit seiner Semi-Grotesk und seiner Semi-Antiqua vermittelnde Zwischen-Schnitte zwischen Serifenschriften und Serifenlosen schaffen wollte. Die Idee der Semiserifen scheint also bei Aicher abgeschaut.
    Und Gerrit: warum »Beleidigung«, warum »Schauder« – hast Du eine Abneigung gegen die Rotis?
  8. Thomas Junold am 27. April 2005 #

    hallo gerrit, vielleicht solltest du auch der gerechtigkeit den leuten gegenüber erwähnen, dass man schriften nicht einfach irgendwo aufmacht und sie verändert und dann unter einem neuen namen als free-font anbietet. es gibt ja doch sowas wie urherberrechte und die erstrecken sich nunmal auch auf schrift. ich entwerfe selber schriften und schaue auch ab und an mal in eine andere rein um zu sehen, wie dieses oder jenes gelöst ist und kurvenpunkte gesetzt sind, aber einfach serifen abschneiden und lc »b« als lc »a« zu verkaufen … so einfach ist es dann doch nicht.
    und damit das nicht als bloßes meckern rüberkommt …

    »The sincerest form of flattery? | Ist Nachahmung das beste Kompliment?«

    ein artikel von erik spiekermann zu diesem thema!

    www.spiekermann.com/iblog/C61720386/index.html

    mir einem freundlichem gruß aus aachen
    thomas vs. fontbastard
  9. Gerrit am 27. April 2005 #

    Hallo Thomas,
    wenn Du wüsstest, wie viele Tipps zu freien Schriften ich schon abgelehnt habe, weil ich genau das nicht unterstütze. Klassisches Beispiel ist die Blue Highway, eine dreiste Kopie der Interstate. Obwohl die Schrift recht gut ist, wird sie nicht bei mir besprochen, weil sie eben ein Bastard ist.

    Die Gara ist allerdings wirklich eher als Typo-Experiment zu verstehen und kann absolut nicht mit dem »Original« verglichen werden, geschweige denn, es ersetzen. Ich fand das spannend und irgendwie lustig. Und solange keiner damit Geld verdient, passt es für mich.
  10. Thomas Junold am 27. April 2005 #

    hallo gerrit, wollte auch gar keinen streit vom zaun treffen, dafür ist deine seite viel zu sympathisch. denke nur, dass es ab und an nötig ist auch die grenzen aufzuweisen, ansonsten gibt es noch viel mehr »500 schriften für 50 EURO« sampler mit billigen kopien.

    liebe grüße, thomas
  11. Bahamonaut am 29. August 2005 #

    Nur doof, dass es die Schrift nur für den PC gibt..
  12. Konrad Gähler am 17. Dezember 2005 #

    Hallo Gerrit,
    Der Link ist leider tot. Das tut mir in der Seele weh… Kannst du da was machen? Wär grandios.
    Konrad
  13. mys am 19. Dezember 2005 #

    Bei DaFont gibt es die Gara zum Download.
  14. Zebra242 am 2. Februar 2006 #

    Is the Gara no more downloadable ? It seems the link is broken.

  15. Wolle am 21. Juli 2006 #

    Am kleinen n ist rechts oben ein hauchfeiner vertikaler Strich. Der stört mich irgendwie.

  16. Dominik am 3. August 2006 #

    Hallo!
    Gibt’s die Gara noch irgendwo herunterzuladen? Ich finde die echt gut gemacht und würde die gerne verwenden wollen …

  17. Dominik am 6. August 2006 #

    mys am 19. Dezember 2005
    Bei DaFont gibt es die Gara zum Download.

    Wer Augen hat, der möge Lesen ;-)
    Da gibts die auch noch immer, nur so am Rande.

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