Aller

8. Januar 2010 von Gerrit van Aaken

Aller – Wirklich großes Freefont-Tennis

Um es gleich vorweg zu nehmen – die Aller ist ein echtes Juwel in dieser bescheidenen Reihe von hochwertigen Freien Schriften, da sie so kompromisslos professionell und gut ausgebaut ist. Einerseits kein Wunder: Produzent der Schrift ist die Firma Dalton Maag, die seit 1991 mit der Erstellung von individuellen Hausschriften und allgemein verwendbaren kommerziellen Schriften beschäftigt ist. Dalton Maag besteht derzeit aus etwa zehn Mitarbeitern und hat Büros in England, Ägypten, Brasilien und der Schweiz – eine richtig hübsche kleine Fontschmiede mit internationalem Anspruch, das lobe ich mir!

Für die Gestaltung dieser speziellen Schrift ist Henrik Birkvig verantwortlich, der die Aller für das Corporate Design der Danish School of Media and Journalism entwarf. Da Schulen normalerweise kein Geld haben, sich eine eigene Schrift entwerfen zu lassen, wurde das ganze Projekt im Jahr 2008 vom Verlag Aller gesponsort, der als Dankeschön dann als Namensgeber fungieren durfte.

Charakteristik

»Aller« ist eine moderne, humanistische Serifenlose in der Tradition der späten Neunziger Jahre – TheSans und Co. lassen grüßen! Man mag diese Art von Schriften schon sehr oft gesehen haben und eventuell auch ein bisschen fad finden, dennoch besitzt Aller ein paar Besonderheiten, die der Schrift Würze verleihen und das Schriftbild auflockern, ohne der Lesbarkeit zu schaden.

Aller – Buchstaben

Da wären natürlich zunächst mal die nicht miteinander verbundenen Einzelteile von K und X zu nennen, die die Offenheit der Schrift unterstützen. Besonders trendy auch der Verzicht auf den Endstrich bei a, d, b, q und p. Damit feiert ja die FF Dax große Erfolge, so schlecht kann die Idee nicht sein! Über den Kopfbereich des kleinen t bin ich nicht allzu glücklich, den ich stehe persönlich nicht so auf diesen Gill-Sans-Style, doch Schwamm drüber: Im Gesamtbild kommt Aller äußerst stabil, neutral und sauber an und muss den Vergleich mit kommerziellen Schriften definitiv nicht scheuen.

Aller – Beispiel

Umfang/Ausbau

Es hagelt Bestnoten für die Fülle an Schnitten, die Dalton Maag uns beschert! Ganze sieben Schnitte kommen im Paket, darunter die klassischen vier Büroschnitte, plus Light und Light-Italic, und als Sahnehäubchen auch noch eine fette Display-Variante, bei der Versalien und Minuskeln ein bisschen lustig durcheinandergeworfen werden.

Aller – Schnitte

Mit der Aufteilung der Fetten bin ich allerdings nicht so ganz happy – der Regular-Schnitt ist für viele Fließtexte ein bisschen zu fett, während der Light-Schnitt ein bisschen zu mager ist, um in jeder Situation als Regular-Ersatz zu fungieren. Dieses Problem kommt zwar in den besten Familien vor (siehe Original-Frutiger), aber ein minimales ungutes Gefühl bleibt …

Ebenfalls leichten Punktabzug gibt es für die hässlichen Anführungszeichen, die (wie bei vielen anderen Schriften) bei deutschen Texten einfach nicht so recht ins Schriftbild passen wollen. Schade!

Aber was soll eigentlich das Gejammere? Die Aller umfasst 650 Zeichen, da ist für Sonderzeichen und ein paar Ligaturen bestens gesorgt, und man kann selbst umfangreiche Printprojekte getrost starten, ohne Angst haben zu müssen, sich irgendwann seine eigenen Zeichen zusammenschrauben zu müssen!

Die Aller in der Praxis

Neutrale Schriften mit einem Hauch von Freundlichkeit und Offenheit können praktisch überall verwendet werden, das ist Fluch und Segen zugleich. So richtig falsch macht man nie etwas, aber die Schriftwahl wirkt gleichzeitig auch leicht beliebig bis unmutig.

Ich selber habe die Aller verwendet, um das Bundestags-Wahlprogramm der Piratenpartei zu setzen. Mir erschien das eine vernünftige Entscheidung: Seriös, robust, politisch unbelastet und mit geringem »Aneck-Faktor« konnte sich der Leser so auf die argumentativen Inhalte konzentrieren, ohne ständig über Ideologie nachdenken zu müssen. Das war jedenfalls das Ziel.

Aber auch in der Unternehmenskommunikation sehe ich Aller gut aufgehoben: Broschüren, Finanzberichte und Info-Flyer von grundsoliden Mittelstandsfirmen, die keine Lust mehr auf Helvetica oder Univers haben, sondern ein kleines bisschen freundlicher und offener wirken wollen, ohne gleich mit diesem verspieltem Serifenkram anzufangen ;-)

Rechtliches

Über die Verwendung der Aller gab es Anfangs ein paar Unklarheiten, weil die EULA eine Nutzung außerhalb der Journalistenschule DSMJ nicht vorgesehen hatte. Im Fontnerd-Forum typophile.com hat sich der Chef von Dalton Maag dazu geäußert:

OK, there seems to be some confusion regarding the EULA. This is a special arrangement. All IP rights are with Dalton Maag on this font family. The DSMJ has the right to distribute the fonts freely as part of their ’exclusivity’ for the next two years.
The EULA also states that the fonts may be used on up to 25 workstations after which they become commercial. So, a corporate user will actually have to pay a license fee.
The EULA is there to ensure that users don’t distribute the fonts themselves, as much as there are no modifications or reverse engineering. It is a protected font product like any other commercial font.
So, I can put your minds at rest. The DSMJ is fully within their rights to announce this free download. As a user you may use the fonts in your work as you wish, as long as you follow the EULA.
Bruno Maag
Dalton Maag Ltd

In Kurzform: Wer die Schrift auf weniger als 25 Rechnern einsetzt, kann sie so einsetzen, als ob er sie gekauft hätte. Natürlich ist offen, wie lange die Schriftfamilie noch zum freien Download bereit steht, aber wer sie einmal heruntergeladen hat, darf sie auch behalten und einsetzen.

Downloads

11 Kommentare

  1. Michael van Laar am 8. Januar 2010 #

    Wunderbare Schrift, die ich selbst auch gerne nutze. Einziger Nachteil: Die Bildschirmdarstellung unter Windows ist mit eingeschaltetem Cleartype grauenhaft. Mit der Standardschriftglättung hingegen sieht es sauber und glatt aus. Da ich aber immer Cleartype eingeschaltet habe, nervt das vor allem bei übelst zerrupften Fließtexten in Word.

    Und die @font-face-Einbindung traue ich mich deswegen auch nicht. Mal ganz abgesehen von der Frage, ob die Einbindung erlaubt ist. (Ist sie das?) Sieht unter Windows mit aktiviertem Cleartype einfach nicht gut aus und fällt damit flach.

  2. Markus Schlegel am 8. Januar 2010 #

    Und ich dachte, der Name wäre französisch und spricht sich „a-leeh“ as in „Allez, hop!“.

    Mit dem gemeinen „t“ bin ich auch nicht zufrieden, das ist mir irgendwie ein Quäntchen zu viel Tinte auf einem Fleck. Auch die Formen der von dir angesprochenen, offenen Versalien K und X treffen weniger meinen Geschmack. Haha, und die Anführungszeichen hat man wohl der Verdana abgeschaut, naja.

    Ich hab die Aller für das Jahrbuch der IFC Marbach (spezielle Schulklasse) verwendet. Ich war dann etwas wütend, als die Druckerei einfach mal eigenmächtig meine (eingebettete und noch extra mitgelieferte) Aller durch die Arial (ich wiederhole: Arial!) ersetzt hat. War mir aber dann zu anstrengend, das zu reklamieren, weil das Projekt ohnehin keinen Spaß machte. Jetzt prangt dort statt Aller und Libertine eben Arial und Times …

    @Michael: Ich vermute, das Einbetten ist zu unterlassen.

    „The EULA is there to ensure that users don’t distribute the fonts themselves“

    Eine @font-face-Referenzierung käme einer eigenmächtigen Verteilung der Schrift gleich, denke ich.

  3. Michael van Laar am 8. Januar 2010 #

    @Markus: Hast du das als offene Datei zur Druckerei gegeben? Bei manchen Druckereien sind PDF/X-Dateien offensichtlich tatsächlich besser. Da können Arial-liebende Druckerei-Mitarbeiter wenigstens nichts kaputt machen ;-)

  4. Peter am 8. Januar 2010 #

    Mir fällt gerade überhaupt kein Grund ein, warum man seiner Druckerei etwas anderes als PDF schicken sollte.

  5. Yoram Blumenberg am 8. Januar 2010 #

    → Michael van Laar & Markus Schlegel: Ja, die Einbettung mit @font-face ist zumindest bei/mit TTF Files verboten; ein kleiner E-Mail-Briefwechsel mit David Marshall (Dalton Maag) stellte das klar:

    […] I’m afraid that because of the way @font-face works with TTF files in current browsers, the complete font file has to be placed on the webserver in a publicly accessible way. This is distribution of the font to the public, which is absolutely forbidden by the licence. […] However, we do permit the conversion of our fonts to .eot format for use on websites, as these files aren’t of any use to pirates, but support is currently limited to IE only. […]

    → Gerrit: die Formatierung via Textile funktioniert nicht wirklich: sobald ich z.B. ein Zitat mit »« bzw. «» umschliesse und anschliessend dieses mit »??« auszeichnen möchte klappt dies nicht.

  6. Michael van Laar am 8. Januar 2010 #

    @Peter: Ich habe lange Zeit mit einer Druckerei zusammengearbeitet, bei denen richtig clevere Leute am Werk waren. Die wollten lieber offene Dateien haben, um alles vorher noch einmal genau zu checken. Ein paar mal haben sie auch tatsächlich Fehler gefunden (vergessene Schriften, vergessene RGB-Bilder u. ä.). Allerdings muss man sich dann schon wirklich auf die Druckerei-Leute verlassen können. Das geht leider nur bei wenigen Druckereien.

  7. Michael van Laar am 8. Januar 2010 #

    @Yoram: Das neue WOFF-Format sollte dann aber in Ordnung gehen. Dann braucht es nur noch die entsprechende Browserunterstützung.

  8. Christoph Zillgens am 8. Januar 2010 #

    Sehr guter Artikel den ich komplett so unterschreiben kann.
    Und danke für den Hinweis auf diese Schrift, direkt mal runtergeladen :)

  9. david am 8. Januar 2010 #

    Wow, tolle Schrift, danke für den Tipp! Warum auch immer, ich bekomme bei diesem X die zwanghafte Lust, die Marke XEROX etwas näher an der von 2004 zu gestalten als es Interbrand 2008 tat. Hier eine Fünf-Minuten-Skizze … :)

  10. Thomas am 13. Januar 2010 #

    Wo kommen eigentlich diese grauenhaften »falschrummigen« Abführungszeichen her, die sich in so vielen Schriften finden?

  11. david am 13. Januar 2010 #

    @Thomas (10):

    Von der Verdana kommt der Unsegen her, wie Markus sehr richtig festgestellt hat.

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